Der "manipulierte" Renminbi: Fluch oder Segen?

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Sikandar Siddiqui, 4. Dez. 2012
Der "manipulierte" Renminbi: Fluch oder Segen? 4.07 5 15

So regelmäßig wie das herbstliche Regenwetter kehrt in außenpolitischen Debatten über die Beziehungen der Staaten Nordamerikas und Westeuropas zur Volksrepublik China der Vorwurf wieder, die Zentralbank der Volksrepublik halte den Kurs ihrer Landeswährung künstlich niedrig und verschaffe der Wirtschaft des Landes dadurch einen unfairen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Ausland. Zwar hat US-Präsident Obama unlängst davor zurückgeschreckt, China offiziell der Kursmanipulation zu bezichtigen und damit unter Umständen eine rechtliche Grundlage für handelspolitische Gegenmaßnahmen zu schaffen; auch er bleibt jedoch – im Einklang mit dem  Internationalen Währungsfonds (siehe etwa Rabinovich, 2012) – der Auffassung, der chinesische Renminbi sei auch heute noch deutlich unterbewertet.

Doch auch wenn dies stimmt, stellt sich die Frage, ob es für die Regierung eines Landes – hier: der VR China - unter reinen Eigennutzgesichtspunkten eigentlich ökonomisch vorteilhaft ist, den Kurs der eigenen Inlandswährung künstlich niedrig zu halten, um auf diesem Wege ein exportgetriebenes Wachstum zu fördern. Eine Reihe gewichtiger Argumentes spricht jedenfalls gegen eine derartige Strategie:

  1. Um den Kurs der Inlandswährung etwa gegenüber Euro und US-Dollar künstlich niedrig zu halten, muss die Zentralbank der VR China fast permanent auf ausländische Währung lautende Finanzaktiva im Austausch gegen eigene Währung ankaufen. Handelt es sich bei diesen Finanzaktiva (was realistisch sein dürfte) überwiegend um öffentliche Schuldverschreibungen mit kurzer Laufzeit, so läuft dies im Wesentlichen auf eine Subventionierung der Staatsverschuldung in den USA und der Eurozone hinaus. Ob eine derartige Vorgehensweise per saldo die Wettbewerbssituation des Schuldners oder des Gläubigers verbessert, kann also gar nicht zweifelsfrei geklärt werden.
  2. Außerdem impliziert ein künstlich niedrig gehaltener Kurs der Inlandswährung immer auch eine künstliche Verteuerung importierter Güter.  Dies hemmt die Entwicklung derjenigen Wirtschaftszweige, die von eben diesen Gütern abhängen.
  3. Auf lange Sicht ist das Festhalten an einem künstlich niedrig festgesetzten Kurs der Inlandswährung höchstwahrscheinlich nur durch das Zulassen eines systematischen Überangebots an auf inländische Währung lautendem Geld möglich. Erfahrungsgemäß kann dies unerwünscht hohe Inflationsraten oder spekulative Übertreibungen auf den Immobilien- oder Kapitalmärkten zur Folge haben. Gerade in Bezug auf die VR China hat der Internationale Währungsfonds auf diese Gefahr auch bereits explizit hingewiesen (siehe Gayathri, 2012).

Umgekehrt gilt: Der Versuch, die ohnehin schon überbordende öffentliche Schuldenlast in den USA und der Eurozone noch zu bewältigen, würde für deren Regierungen noch schwieriger, wenn einmal die chinesische Notenbank ihre Währung freigäbe und folglich keine Notwendigkeit mehr sähe, weiter auf Euro und US-Dollar lautende Schuldverschreibungen aufzukaufen. Vor diesem Hintergrund sollten Wirtschaftspolitiker in Westeuropa und Nordamerika eine fortgesetzte Politik künstlich verbilligter chinesischer Exporte weit weniger fürchten als ihr baldiges Ende.

Literatur

Gayathri, A. (2012): China Risks Inflation, Property Price Bubble: IMF. International Business Times, 21. 7. 2011

Rabinovich,. S. (2012): IMF says renminbi ‘moderately undervalued’. Financial Times , 25. Juli 2012.

©KOF ETH Zürich, 4. Dez. 2012

 
Der "manipulierte" Renminbi: Fluch oder Segen? 4.07 5 15

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.
  • Stabilitätsorientierte Unterbewertung

    [ ]

    Der Vorwurf der "künstlichen Unterbewertung" des Renminbi durch die chinesische Zentralbank ist ungerecht. China setzt ebenso wie Deutschland und Japan seinen Wechselkurs strategisch ein, weil es Aufwertungen seiner Währungen verhindert, respektive verhindert hat, indem eine Neutralisierung der Devisenreserven stattgefunden hat. China hält seinen Kurs niedrig, indem es amerikanische Staatsanleihen kauft. Es ist eine handelsmerkantilistische Strategie, mit der bereits Deutschland und Japan Erfolg hatten. Bei einem so gewaltigen Binnenmarkt sollte China aber langsam damit beginnen, seinen eigenen Konsum zu steigern und die aussenwirtschaftliche Flanke ein wenig vernachlässigen. Steigende Einkommen, steigender Binnenkonsum, steigender Wohlstand.

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Autor

Sikandar Siddiqui

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Schlagworte

China, Renminbi, USA, Währungsmanipulation

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