Religion, ökonomische und politische Präferenzen

Die Westschweiz als Versuchsfeld

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Christoph Basten und Frank Betz, 25. Okt. 2012
Religion, ökonomische und politische Präferenzen 3.50 5 10

Wer die Wirtschafts- und Sozialpolitik europäischer Länder vergleicht, stellt Unterschiede fest, zum Teil über verschiedene Legislaturperioden und Konjunkturzyklen hinweg.[ 1 ] Warum aber wählen Franzosen andere Politiken als beispielsweise Briten oder Deutsche? Schon 1904 stellte der Soziologe Max Weber die Hypothese auf, dass verschiedene  Religionen zu unterschiedlichen Präferenzen führen können. So behauptet Weber, dass der Calvinismus zu Fleiss und Sparsamkeit führe, da Wohlstand als Zeichen der Bestimmung zu ewigem Leben interpretiert wurde. Auch charakterisiert er den Reformierten Protestantismus, im Unterschied zum Katholizismus, durch die paulinische Maxime «Wer nicht arbeitet, soll nicht essen», was sich in geringerer Zustimmung für staatliche Umverteilung und Interventionen niederschlage. Hat er damit Recht?

Eine solche Hypothese empirisch zu testen, ist nicht einfach: Zwar kann man beobachten, dass sich beispielsweise England und die USA von Italien, Spanien oder Frankreich sowohl in ihrer Religion als auch in ihren politischen Systemen unterscheiden, doch lässt sich hieraus noch kein kausaler Zusammenhang ableiten. Die Ursache beider Unterschiede könnte ja auch in unterschiedlichem Klima, Geographie oder anderen Faktoren liegen.

Daher ist der Vergleich von Gegenden mit unterschiedlicher Religion innerhalb eines Staates, wie z.B. in Deutschland oder der Schweiz, sinnvoller. Doch auch dort ist die Verteilung der Religionen nicht ganz zufällig: So blieben im 16. Jahrhundert vor allem die Bergregionen der Schweizer Eidgenossenschaft katholisch. Da die Geographie ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten einschränkte, wäre es sie teuer zu stehen gekommen, gemäss den Forderungen des Reformators Zwingli auf die Einnahmequelle des Söldnertums zu verzichten. Zugleich verbreitete sich die Reformation als ursprünglich deutschsprachige Bewegung auch kaum in den französischsprachigen Teilen der Eidgenossenschaft.

Ausnutzung eines historischen Quasi-Experiments zur Isolierung des Faktors Religion

In unserer Analyse untersuchen wir  daher heutige Präferenzen – gemessen anhand von Volksabstimmungen zu Arbeitszeiten, Umverteilung und Regulierung – speziell in den heutigen Westschweizer Kantonen Freiburg und Waadt. Denn beide Gegenden waren bis Ende des 15. Jahrhunderts gleichermassen Untertanengebiet Burgunds, fielen dann im Rahmen der Burgunderkriege an die Eidgenossenschaft, und wurden damit zwischen den Stadtrepubliken Bern und Freiburg aufgeteilt. Die Stadt Bern aber hatte – im Gegensatz zur Stadt Freiburg – die Reformation angenommen, und so waren die Waadtländer gezwungen, ebenfalls zu konvertieren. Die Gemeinden im sonst vergleichbaren späteren Nachbarkanton hingegen blieben katholisch (siehe Abbildung  1).

Abbildung 1: Katholische und protestantische Gemeinden in der Westschweiz

In dunkelrot das nach den Burgunderkriegen an Bern gefallene und damit zwangskonvertierte Waadtland, in hellrot die an Freiburg gefallenen katholischen Gemeinden

Damit bietet sich ein Vergleich dieser beiden Gegenden dazu an, den Effekt der unterschiedlichen Konfessionen zu isolieren. Die Waadt eignet sich auch deshalb für eine Untersuchung der Weberschen Hypothese, als dass wir es hier mit der auf Zwingli und Calvin basierenden „Reformierten“ bzw. „Asketischen“ Form des Protestantismus, und nicht mit dem in Deutschland weiter verbreiteten Lutheranismus zu tun haben. Als Ganzes genommen  unterscheiden sich aber auch die beiden in Graphik I dargestellten Regionen noch: So ist der Osten des katholischen Kantons Freiburg gebirgiger, und der Südwesten des protestantischen  Waadtlandes grenzt an Frankreich, den Kanton Genf oder aber den Genfer See. Diese verbleibenden Unterschiede lassen sich aber durch ein „Spatial Regression Discontinuity Design“ entfernen: Indem nur Gemeinden nahe der historischen Religionsgrenze untersucht werden und für die Distanz zur Grenze kontrolliert wird, isoliert diese Methode nur die Faktoren, die sich „diskontinuierlich“ mit dem Überschreiten der historischen Grenze ändern. Wie umfassende Prüfungen zeigen, sind etwaige verzerrende Faktoren wie Klima, Geographie oder Sprache konstant (deutschsprachige Gemeinden wurden für die Schätzung nicht verwendet) allesamt auf beiden Seiten der Grenze statistisch identisch, der Anteil der Protestanten unter den Christen aber steigt noch heute um fast 70 Prozentpunkte.

Eine mögliche bleibende Verzerrung ergibt sich einzig aus der Tatsache, dass die beiden Regionen später zu verschiedenen Kantonen der heutigen Schweiz wurden. Damit könnten etwaige Unterschiede im heutigen Abstimmungsverhalten auch noch die Folge späterer Einflüsse sein, die nur einen aber nicht beide Kantone betrafen. Um auch das zu überprüfen, analysieren wir separat die Gemeinden des Bezirks Murten: Dieser befindet sich zwar im ansonsten mehrheitlich katholischen heutigen Kanton Freiburg; weil es neben Echallens-Orbe und Grandson Schauplatz einer grossen Burgunderschlacht war, wurde es jedoch als „Gemeine Herrschaft“ von Freiburg und Bern gemeinsam kontrolliert und entwickelte in der Folge trotz seiner späteren Zugehörigkeit zum Kanton Freiburg einen signifikanten Protestantenanteil. Ein separater Vergleich dieses teilweise protestantischen Bezirks Murten mit anderen, gleichfalls deutschsprachigen aber katholischen Gemeinden des selben Kantons zeigt hier die selben Abstimmungsmuster wie der Vergleich über die heutige Kantonsgrenze hinweg und stützt damit die Interpretation, dass die Abstimmungsunterschiede tatsächlich Folge der unterschiedlichen Religionen und nicht anderer kantonsspezifischer Effekte sind.

Ergebnisse

Überquert man nun die heutige Kantonsgrenze, so ändert sich mit dem Anteil der Protestanten schlagartig auch das Abstimmungsverhalten: So liegt die Unterstützung für Vorschläge zu kürzeren Arbeitszeiten auf Freiburger Seite um durchschnittlich acht Prozentpunkte höher als jenseits der Grenze, die Unterstützung für Umverteilung um fünf und die für mehr Regulierung um vier Prozentpunkte  (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: Religion und Präferenzen

Die Ergebnisse zeigen, dass Kultur die institutionelle Entwicklung eines Landes beeinflussen kann. Diese Ergebnisse lassen sich nicht als «gut» oder «schlecht» einstufen: Vielmehr können erst mit gegebenen Präferenzen wirtschaftspolitische Ergebnisse wie das Durchschnittseinkommen, Ungleichheit oder wirtschaftliches Risiko bewertet werden. Damit werden auch die Vorteile eines föderalen Systems deutlich, in dem kulturell unterschiedliche Regionen die Freiheit haben, unterschiedliche wirtschaftspolitische Entscheidungen zu treffen – ob zu Themen der Regulierung, der Umverteilung, oder auch der Arbeitszeit. Natürlich müssen sie dann auch die Konsequenzen ihrer Entscheidungen tragen.

Literatur

Basten, Christoph and Frank Betz: Beyond Work Ethic: Religion, Individual and Political Preference, forthcoming in American Economic Journal: Economic Policy.

Working Paper Version: KOF Working Papers, No. 309, August 2012[ a ].


  • 1  Die in diesem Artikel vertretenen Meinungen sind jene der Autoren und müssen nicht mit denjenigen der Europäischen Investitionsbank (EIB) übereinstimmen

©KOF ETH Zürich, 25. Okt. 2012

 
Religion, ökonomische und politische Präferenzen 3.50 5 10

Kommentare

Dieser Artikel hat 8 Kommentare.
  • Cuius pecunia, eius religio!

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    Da hätten wir ja auch dann einmal eine praktikable Lösung für die Eurokrise: Europa wird Zwangscalvinisiert!

  • Der Mensch ist, was er gesagt bekommt!

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    Bingo! Jetzt verstehen wir endlich warum das erzkatholische Bayern im wirtschaftlichen Niedergang begriffen ist und am Tropf des deutschen Länderfinanzausgleichs hängt! Der Mezzogiorno beginnt hinter Fulda!

  • Geld, Politik und Religion

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    Das Geld ist die grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung in einer arbeitsteiligen Zivilisation, und der Geldkreislauf der Volkswirtschaft ist so lebenswichtig wie der Blutkreislauf des Menschen. Der Zusammenbruch des Geldkreislaufs (Liquiditätsfalle) bedeutet das Ende der Zivilisation.

    Damit das "Geld, wie es (noch) ist" in Bewegung (im Umlauf) bleibt, werden heute zwei Mechanismen eingesetzt, die aber beide in ihrer Wirkung destruktiv sind und jede Volkswirtschaft mit mathematischer Präzision zerstören: das "Zuckerbrot" der Liquiditätsverzichtsprämie (Urzins) und die "Peitsche" der schleichenden Inflation.

    Für den Zinsgeldverleih muss der Urzins bezahlt werden, was zur systemischen Ungerechtigkeit der Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz (Privatkapitalismus) führt; und die schleichende Inflation ist erforderlich, um die als "Frieden" bezeichnete Zeitspanne von einem Krieg bis zum nächsten zu verlängern.

    Wer "Spitzenpolitiker" in einer Zinsgeld-Ökonomie (zivilisatorisches Mittelalter) spielen will, darf diese Zusammenhänge auf gar keinen Fall wissen; und wer ein von der "hohen Politik" anerkannter "Wirtschaftsexperte" sein will, darf auf gar keinen Fall wissen, was Geld ist: <a href="http://www.swupload.com//data/Geld-Geldmengen-Geldillusionen.pdf">Geld, Geldmengen und Geldillusionen</a>

    Damit die Marktwirtschaft für das arbeitende Volk unverständlich und auf jeden Fall kapitalistisch bleibt, sodass "Spitzenpolitiker", "Wirtschaftsexperten" und andere sinnfreie Existenzen weiterhin gut beschäftigt sind, gibt es noch heute die Religion (selektive geistige Blindheit gegenüber makroökonomischen Konstruktionsfehlern).

    Wer sich nicht einbildet, er wüsste schon was, kann hier weiterlesen: <a href="http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/10/geld.html">Geld</a>

  • Geld, Politik und Religion

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    Das Geld ist die grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung in einer arbeitsteiligen Zivilisation, und der Geldkreislauf der Volkswirtschaft ist so lebenswichtig wie der Blutkreislauf des Menschen. Der Zusammenbruch des Geldkreislaufs (Liquiditätsfalle) bedeutet das Ende der Zivilisation.

    Damit das "Geld, wie es (noch) ist" in Bewegung (im Umlauf) bleibt, werden heute zwei Mechanismen eingesetzt, die aber beide in ihrer Wirkung destruktiv sind und jede Volkswirtschaft mit mathematischer Präzision zerstören: das "Zuckerbrot" der Liquiditätsverzichtsprämie (Urzins) und die "Peitsche" der schleichenden Inflation.

    Für den Zinsgeldverleih muss der Urzins bezahlt werden, was zur systemischen Ungerechtigkeit der Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz (Privatkapitalismus) führt; und die schleichende Inflation ist erforderlich, um die als "Frieden" bezeichnete Zeitspanne von einem Krieg bis zum nächsten zu verlängern.

    Wer "Spitzenpolitiker" in einer Zinsgeld-Ökonomie (zivilisatorisches Mittelalter) spielen will, darf diese Zusammenhänge auf gar keinen Fall wissen; und wer ein von der "hohen Politik" anerkannter "Wirtschaftsexperte" sein will, darf auf gar keinen Fall wissen, was Geld ist:

    http://www.swupload.com//data/Geld-Geldmengen-Geldillusionen.pdf

    Damit die Marktwirtschaft für das arbeitende Volk unverständlich und auf jeden Fall kapitalistisch bleibt, sodass "Spitzenpolitiker", "Wirtschaftsexperten" und andere sinnfreie Existenzen weiterhin gut beschäftigt sind, gibt es noch heute die Religion (selektive geistige Blindheit gegenüber makroökonomischen Konstruktionsfehlern).

    Wer sich nicht einbildet, er wüsste schon was, kann hier weiterlesen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/10/geld.html

  • Kein Titel

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    @freiwirtschaftler: was soll man denn von Ihren inhaltsleeren Aussagen halten?

    Wenn an dem heutigen Geld etwas ineffizient sein sollte, und es tatsächlich untergeht, so wird es ein neues Geld als Nachfolger geben. Es geht immer weiter. Derartige Weltuntergangspropheterie erachte ich als ziemlich albern. Kommt sie meist doch von Leuten, die keine Ahnung von den gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen haben. Also quasi ohne Medizinstudium sich in den OP-Saal stellen und am offenen Herzen operieren.

    Natürlich sollte eine Marktwirtschaft kapitalistisch bleiben, sichert sie doch das Eigentumsrecht am Produktionskapital. Das Gegenteil dazu wäre der Sozialismus, und dieser ist erfahrungsgemäß abzulehnen. Wo sehen Sie also das Problem?
    Im Übrigen ist mir nicht klar, wie willkürlich oder erhaben Sie bestimmte Personengruppen unter dem Begriff "arbeitendes Volks" subsummieren und andere nicht...??!!??

  • Kein Titel

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    @ Franke

    Ihr Verständnisproblem besteht darin, dass Sie sich einbilden, Sie wüssten schon was.

    Vielleicht sollten Sie an dieser Stelle mit dem Lernen anfangen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/09/von-den-drei-verwandlungen.html

  • Kein Titel

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    @Freiwirtschaftler:
    sie haben noch immer nicht erklärt, wie sie festlegen wer denn nun zum arbeitenden volk gehört, und wer nicht...
    zudem ist die freigeldlehre eher poetisch orientiert, denn wissenschaftlich. damit wird sie auch weiterhin nur belächelt - auch von mir. den freigeld-anhängern mangelt es offensichtlich an der fähigkeit zum strukturierten denken. die sonstige allg. kritik am freigeld-irrtum brauch ich wohl nicht nochmals zusammenfassen. personen mit einer ökonomischen (grund-)ausbildung sollten durchaus selbständig in der lage sein, die denkfehler der freigeld-anhänger zu entdecken.
    mit ihrem statement:"...Zusammenbruch des Geldkreislaufs = (Liquiditätsfalle)" zeigen sie, dass ihnen grundlegende kenntnisse des geldsystems fehlen.

  • Kein Titel

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    "...kritik am freigeld..."

    ...gibt es nicht, sondern nur mehr oder weniger naive Vorurteile und Denkfehler, die bis heute wiederholt werden, auch wenn sie schon 1916 widerlegt waren. Die tiefere Ursache dafür ist die Religion (selektive geistige Blindheit gegenüber makroökonomischen Konstruktionsfehlern):

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/07/der-zins-mythos-und-wahrheit.html

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