Drehtüre zwischen Politik und Wirtschaft: Eine Quelle für Interessenskonflikte?

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Simon Lüchinger und Christoph Moser, 27. Sept. 2012
Drehtüre zwischen Politik und Wirtschaft: Eine Quelle für Interessenskonflikte? 4.04 5 27

Der Präsidentschaftswahlkampf in den Vereinigten Staaten ist in vollem Gange.[ 1 ] Wer auch immer das Rennen im November für sich entscheiden kann, eine Herausforderung ist ihm gewiss: Die Spitzenpositionen in der Verwaltung müssen neu besetzt werden. Bei diesen politischen Ernennungen wird regelmässig auch auf Experten aus der Wirtschaft zurückgegriffen. Fragen bezüglich möglicher Interessenskonflikte sind dann unausweichlich. Immer wieder erfolgen Bestellungen in ein Ministerium aus Unternehmen, die unter dessen Aufsicht stehen oder die sich vom Ministerium öffentliche Aufträge erhoffen. So hat zum Beispiel Präsident Obama ironischerweise am selben Tag, an dem er die Regeln gegen Lobbyisten in der Regierung verschärfte, mit William J. Lynn III einen hochrangigen Manager des Rüstungskonzerns Raytheon zum Vizeverteidigungsminister ernannt. Und obwohl die “Drehtüre” zwischen Wirtschaft und Politik schon lange schwingt, gibt es erstaunlich wenige Erkenntnisse zu deren Auswirkungen. Es kann oft nur spekuliert werden, ob Firmen tatsächlich von politischen Verbindungen profitieren.

Schützen starke Institutionen vor Bevorzugung?

Politische Mitarbeiter können ihre ehemaligen Arbeitgeber bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen bevorzugen. Oder sie handeln in der Regulierung oder bei Entscheidungen zu Firmenzusammenschlüssen in deren Sinne. Auch indirekte Einflussnahme für ehemalige Arbeitgeber kann durch langfristige strategische Richtungsentscheidungen oder durch besseren Zugang zu Informationen oder wichtigen Entscheidungsträgern erfolgen. Gleichzeitig sind eine Reihe von institutionellen Vorkehrungen gegen Interessenskonflikte in Kraft. Diese reichen von sehr spezifischen Ethikrichtlinien über Kongressausschüsse bis hin zu einer wachsamen, freien Presse.

Trotz alledem bleiben Fragezeichen hinsichtlich der Effektivität dieser Vorkehrungen. Politische Mitarbeiter erhalten des Öfteren Ausnahmeregelungen oder halten sich schlicht nicht an die Richtlinien. Immer wieder treffen politische Mitarbeiter Entscheidungen mit unmittelbaren Konsequenzen für ihre früheren Arbeitgeber. So beschwerte sich beispielsweise Senator Al Gore darüber, dass Gerald Cann in seiner Funktion bei der Navy über die Beschaffung eines Waffensystems entschied, das er zuvor bei seinem ehemaligen Arbeitgeber General Dynamics mitentwickelt hatte: “It is a little wrong to be involved with a weapon system [in industry] and then be put in charge of deciding [at the Department of Defense] what system will replace the one that’s performing the mission now” (zitiert in Aerospace Daily, 1991). Es ist somit eine empirische Frage, ob Unternehmen aus ihren politischen Verbindungen einen Nutzen ziehen oder nicht.

Der Wert der Drehtür

Wie kann der Wert der Drehtür für die betroffenen Unternehmen gemessen werden? Das ist nicht einfach, weil die Vorteile von politischen Verbindungen unterschiedliche Formen annehmen können und sie sich zum Teil erst über die Zeit entfalten. Zudem sind politische Verbindungen natürlich nur einer von vielen möglichen Erfolgsfaktoren für eine Firma. Schliesslich ziehen erfolgreiche Firmen die besten Personen an, die auch eher auf der Kandidatenliste für politische Ernennungen landen. Eine Möglichkeit diese Identifikationsprobleme zu umschiffen, bieten Finanzmarktdaten: Aktienkurse reagieren umgehend auf die Bekanntgabe politischer Ernennungen. Dies macht es einfacher, Ursache und Wirkung voneinander zu trennen. Des Weiteren stellen Aktienkursreaktionen ein umfassendes Mass für die erwarteten Vorteilen aus der politischen Verbindungen dar.

Fisman et al. (2006) untersuchen auf ähnliche Weise die Aktienmarktreaktionen auf wichtige Nachrichten zu Vizepräsident Dick Cheney und dessen Gesundheit. Betrachtet werden dabei die Aktienmarktreaktionen von Firmen mit Cheney oder anderen Halliburton Aufsichtsratsmitgliedern im Aufsichtsrat. Fisman et al. (2006) finden keinen Nachweis für die Vorteilhaftigkeit der Nähe zu Cheney. Im Gegensatz dazu messen Acemoglu et al. (2010) sehr starke Aktienmarktreaktionen auf die Nachricht der Bestellung von Timothy Geithner zum Finanzminister. Die Aktien von Unternehmen der Finanzbranche, die ihm aufgrund von persönlichen Kontakten oder aufgrund seiner Tätigkeit als Chef der New Yorker Fed nahe standen, stiegen überproportional an. Die empirischen Erkenntnisse zum Wert von politischen Verbindungen in den Vereinigten Staaten sind somit uneindeutig. Wichtiger noch, beide Studien sind nicht primär an der Drehtür, sondern an anderen Arten der politischen Vernetzung interessiert.

Wir konzentrieren uns in einer aktuellen Studie (Luechinger und Moser 2012) auf die Messung des Wertes der Drehtür in den Vereinigten Staaten. Unsere Analyse beruht dabei auf einzigartigen Daten zu Firmenverbindungen und Bekanntgaben von allen vom Senat zu bestätigenden politischen Bestellungen ins Verteidigungsministerium in den letzten 20 Jahren. Unsere Resultate zeigen, dass Investoren erwarten, dass Unternehmen von dieser Art von politischer Verbindung profitieren werden. Die positiven “abnormalen” Renditen betragen 0.82% und 0.84% über ein Ein- und Zweitagesfenster.

Anders ausgedrückt, die Aktien von “vernetzten” Unternehmen steigen stärker an, als dies unter normalen Umständen erwartet werden würde. Diese Ergebnisse sind nicht von Ausreissern, volatilen Aktien oder industrieweiten Marktbewegungen getrieben. Zudem finden sich für dieselben Firmen keine positiven abnormalen Renditen an Tagen an denen es keine politische Bestellung gab (Placebo-Ereignisse). Die positiven Aktienmarktreaktionen sind zudem ausgeprägter, wenn die Bestellung eine Topposition im Ministerium betrifft oder wenn sie relativ überraschend erfolgt. Abbildung 1 zeigt den zeitlichen Verlauf der kumulierten abnormalen Renditen während der vier Handelswochen vor und nach der Bekanntgabe von politischen Ernennungen. Die durchgezogene Linie bezieht sich auf das Hauptergebnis aller politischen Bestellungen und die gestrichelte Linie auf diejenigen Bestellungen, die überraschender waren.

Abbildung 1: Kumulierte Abnormale Renditen vor und nach der Bekanntgabe von politischen Bestellungen

Quelle: Luechinger und Moser (2012)

Schlussfolgerungen

Unsere Ergebnisse bestätigen, was Politiker, Journalisten und Vertreter von Nichtregiergungsorganisationen schon länger befürchten: Der Verdacht von Interessenskonflikten scheint nicht unbegründet zu sein. Das bedeutet aber nicht, dass die Besetzung von wichtigen Positionen in der Verwaltung mit Personen aus der Privatwirtschaft zwangsläufig schlecht ist. Unsere Studie belegt einen wichtigen Nachteil, schweigt aber zu den möglichen Vorteilen. Es ist auch unklar, ob eine Verschärfung von Ethikrichtlinien wirklich zielführend wäre. Die Kosten der Einhaltung der bestehenden Richtlinien sind bereits beträchtlich. Eine Verschärfung der Richtlinien steht aber sowieso nicht bevor. Im Gegensatz zur letzten Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten, kandiert keiner der beiden Präsidentschaftsanwärter mit dem Versprechen einen Türstopper in die Drehtür zu legen.

Literatur

Acemoglu, Daron, Simon Johnson, Amir Kermani, James Kwak, und Todd Mitton (2010), “The Value of Political Connections in the United States,” mimeo, Harvard University.

Aerospace Daily, “Navy Official Denies Conflict of Interest with Tomahawk Variant,” June 10, 1991.

Fisman, David, Ray Fisman, Julia Galef, und Rakesh Khurana (2006), “Estimating the Value of Connections to Vice-president Cheney,” mimeo, Columbia University.

Luechinger, Simon und Christoph Moser (2012), “The Value of the Revolving Door: Political Appointees and the Stock Market,” KOF Working Papers No. 310 and CESifo Working Paper No. 3921.


  • 1  Dieser Beitrag erscheint gleichzeitig in sehr ähnlicher Form auf Englisch bei Vox.

©KOF ETH Zürich, 27. Sep. 2012

 
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Aktienkurs, Interessenskonflikte

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