TARGET2 Revisited

TARGET 2-Salden, Leistungsbilanzdefizite und die Solvenzkrise im Bankensektor

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Olaf Schlotmann und Sikandar Siddiqui, 11. Dez. 2012
TARGET2 Revisited 4.16 5 19

Seit dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise 2008/09 und dem Offenbarwerden der Verschuldungsprobleme mehrerer EU-Mitgliedsstaaten steigt das Interesse an der Funktionsweise des Echtzeit-Brutto-Zahlungssystem TARGET (=Trans-European Automated Real-time Gross settlement Express Transfer System) der EZB bzw. seiner aktuellen Version TARGET 2. Aufgabe dieses Systems ist es, den täglichen Transfer von Zentralbankguthaben zwischen den angeschlossenen Geschäftsbanken vorzunehmen und einen schnellen grenzüberschreitenden Liquiditätsausgleich zwischen den Kreditinstituten zu gewährleisten (Quelle: Deutsche Bundesbank, 2012).

Insbesondere Hans-Werner Sinn (2011, 2012) verurteilte unlängst die Tatsache, dass mehrere Mitgliedsländer im TARGET 2-System große negative Salden akkumuliert haben, als eine Form staatlicher Kreditvergabe an Länder mit chronisch defizitärer Leistungsbilanz, die auf eine europarechtlich unzulässige Vergemeinschaftung öffentlicher Schulden hinauslaufe.

Diese Ansicht ist allerdings nicht unwidersprochen geblieben. Insbesondere Buiter et al. (2011) kommen zu der Auffassung, dass ein positiver TARGET 2-Saldo einer nationalen Zentralbank (im Folgenden: NZB) keinen Kredit an die spezifischen Zentralbanken mit negativen Salden impliziert, sondern eine Forderung an die EZB darstellt. Daraus folgt für die Autoren, dass auch das Ausmaß, in dem Mitgliedsländer an etwaigen Verlusten im Zusammenhang mit den Target 2-Ungleichgewichten resultieren können, sich nicht nach der Höhe des jeweils nationalen Target 2-Saldos bemisst, sondern nach dem jeweiligen Anteil am Eigenkapital der EZB.

Vor dem Hintergrund dieser andauernden Kontroverse wird im Folgenden versucht, die Funktionsweise von TARGET 2 anhand eines einfachen Modells zu beschreiben und daraus einige Aussagen über deren Zusammenhang mit der Euro-Schuldenproblematik abzuleiten.

Ein einfaches Modell des TARGET 2-Systems

Zweck und Funktionsweise von TARGET 2 sollen nachfolgend anhand eines bewusst einfach gewählten Beispiels illustriert werden. In diesem Beispiel wird davon ausgegangen, dass ein spanischer Kunde KE von einem deutschen Lieferanten LD Waren im Wert von € 100 bezieht und die entsprechende Rechnung per Überweisung begleicht. Der Schritte, die unter TARGET 2 ablaufen, damit dieser Betrag von KE in den Besitz von LD übergehen kann, werden im Folgenden näher beschrieben. Dabei werden zur Vereinfachung folgende Annahmen getroffen:

  • Unterstellt wird, dass die Nichtbanken in jedem Land der Eurozone ausschließlich Girokonten bei inländischen Geschäftsbanken führen.
  • In jedem Land der Eurozone werden alle inländischen Geschäftsbanken zu einem Aggregat GE bzw. GD zusammengefasst.
  • Ferner wird so getan, als sei die Kreditaufnahme bei der jeweiligen nationalen Zentralbank NZB die einzige verfügbare Refinanzierungsquelle, die den Geschäftsbanken für Transaktionen im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr zur Verfügung steht. Andere Formen der Mittelaufbringung, wie etwa die Gewinnung neuer Einlagen, die Inanspruchnahme von Interbankenkrediten, die Eigenemission von Wertpapieren oder die Veräußerung bilanzieller Aktiva bleiben außer Betracht.

Unter diesen Bedingungen verläuft die erforderliche Abfolge von Transaktionen wie in Abbildung 1 skizziert ab:

Durch die Überweisung nimmt in Schritt (1) das Guthaben von KE bei BE um € 100 ab. Aus Sicht von GE steht diesem Rückgang der Verbindlichkeiten gegenüber KE ein Rückgang des eigenen Guthabens bei der Zentralbank Spaniens (ZE) gegenüber (Schritt 2), da diese als erste Schaltstelle im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr fungiert.

Für ZE kommt es zu einer Bilanzverkürzung. Dem Rückgang der Verbindlichkeiten gegenüber BE steht ein gleich hoher Rückgang des Guthabens gegenüber [Schritt (3)], den ZE im Rahmen des TARGET 2-Systems bei der EZB innehat. Grund hierfür ist, dass die EZB als Intermediär im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr zwischen den Zentralbanken innerhalb der Eurozone fungiert.

Dem rückläufigen Target 2-Guthaben von ZE steht in Schritt 4 eine gleich hohe Zunahme des Target 2-Guthabens der Deutschen Bundesbank (ZD) gegenüber, die auf der Passivseite der Bilanz von ZD mit einer Zunahme des Guthabens der Hausbank BD des Lieferanten - Schritt (5) - einhergeht.

Bei der Hausbank BD des deutschen Lieferanten findet eine Bilanzverlängerung statt. Spiegelbild ihres gestiegenen Guthabens bei ZD ist in Schritt (6) ein gleich hoher Anstieg des Guthabens des Lieferanten LD – und damit der Verbindlichkeiten von GD gegenüber LD. Per saldo hat nach Vornahme aller Buchungen lediglich das Geldvermögen von LD zugenommen und jenes von KE abgenommen.

Negative TARGET 2-Salden sind (wie) Kontokorrentkredite seitens der EZB

Die Veränderung der TARGET 2-Salden eines Länderpaares impliziert gemäß obiger Abbildung einen Passivtausch auf der Bilanz der EZB. Dies untermauert die eingangs erwähnte Sichtweise von Buiter et al. (2011), wonach ein positiver TARGET 2-Saldo einer Zentralbank eine Forderung an die EZB, aber keinen Zahlungsanspruch an Zentralbanken mit negativen Salden konstituiert. Da die EZB jedoch auch negative TARGET 2-Salden zulässt und (positive wie negative) Salden in diesem System zum Hauptrefinanzierungssatz der EZB verzinst werden, können negative TARGET 2-Salden ökonomisch durchaus wie Kontokorrentkredite der EZB an die betroffenen nationalen Zentralbanken interpretiert werden.

TARGET 2-Negativsalden sind keine Leistungsbilanzdefizite

In dem vereinfachten Modell aus Abschnitt 2 spiegelt sich die Verminderung des Leistungsbilanzsaldos von Spanien (E) in einem gleich hohen Rückgang seines TARGET 2-Saldos wider. Dies spricht – für sich genommen – für die Behauptung, ein dauerhaft hoher, negativer TARGET 2-Saldo sei ein Indiz für die Finanzierung eines chronischen Leistungsbilanzdefizits durch das jeweilige Ausland.

Dieses Ergebnis gilt jedoch nur unter den sehr restriktiven Modellannahmen, die hier eingangs getroffen wurden. In Wirklichkeit hätte die spanische Geschäftsbank BE ihren durch die Transaktion entstandenen Liquiditätsbedarf auch anders decken können, etwa durch die Gewinnung neuer Einlagen, die Inanspruchnahme von Interbankenkrediten, die Eigenemission von Wertpapieren oder die Veräußerung bilanzieller Aktiva. In diesen Fällen wären der infolge der anfänglichen Transaktion eingetretene Rückgang des Zentralbankguthabens von BE und der nachfolgende Rückgang des TARGET 2-Saldos von ZE wieder neutralisiert worden. Diese Möglichkeit wurde in unserem Modell nur aus Vereinfachungsgründen ausgeschlossen; ihr Gebrauch hätte dazu geführt, dass die aus diesem Bündel an Transaktionen resultierende Veränderung des spanischen Leistungsbilanzsaldos sich nicht in einer entsprechenden Veränderung des TARGET 2-Saldos niedergeschlagen hätte. Daraus folgt in Übereinstimmung mit Storbeck (2012) auch, dass die unlängst stark angestiegenen TARGET 2-Negativsalden der Euro-Krisenstaaten nicht in erster Linie einen entsprechend hohen Zuwachs ihrer Leistungsbilanzdefizite widerspiegeln. Diese Situation ist vor allem deswegen eingetreten, weil viele Geschäftsbanken in den Krisenländern aufgrund ihres gestiegenen Insolvenzrisikos der Zugang zu anderen Refinanzierungsquellen als den nationalen Zentralbanken bis auf weiteres weitgehend versperrt ist (so sinngemäß auch Buiter et al., 2011). Das Anwachsen der Target 2-Negativsalden ist also kein separates Phänomen, das neben (oder zusätzlich zu) den bekannten Überschuldungsrisiken existiert, sondern „nur“ Symptom der nach wie vor gewaltigen Solvenz- und Liquiditätsprobleme vieler Geschäftsbanken in den Krisenländern.

Stabilitätsrisiken der Refinanzierungsprobleme der Geschäftsbanken

Isoliert betrachtet ist der oben konstatierte Anstieg des Refinanzierungsvolumens der Geschäftsbanken seitens der nationalen Zentralbanken nicht per se problematisch, da die Vornahme der entsprechenden Transaktionen an die Stellung notenbankfähiger Kreditsicherheiten gebunden ist. Falls diese Kreditsicherheiten wertbeständig sind, setzt diese Situation die EZB keinem Verlustrisiko aus, zumal Sicherheitsabschläge vorgenommen werden.

Verstärkt sich die aktuelle Krisensituation in einigen Euroländern allerdings, droht das Risiko, dass sich die bei den Notenbanken hinterlegten Kreditsicherheiten entwerten und in einer Insolvenzwelle von Banken und Staaten die verlangten Sicherheitsabschläge nicht ausreichen. Die daraus resultierenden Verluste muss die EZB tragen, ein großer Verlust wird im Rahmen einer zwangsweisen Rekapitalisierung auf alle Mitgliedsländer überwälzt. Insofern impliziert der TARGET 2-Mechanismus zwar keine Vergemeinschaftung von Schulden (im Sinne aktuell bereits bestehender Zahlungsverpflichtungen), er schließt aber eine Vergemeinschaftung von Ausfallrisiken keineswegs aus.

Literatur

Buiter, W. H., , E. Rahbari und J. Michels (2011): Making sense of Target imbalances. VOXeu, 6. September 2011.

Deutsche Bundesbank (2012): TARGET2 - ein einheitliches Europa für Individualzahlungen. Frankfurt am Main (Eigenverlag)

Sinn, H.W. (2011): Die geheime Bailout-Strategie der EZB. Project Syndicate, 20. November 2011.

Sinn, H.W. (2012): Die Europäische Fiskalunion: Gedanken zur Entwicklung der Eurozone. Zeitschrift für Wirtschaftspolitik 13(3), S. 137-178.

Storbeck, Olaf (2012): Target 2-Defizite: Warum die Leistungsbilanz nicht entscheidend ist. Handelsblatt, 7. März 2012.

©KOF ETH Zürich, 11. Dez. 2012

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat 6 Kommentare.
  • Target 2

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    Ein besonderes Lob ist den Autoren dafür geschuldet, dass sie einen scheinbar hoch komplizierten Sachverhalt auf ganz normale Buchungssätze zwischen fünf Konten zurückführen. Sie entlarven die Salden als Symptom der Liquiditätsprobleme vieler Geschäftsbanken in den Krisenländern und warnen, dass ein Verlust der Wertbeständigkeit notenbankfähiger Kreditsicherheiten im Endeffekt von den EZB-Mitgliedsländern - durch werthaltige Einlagen, falls noch verfügbar - geschultert werden muss.

    Pädagogisch erste Klasse, aber vermutlich für die Masse der Politiker/Parlamentarier immer noch undurchsichtig. Minister sollten sich die Vorgänge auf den fünf Konten vielleicht durch einen ihrer wenigen Ministerialräte erläutern lassen, der zufällig kein Volljurist ist.

  • naja

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    Neue Aspekte die dieser Artikel beinhaltet: 0,0.

    Und noch etwas: Sollte sich die Krise verschärfen und sich die Sicherheiten entwerten dann haben wir ein Problem. Allerdings nicht wegen dem T2-System sondern eben wegen der akzeptierten Sicherheiten. Die Frage, ob man jetzt für die Schlussfolgerung, dass es evtl. problematisch sein kann wenn die EZB Ramsch-Anleihen akzeptiert, einen Beitrag in einem Ökonomenforum schreiben muss lass ich jetzt mal offen.

  • Saldenmechnik

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    Die immer wieder angeführten Betrachtungen sind irrelevant, wählt man als Ausgangspunkt der Betrachtung die volkswirtschaftliche Saldenmechnik. Ist eine Volkswirtschaft im Ausland überschuldet, gleichgültig ob Staat, Banken oder privat, so muss der ausländische Investor Abschreibungen vornehmen. Die Länder mit den weltweit höchsten Nettoauslandsschulden sind Portugal, Spanien,Irland und Griechenland und somit pleite. Der Geldgeber, über das Eurosystem, für diese Länder sind die öffentlichen Hände, Hollands, Finnlands und Deutschlands, die EZB-ist keine eigene kreditwürdige Volkswirtschaft. Somit müssen in der Endabrechnung diese Volkswirtschaften die Abschreibungen vornehmen, Italien bis Frankreich sind zu Abschreibungen gar nicht fähig ohne selber pleite zu gehen. Vermeiden ließe sich dieses nur, wenn private ausländische Investoren, den öffentlichen Händen diese Investionen abnähmen, werden sie nicht tun, warum sollten sie, oder aber die Krisenländer Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschafteten, wird ihnen bei erdrückenden Auslandsschulden nicht gelingen können.

  • Weshalb so kompliziert?

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    Es gibt ein weitaus einfacheres Beispiel als oben dargestellt: eine spanische Bank transferiert Guthaben zu einer deutschen Bank. Daran werden zwei wesentliche Punkte erkennbar:
    - es müssen nicht zwingend realwirtschaftliche Prozesse zugrunde liegen
    - Obwohl die positiven Target2 Salden bei der Deutschen Bundesbank geführt werden, müssen sie nicht zwangläufig aufgrund "deutscher" Euros entstehen, sondern können von Euro mit "Migrationshintergrund" vulgo Kapitalflucht verursacht werden.

    Noch entscheidender ist folgende Tatsache: die Target2-Konten existieren nur auf Zentralbankebene, ihre Summe ist Null. Daher kann das dortige Zentralbankgeld weder zur Ebene der EZB noch zu den den Geschäftsbanken gelangen. Es gibt daher keine wirklichen Ausfallrisiken. Target2-"Verluste" haben, da sie keinerlei Auswirkungen auf die Geschäftsbanken haben, keine realwirtschaftlichen Konsequenzen.

    • Nein

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      "Es gibt daher keine wirklichen Ausfallrisiken."

      Nein. Target2 Salden sind Bestandteil der Auslandsforderungen oder Verbindlichkeiten, die in diesem Fall von den Nationalen Zentralbanken gehalten werden. Gehen in der Kette, wegen zu hoher Auslandsschulden, die Staaten, deren Geschäftsbanken und deren Zentralbanken Bankrott, sind diese Forderungen abzuschreiben. Und auf jeden Fall sind die Länder Portugal, Spanien und Griechenland bei 100% Nettoauslandsschulden und weiteren Leistungsbilanzdefiziten Bankrott und benötigen einen Erlass der Auslandsschulden für einen Neuanfang.

  • Wer politisch denkt...

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    "Deutschland erhielt für seine Exportüberschüsse Target-Forderungen: Forderungen, die sich in Luft auflösen, sollte der Euro zerbrechen, und durch die Inflation auch dann verdampfen, wenn die Dinge weiterlaufen wie bisher. - Die Target-Kredite haben eine öffentliche Kreditlawine nach Südeuropa in Gang gesetzt, die sich politisch nicht mehr stoppen lässt."

    Hans-Werner Sinn

    ...hat noch gar nicht angefangen zu denken. Seit der Euro-Einführung bis heute hat sich das EU-BIP etwa um den Faktor 1,3 erhöht, während die gesamte Zentralbank-Geldmenge (Bargeld plus Zentralbankguthaben der Geschäftsbanken) von 400 Mrd. € auf fast 1,8 Bio. € ausgeweitet und damit etwa um den Faktor 4,5 erhöht wurde. Die effektive Umlauffrequenz des Zentralbankgeldes in der EU hat sich also im Durchschnitt um den Faktor 4,5/1,3 = 3,5 verringert.

    Die aufgelaufenen Target-2-Salden bedeuten nichts anderes, als dass sich die effektive Umlauffrequenz z. B. in Deutschland um weniger als den Faktor 3,5 und z. B. in Griechenland, Spanien und Italien um mehr als den Faktor 3,5 verringert hat.

    Nach der gesetzlich verbindlichen Ankündigung der freiwirtschaftlichen Geld- und Bodenreform wird die effektive Umlauffrequenz um einen Faktor > 10 erhöht und somit die gesamte Zentralbank-Geldmenge um den gleichen Faktor reduziert. In einem Zeitraum von sechs Monaten bis zur physischen Einführung der neuen nationalen, konstruktiv umlaufgesichterten Indexwährungen haben sich alle Target-2-Salden eigendynamisch ausgeglichen oder zumindest auf ein unbedeutendes Maß reduziert. Die überflüssige EZB kann dann ohne "großen Krach" einfach aufgelöst werden.

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/04/krieg-oder-frieden.html

    Über irgendetwas anderes als die Verwirklichung der Natürlichen Wirtschaftsordnung (Freiwirtschaft = echte Soziale Marktwirtschaft) braucht niemand mehr nachzudenken.

    http://www.deweles.de/intro.html

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Sikandar Siddiqui

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Schlagworte

EZB, Leistungsbilanzungleichgewichte, Schuldenkrise, Solvenzkrise, Target2

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