Die Krise, die Banken und ihre Kreditvergabe im Ausland

Breites Deleveraging oder strategische Anpassung an neue Risiken?

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Cornelia DüwelRainer Frey und Alexander Lipponer, 20. Juli 2012
Die Krise, die Banken und ihre Kreditvergabe im Ausland 4.17 5 6

Nachdem es durch die Integration der internationalen Finanzmärkte zu einer deutlichen Ausweitung der grenzüberschreitenden Kreditvergabe gekommen war, änderten sich mit Beginn der Finanzkrise die Rahmenbedingungen für den grenzüberschreitenden Kapitalverkehr dramatisch. Die Neubewertung von makroökonomischen Risiken und die sich verändernde Risikobereitschaft im Bankensektor führten zu Anpassungen beim Kreditvergabeverhalten der Kreditinstitute. Die internationale Kreditvergabe stellt nicht nur für die multinationalen Banken selbst ein bedeutendes Geschäft dar, sondern ist auch essentiell für Länder, deren Realwirtschaft auf Kredite ausländischer Banken angewiesen ist. Ein detaillierteres Verständnis des Verhaltens multinationaler Banken in Krisenzeiten ist daher für die Einschätzung sowohl von bankspezifischen Risiken als auch der Stabilität der Kreditversorgung in Gastländern von zentraler Bedeutung.[ 1 ]

Geschäftsmodelle multinationaler Banken sehr heterogen

Gerade im Bankensektor war während der Finanzkrise eine große Heterogenität bei der Anpassung des Kreditgeschäfts im Zuge der Neueinschätzung von Risiken zu beobachten. Dies spiegelt die Vielfalt der Geschäftsmodelle in diesem Sektor wider.

Wir beschäftigten uns in zwei Forschungspapieren mit den Determinanten der Kreditvergabe deutscher multinationaler Banken an den ausländischen Privatsektor in den Jahren vor der Finanzkrise und arbeiten heraus, welche Faktoren seit dem Ausbruch der Krise ausschlaggebend für das Anpassungsverhalten waren. Dabei zeigt sich, dass sowohl bank- als auch länderspezifischen Faktoren eine Rolle spielen, wobei die bankspezifischen Faktoren in ihrer Bedeutung hervorragen.

Das Auslandsgeschäft deutscher Banken hängt stark von der individuellen Strategie ab: Einerseits werden Kredite direkt durch die deutsche Konzernmutter an ausländische Firmen vergeben. Andererseits versorgen vor allem große Banken wichtige Auslandsmärkte auch über Auslandsniederlassungen vor Ort. Wir unterscheiden zwischen beiden Kanälen und können so die strategische Anpassung bei beiden Arten der grenzüberschreitenden Kreditvergabe verfolgen. Dabei berücksichtigen wir explizit einen Aspekt, der in der bestehenden Literatur vernachlässigt wird, nämlich dass auch Auslandsniederlassungen (Töchter und Filialen) grenzüberschreitend aktiv sein können. So werden zum Teil ganze Ländergruppen von einem ausländischen Standort aus bedient. Erstmals für deutsche Banken wird außerdem auf die Bedeutung der bankinternen Finanzierung für Auslandsniederlassungen in Krisenzeiten und die daraus möglicherweise entstehende Konkurrenz um bankinterne Mittel eingegangen.

Die Analyse stützt sich ausschließlich auf transaktionsbedingte Veränderungen der Kreditportfolios der Banken. Dies schließt wechselkursbedingte Veränderungen sowie Abschreibungen aus. Beides hat im Untersuchungszeitraum wesentlich zur Bestandsentwicklung beigetragen, spiegelt jedoch nicht die strategischen Investitionsentscheidungen der Banken wider.

Angebotsseitige Faktoren geben den Ausschlag für Anpassungen

Unsere Ergebnisse zeigen, dass Angebotsfaktoren auf Seiten der deutschen Banken eine herausragende Rolle für die Kreditvergabe an den ausländischen Privatsektor spielen. Dabei sind insbesondere bankspezifische Charakteristika ausschlaggebend. Allem voran haben Risiken innerhalb eines Bankkonzerns großen Einfluss auf die Auslandskreditvergabe. Steigt die Risikoaversion einer Bank, wie dies vor allem nach der Insolvenz von Lehman Brothers zu beobachten war, dann verringert dies die grenzüberschreitende Kreditvergabe. Wir zeigen, dass Risikoindikatoren wie Kernkapitalquoten, verschärfte Kreditvergabestandards und höhere Zinsmargen im Inland einen negativen Einfluss auf die Auslandskreditvergabe haben. Jedoch ist zu beobachten, dass bei Banken mit hohem Kernkapital relativ zu den risikogewichteten Aktiva eine weitere Ausweitung der Eigenkapitalbasis keine negativen Folgen für die Kreditvergabe hat. Dies könnte darauf hindeuten, dass solche Banken in Krisenzeiten lediglich Stabilität im Markt signalisieren wollen.

Die Niederlassungen deutscher Banken im Ausland haben seit dem einschneidenden Ereignis der Lehman-Pleite ihre Kreditvergabe an den ausländischen Privatsektor stabil gehalten, wenn sie vor Ort Einlagen generierten und eine hohe Profitabilität aufwiesen. Ein zentrales Ergebnis hierbei ist, dass dies nicht nur für lokale Auslandsniederlassungen, sondern auch für Niederlassungen derselben Bank gilt, die grenzüberschreitend die Kreditvergabe in das betreffende Land vornahmen. Dagegen schränkten Auslandsniederlassungen ihre Kreditvergabe ein, wenn sie in großem Umfang auf kurzfristige Kapitalmarktfinanzierung (durch Geldmarktpapiere und vor allem Interbankkredite) vertrauten.

Niederlassungen der Bank vor Ort reagieren stärker auf Nachfragefaktoren

Nachfrage- und Risikoentwicklungen vor Ort sind für die grenzüberschreitende Kreditvergabe deutscher Banken nur eingeschränkt relevant. Dies unterstreicht deren starke Position in Bezug auf die Finanzierung heimischer Unternehmen, während das Auslandsgeschäft eine zumeist nur ergänzende Rolle spielt. Unterhält jedoch eine deutsche Bank Niederlassungen im Ausland, über die sie wichtige Teile ihres Auslandsgeschäfts abwickelt, so reagiert die Kreditvergabe des Konzerns stärker auf makroökonomische Entwicklungen der Länder (etwa gemessen an den Bruttoanlageninvestitionen), sowie auf Risikoaspekte, beispielsweise auf die Volatilität der Aktienmärkte. Mit Blick wiederum auf die direkte grenzüberschreitende Kreditvergabe der Muttergesellschaften können wir feststellen, dass international agierende Banken während der Finanzkrise ihre Möglichkeit nutzten, grenzüberschreitende Kredite teilweise umzuschichten. Die Kreditvergabe deutscher Mutterkonzerne sank stärker in Ländern, deren Wirtschaftswachstum hinter dem durchschnittlichen Wachstum der anderen Zielländer zurückblieb, in denen die jeweilige Bank ebenfalls engagiert war.

Bedeutung der bankinternen Finanzierung und zunehmende Priorisierung des Heimatmarktes in der Krise

Im Vergleich zum Gros der US-amerikanischen oder der anderen europäischen Bankkonzerne finanzieren sich die Auslandsniederlassungen deutscher Banken stärker über den internen Kapitalmarkt ihrer Bank. Während der Finanzkrise nahmen die innerhalb eines Bankkonzerns zur Verfügung stehenden Mittel jedoch tendenziell ab. Wir können zeigen, dass die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Auslandsniederlassungen einer Bank um bankinterne Mittel während der Finanzkrise die Kreditvergabe der Niederlassungen gebremst hat. Bei Betrachtung eines bestimmten Ziellandes wird deutlich, dass Auslandsniederlassungen, die lokal aktiv sind und sich gegenseitig nicht grenzüberschreitend bei der Kreditversorgung ihrer jeweiligen Märkte unterstützen, zunehmend im Wettstreit um interne Mittel stehen, die vom deutschen Mutterinstitut bereitgestellt werden. Je mehr die Auslandsniederlassungen auf bankinterne Finanzierung zurückgreifen, desto abhängiger werden sie außerdem von einer stabilen Einlagenfinanzierung und langfristiger Kapitalmarktfinanzierung (Schuldverschreibungen und Interbankkredite) ihrer Muttergesellschaft.

Die enge finanzielle Verflechtung zwischen den Konzernteilen beeinflusst auch das Verhältnis zwischen Auslands- und Inlandskreditvergabe. Das Auslandsgeschäft entwickelte sich seit 2002 zumeist parallel zur Kreditvergabe an den heimischen Privatsektor. Nach der Lehman-Insolvenz im Herbst 2008 wurden die Auslandskredite jedoch gedrosselt, während die Kreditvergabe im Inland eher stagnierte. Wie beobachten, dass die vor der Finanzkrise vorherrschende parallele Entwicklung seit der Lehman-Pleite zunehmend verschwindet, je größer der Anteil der bankinternen Mittel am Finanzierungsportfolio einer Auslandsniederlassung im entsprechenden Zielland ist. In diesem Fall stellt demnach die Stabilisierung der Kreditvergabe an den Heimatmarkt durch das Mutterinstitut einen limitierenden Faktor für die Auslandskreditvergabe dar.

Fazit

Im Zuge der Diskussion um ein mögliches Deleveraging multinationaler Banken außerhalb ihres Heimatmarktes rückt das Verhalten ihrer Auslandsniederlassungen zunehmend in den Blick. In vielen kleineren Volkswirtschaften sind sie wichtige Kreditgeber der Realwirtschaft, zugleich aber auch Teil des globalen Finanzierungsmanagements der jeweiligen Bank, die selbst auch grenzüberschreitend Kredite vergibt. Stärkere Abhängigkeit einer Auslandsniederlassung von bankinterner Finanzierung kann in Krisenzeiten negative Auswirkungen auf deren Kreditgeschäft haben. Dagegen führt solide Einlagenfinanzierung vor Ort und hohe Profitabilität zu stabiler Kreditversorgung in Krisenzeiten. Die Anpassung grenzüberschreitender Aktivitäten durch deutsche multinationale Banken erfolgte während der Finanzkrise eher aufgrund bankspezifischer Faktoren. Im Falle der besonderen strategischen Bedeutung eines Auslandsmarktes für eine Bank, beispielsweise in Form von Niederlassungen, ist aber mit einem stabilen Engagement und stärkerer Orientierung an der lokalen Nachfrage durch diese Bank zu rechnen. Die Versorgung einer Volkswirtschaft mit Krediten lokaler Niederlassungen gebietsfremder Banken ist demnach aus Sicht der Gastländer gegenüber der Finanzierung aus der Ferne durch die im Ausland befindliche Muttergesellschaft vorzuziehen. Dies kann für das Land als Argument dienen, Direktinvestitionen ausländischer Banken zu fördern.

Literatur

Düwel, C., R. Frey, A. Lipponer (2011). Cross-border bank lending, risk aversion and the financial crisis. Discussion Paper, Series 1, Economic Studies, No 29/2011, Economic Research Centre, Deutsche Bundesbank.

Düwel, C., R. Frey (2012). Competition for internal funds within multinational banks: Foreign affiliate lending in the crisis. Discussion Paper No 19/2012, Economic Research Centre, Deutsche Bundesbank, forthcoming.


  • 1  Der Beitrag spiegelt die persönliche Auffassung der Autoren und nicht notwendigerweise die der Deutschen Bundesbank wider.

©KOF ETH Zürich, 20. Jul. 2012

 
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    drei Fragen
    1. warum sind Multis wichtige Kreditgeber und nicht einheimische banken?
    2. was passiert, wenn multis ihre krisen haben?
    3. Warum soll ein Land Direktinvestitionen fördern?
    4. Worauf will die Autorin überhaupt hinaus?

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Autoren

Cornelia Düwel

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Rainer Frey

Rainer Frey

Alexander Lipponer

Alexander Lipponer

Schlagworte

Banken, bankinterne-Finanzierung, Finanzkrise, Grenzüberschreitende-Kreditvergabe, Konzernstruktur

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