„Finanzkrise“ versus „Große Depression“: (k)ein Vergleich

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Karl Aiginger, 22. März 2010
„Finanzkrise“ versus „Große Depression“: (k)ein Vergleich 2.71 5 7

Die jüngste „Finanzkrise“ wurde oft mit der Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre verglichen. Hier geht es um eine eingeschränkte Frage, nämlich den Vergleich der Tiefe der beiden Krisen.[ 1 ] Sollte es richtig sein, wie derzeit die meisten Wissenschaftler und fast alle Prognoseinstitute glauben, dass die Talsohle zumindest in der gesamtwirtschaftlichen Produktion überschritten ist, kann man eine erste Bilanz ziehen. Wir vergleichen in Übersicht 1 fünf Aktivitätsindikatoren: reale Wirtschaftsleistung (BIP), Industrieproduktion, Exporte, Beschäftigung und Inflation. Die Beschäftigung wird zusätzlich in drei Subindikatoren (Beschäftigung, Arbeitslosenzahlen und Arbeitslosenquote) gespalten. Als stilisiertes Maß für die Tiefe wählen wir den Unterschied zwischen Maximum vor der Krise und unterem Wendepunkt.

Tiefe der Weltwirtschaftskrise bei weitem nicht erreicht

Das Resultat ist eindeutig: Nach keinem Indikator war der Einbruch der Wirtschaftsleistung in der Finanzkrise auch nur ähnlich stark wie in der Weltwirtschaftskrise. Die reale Wirtschaftsleistung sank z. B. in der Großen Depression um 10%, in der jüngsten „Finanzkrise“ nur um 4% (dies gilt für jährliche Daten, bei quartalsweisen Daten waren es diesmal 5.5%). Am knappsten war der Unterschied bei der realen Industrieproduktion. Deutlicher sind die Unterschiede bei den Exporten, die nominell gemessen werden und daher auch die Preisrückgänge beinhalten. Sie sind in der Weltwirtschaftskrise um 60% gefallen, diesmal „nur“ um ein Viertel. Größer ist auch der Unterschied am Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote erreichte in den Dreißigerjahren fast 20% (und stieg um 13 Prozentpunkte während der Krisenjahre), diesmal erreichte sie 9% (und stieg um nur 3 Punkte). Damals gab es Deflation im Sinne eines Rückganges des Preisniveaus um 13%, diesmal blieben die Preise stabil, obwohl gerade vor der Finanzkrise durch Knappheit von Rohstoffen und Nahrungsmitteln hohe Inflation gegeben war.

Anfangstempo und Länge unterscheiden sich

Es war die Länge der Krise, die den Unterschied macht: Die Weltwirtschaftskrise dauerte drei Jahre, und in manchen Ländern erholte sich die Wirtschaft erst knapp vor dem Krieg oder durch die Kriegsvorbereitungen. Diesmal endete die Krise ein bis eineinhalb Jahre nach dem Punkt, an dem sie ihren dramatischen Absturz im September 2008 begonnen hatte (Konkurs der Lehmann-Bank). Die Finanzkrise im engeren Sinn hat schon deutlich früher begonnen und die Wachstumsraten sind schon vor dem September 2008 deutlich gefallen. In den ersten Monaten der Krise war der Rückgang einiger Indikatoren, vor allem der Industrieproduktion, der Exporte und des Aktienkurses[ 2 ] , gleich stark wie in der Weltwirtschaftskrise, was auch Eichengreen und O‘Rourke (2009) ausführlich beobachtet und beschrieben haben.

Die Politik hat sich gewandelt

Den Unterschied machte die Wirtschaftspolitik aus. Die Geldpolitik senkte den Zinssatz innerhalb von wenigen Monaten nach dem Lehmann-Konkurs in Richtung Null und das in einer international konzertierten Aktion. In der Weltwirtschaftskrise waren die Zinsen in einzelnen Ländern 1929/30 noch erhöht worden, um Spekulationen aufzufangen oder um den Kapitalabfluss zu verhindern. Die Geldmenge wurde diesmal rasch ausgeweitet, mit konventionellen und mit unkonventionellen Mitteln. Kredite, Anleihen und Sparguthaben wurden garantiert, Ländern, die selbst nicht gegensteuern konnten, wurde international geholfen. In der Weltwirtschaftskrise waren den meisten Ländern in der Geldpolitik durch den Goldstandard die Hände gebunden.

Die Fiskalpolitik ließ diesmal nicht nur Defizite zu, sondern verstärkte sie durch Konjunkturprogramme, kleinere in Europa, größere in den USA, in Korea und in Australien. Die USA und Großbritannien hatten 2009 Defizite höher als 10% der Wirtschaftsleistung. In der Großen Depression blieben die staatlichen Defizite nahe Null, der jeweilige Einnahmenausfall (durch Rückgang der Umsätze, Erträge und Beschäftigung) wurde durch Steuererhöhungen oder Zölle aufzufangen versucht und neutralisiert. Bis 1932 hatte kein Land nennenswerte Defizite – schon gar nicht durch Expansivprogramme, die zu automatischen Einnahmeausfällen hinzukamen.

Strukturelle Potenziale

Wichtig war auch, dass Deflation in der „Finanzkrise“ vermieden werden konnte. Das hat insbesondere dazu geführt, dass niedrige nominelle Zinssätze sich nicht in hohen Realzinsen niedergeschlagen haben. Die Vermeidung der Deflation war aber nicht eine unabhängige Bremskraft, sondern auch Folge der aktiven Fiskalpolitik.

Es kamen strukturelle Unterschiede hinzu: Die Industrieproduktion macht heute einen viel kleineren Teil der Wirtschaftsleistung aus, die Dienstleistungen und der Staatssektor sind verglichen mit der Industrieproduktion viel größer. Andererseits hätte die Globalisierung von Waren, Direktinvestitionen und Finanzleistungen zu einer noch schnelleren Verbreitung der Krise führen können. 2008 hatten rohstoffreiche Länder und vor allem China große Überschüsse und nutzten sie zu einer aktiven Gegensteuerung. Die Stabilisierung in den Industrieländern durch die nationale Politik wurde durch das Wachstum von China und Indien ergänzt. Protektionismus wurde von Anfang an bekämpft und hielt sich in engen Grenzen, jedenfalls wurden nicht generelle Importsteuern eingesetzt.

Das Lernen von Wissenschaft und Politik

Die Wirtschaftspolitik und die Wirtschaftswissenschaften haben also aus der Weltwirtschaftskrise gelernt. Auch Wirtschaftswissenschafter, die in den Jahren vor der Finanzkrise keynesianischer Gegensteuerung skeptisch gegenüberstanden und gegen eine antizyklische Geld- oder Fiskalpolitik waren, schwiegen während der Krise oder befürworteten Gegensteuerung. Auch Länder, die vehement gegen öffentliches Eigentum waren, verstaatlichten vorübergehend Banken und auch Industriebetriebe. Und schnürten Konjunkturpakete, selbst wenn dadurch das Defizit des Staates über 10% stieg. Wenn Wirtschaftswissenschafter heftig kritisiert werden, sie hätten nicht stärker vor der Krise gewarnt, muss man doch festhalten, dass die Wirtschaftswissenschaft in der Krise tendenziell die richtigen Ratschläge gab. Dass die „Feuerwehrmaßnahmen“ zu wenig strukturell waren, zeigt sich etwa im geringeren „Grün-Gehalt“ der Maßnahmen und am geringeren Anteil von Zukunftsinvestitionen (z. B. Bildung, Forschung). Die Reform der Regulierung des Finanzmarktes hat noch nicht stattgefunden und generell fehlt ein Leitbild, wie künftige Krisen verhindert werden können oder wie die Wirtschaft krisenresistent gemacht werden kann (Aiginger, 2009B, ist ein Versuch). Und der Ausstieg aus der Krise ist ebenso wichtig wie die richtigen Reaktionen am Beginn der Krise.

Die vorliegende Evidenz zeigt aber sehr deutlich, dass die Wirtschaftspolitik die Länge und Tiefe der Krise begrenzt hat. Die Dynamik der Finanzkrise in der Anfangsphase (ab Sommer 2008) war für viele Indikatoren (besonders Industrie und Export) ähnlich stark wie in der Weltwirtschaftskrise. Die Globalisierung des Handels, der Investitionen und der Finanzmärkte hätte die Gefahr einer Krise in der Stärke der Weltwirtschaftskrise in sich gehabt, wenn nicht die Politik anders reagiert hätte – und China und Indien nicht Reserven gehabt und diese auch mobilisiert hätten.

 

Literatur

Aiginger, K., The Great Recession versus the Great Depression: Stylized Facts on Siblings That Were Given Different Foster Parents, Economics Discussion Papers, No 2010-9,
http://www.economics-ejournal.org/economics/discussionpapers/2010-9[ a ]

Aiginger, K. (2009A), A Comparison of the Current Crisis with the Great Depression as Regards their Depth and the Policy Responses, WIFO-Vorträge, 105/2009. (http://www.wifo.ac.at/aiginger/policyresponses[ b ])

Aiginger, K. (2009B), “Strengthening the Resilience of an Economy. Strategies to Prevent another Crisis[ c ]”, WIFO Working Papers, 338/2009, Intereconomics, Vol. 44, No 5, September/October 2009, pp. 309-316. (http://www.wifo.ac.at/aiginger/resilience[ d ])

Aiginger, K. (2009C), The Great Recession vs. the Great Depression: Stylised Facts on Siblings that Were Given Different Foster Parents, WIFO Working Papers 354/2009. (http://www.wifo.ac.at/aiginger/crisescomparison[ e ])

Aiginger, K. (2009D), Globale Krise und Herausforderung für Österreich, FIW Policy Brief, 2009.

Eichengreen, B., O’Rourke, K., A Tale of Two Depressions, VOX, 2009.
http://www.voxeu.org/index.php?q=node/3421[ f ]


  • 1  Für einen Vergleich der Ursachen siehe Aiginger (2009A), wie man künftig Krisen verhindert siehe Aiginger (2009B).
  • 2  Ob der Fall der Aktienkurse etwas weniger tief war oder deutlich weniger hängt von der Periodizität ab (Quartale, Monate, Tage).

©KOF ETH Zürich, 22. Mär. 2010

 
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