Wie beurteilen Ökonomen die europäische Schuldenkrise? – Eine Umfrage

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Andres FrickAndrea LassmannHeiner MikoschStefan Neuwirth und Theo Süllow, 18. Juni 2012
Wie beurteilen Ökonomen die europäische Schuldenkrise? – Eine Umfrage 3.67 5 3

Rund um die ökonomische Krise in Europa debattiert die Öffentlichkeit eine Reihe von Fragen: Wird der Euroraum in seiner derzeitgen Form überleben? Sollte die Europäische Zentralbank (EZB) einen aktiveren Part bei der Bekämpfung der Krise übenehmen? Sind fiskalische Konsolidierungen der richtige Weg in der gegenwärtigen Situation? Wie können die makrökonomischen Ungleichgewichte im Euroraum abgebaut werden? Wann wird Europa aus der Rezession herausfinden? Wir haben diese und andere Fragen den Mitgliedern der Vereinigung der Europäischen Wirtschaftsforschungsinstitute (AIECE) vorgelegt. Die AIECE umfasst 36 unabhängige Wirschaftsforschungsinstitute aus 21 europäischen Ländern.[ 1 ]

Die Wahlen in Griechenland vom 6. Mai 2012 liess Parteien erstarken, die die Reformprogramme ablehnen und belebten damit die Ängste vor einem Euro-Austritt Griechenlands erneut. Sogar die EZB liess erstmals die Möglichkeit eines Austritts verlauten. Doch das Risiko eines Austritts aus dem Euroraum bestand bereits vor den Wahlen. Die AIECE Institute wurden im März nach ihrer Beurteilung der Austrittswahrscheinlichkeit für Griechenland befragt. Dabei verwendeten die Ökonomen den Stand vor den Wahlen als Entscheidungsgrundlage. Wie die Kernel Dichte in Abbildung 1 zeigt, wurde diese im April als eher tief beurteilt. Als Grund dafür wurden mehrheitlich die hohen Kosten eines solchen Austritts für Griechenland wie auch die Eurozone angegeben. Gemäss einem Institut würde die Verbesserung der Aussichten für Portugal, Spanien und Italien die Ausstiegswahrscheinlichkeit erhöhen, da ein solches Szenario das Ansteckungsrisiko mildern und den Anreiz zur Unterstützung Griechenlands senken würde. Jedoch war die Streuung bei Schätzungen, die zwischen 0% und 80% liegen, hoch.

Abbildung 1: Euro-Austrittswahrscheinlichkeit für Griechenland, Kerneldichte

Quelle: AIECE Institute.

Zudem wurden die AIECE Institute gebeten, die Wahrscheinlichkeit eines Schuldenschnitts für Portugal zu schätzen. Die Kerneldichte in Abbildung 2 zeigt, dass das Risiko als beträchtlich angesehen wurde. Auch hier war die Streuung der Schätzungen, die zwischen 0% und 90% liegen, hoch.

Abbildung 2: Schuldenschnittwahrscheinlichkeit für Portugal, Kerneldichte

Quelle: AIECE Institute.

Angesichts der vorliegenden Risiken wurden die AIECE Institute nach ihrem bevorzugten Szenario zur Lösung der europäischen Schuldenkrise befragt. Laut Abbildung 3 befürwortet die Mehrheit der Institute eine stärkere Beteiligung der europäischen Institutionen. Darunter befinden sich neun Institute, die eine Fiskalunion favorisieren, während der aktuelle Fiskalpakt nur von fünf Instituten genannt wird. Vier Institute betonen die Notwendigkeit flexiblerer Austeritätsprogramme, die derzeit auch in der politischen Öffentlichkeit Griechenlands, Frankreichs und des Vereinigten Königreichs thematisiert wird. Zusätzlich wurden die Institute nach einer Beurteilung der Rolle der EZB für die Lösung der Krise. Zwei Institute gaben die Beteiligung als zu hoch an, während 11 Institute diese als ausreichend und 10 Institute diese als unzureichend beurteilten.

Abbildung 3: Szenarien zur Lösung der Europäischen Schuldenkrise

Quelle: AIECE Institute.

Die von den Instituten erfragte Schätzung, welche Massnahmen die europäischen Regierungen in den Jahren 2012 und 2013 zur Haushaltskonsolidierung unternehmen werden, ist deshalb mit Unsicherheiten behaftet, weil derartige Massnahmen häufig kaum zu quantifizieren sind und die Institute beurteilen mussten, inwieweit die geplanten Programme letztlich auch umgesetzt werden dürften. Es zeigen sich hier grosse Unterschiede innerhalb Europas. Italien geht bei der Konsolidierung des Budgets am ambitioniertesten vor, obschon andere Länder unter einem noch höheren Druck der Anleihemärkte stehen. Von Finnland, Deutschland und Norwegen wird andererseits erwartet, dass sie nur kleine oder eventuell gar keine Konsolidierungspakete schnüren. Interessanterweise erweist sich das griechische Konsolidierungsprogramm als weniger ehrgeizig als das italienische oder das irische Programm; es entspricht lediglich dem Durchschnitt für den Euroraum. Für diesen ergeben die Institutsschätzungen der kumulierten Haushaltskonsolidierung in den Jahren 2012 und 2013 einen Mittelwert von vier Prozent des BIP. In den Ländern ausserhalb des Euroraums fällt die erwartete Konsolidierung mit 2.7 Prozent des BIP deutlich geringer aus.

Weiter wurden die Institute danach befragt, ob sie von den Schuldenbremsen, wie sie am EU Gipfel im Januar 2012 vereinbart wurden, eine grössere Wirkung auf die Verminderung der Haushaltsdefizite erwarten als von den vorher bestehenden Abkommen (Maastricht Vertrag, Stabilitätspakt von Dublin), und zwar einerseits in der EU gesamt und anderseits im eigenen Land. Abbildung 4 zeigt die Ergebnisse. Der Anteil der Institute, die sich eine Wirkung sowohl in der EU als auch im eigenen Land erhoffen, beläuft sich auf 44 Prozent. Dem stehen 19 Prozent gegenüber, die weder in der EU noch im eigenen Land eine Wirkung erwarten. 31 Prozent (vor allem Nicht-EU-Länder) sind der Ansicht, eine Schuldenbremse wäre in der EU aber nicht im eigenen Land erfolgreich. Ein Institut (6 Prozent) kann sich einen Effekt im eigenen Land aber nicht in der EU vorstellen.

Abbildung 4: Effektivität der Schuldenbremsen

Quelle: AIECE Institute.

Zudem sollten die AIECE Institute ihre Jahresprognosen für den Produktionszuwachs für 2012 und 2013 in der EU und dem Euroraum abgeben. Sie prognostizierten per Mitte März, dass in ihren Ländern mit Ausnahme Griechenlands ab 2013 wieder mit positiven Zuwachsraten zu rechnen ist (Abbildung 5). Aufgrund der Konsolidierungsmassnahmen ergeben sich aber deutliche Unterschiede. So wurde für Spanien im kommenden Jahr eine Stagnation erwartet, während Deutschland, Finnland, Grossbritannien, Irland, Norwegen, Polen und Schweden mit Zuwachsraten von über 2% rechneten. Im laufenden Jahr erwartete die Mehrzahl der Länder ein rückläufiges (Griechenland, Grossbritannien, Italien, Niederlande, Slowenien, Spanien und Ungarn) oder bloss schwaches Wachstum. Nur für drei Länder wurde eine kräftigere Zunahme erwartet (Norwegen, Polen und Slowakei).

Abbildung 5: BIP-Wachstumsprognosen für 2012 und 2013

Quelle: AIECE Institute.


  • 1  Abgabefrist für die Prognosen und Stellungnahmen der Institute war der 1. April 2012. Die ausführlichen Ergebnisse der Umfrage finden sich im AIECE General Report vom Frühjahr 2012, welcher von den Webseiten der AIECE oder der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich heruntergeladen werden kann.

©KOF ETH Zürich, 18. Jun. 2012

 
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Eurokrise, Euroraum, Exit, Grexit

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