Nach der Kaufkrafttheorie[ a ] belebt eine Erhöhung der (Nominal-) Löhne die Konsumnachfrage und führt somit in einer unterbeschäftigten Wirtschaft zu einem Anstieg von Produktion und Beschäftigung.[ 1 ] Dahinter steht die kaldorianische Hypothese, dass eine Umverteilung des Einkommens zugunsten der Lohnempfänger die Nachfrage verstärkt, weil diese einen größeren Teil ihres Einkommens verausgaben als die Gewinnempfänger.
Im Folgenden wird theoretisch begründet, warum Erhöhungen der Nominallöhne nicht zu höheren Reallöhnen führen, sondern in den Preisen weitergewälzt werden und keine positiven Produktions- und Beschäftigungseffekte nach sich ziehen. Die Analyse bedient sich nicht der geläufigen neoklassischen Argumentationsmuster, sondern verwendet ausschließlich Elemente der Verteilungstheorien von Kaldor (1955/56) und Kalecki (1938), die als keynesianische Verteilungstheorien eingestuft werden (Keynes-Gesellschaft, 2012).
Die Einkommensverteilung bei Kaldor
Nach Kaldor (1955/56, 95) lautet die Gleichung für die Gewinnquote in einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne Staat:

Danach ist Anteil der Gewinne (G) am Sozialprodukt (Y) positiv abhängig von der (realen) Investitionsquote (Ir/Yr) und negativ abhängig von den Sparquoten der Arbeitnehmer (sL) und Unternehmer (sG). Der damit korrespondierende Anteil der Löhne (L) lautet:

Die Kaldor-Formel (2) beschreibt die Verteilung eines real gegebenen Sozialprodukts. Die Lohnquote ist determiniert durch die Verwendungsstruktur des Sozialprodukts, die in der Investitionsquote zum Ausdruck kommt, und durch das Sparverhalten der Arbeitnehmer sowie der Unternehmer. Die Höhe der Nominallöhne spielt dagegen keine Rolle.
Dies wird deutlich, wenn man die Lohnquote in ihre Faktoren zerlegt. Sie entspricht definitionsgemäß dem Produkt aus Lohnsatz (w) und Beschäftigung (A) dividiert durch das Produkt aus Preisniveau (p) und Produktionsmenge (Yr) bzw. der Relation von Reallohn (w/p) und Arbeitsproduktivität (Yr/A):

Nominallohnerhöhungen und die daraus resultierende zusätzliche Konsumnachfrage werden im Kaldor-Modell durch einen entsprechenden Anstieg des Preisniveaus kompensiert. Bei gegebener Arbeitsproduktivität pegelt sich der Reallohn und damit die gleichgewichtige Lohnquote so ein, dass die geplanten Ersparnisse mit den geplanten Investitionen übereinstimmen. Folglich kann der Anteil der Arbeitnehmer am Sozialprodukt durch Nominallohnpolitik nicht verändert werden. Ein Anstieg der Lohnquote ist nur durch Lohnverwendungspolitik erreichbar, also mittels einer Erhöhung der Arbeitnehmersparquote (Investivlohn, investive Gewinnbeteiligung).
Kaufkraft, Produktion und Beschäftigung
Nach der Kaufkrafttheorie sorgt ein Anstieg der Lohnquote für mehr Produktion und Beschäftigung. Lässt sich dieser Zusammenhang aus dem Kaldor-Modell ableiten, wenn man die Annahme eines gegebenen Sozialprodukts aufgibt? Schließlich kann die Koordination von Sparen und Investieren in einer unterbeschäftigten Wirtschaft nicht nur kaldorianisch über die Einkommensverteilung, sondern auch keynesianisch über das Einkommen selbst erfolgen.
Bei veränderlicher Höhe der Produktion mutiert Gleichung (2) für die Lohnquote zu einem positiven Zusammenhang zwischen Lohnquote und Sozialprodukt. Ein Anstieg der Produktion ist bei real konstanten Investitionen mit einer höheren Lohnquote verbunden. Nur die Verteilungsänderung zugunsten der konsumfreudigeren Arbeitnehmer kann den realen Mehrkonsum bewirken, der die wachsende Differenz zwischen Investitionen und Sozialprodukt überbrückt.
Das scheint für die Kaufkrafttheorie zu sprechen. Bei flexiblem Sozialprodukt erhält das Kaldor-Modell aber einen Freiheitsgrad und kann somit allein weder das Einkommen, noch seine Verteilung bestimmen. Vielmehr konkurriert die kaldorianische Lesart, nach der die Verteilung bei fixem Sozialprodukt bestimmt werden kann, mit der keynesianischen Sicht, nach der das Sozialprodukt bei konstanter Verteilung von den autonomen Investitionen und dem Multiplikator abhängt. Dieses Resultat ergibt sich durch Auflösen von Gleichung (2) nach Yr:

Der Multiplikator entspricht dabei dem Kehrwert der marginalen Sparquote. Letztere ist negativ mit der Lohnquote verknüpft. Eine keynesianische Sparfunktion, in der die marginale Sparquote trotz ungleicher gruppenspezifischer Sparneigungen fixiert ist, impliziert also eine konstante Einkommensverteilung.
Ohne eine weitere Brücke zwischen Einkommen und Verteilung lässt sich die Unbestimmtheit des kaldorianischen wie des keynesianischen Ansatzes nicht auflösen. Eine solche Verbindung kann in der Verteilungstheorie von Kalecki gesehen werden, die eine angebotsseitige Bestimmung der Verteilung aus dem Preissetzungsverhalten der Unternehmen liefert.
Kaldor plus Kalecki gleich Keynes
Prinzipiell argumentiert die von Kalecki (1938) begründete Monopolgradtheorie mit einer kostenbezogenen Preissetzung der Unternehmen. Bei Beschränkung auf die Lohnkosten gilt für das Preisniveau im einfachsten Fall folgende Zuschlagskalkulation:

Der Gewinnzuschlag z auf die Lohnstückkosten bringt die Marktmacht der Unternehmen zum Ausdruck. Daraus resultiert die angebotsseitig bestimmte Lohnquote:

Gleichsetzen mit der nachfrageseitig bestimmten Lohnquote von Kaldor (2) führt zu einem keynesianischen Resultat:

Der Einkommensmultiplikator enthält die divergenten gruppenspezifischen Sparquoten von Kaldor und den Monopolgrad von Kalecki in Form des Gewinnzuschlags. Letzterer fixiert jedoch die Verteilung und beseitigt die Flexibilität der Lohnquote. Kaldors Überlegungen werden darauf reduziert, dass der keynesianische Multiplikator von den unterschiedlichen gruppenspezifischen Sparneigungen abhängt. Die Nachfragefaktoren bestimmen aber nicht die Verteilung, sondern die Höhe des Sozialprodukts: Kaldor plus Kalecki gleich Keynes.
Das Sozialprodukt kann gemäß Gleichung (7) steigen,
- wenn die Investitionen steigen,
- wenn die Sparneigung der Arbeitnehmer sinkt,
- wenn die Sparneigung der Unternehmer sinkt,
- wenn der Gewinnzuschlag sinkt.
Die Höhe des Lohnsatzes spielt auch hier keine Rolle, solange es den Unternehmen gelingt, die Preise proportional zum Lohnsatz zu erhöhen und damit den Gewinnzuschlag zu stabilisieren. Nur eine faktische Reduktion des lohnbezogenen Gewinnzuschlags könnte die Verschiebung der Einkommensverteilung zugunsten der Arbeitnehmer bewirken, deren Folge dann ein Konsumnachfragezuwachs und ein Anstieg von Produktion und Beschäftigung wäre.
Fazit
Die Kaufkrafttheorie stellt den Nachfrageeffekt der Löhne einseitig in den Vordergrund. Sie zeigt aber nicht, wie der Anstieg der Lohnquote herbeigeführt werden kann, der für den expansiven Nachfrageeffekt verantwortlich ist. Nominallohnerhöhungen, die über den Produktivitätsfortschritt hinausgehen, reichen hierfür nicht aus, denn sie werden - bei fixem Monopolgrad - durch entsprechende Preissteigerungen kompensiert. Der Nachfrageeffekt der Löhne eröffnet den Unternehmen den erforderlichen Überwälzungsspielraum, schafft aber keinen realen Kaufkraft- und Nachfragezuwachs.
Letztlich basiert die Kaufkrafttheorie auf der unrealistischen Annahme, dass die Unternehmer nur auf den Nachfrageeffekt, nicht aber auf den parallelen Kosteneffekt der Löhne reagieren. Berücksichtigt man Kosten- und Nachfrageeffekt, so spricht die Gesamtwirkung der Löhne für eine produktivitätsbezogene Lohnpolitik, die inflationäre Impulse vermeidet. Über den Produktivitätsfortschritt hinausgehende Nominallohnerhöhungen vergrößern das Kosten- und Preisniveau. Sie senken die internationale Wettbewerbsfähigkeit und provozieren eine restriktive Geldpolitik. Damit verbundene Zinssteigerungen gehen tendenziell zulasten der privaten Investitionen und des Sozialprodukts. Die Kaufkrafttheorie liefert also auch aus keynesianischer Sicht keine Basis für eine expansive Lohnpolitik, die bestenfalls neutrale und ansonsten negative Wirkungen auf Produktion und Beschäftigung hat.
Literatur
Kaldor, Nicholas (1955/56), Alternative Theories of Distribution[ b ], The Review of Economic Studies, Vol. 23, 83-100.
Kalecki, Michael (1938), The Determinants of Distribution of the National Income[ c ], Econometrica, Vol. 6, 97-112.
Keynes-Gesellschaft (2012), Keynesianische Verteilungstheorien[ d ], URL: http://goo.gl/kkP06, Stand: 11.09.2012.
Scherf, Wolfgang (2000), Orientierungsgrößen und gesamtwirtschaftliche Wirkungen der Nominallohnpolitik[ e ], WISU, Heft 10, 1374-1390.
- 1 Dieser Beitrag ist auch auf der Webseite der Professur für VWL II der Justus-Liebig-Universität Gießen zu finden.
©KOF ETH Zürich, 26. Okt. 2012

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Sie müssen sich anmelden um Kommentare zu schreiben.So ist es
geschrieben von ErnstLudwig am 27. Okt. 2012, 11:46Dem ist kaum noch etwas hinzuzufügen. Damit sind wir allerdings bei exogenen Größen; unsere Welt ist begrenzt - unser Ideenreichtum ist es möglicherweise auch. Wenn in einer Zukunft die Ressourcen ausgeschöpft sind und wenn alle Produktionen nur noch über Produktivkapital erzeugt werden, was dann?
Stimme zu!
geschrieben von TomEngel am 27. Okt. 2012, 18:34Eine sehr schöne Theorie. Auch dogmengeschichtlich hochaktuell. Jetzt muss sich nur die Realität danach richten. Aber das wird schon!
Theoretisch sehr schön modelliert, aber realistisch?
geschrieben von Makrointelligenz am 27. Okt. 2012, 22:05Ich fasse mal intuitiv zusammen, bei Kaldor hängt die Gewinnquote und damit die Lohnquote vom Verhältnis von Investitionen zu Ersparnissen ab. Somit ist eine Reallohnsteigerung unmöglich, weil sie standardmäßig zu einer Senkung der Sparquote und damit einer Erhöhung der Gewinneinkommen führen würde. Bei einem Versuch würden Investitionen die Ersparnisse übertreffen, bis Inflation die Reallöhne soweit senkt, dass ein Gleichgewicht entsteht.
Bei der keynesianischen Sichtweise mit flexiblem Einkommen könnte dieser Kreislauf durchbrochen werden, indem durch zusätzliches Einkommen auch zusätzliche Ersparnisse generiert werden. Aufgrund eines Widerspruchs mit dem kaldorianischen Modell geht Prof. Scherf hierbei darüber hinweg, dass im Rahmen eines keynesianischen Modells bei steigenden Reallöhnen und fallenden Unternehmergewinnen die Nachfrage und das Einkommen steigen würden.
Stattdessen versucht der Professor die Wirkung der Veränderung einer Reallohnquote in einem Modell zu analysieren, was durch Mark-up Preise gekennzeichnet ist und damit eine konstante Reallohnquote annimmt.
Eine Analyse bei dem die Annahme fast unmittelbar das Ergebnis bestimmt.
Interessant wäre hierbei die Verknüpfung mit möglichen Erklärungen des mark-up Faktors zu erklären, die beispielsweise etwas mit der Verhandlungspositition der Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu tun haben.
Korrektur
geschrieben von Makrointelligenz am 27. Okt. 2012, 22:27Der Professor versucht eine Veränderung der nominalen Löhne auf die Kaufkraft zu analysieren im letzten Modell und stellt dabei fest, dass die Reallöhne in dem Modell durch den Mark-up Faktor fixiert sind.
AW: Mark-up Faktor
geschrieben von wScherf am 28. Okt. 2012, 11:43Die Reallöhne werden in dem Modell angebotsseitig nicht allein durch den Mark-up Faktor, sondern auch durch den Produktivitätsfortschritt determiniert. Dieser ermöglicht das Wachstum des Gütervolumens, das durch proportional steigende Reallöhne ausgeschöpft werden kann.
Ich gehe auch nicht davon aus, dass der Gewinnzuschlag und die Verteilung stets angebotsseitig konstant bleiben müssen, aber ich sehe nicht, warum der Gewinnzuschlag sinken sollte, wenn die Nominallöhne steigen. Genau das muss ein Verfechter der Kaufkrafttheorie begründen, wenn er an deren positive Beschäftigungseffekte glaubt.
Die Erfahrungen innerhalb der Eurozone
geschrieben von Makrointelligenz am 27. Okt. 2012, 22:35deuten eher daraufhin, dass in den Ländern mit hohen Lohnsteigerungen auch Reallohnsteigerungen und Nachfrageeffekte erzielt wurden. Natürlich ist hierbei wesentlich, dass es sich aus Sicht einzelner Länder dann nicht um eine geschlossene Volkswirtschaft handelt. Dort führt eine Lohnerhöhung wohl in der Tat eher zu Preissteigerungen als zu tatsächlichen Reallohnveränderungen.
AW: Nominal- und Reallohnsteigerungen
geschrieben von wScherf am 28. Okt. 2012, 11:49In Ländern mit starkem Produktivitätsfortschritt können und sollen die Nominal- ebenso wie die Reallöhne natürlich steigen. Aber die Wirkungsrichtung geht nicht von den nominalen auf die realen Lohnzuwächse, sondern vom Produktivitätsfortschritt auf den realen Lohnerhöhungsspielraum.
AW:AW: Nominal- und Reallohnsteigerungen
geschrieben von Makrointelligenz am 28. Okt. 2012, 22:09Mein Eindruck in der Eurozone ist eher, dass die Lohnentwicklung kurz- und mittelfristig nicht so sehr von der Produktivität getrieben wurde, obwohl sie langfristig natürlich in die Richtung tendieren muss. Deutschland als Land mit Lohnabschlüssen unter der Produktivitätssteigerung (+2% Inflationsziel) hatte mit mangelnder Binnennachfrage zu kämpfen und wurde sukzessiv zum Nettoexporteur. Staaten wie Griechenland oder Spanien mit Abschlüssen über der Produktivitätssteigerung hatten eine starke Binnennachfrage und entwickelten sich zu Importländern. Erst mit der Verschlechterung der Verhandlungsposition der Arbeitnehmer und steigender Arbeitslosigkeit fallen dort die Löhne.
In der Währungsunion hatten hohe Lohnsteigerungen die Folgewirkung niedriger Realzinsen, welche dann bei adaptiven Erwartungen zu einer Erhöhung der Nachfrage und weiteren Lohnsteigerungen führen konnten, bis die Überinvestitionen (Immobilien) zu offensichtlich wurden.