Erhöht Ermessensspielraum bei der Kreditvergabe das Risiko bei Banken?

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Reint GroppChristian Gründl und André Güttler, 7. Mai 2012
Erhöht Ermessensspielraum bei der Kreditvergabe das Risiko bei Banken? 3.40 5 5

Erhöht Ermessensspielraum bei der Kreditvergabe das Risiko bei Banken? Bei einer engen Bindung zwischen Banken und Kunden besteht häufig ein gewisser Ermessensspielraum bei der Kreditvergabe. Dies ist vor allem für kleinere Banken typisch. Sogenannte Hausbanken etablieren enge und langfristige Bindungen zu ihren Kunden und generieren dabei „weiche“ und typischerweise private Informationen über ihre Kunden. Diese Informationen sind für Außenstehende schwierig zu verifizieren und von subjektiver Natur (Stein, 2002). Transaktionsbanken operieren dagegen in einem gewissen Abstand zu ihren Kunden, sammeln keine weichen Informationen und basieren ihre Kreditentscheidungen auf Kreditscoring-Modelle. Ihre Kreditsachbearbeiter verlassen sich auf „harte“ Informationen, welche verifizierbar sind und überwiegend aus Finanzkennzahlen bestehen. Diese Kreditsachbearbeiter haben daher kaum Ermessensspielraum bei ihren Kreditentscheidungen.

Wir zeigen in diesem Artikel, dass Ermessensspielraum bei der Kreditvergabe das Kreditrisiko bei Hausbanken im Vergleich zu Transaktionsbanken nicht erhöht (Gropp et al., 2012), obwohl die Kunden der Hausbank auf Basis der Finanzkennzahlen ex ante riskanter erscheinen.

Hypothesen

Der Ermessensspielraum im Kreditgeschäft und die Nutzung weicher Informationen kann prinzipiell das Risiko der Banken erhöhen oder senken. Aus theoretischer Sicht können vier Ideen unterschieden werden. Erstens sind weiche Information eine weitere Informationsquelle, welche eine Bank zur Analyse der Ausfallwahrscheinlichkeit eines Kunden nutzen kann (Informationshypothese). Dies sollte im Vergleich zu Banken, die solche Information nicht zur Verfügung haben, zu besseren Kreditvergabeentscheidungen führen. Zweitens zeigen Hauswald und Marquez (2006) sowie Inderst und Mueller (2007), dass Firmen mit positiven, weichen Information dazu tendieren, sich selbst zu Hausbanken zu selektieren, da diese weiche Information berücksichtigen. Firmen mit negativen weichen Informationen sollten dagegen eher zu Tranksaktionsbanken tendieren, welche weiche Informationen nicht berücksichtigen (Selektionshypothese). Beide Hypothesen legen nahe, dass die Fähigkeit weiche Informationen zu generieren, das Kreditrisiko von Banken reduziert.

Dagegen kann die Verwendung weicher Informationen das Risiko bei Banken auch erhöhen. Annahmegemäß sind weiche Information nicht verifizierbar und geben Kreditsachbearbeitern daher mehr Ermessensspielraum bei der Kreditvergabeentscheidung. Kreditsachbearbeiter können daher individuelle Anreize haben, Gelder an riskantere Kunden zu verleihen (Anreizhypothese). Viertens verursachen Aufbau und Pflege der engen Kundenbeziehung bei Hausbanken höhere Kosten im Vergleich zu Transaktionsbanken (Boot und Thakor, 2000; Hauswald und Marquez, 2006). Die Margen und der Fortbestandswert („charter value“) von Hausbanken kann daher niedriger sein (Kostenhypothese), was wiederum die Bereitschaft erhöhen kann, riskantere Kunden zu akzeptieren (Keeley, 1990). Angesichts der sich widersprechenden theoretischen Hypothesen ist es letztendlich eine empirische Frage, ob die Nutzung weicher Informationen bei der Kreditvergabeentscheidung das Risiko bei Banken reduziert oder erhöht.

Daten

Wir testen diese theoretischen Vorhersagen mittels eines Datensatzes deutscher Sparkassen und deren Firmenkreditkunden. Sparkassen stellen ein ideales Untersuchungsobjekt dar, da sie in Deutschland einerseits mit reinen Transaktionsbanken wie bspw. Deutsche Bank oder Commerzbank, andererseits auch mit reinen Hausbanken wie vor allem den sehr kleinen Genossenschaftsbanken konkurrieren. Gleichzeitig stellen wir fest, dass es bei Sparkassen einen ausreichenden Unterschied gibt, inwieweit weiche Informationen in der Kreditvergabeentscheidung benutzt werden. Ein Hauptvorteil der Daten liegt außerdem darin, dass wir ein direktes Maß für weiche Informationen zur Verfügung haben. Dies ermöglicht uns die Unterscheidung wann positive und wann negative weiche Information die Kreditvergabe der Bank beeinflusste. Außerdem enthält der Datensatz auch die Ausfalldaten der Kunden. Damit können wir die Verwendung harter gegenüber weicher Informationen bei der Kreditvergabeentscheidung ex ante mit der Ausfallwahrscheinlichkeit der Kunden ex post verknüpfen.

Ergebnisse

Unsere empirischen Hauptergebnisse können wie folgt zusammengefasst werden:

  • Auf Basis harter Informationen riskanter erscheinende Firmen mit positiven weichen Informationen selektieren sich zu Hausbanken. Bei Firmen mit negativen weichen Informationen gibt es dagegen keinen Unterschied, ob sie einen Kredit von einer Hausbank oder einer Tranksaktionsbank erhalten. Daher erscheinen Firmenkunden bei Hausbanken ex ante riskanter basierend auf harten Informationen. Diese Selektionseffekte sind in Bankenmärkten mit mehr Wettbewerb und für weniger transparente Firmen stärker ausgeprägt.
  • Kreditsachbearbeiter nutzen weiche Informationen zu vorsichtig. Firmen, welche ein besseres Rating aufgrund positiver weicher Informationen erhalten haben, weisen eine niedrigere Ausfallwahrscheinlichkeit ex post auf. Außerdem haben Firmen, welche ein schlechteres Rating aufgrund negativer weicher Informationen erhalten haben, eine erhöhte Ausfallwahrscheinlichkeit ex post. Daher können wir die Anreizhypothese für unsere Daten ablehnen.
  • Außerdem finden wir, dass der Informationsnachteil von Transaktionsbanken durch eine höhere Kosteneffizienz kompensiert wird.

Schlussfolgerungen

Unsere Ergebnisse erlauben die Schlussfolgerung, dass der höhere Ermessensspielraum bei der Kreditvergabe das Risiko von Hausbanken im Vergleich zu Transaktionsbanken nicht erhöht. Hausbanken vergeben auch Kredite an Firmen, welche nur basierend auf ihren Finanzkennzahlen keine Kredite mehr erhalten hätten. Die Fähigkeit, weiche Informationen bei der Kreditvergabe zu berücksichtigen, spielt daher eine wichtige Rolle beim Zugang zu Krediten für kleine, weniger transparente und auf Basis von Finanzkennzahlen riskantere Firmen. Außerdem führt Wettbewerb, obwohl insgesamt die Produktion weicher Information reduzierend, bei Hausbanken nicht zu einer verringerten Bereitschaft weiche Informationen für riskante Firmen zu generieren.

Literatur

Boot, A. W. A. und A. V. Thakor (2000): Can Relationship Banking Survive Competition? Journal of Finance, 55, 679-713.

Gropp, R., C. Gründl, und A. Güttler (2012): Does Discretion in Lending Increase Bank Risk? Borrower Self-Selection and Loan Officer Capture Effects, European Banking Center Discussion Paper No. 2012-010.

Hauswald, R. und R. Marquez (2006): Competition and Strategic Information Acquisition in Credit Markets, Review of Financial Studies, 19, 967-1000.

Inderst, R. und H. M. Mueller (2007): A Lender-based Theory of Collateral, Journal of Financial Economics, 84, 826-859.

Keeley, M. C. (1990): Deposit Insurance, Risk, and Market Power in Banking, American Economic Review, 80, 1183-1200.

Stein, J. C. (2002): Information Production and Capital Allocation: Decentralized versus Hierarchical Firms, Journal of Finance, 57, 1891-1921.

    ©KOF ETH Zürich, 7. Mai. 2012

 
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Hausbank, Kreditvergabe, SME, weiche-Informationen

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