Wegwerfen von Lebensmitteln und der Hunger in der Welt

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Ulrich Koester, 21. Juni 2012
Wegwerfen von Lebensmitteln und der Hunger in der Welt 4.00 5 20

Das Ausmaß der Abfälle von Lebensmitteln wird sowohl von der FAO, der EU Kommission, von einigen Regierungen als auch von zahlreichen Nicht-Regierungsorganisationen als ein erhebliches Problem betrachtet. Im Zuge dieser Diskussion hat das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz eine Studie zur Quantifizierung der Abfälle von Lebensmitteln in Auftrag gegeben und Lösungsvorschläge zur Verringerung der Abfälle erbeten.[ 1 ] In der Studie heißt es u.a.: „ […] darüber hinaus ist es sowohl ethisch als auch sozial nicht vertretbar, Lebensmittel nicht zu nutzen. Hierdurch wird die Schere zwischen Wohlstand und Armut, zwischen Überfluss und Unterernährung sowie zwischen Industrie- und Entwicklungsländern immer weiter geöffnet. Abgesehen von diesen sozialen und ethischen Aspekten sind auch die Kosten für die Gesellschaft und die einzelnen Akteure zu nennen“.[ 2 ] Diese Feststellung scheint auf weite politische Zustimmung zu stoßen. Implizit wird damit ein Marktversagen unterstellt. Diese grundlegende Aussage wird in diesem Bei¬trag kritisch hinterfragt.

Der Begriff Lebensmittelabfall umfasst Lebensmittelreste, die entlang der Wertschöpfungskette vom Produzenten zum Endverbraucher anfallen. Nach den Studien werden zu den vermeidbaren Lebensmittelabfällen auch Produkte gezählt, die „zum Zeitpunkt ihrer Entsorgung noch uneingeschränkt genießbar oder bei rechtzeitiger Verwendung genießbar gewesen wären“.[ 3 ]

Diese Definition wird auch in anderen Studien, die von der FAO, der EU Kommission und einigen Nicht-Regierungsorganisationen vorliegen, verwandt.

Lebensmittelabfälle entstehen auch durch Arbeitsteilung und können zum Wohlstand beitragen
In den Studien wird von folgender Überlegung ausgegangen:‚Die Produktion von Lebensmitteln beansprucht Ressourcen. Das Wegwerfen von Lebensmitteln bedeutet, dass ein Teil der aufgewendeten Ressourcen nicht genutzt wurde. Es liegt demnach eine Vergeudung von Ressourcen vor. Unser Wohlstand könnte höher sein, wenn man die ‚vergeudeten‘ Ressourcen anderweitig nutzen würde‘. Implizit beinhaltet diese Argumentation, dass ein Marktversagen vorliegt.

Lebensmittel auf den einzelnen Stufen der Wertschöpfungskette sind stets ein Koppelprodukt, das aus Teilen des Agrarrohproduktes und komplementären Sach- und Dienstleistungen besteht. Zu den letzteren gehören u.a. Verarbeitung, Lagerung, Sortierung, Transport und Klassifizierung. Die Beziehung zwischen diesen beiden Bestandteilen ist zum Teil substitutiv. Sind die Preise für komplementäre Sach-und Dienstleistungen niedrig, wird sparsam mit dem Agrarrohprodukt umgegangen und umgekehrt Der günstige Preis der komplementären Sach- und Dienstleistungen ermöglicht nämlich auf jeder Stufe der Wertschöpfungskette eine bessere Anpassung des Angebots an den tatsächlichen Bedarf.

Wie auch in den oben erwähnten Studien genannt, entstehen vermeidbare Abfälle in Haushalten u.a., weil die Frequenz der Einkäufe nicht hoch genug ist. Durch häufigere Einkäufe würden nach der Untersuchung weniger Abfälle entstehen. Häufigere Einkäufe wären aber mit erhöhten relativen Kosten des Einkaufs verbunden. Es müsste insgesamt mehr Zeit aufgewendet werden, zusätzlich würden auch höhere Fahrtkosten entstehen. Weniger häufige Einkäufe können folglich zu einer Einsparung von Ressourcen führen, aber zu vermehrten Lebensmittelabfällen.

Da häufig nur einmal am Tag Ware an den Einzelhandel geliefert wird, können auch auf dieser Stufe der Wertschöpfungskette vermeidbare Abfälle entstehen. Soll gewährleistet werden, dass die Waren (bspw. Milchprodukte, Obst, Gemüse und Brot) während der gesamten Geschäftszeit verfügbar sind, man aber nicht mit Sicherheit die zu verkaufenden Mengen an einzelnen Tagen prognostizieren kann, wird es gelegentlich nach obiger Definition zu Lebensmittelabfällen kommen. Die Kunden sind oftmals nicht bereit, Ware zu kaufen, die nicht mehr tagesfrisch ist. Das Problem könnte der Handel verringern, indem er mehrmals am Tag kleinere Chargen Ware liefern lassen würde. Die zusätzlichen Lieferungen wären aber mit höherem Ressourcenaufwand verbunden. Die Gesellschaft könnte dadurch insgesamt ärmer werden.

Politikversagen bei der Haltbarkeit von Lebensmitteln

Robinson Crusoe verursachte nur wenig oder gar keine Lebensmittelabfälle, weil er täglichen seinen Nahrungsbedarf sammeln und ernten konnte. Es ist daher irreführend zu unterstellen, dass die in den Studien ermittelten Lebensmittelabfälle im vollem Umfang tatsächlich eine Vergeudung von Ressourcen beinhalten. Dennoch soll nicht bezweifelt werden, dass es Lebensmittelabfälle gibt, weil auf den einzelnen Stufen der Vermarktung nicht ausreichende Informationen und Kenntnisse der Marktteilnehmer vorliegen. Das mag in Haushalten und Großküchen der Fall sein, weil sie nicht gelernt haben, Lebensmittel richtig zu lagern und zu verarbeiten. Zu den Abfällen trägt aber auch der Gesetzgeber erheblich bei, wenn dem Verbraucher suggeriert wird, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum eine Information über die Bekömmlichkeit der Lebensmittel gibt. Hier liegt Politikversagen vor.
Zusammenfassend kann gefolgert werden: Die quantifizierten Mengen von sog. Lebensmittelabfällen übertreiben die Größe der Mengen, die selbst bei effizientester Nutzung aller uns zu Verfügung stehenden Ressourcen entstehen würden.

Das Aggregationsproblem

In den Studien werden die Lebensmittelabfälle unterschiedlicher Art in Mengeneinheiten (Tonnen) aggregiert, um damit eine Vorstellung von der Bedeutung des Problems zu veranschaulichen. Eine Aggregation unterschiedlicher Güter ist für die Beantwortung unterschiedlicher Fragestellungen sinnvoll. Ökonomen verwenden häufig Marktpreise als sinnvollen Bewertungsmaßstab. Agrarwissenschaftler hatten während des zweiten Weltkrieges für die Berechnung der Produktivität der landwirtschaftlichen Nutzflächen einen Getreideeinheitenschlüssel entwickelt, der es ihnen ermöglichte, alle Agrarprodukte in potentielle Getreideproduktion umzurechnen. Dieses Vorgehen war sinnvoll, weil Getreide das wichtigste Produkt für die menschliche Ernährung war und man darüber Auskunft haben wollte, wie viel Getreide maximal produziert werden konnte.

Ist es aber sinnvoll, das Gewicht so unterschiedlicher Produkte wie Rindfleisch und Gemüse einfach zu aggregieren? Natürlich sind die Abfälle bei relativ billigen Lebensmitteln wie Gemüse und Kartoffeln größer als bei hochwertigen Produkten, wie z.B. Rindfleisch. Ist es sinnvoll auch Tellerreste als Abfall zu erfassen und in die Gesamtgröße in Tonnen aufzunehmen? Wenn jemand auf seinem Teller den fetten Teil eines sehr schmackhaften Rumpfsteaks nicht isst, hat er nach den Studien zu einer Erhöhung der Lebensmittelabfälle beigetragen. Wäre unsere Gesellschaft wohlhabender geworden, wenn das fette Fleisch gegessen worden wäre? Wäre dadurch der Hunger in der Welt verringert worden, weil ja weniger Abfälle bei uns entstanden sind? Es ist eher wahrscheinlich, dass die Krankheiten bei uns durch falsche Ernährung zunehmen würden.

Lebensmittelabfälle in reichen Ländern und Hunger in armen Ländern

In der Diskussion über die Bedeutung der Lebensmittelabfälle für die hungernden Menschen in anderen Ländern wird implizit unterstellt, dass die von uns nicht genutzten Lebensmittel direkt oder indirekt den hungernden Menschen zur Verfügung stehen könnten. Es wird leider nicht ausgeführt, wie der Verzicht auf der einen Seite zu erhöhtem Konsum auf der anderen Seite führen könnte. Der Verzicht des Wegwerfens auf der einen Seite führt aber nicht automatisch zu einem erhöhten Verzehr auf der anderen Seite.

Arme hungern oder sind unterernährt, weil sie entweder selbst nicht genügend Lebensmittel in ausreichender Menge und Qualität produzieren oder nicht genügend Kaufkraft haben, um sich Lebensmittel zu kaufen. An diesen beiden Ursachen des Hungers ändert das verringerte Wegwerfen von Lebensmitteln in reichen Ländern gar nichts oder recht wenig. Man könnte allenfalls erwarten, dass die Weltmarktpreise für Lebensmittel bei weniger Abfällen niedriger wären und sich damit die Kaufkraft der Hungernden in armen Ländern erhöhen würde. Hier ist aber zu bedenken, dass bei uns nicht nur unverarbeitete Agrarprodukte weggeworfen werden, sondern den Agrarprodukten komplementäre Sach- und Dienstleistungen hinzugefügt wurden.

Eine Tonne weniger Lebensmittelabfall kann nicht gleichgesetzt werden mit einer Tonne mehr Lebensmittel für hungernde Menschen in armen Ländern. Zum einen entstehen die Abfälle in den reichen Ländern bei anderen Lebensmitteln als von den Hungernden gewünscht werden, zum anderen wären die von uns verringerten Abfälle nicht kostenlos in die armen Länder zu transferieren. Nun könnte argumentiert werden, dass bei uns aber Ressourcen freigesetzt werden und diese zur Produktion für die Hungernden in armen Ländern verwendet werden könnten. Oben wurde aber bereits ausgeführt, dass der Verzicht auf Lebensmittelabfälle zu verringerter Arbeitsteilung und damit nicht zur Freisetzung von Ressourcen führt. Außerdem ist zu bedenken, dass ein Transfer zwar den Armen in Krisenzeiten helfen könnte, langfristig aber der Anreiz, in diesen Ländern mehr zu produzieren, gehemmt werden würde.

Wegwerfen von Lebensmitteln und Ethik

Der Verweis in den Studien auf ethische Aspekte klingt zunächst überzeugend. Wir, die Reichen, werfen Lebensmittel weg, während andere hungern. Können wir dieses Verhalten moralisch akzeptieren? In der Tat werden viele Menschen in den reichen Ländern sich unwohl fühlen, dass gleichzeitig einige Zeitgenossen noch nicht einmal ihre Grundbedürfnisse befriedigen können. Es entspricht der Ethik des Christentums und anderer Religionen, armen Menschen zu helfen. Wegwerfen von essbaren Lebensmitteln ist daher verständlicherweise für viele Menschen ein moralisches Problem. Eine Minderung des Problems könnte z.B. durch bessere Gesetzgebung (Mindesthaltbarkeitsdatum) und auch verbesserte Information und Kenntnisse der Verbraucher erreicht werden. Das Ausmaß des Problems und deren Bedeutung für die Armen in Entwicklungsländern ist aber durch die vorliegenden Studien weit überschätzt worden.

Gibt es in unserer Gesellschaft nicht eine Vielzahl von Erscheinungen, die zu noch größeren moralischen Bedenken führen müssten? Schuhe und Kleidung werden häufig nicht mehr getragen, obwohl sie noch unser Grundbedürfnis decken könnten, wir aber besser und modischer gekleidet sein möchten. Wir vergeuden Ressourcen, obwohl viele Menschen auf dem Planeten ihr Grundbedürfnis nicht befriedigen können. Es werden hohe Summen für Schmuck ausgegeben, obwohl viele Menschen in anderen Ländern unter Hunger und Unterernährung leiden. Ist es nicht auch unmoralisch, dass die Bundesrepublik die international vereinbarte Summe an Entwicklungshilfe seit Jahren nicht zahlt? Ist es von der Bundesregierung nicht auch unmoralisch mit hohen Subventionen die ineffiziente Biogasproduktion zu fördern und damit die Weltnahrungsmittelproduktion zu verringern? Es wäre eine verdienstvolle Aufgabe, politische Vorgaben und wirtschaftliches Handeln im Hinblick auf Moral und Hunger in der Welt zu untersuchen.


  • 1  Universität Stuttgart Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft, 2012, Ermittlung der weggeworfenen Lebensmittelmengen und Vorschläge zur Verminderung der Wegwerfrate bei Lebensmitteln in Deutschland
  • 2  Ebenda, S. 1.
  • 3  Ebenda, S. 13.

©KOF ETH Zürich, 21. Jun. 2012

 
Wegwerfen von Lebensmitteln und der Hunger in der Welt 4.00 5 20

Kommentare

Dieser Artikel hat 2 Kommentare.
  • An der Debatte vorbei

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    Der Artikel geht leider an der Debatte weitgehend vorbei, denn diese ist rein "moralisch" aufgebaut, wobei die "Moral" natürlich wie so oft unreflektiert und höchst oberflächlich ist. Wenns Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner oder ein linker Journalist gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln ausspricht, geht es nicht um Ökonomie, sondern um den bösen kapitalistischen Unternehmen des Einzelhandels einen liderlichen Umgang mit LEBENS-Mitteln vorzuwerfen. Dabei werden LEBENS-Mittel implizit als höheres, fast schon göttliches Gut betrachtet. In die gleiche Richtung gehen übrigens Klagen sowohl von Konservativen, Linken und Grünen gegen "zu niedrige" Preise für Lebensmittel etwa für Milch. Übrigens hat die letzte mir bekannte Studie zur Lebensmittelverschwendung (ich glaube im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums) ergeben, dass nur 5% der Lebensmittel vom Einzelhandel weggeworfen werden, das Gros geht auf Wegwerfen bei den Haushalten und auf "Verschwendung" bei der Urproduktion. Zumeist weggeworfen werden zudem leicht verderbliche und billige Lebensmittel, z.B. Salat und Gemüse.

  • Hunger menschengemacht

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    In der Tat wird in Afrika nicht wegen der Verschwendung bei uns gehungert.Hunger gibt es dort, wo die politischen Verhältnisse nicht in Ordnung sind. Der indische Nobelpreisträger Amartya Sen hat nachgewiesen, dass es in einer Demokratie mit Pressefreiheit noch nie eine Hungersnot gegeben hat.Bill Gates hat Recht, dass die Geheimniskrämerei Ursache von Korruption, Armut und Instabilität ist. Die Ursachen von Hungersnöten sind in der Regel menschengemacht und selten naturbedingt. Die Ernährungssicherung hat in Afrika nur in wenigen Ländern die höchste Priorität. Das Nichtstun afrikanischer Regierungen schafft erst den Hunger, zu deren Lösung sie die Weltgemeinschaft auffordern, obwohl sie die einzige Macht sind, die in der Lage das Problem dauerhaft zu lösen. Trotz steigender Ernährungsunsicherheit und sinkender landwirtschaftlicher Produktion gehen mit Ausnahme von Äthiopien, Ruanda, Madagaskar, Malawi und Senegal nur fünf Prozent des Staatsbudgets in die Landwirtschaft. In vier genannten Ländern sind es 10 Prozent. In Äthiopien 15 %. Außerdem ist der Hunger derzeit kaum auf hohe Lebensmittelpreise zurückzuführen. Lebensmittelpreise sind insgesamt niedriger als 2011. Der Preis für Reis das wichtigste Grundnahrungsmittel in Afrika ist stabil.Volker Seitz, Autor "Afrika wird armregiert"

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Autor

Ulrich Koester

Ulrich Koester

Schlagworte

Hunger, Lebensmittelverschwendung

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