Geld oder Liebe?

Die Bedeutung von Steuern und Matching-Institutionen für das Eheglück

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Kai A. Konrad und Kjell Erik Lommerud, 22. März 2010
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„Mann trifft Frau. Sie verlieben sich.“[ 1 ] Das ist der Stoff unzähliger Romane, vom Groschenroman bis zur Weltliteratur. Die Protagonisten sind oft Seelenverwandte, und widrige Umstände stehen dem gemeinsamen Glück im Weg. In Shakespeares „Romeo und Julia“ sind es Familienfehden. In Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ stehen der Liebe von Elisabeth und Darcy Standesunterschiede im Weg. Die Heirat des wohlhabenden Darcy mit Elisabeth wäre für ihn gesellschaftlich und wirtschaftlich ein Abstieg.

Warum es zu wenig Ehen gibt

Heiraten zwei Menschen aus unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnissen, kommt es in der Ehe zu einem wirtschaftlichen Ausgleich. Diese Umverteilung lässt sich nicht vermeiden, weil die Eheleute viele Dinge gemeinsam tun und nutzen, vom gemeinsamen Urlaub über die gemeinsame Wohnung bis hin zu den gemeinsamen Kindern, in deren Ausbildung sie investieren. Liebesheiraten zwischen wirtschaftlich unterschiedlich gestellten Menschen sind heute keine Seltenheit mehr. Einkommensunterschiede können Ehen aber auch verhindern. Der wirtschaftlich stärkere Partner muss sich bei der Heirat damit abfinden, Teile seines höheren Einkommens mit dem Ehepartner zu teilen. Ist er dazu nicht bereit, kommt die Ehe nicht zustande. Die mit der Ehe verbundene „Glücksrente“ geht dann verloren. Liebesheiraten sollten wegen dieser Glücksrente nicht an Einkommens- und Vermögensunterschieden scheitern, denn die Umverteilung zwischen den Eheleuten ist aus Wohlfahrtsperspektive weder ein Nachteil noch ein Vorteil. Die Glücksrente Heiratender ist dabei ganz beachtlich. Glücksforscher haben diese gemessen und in Einkommensäquivalente umgerechnet. Der Stand der Ehe steigert das Glücklichsein im Durchschnitt so sehr wie ein Einkommenszuwachs um etwa 70.000 britische Pfund pro Jahr in England und 100.000 US-Dollar in den USA.

Wie umverteilende Besteuerung Ehen stiftet

Für die Frage, wer wen heiratet, sind verschiedene Faktoren und gesellschaftliche Institutionen wichtig, die sich im politischen und gesellschaftlichen Prozess wandeln und gestalten lassen. Liebesheiraten werden begünstigt, wenn Einkommens- und Vermögensunterschiede durch eine progressive Besteuerung verringert werden: Einkommensunterschiede stehen einer Ehe nicht im Wege, wenn es eine stark nivellierende Einkommensumverteilung durch Steuern gibt. Zwei Menschen, bei denen die Chemie stimmt oder die eine Leidenschaft für die gleichen Dinge in der Freizeit haben und ähnliche Werte und Weltanschauungen teilen, die aber über eine sehr unterschiedliche wirtschaftliche Leistungsfähigkeit verfügen, können dann beruhigt heiraten. Dem wirtschaftlich stärkeren Partner würde durch die Steuer ohnehin viel von seinem Einkommen genommen, wenn er nicht heiratete. Eine Besteuerung, die die unterschiedliche Leistungsfähigkeit ausgleicht, macht das Zustandekommen der Ehe deshalb wahrscheinlicher. Umverteilende Besteuerung hat also eine Ehen stiftende Wirkung und erhöht damit die Zahl der Glücksrenten aus Ehen. Das ist aus wohlfahrtstheoretischer Perspektive auch wünschenswert.

Kennenlernen ist kein reiner Zufall

Bevor Menschen entscheiden, ob sie einander heiraten, müssen sie sich kennenlernen. Wer in einer modernen Gesellschaft auf wen trifft, hängt von den „Matching-Institutionen“ dieser Gesellschaft ab. Mögliche Partner lernen sich oft in Schule, Universität, am Arbeitsplatz, in Sport- oder Freizeitvereinen, auf Musikkonzerten oder in der Kirche kennen. Darüber hinaus gibt es Institutionen, deren primäres Ziel die Eheanbahnung ist. Dazu gehören neben klassischen und internetbasierten Partnerbörsen auch Veranstaltungen wie zum Beispiel Debütantinnenbälle.

In all diesen Institutionen werden die potenziellen Partner typischerweise nicht zufällig, sondern sehr selektiv miteinander zusammengebracht. Debütantinnenbälle dürften der Prototyp von Institutionen sein, in denen versucht wird, junge Menschen aus ähnlichen wirtschaftlichen Verhältnissen zusammenzubringen. Das Matching erfolgt dort also unter der Perspektive der Einkommen. In der Tendenz wird bei dieser Art des Matching vermieden, dass sich Prinz und Aschenputtel überhaupt begegnen. Treffen also nur Menschen aus ähnlichen wirtschaftlichen Verhältnissen aufeinander, dann spielen Einkommensunterschiede als Ehehindernisse keine große Rolle, selbst wenn diese Unterschiede in der Gesellschaft insgesamt sehr groß sind. In einer Gesellschaft mit solchen „Eheanbahnungsinstitutionen“ hat dann Einkommens- oder Vermögensumverteilung auch keine besonders Ehen stiftende Wirkung.

Anders ist es, wenn sich junge Menschen unabhängig von ihrem wirtschaftlichen Hintergrund zu gemeinsamen Aktivitäten treffen, weil sie übereinstimmende Interessen haben. Parteiversammlungen, Woodstock und andere Rock-Konzerte, Gottesdienste oder Friedensdemonstrationen sind vielleicht gute Beispiele für solche Aktivitäten. Treffen sich dort Menschen aus unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnissen aber mit gleichen Interessen und Grundanschauungen und verlieben sich ineinander, könnten sie aus einer Ehe vielleicht eine hohe Glücksrente ziehen. Verhindern die wirtschaftlichen Unterschiede das Zustandekommen der Ehen, gehen diese Glücksrenten verloren. Umverteilende Besteuerung oder eine generell stärkere Nivellierung der Einkommen und Vermögen kann solche Hindernisse abbauen und eine Ehen stiftende Wirkung entfalten. Matching-Institutionen, die Menschen mit solchen Gemeinsamkeiten zusammenbringen, und eine umverteilende Besteuerung können sich gegenseitig in ihren positiven Wirkungen unterstützen.

Matching-Institutionen und Umverteilung

Die Bedeutung umverteilender Besteuerung hängt also von der Art der Matching-Institutionen ab. Institutionen, die Menschen mit ähnlichen Präferenzen zusammenbringen, sind oft komplementär zur Besteuerung und verstärken deren positive Effekte. Institutionen, die Menschen gleicher wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit zusammenbringen, sind substitutiv zur umverteilenden Besteuerung. Besteuerung hat keine zusätzliche Ehen stiftende Funktion, wenn sich ohnehin nur Personen mit gleichem oder ähnlichen wirtschaftlichen Hintergrund treffen.

Welcher Typ von Matching-Institution gesellschaftlich vorherrscht, ist auch für die gesamtgesellschaftliche Einkommens- und Vermögensverteilung von Bedeutung. In einer Gesellschaft, in der Ehen auf Debütantinnenbällen gestiftet werden, wird einer Einkommensangleichung durch Heirat wirtschaftlich Ungleicher entgegengewirkt. In einer Gesellschaft mit Matching-Institutionen, die Menschen mit gleichen Präferenzen zusammenbringen, heiraten häufiger wirtschaftlich Ungleiche. Dies führt in der Tendenz zu einer geringeren gesamtwirtschaftlichen Einkommensungleichheit. Steuerpolitik kann diese positive Wirkung auf die Einkommensverteilung in einer Gesellschaft verstärken.

Literatur

Kai A. Konrad, Kjell Erik Lommerud, Love and Taxes, and Matching Institutions, erscheint in: Canadian Journal of Economics.


    • 1  Dieser Beitrag ist eine überarbeitete Fassung des Artikels „Wenn der Fiskus Ehen stiftet“, der in den WZB-Mitteilungen (Heft 119, S. 9-10) erschienen ist.

    ©KOF ETH Zürich, 22. Mär. 2010

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat 2 Kommentare.
  • Asymmetrien der Geschlechter?

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    Die Wirkung auf die Einkommensverteilung ist im Prinzip nachvollziehbar. Je weniger innerhalb einer Einkommensklasse geheiratet wird, desto häufiger mischen sich die Vermögensverhältnisse.
    Es bleiben allerdings etliche Fragen zu dem Problem, wie groß denn dieser Effekt real ausfällt, weil...
    a) die Differenz, die übersprungen wird, nicht zu groß sein darf: Je größer die Statuslücke/Erbschaftslücke, desto seltener wird sie übersprungen. Das führt dazu, dass insbesondere die Einkommenseliten weiterhin eher unter sich bleiben, während in der Mitte, wo die Abstände nicht so bedeutend sind, problemlos Arbeit- und Angestelltenkind zusammenfinden.
    b) Frauen eine bereits gut erforschte Abneigung haben, "nach unten" zu heiraten. Die Hälfte der Kinder der Reichen tendiert daher mindestens zum gleichen Level, wenn nicht nach oben.
    c) ist es nicht so, dass alle Leute heiraten und Kinder haben wollen. So entstehen neue Vermögens-Ungleichgewichte, und zwar die zwischen Eheleuten/Personen mit Kindern, die tendenziell Vermögen abbauen, und den Kinderlosen, die alleine oder zu zweit Vermögen aufbauen und Erbschaften nicht mit dem Partner teilen müssen. Insbesondere Familien mit mehr als 2 Kindern führen, wie oft beschrieben, zu einer hohen öknomischen Belastung einerseits, andererseits erzwingen sie auch meist, dass von den Eheleuten nur noch einer verdienen kann - von dem gemischten Einkommen bleibt dann nur 1 Einkunftsquelle übrig, mithin sind BEIDE Partner schlechter dran (abgesehen von den mit jedem Kind steigenden Ausgaben und der abnehmenden Fähigkeit, Vermögen zu bilden).

    Kurzum: In der Mitte der Gesellschaft findet Einkommensmischung durch Verehelichung statt. Die Betroffenen müssen aber höllisch aufpassen, dass sie nicht gemeinsam tiefer sinken. Dies ist leider immer häufiger die Realität, zumal nach einer "De-Fusion".
    Und wie habe ich neulich scherzhaft gefordert: "Für eine gerechte Verteilung reicher Witwen auf alle Hartz IV-Empfänger". Soll heißen: Es gibt wohl Grenzen, was steuerpolitisch an diskreter Umverteilung möglich ust.

  • Empirische Belege?

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    Hat es dazu mit der DDR nicht schon ein großes, unfreiwilliges Feldexperiment gegeben? So pfiffig theoretisch das Kernarument daher kommt, die geringeren Einkommendifferenzen - besonders zwischen den Geschlechtern - in der DDR im Vergleich zur BRD müssten in der DDR stabilere Ehen generiert haben. Dort lag die Scheidungsrate bis zur Wende aber immer deutlich höher als in der BRD.

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Kai A. Konrad

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Kjell Erik Lommerud

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Schlagworte

Besteuerung, Geld, Liebe, Matching, Umverteilung

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