Ökonomenaufrufe zur Bankenunion: Wem folgt die Politik?

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Jennifer Achten und Diana Bungartz, 27. Feb. 2013
Ökonomenaufrufe zur Bankenunion: Wem folgt die Politik? 3.07 5 29

Der Aufruf der Ökonomen unter der Federführung von Prof. Walter Krämer vom letzten Sommer warf hohe Wellen. Nicht zuletzt provozierte er einen Gegenaufruf. Was – neben inhaltlich konträren Ansichten zur Bankenunion – unterscheidet die zwei Lager noch?

Mitte Dezember 2012 bewilligten die Euro-Finanzminister eine gemeinsame Bankenaufsicht unter dem Dach der Europäischen Zentralbank und gingen damit den ersten Schritt in Richtung einer Bankenunion. Dieses Thema hatte im Sommer zuvor die deutsche Ökonomenriege deutlich gespalten, wie die zwei Aufrufe in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Anfang Juli zeigten. Der von Prof. Walter Krämer initiierte offene Brief „an die lieben Mitbürger“, den insgesamt 280 Ökonomen unterzeichneten, richtet sich gegen eine Bankenunion auf europäischer Ebene. Unter dem Eindruck zahlreicher Vertragsbrüche fürchten die Unterzeichner den Missbrauch der geplanten Instrumente und damit eine kollektive Haftung der europäischen Steuerzahler und Sparer für Banken. Der Aufruf provozierte heftige Reaktionen aus Fachkreisen, darunter den von Prof. Martin Hellwig und Kollegen formulierten Gegenappell „Zur Europäischen Bankenunion“, den 221 Ökonomen unterschrieben. Diese sprechen sich für eine Bankenunion aus, innerhalb derer Banken zentral beaufsichtigt und im Notfall gestützt werden können; ein Missbrauch der Instrumente kann in den Augen der Unterzeichner durch geeignete Auflagen verhindert werden.

Die genannten Auffassungsunterschiede der beiden Ökonomengruppen werfen die Frage auf, ob sich deren Unterzeichner hinsichtlich deskriptiver Merkmale unterscheiden. Vergleicht man sie anhand ihrer Lebensläufe, werden Unterschiede vor allem in der Profession deutlich: Alle Unterzeichner des ersten Aufrufs haben ihre Wirkungsstätte an Universitäten, Fachhochschulen und Forschungsinstituten, wogegen etwa 6% der Vertreter des zweiten jenseits der Akademia tätig sind. Der Professorenanteil liegt im ersten Fall bei 97%, er fällt im zweiten Fall mit 82% deutlich geringer aus. 64% der Unterzeichner des Krämer-Aufrufs beschäftigen sich vornehmlich mit volkswirtschaftlichen Fragestellungen, die übrigen haben einen betriebswirtschaftlichen, methodischen oder außerökonomischen Schwerpunkt. Den Gegenappell unterzeichneten im Vergleich dazu 74% Ökonomen mit volkswirtschaftlichem Schwerpunkt. Ferner findet sich bei mindestens 14% der Unterzeichner des Erstaufrufs eine inhaltliche Nähe zu Banken, die sich in Beratungstätigkeiten, Gastprofessuren, der Besetzung von Stiftungslehrstühlen oder in Vorstands- und Aufsichtsratstätigkeiten widerspiegelt − mindestens, da eine Bankenaffiliation nicht zwangsläufig in den Lebensläufen aufgeführt wird. Dieser Wert liegt bei den Befürwortern der Bankenunion sogar bei mindestens 35%. Auch hinsichtlich des Alters zeigen sich Unterschiede. Im Mittel sind die Unterzeichner des ersten Aufrufs, sofern feststellbar, vier Jahre älter (geb. 1956 gegenüber 1960) und haben sechs Jahre früher promoviert als die Kollegen der Gegenseite (1986 gegenüber 1992). Außerdem ist der Anteil der Emeriti mit gut 20% der unterzeichnenden Professoren beim Erstaufruf fast doppelt so hoch.

Bedeuten nun ein höherer Professorenanteil und ein höheres Durchschnittsalter geballtere wissenschaftliche Erfahrung oder vermehrtes Elfenbeinturmgebaren und Festhalten am Status Quo? Bietet ein volkswirtschaftlicher Schwerpunkt in der eigenen Tätigkeit bei einer genuin volkswirtschaftlichen Fragestellung einen Wissensvorsprung, oder verhindert er eher einen hilfreichen Blick über den Tellerrand? Ist eine größere Bankennähe gleichzusetzen mit branchenspezifischer Expertise, oder lässt sie Objektivität in der Beurteilung vermissen? Je nach eigenem Standpunkt lassen die Daten durchaus unterschiedliche Interpretationen zu. Die Politik hat sich im Dezember im Sinne der 221 Unterzeichner des Gegenaufrufs entschieden.

©KOF ETH Zürich, 27. Feb. 2013

 
Ökonomenaufrufe zur Bankenunion: Wem folgt die Politik? 3.07 5 29

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.
  • Erfahrungswissen

    [ ]

    Die interessanteste Beobachtung der Autorinnen ist m. E. die, dass die Unterzeichner des Aufrufs "Contra-Bankenunion" im Durchschnitt vier Jahre älter sind und sechs Jahre früher promoviert haben (ergo zwei Jahre schneller mit der Promotion waren).

    Meine These: Diese Ökonomen sind näher an 1923 und 1948 dran, wenngleich in den meisten Fällen nicht persönlich, sondern vermittelt über Erfahrungswissen der Eltern und Großeltern.

    Jüngere Menschen neigen eher dazu, der Politik und ihren trickreichen Machenschaften zu vertrauen. In diesem Sinne muss wohl jede Generation ihre Fehler selber machen!

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Jennifer Achten

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Diana Bungartz

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Aufruf-der-Ökonomen, Bankenunion, Eurokrise

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