Demokratie extrem

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Martin GassebnerMichael J. Lamla und James Raymond Vreeland, 10. Aug. 2012
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Die arabische Welt erlebt eine starke Demokratisierungsbewegung. Unter welchen Bedingungen Demokratien allerdings entstehen bzw. bestehen bleiben, ist wissenschaftlich betrachtet eine noch ungelöste Frage, die schon lange auf der Forschungsagenda sowohl von Ökonomen als auch Politikwissenschaftlern ist. Der arabische Frühling hat diese Frage wieder in den Vordergrund gerückt.

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass es viele Vorteile bietet, in einer Demokratie zu leben. Bürgerinnen und Bürger, die in einer Demokratie leben, verfügen über höhere Einkommen und geniessen mehr Menschenrechte als Personen, die unter autoritären Regimen leben (Hathaway, 2003). Des Weiteren ziehen Demokratien nicht gegenseitig in den Krieg und gelten als gute Handelspartner (Russet und Oneal, 2001).

Eine  Demokratie scheint somit viele Vorzüge zu bieten, aber was sind die grundlegenden Kräfte, die dazu führen dass ein Land erst zu einer Demokratie wird? In Fachkreisen wurden bereits unzählige Determinanten vorgeschlagen und auch empirisch getestet. Von einem einheitlichen Bild kann aber keine Rede sein. Darüber hinaus ist es auch nicht klar, ob Faktoren, die die Demokratiebewegungen begünstigen, auch dazu führen, dass eine Demokratie fortbestehen kann.

Demokratie und Ökonomie

Die meisten ökonomischen Erklärungen für Demokratisierungsbewegungen gehen auf die Arbeit von Lipset (1959), oft als Vater der „Modernisierungstheorie“ bezeichnet, zurück. Seine Theorie besagt, dass die ökonomische Entwicklung zu immer komplexeren Sozialstrukturen führen, welche autoritäre Regime irgendwann überfordern. Ab einem Entwicklungsgrad kollabieren somit diese Regime und Demokratien entstehen. Przeworski et al (2000) sehen dies anders und argumentieren, dass die Entstehung von Demokratien nichts mit ökonomischer Entwicklung zu tun hat. Allerdings ist der Fortbestand eine Demokratie entscheidend von der ökonomischen Entwicklung abhängig. Przeworski (2005, 253) argumentiert, dass Demokratien bestehen bleiben, weil grosse Kosten damit verbunden wären das Regime zu wechseln. Der Gegenteil ist bei armen Demokratien der Fall. Es lohnt sich einen Staatsstreich zu begehen, da die Kosten durch die Zerstörung des Kapitalstocks relativ gering sind (Przeworski und Limongi 1997, 166). Somit entstehen Demokratien eher zufällig, ob sie überleben hängt allerdings entscheidend von der ökonomischen Entwicklung ab.

Wenn Demokratien allerdings eher zufällig entstehen, warum haben wir so lange Zeit so wenige demokratischen Staaten im Nahen Osten gesehen? Damit konfrontiert, bemühen diverse Wissenschaftler den Kulturalistenansatz. Dieser besagt, dass der Islam generell nicht kompatibel sei mit Demokratie. Andere Beobachter wiederum argumentieren, dass Bodenschätze, wie z.B. Öl, das grundlegende Problem seien. Ross (2012) sagt, dass autokratische Regime durch die hohen Gewinne aus dem Verkauf der Ressourcen niedrige Steuern sowie hohe Staatssausgaben anbieten, um ihre Macht zu erhalten. Demokratisierungsprozesse würden demnach durch einen „Ressourcenfluch“, d.h. eigentlich ein Überfluss an natürlichen Ressourcen, im Keim erstickt.

Ein weiterer Ansatz der Implikationen für den Nahen Osten hat, ist der Effekt der “Diffusion”. Gleditsch (2002) argumentiert in seinem Buch mit dem bestechenden Titel All (International) Politics Are Local, dass politische Regime in einem Land Verbindungen haben zu Regimen in Nachbarländern.  Diese Länder beeinflussen sich über Grenzen hinweg in politischer, kultureller und ökonomischer Hinsicht. Dies erklärt, warum wir beispielsweise in Europa ein „Demokratie-Cluster“ haben. Der Diffusionsansatz erklärt aber auch den Autokratie-Cluster im Nahen Osten und den jetzigen Umschwung, sowie Wellenbewegungen, die in den meisten lateinamerikanischen Ländern auftreten. Pevehouse (2005) argumentiert, dass internationale Organisationen in diesem Zusammenhang ebenfalls eine wichtige Rolle spielen könnten.

Die vielen Gesichter einer Demokratisierung

Diese kurze Übersicht zeigt, dass es viele Geschichten zu Demokratiebewegungen gibt und dass ein Konsens über die zentralen Determinanten von Entstehung und Fortbestand von Demokratien noch nicht erzielt wurde. In einer vor Kurzem veröffentlichten Studie (Gassebner et al. 2012[ a ]) nehmen wir eine ausführliche Bestandsaufnahme der Literatur vor. Insgesamt identifizieren wir 59 Determinanten, die vorgeschlagen wurden, Demokratisierungsprozesse zu beeinflussen. Diese Faktoren testen wir anschliessend gegeneinander in einer Vielzahl von Regressionsmodellen. Unser Ansatz ist dabei extrem: Wir evaluieren 1.7 Millionen Regressionen in Bezug auf das Entstehen von Demokratien und über 1.4 Millionen Regressionen in Bezug auf das Überleben von Demokratien. Wir bedienen uns dabei der Methode der “Extreme Bound Analysis (EBA)”. Mit der EBA analysieren wir alle möglichen Dreier-Kombinationen unter den 59 Variablen (wie in Levine and Renelt 1992). Die Grundidee dahinter lautet: Wie stabil ist das statistische Verhalten einer gegebenen Variable, wenn man reihum für alle jemals vorgeschlagenen anderen Variablen kontrolliert?

Das zentrale Ergebnis unsere Studie ist, dass die meisten in der Literatur vorgeschlagenen Bestimmungsgrössen die EBA statistisch gesehen nicht überstehen, obwohl die allermeisten dieser Variablen in den jeweiligen Studien theoretisch fundiert und auch empirisch getestet wurden. Wie ist das möglich? Wenn wir den extremen Massstab der EBA anlegen, bei der jede Variable sich gegen eine grosse Menge von anderen Variablen „durchsetzen“ muss, überleben wenigsten. Das impliziert nicht, dass die bestehenden Studien fehlerhaft sein müssen. Wie gesagt, die meisten der von uns untersuchten Variablen waren in ihrem jeweiligen Modellrahmen statistisch signifikant. Wir hingegen konzentrieren uns auf die einfache reduzierte Form einer Regression. Einige Variablen sind auch einfach nur schlechte Proxyvariablen für ein theoretisch wichtiges, aber schwer zu quantifizierendes Konzept (z.B. kultureller Hintergrund).

Nichtsdestotrotz „überleben“ einige Faktoren unseren extremen Ansatz. In Bezug auf das Entstehen von Demokratien zeigt sich, dass wirtschaftliches Wachstum einen robusten negativen Effekt aufweist. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit des Zusammenbrauchs einer Autokratie umso kleiner ist, je stärker sie wächst. Dies widerspricht der allgemein anerkannten Modernisierungstheorie komplett, die ja das genaue Gegenteil vorhersagt. Ebenfalls im Widerspruch zu dieser Theorie, aber im Einklang mit Przeworski et al. (2000) zeigt sich, dass das Level des BIP keine statistische Rolle bezüglich des Entstehens einer Demokratie spielt.  Weiter finden wir einen demokratiefördernden Effekt der OECD. Dabei ist diese Beziehung nicht tautologisch, wie man meinen könnte: 5 Mitgliedstaaten sind als Autokratien eingetreten und haben eine Demokratisierung erst im Laufe ihrer Mitgliedschaft vollzogen.

Öl und Religion

Vorherige Wechsel des politischen Systems begünstigen eine Demokratisierung. Es gibt also eine Art Lerneffekt für Regimewechsel. Zwei weitere der untersuchten 59 Variablen bestehen den EBA Test: die Benzin- und Ölexporte sowie der Anteil von Muslimen an der Bevölkerung. Im Zusammenspiel mit den oben genannten robusten Variablen verlieren diese beiden allerdings etwas an statistischer Bedeutung. Man kann auch davon ausgehen, dass dieser Effekt vom ölreichen Mittleren und Nahen Osten getrieben wird. Weiterführende Untersuchungen zeigen, dass der negative Effekt des Islams verschwindet, sobald man sich auf die islamischen Länder konzentriert, welche keine Ölexporteure sind.

Unter den Variablen, welche die Überlebenswahrscheinlichkeit einer Demokratie beeinflussen, sind zwei statistisch gesehen besonders wichtig. Zum einen das BIP als Mass der ökonomischen Entwicklung (positiver Effekt) und zum anderen vorherige Regimewechsel (negativer Effekt). Während das erste Resultat die Hypothese von Przeworski et al. (2000) untermauert, deutet das zweite Ergebnis darauf hin, dass das Erlernen von Regimewechseln in beide Richtungen funktioniert. Fortlaufende Wechsel führen also zu einer politischen Instabilität. Zwei weitere Variablen überstehen den EBA Test: ein Regierungschef mit militärischem (Führungs-)Hintergrund senkt die Überlebenswahrscheinlichkeit einer Demokratie, während das Vorhandensein von demokratischen Nachbarn diese steigert. Allerdings sind diese beiden Effekte nicht sehr stark, wenn man für bisherige Regimewechsel korrigiert, da sich diese Effekte überlagern.

Fazit: was zu tun – und zu lassen – bleibt

Es zeigt sich, dass es zwar viele logisch konsistente Theorien über die Demokratie gibt, allerdings nur wenige, robuste empirische Determinanten. Die unserem „extremen“ Ansatz standhaltenden Variablen dürften dabei eine wichtige Grundlage für zukünftige Untersuchungen liefern. Gleichzeitig zeigen unsere Resultate, dass die politischen Implikationen eher ernüchternd sind. Der Politik  stehen kaum Instrumente zur Verfügung, das Entstehen von Demokratien in anderen Ländern aktiv zu fördern. Dabei gilt insbesondere, dass Investitionen in Diktaturen – welche ja Wachstum vorantrieben – nicht dazu führen werden, dass diese Regime zusammenbrechen. Unsere Ergebnisse deuten sogar auf das genaue Gegenteil hin. Eine Möglichkeit hingegen, Demokratiebewegungen zu fördern, besteht darin, jungen, sich gerade formenden Demokratien zu Wachstum zu verhelfen, um zu verhindern, dass sie wieder zu Autokratien werden.

Angewandt auf die aktuelle Situation rund um den Maghreb und den Nahen Osten zeigen unsere Ergebnisse also, dass die internationale Staatengemeinschaft helfen sollte, wirtschaftlichen Erfolg sicherzustellen. Allerdings ist der Grad der ökonomischen Entwicklung wichtig, um das Überleben einer Demokratie zu sichern – und nicht kurzzeitiges Wachstum. Daher ist eine langfristige ökonomische Zusammenarbeit mit diesen jungen Demokratien wichtig, wenn man ihnen dabei helfen möchte, auf einem demokratischen Pfad zu bleiben.

Literatur

Gassebner, Martin, Michael J. Lamla, James R. Vreeland (2012). Extreme Bounds of Democracy. Journal of Conflict Resolution[ a ], im Druck.

Gleditsch, Kristian Skrede (2002). All International Politics is Local: The Diffusion of Conflict, Integration, and Democratization. University of Michigan Press, Ann Arbor.

Hathaway, Oona (2003). The Cost of Commitment. Stanford Law Review 55:1821–1862.

Levine, Ross and Daniel Renelt (1992). A Sensitivity Analysis of Cross-county Growth Regressions. American Economic Review 92:942–963.

Lipset, Seymour Martin (1959). Some Social Requisites of Democracy: Economic Development and Political Legitimacy. American Political Science Review, 53:69–105.

Pevehouse, Jon C. (2005). Democracy from Above. New York: Cambridge University Press.

Przeworski, Adam (2005). Democracy as an equilibrium. Public Choice, 123:253–273.

Przeworski, Adam, Michael Alvarez, José Antonio Cheibub, and Fernando Limongi (2000). Democracy and Development. Cambridge University Press, New York

Przeworski, Adam and Fernando Limongi (1997). Modernization: Theories and facts. World Politics 49:155–183.

Ross, Michael L. (2012). The Oil Curse. Princeton, NJ: Princeton University Press.

Russett, Bruce and John R. Oneal (2001). Triangulating Peace. New York: W. W. Norton.

©KOF ETH Zürich, 10. Aug. 2012

 
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arabischer-Frühling, Autokratie, Demokratie, Transformation

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