Führt die Globalisierung zu einer Abnahme des gesetzlichen Arbeitnehmerschutzes?

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Justina A. V. Fischer und Frank Somogyi, 28. Juni 2012
Führt die Globalisierung zu einer Abnahme des gesetzlichen Arbeitnehmerschutzes? 2.69 5 13

Im Rahmen der Globalisierungsdebatte wird in Hinblick auf ihre Wirkungen auf den Arbeitsmarkt oft argumentiert, dass die Unternehmen zu Rationalisierungs- und Lohneinsparungsmassnahmen greifen müssten, um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten oder auszubauen (race-to-the bottom, siehe Sinn, 2001; Fischer, 2012). Daher würden die Lobbyisten der Industrie auf die Politik Druck ausüben, den gesetzlichen Arbeitnehmerschutz abzubauen. Tatsächlich haben Dreher und Gaston (2005) in ihrer empirischen Studie für die OECD-Mitgliedsstaaten gezeigt, dass eine Zunahme der wirtschaftlichen Globalisierung mit einer Abnahme der Gewerkschaftsdichte auf nationaler Ebene verbunden ist. Eine Untersuchung für den gesetzlich festgelegten Arbeitnehmerschutz gab es jedoch bisher nicht – eine von uns erstellte Studie (2012) beschäftigt sich mit genau dieser Frage.

Die drei Dimensionen der Globalisierung als Determinanten des nationalen Arbeitnehmerschutzes

In unserer Stude (Fischer und Somogyi 2012) gehen wir davon aus, dass nicht nur die wirtschaftlichen Aspekte der Globalisierung, also die Integration der nationalen Wirtschaft in den Weltmarkt (wirt. Dim.), Einfluss auf den gesetzlichen Arbeitnehmerschutz ausüben, sondern ebenso die politische wie auch die soziale Dimension der Globalisierung, also die Einbindung eines Landes in internationale Vertragswerke (polit. Dim.) sowie der Informationsaustausch zwischen den Ländern (soz. Dim.), beispielsweise mittels Tourismus und Medienkonsum. Theoretisch könnten diese beiden letztgenannten Dimensionen auf den gesetzlichen Arbeitnehmerschutz sowohl fördernde wie auch abbauende Wirkungen ausüben: beispielsweise könnten mit Hilfe internationaler Koordination und Kooperation zwischen den nationalen Regierungen höhere Arbeitnehmerstandards etabliert werden, ohne einen ‚race-to-the-bottom‘ zu riskieren; die internationalen Organisationen und Vertragswerke könnten aber ebenso von den Firmen dazu genutzt werden, ihre Interessen noch besser durchzusetzen, beispielsweise zwecks Aushebelung der nationalen Gewerkschaften. Ähnlich verhält es sich bezüglich der sozialen Dimension der Globalisierung: der internationale Informationsfluss erlaubt es sowohl den Arbeitnehmern wie eben auch den Arbeitgebern sich zwischenstaatlich besser zu koordinieren, gemeinsame Werte zu entwickeln oder Einblick in die Sozialsysteme anderer Länder zu gewinnen.

Im Gegensatz zu früheren Studien nehmen wir nicht nur eine Unterscheidung in diesen oben genannten drei Dimensionen der Globalisierung vor, sondern differenzieren ferner zwischen ‚regulären‘ und ‚irregulären‘ Arbeitsverhältnissen. Im deutschen Kontext wären hier vor allem die 400-Euro-Jobs und die Leiharbeitsverträge aufzuführen – also befristete Arbeitsverträge mit kurzer Laufzeit oder Teilzeitarbeitsverträge mit oft geringer(er) sozialer Absicherung. Studien der OECD und der EU zeigen, dass dieses ‚irreguläre‘ Arbeitsmarktsegment zunehmend an Wichtigkeit in den westlichen Volkswirtschaften gewinnt.

Die wirtschaftliche Dimension bestätigt Außenhandelstheorie

Unsere empirische Analyse für 28 OECD Länder zwischen 1985 und 2003 – für diesen Zeitraum und diese Länder standen sowohl der KOF Globalisierungsindex sowie der Arbeitnehmerschutzindex der ILO zur Verfügung – zeigt folgende Tendenz: die wirtschaftliche Dimension der Globalisierung führt zu einem Abbau der Arbeitnehmerschutzstandards in beiden Arbeitsmarktsegmenten. Dieses Resultat bestätigt die gängigen Aussenhandelstheorien, die einen ‚race-to-the-bottom‘ für Lohnniveau und durchschnittliche Vertragslänge  vorhersagen.

Die politische Dimension bestätigt linkage politics

Dagegen übt die politische Dimension der Globalisierung - im Sinne einer Einbindung des Nationalstaates in ein System internationaler Verträge und Abkommen - eine unterschiedliche Wirkung auf das jeweilige Arbeitsmarktsegment aus: sie wirkt standardsenkend im regulären Sektor, aber standarderhöhend im irregulären Sektor. Diese Beobachtung kann durchaus direkt auf Deutschland übertragen werden: während seit Mitte der 1990er Jahre der Kündigungsschutz für die regulär angestellten Arbeitnehmer gelockert wurde, wuchsen die Auflagen für Leiharbeiter- und Nebenjobber bzgl. Sozialabgaben und maximaler Laufzeit des Vertrages, wie beispielsweise erst wieder dieses Jahr als Reaktion auf den ‚Schleckerfrauenskandal‘ beschlossen. Wir  interpretieren dieses Ergebnis für die politischen Dimension als Indiz für eine ‚linkage politics‘ (Stein, 1980): die Zustimmung des Wählers für eine Lockerung des Arbeitnehmerschutzes im regulären Sektor wird durch einen verstärkten Arbeitnehmerschutz im irregulären, aber ökonomisch weniger wichtigen Sektor ‚erkauft‘. So wird durch die Ausweitung des irregulären Arbeitsmarktsegmentes der Arbeitsmarkt zwar gesamthaft flexibler, jedoch ebenso wird durch die relativ stärkere Regulierung des irregulären Sektors ein Anreiz geschaffen, tendenziell reguläre Stellen anzubieten. Eine Analyse der Interaktion mit der Ideologie der Regierung zeigt, dass im Schnitt konservative Parteien an der Macht diese Strategie der ‚linkage politics‘ stärker nutzen als wenn linke Parteien regierten.

Die soziale Dimension

Die soziale Dimension der Globalisierung hingegen wirkt eher verstärkend, was den Schutz von Arbeitnehmerrechten betrifft: Sie wirkt im stärkeren Masse ein auf die irregulären Arbeitsverhältnisse als auf die regulären. In der Untersuchungsperiode zwischen 1985 und 2003 scheinen insbesondere die Arbeitnehmer in prekären Arbeitsverhältnissen von der zunehmenden internationalen Vernetzung und der Informationsströme zu profitieren. Wiegt man die Effekte der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Dimensionen der Globalisierung gegeneinander auf, so zeigt sich der ‚Nettoeffekt‘ der Globalisierung als gesamtes ‚negativ‘ im regulären Arbeitsmarktsegment, aber ‚positiv‘ (also Schutz erhöhend) für das irreguläre Segment.

Fazit

Unsere Studie zeigt, dass ein tieferes ‚Graben‘, d.h. ein Hinterfragen unter Einbeziehung der Komplexität der realen Welt, eine gewisse etablierte Einseitigkeit der bisherigen Perzeption und Diskussion des Phänomens ‚Globalisierung‘ in der Öffentlichkeit evident macht: offensichtlich kann der Einfluss der Globalisierung auf das reguläre Arbeitsmarktsegment nicht ohne einen Blick auf dessen imperfektes Substitut verstanden werden; auch das Vorhandensein der ‚linkage politics‘ ist nur mittels einer Ausdifferenzierung der Globalisierung in ihre drei Dimensionen  – ökonomisch, politisch und sozial – möglich. Politisch kann gefolgert werden, dass die Globalisierung durch das Zusammenspiel in all ihren Dimensionen für die Wohlfahrt des Arbeitnehmers nicht unbedingt schädlich ist, denn so hat - vorausgesetzt sei die Existenz eines irregulären Arbeitsmarktsegmentes - insbesondere der irregulär Angestellte aufgrund der ‚linkage politics‘ von ihr profitiert.

Literatur

Dreher, A., Gaston, N., (2005), Has globalisation really had no effect on unions? Kyklos 60, 165–186.

Fischer, J.A.V. (2012), The choice of domestic policies in a globalized economy, MPRA Paper[ a ] 37816, University Library of Munich, Germany.  

Fischer, J.A.V. and F. Somogyi (2012), Globalization and protection of employment, Munich Personal Research Archive, MPRA paper number 39426.

Sinn, H.-W., (2001), Social dumping in the transformation process. NBER Working Papers 8364, National Bureau of Economic Research.

Stein, A., (1980), The politics of linkage. World Politics 33, 62–81.

©KOF ETH Zürich, 28. Jun. 2012

 
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Arbeitnehmerschutz, Globalisierung

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