Entwickelte Finanzmärkte fördern ungleiche Einkommensverteilung

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Sebastian Jauch und Sebastian Watzka, 15. März 2012
Entwickelte Finanzmärkte fördern ungleiche Einkommensverteilung 2.50 5 6

Die Schere zwischen arm und reich öffnet sich nicht nur in Deutschland seit Jahren. Seit  drei Jahrzehnten lässt sich dieses Phänomen auch in vielen anderen Industrieländern beobachten.  Steigende Unternehmensgewinne und Bonizahlungen in der Finanzwirtschaft auf der einen Seite, stagnierende Löhne für die breite Masse der Mittelschicht auf der anderen Seite sorgen für Debatten über die Verteilung von Einkommen und den Wohlstand. Gerade im Hinblick auf die Finanzkrise wird die Rolle des Finanzsektors für die Realwirtschaft hinterfragt. Wir zweifeln nicht an der Notwendigkeit von Finanzintermediären für ein effizientes Funktionieren der Realwirtschaft, möchten aber den Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Finanzsektors und der Verteilung von Einkommen näher beleuchten.

Zunächst kann festgehalten werden, dass die Kreditvergabe an den privaten Sektor in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen ist. Eine erhöhte Kreditvergabe kann als Indikator für weiter entwickelte Finanzmärkte gesehen werden, da die Finanzintermediation – also das Einsammeln von Einlagen und die Vergabe von Krediten – gemeinhin die Kernaufgabe des Finanzsystems darstellt.  Gleichzeitig ist jedoch besonders in angelsächsischen Ländern auch die Einkommensverteilung immer ungleicher geworden. Was in Abbildung 1 durch einen Anstieg des Ginikoeffizienten zu erkennen ist. Diese Entwicklung der Einkommensverteilung ging also mit einer Vertiefung der Finanzmärkte in diesen Ländern einher. Dies zeigen auch die Korrelationskoeffizienten in Abbildung 1. Einen weltweiten Überblick über den Entwicklungsstatus der Finanzmärkte und die Einkommensverteilung gibt Abbildung 2.

Abbildung 1: Die Entwicklung der Finanzmärkte und der Einkommensverteilung

Abbildung 2: Globaler Vergleich der Finanzmarktentwicklung und Einkommensverteilung

2a) Kreditvolumen an den privaten Sektor/BIP 2b) Bruttoeinkommensungleichheit als Gini

           (Durchschnitt 2000-2004)                               (Durchschnitt 2000-2004)

Wie entwickelte Finanzmärkte theoretisch eine gleiche Einkommensverteilung fördern können

Dieser Zusammenhang steht in Widerspruch zu theoretischen Ansätzen, welche die Chancen von vereinfachter Kreditvergabe propagieren. Banerjee und Newman (1993) argumentieren, dass eine vereinfachte Kreditvergabe dazu führt, dass sich mehr Menschen für Unternehmertum und berufliche Selbständigkeit entscheiden können und nicht in einem Angestelltenverhältnis oder Subsistenzwirtschaft leben müssen. Der berufliche Erfolg von vielen führt schließlich zu einer gleicheren Einkommensverteilung. Galor und Zeira (1993)  begründen den Effekt hin zu einer gleicheren Einkommensverteilung über die Möglichkeit, die vereinfachte Kreditvergabe für Investitionen in Humankapital nutzen zu können. Über das höhere durchschnittliche Bildungsniveau wird ein höheres und gleicheres Einkommensniveau erzielt. Greenwood und Jovanovic (1990) betrachten hingegen das Kapitaleinkommen. Hier reduzieren weiter entwickelte Finanzmärkte die Transaktionskosten und Eintrittsbarrieren für die Nutzung von Finanzintermediation. Sind die Finanzmärkte weit genug entwickelt, ergeben sich auch für Kleinanleger Möglichkeiten, die gleiche Rendite zu erzielen wie Großinvestoren, womit Einkommen gleicher verteilt werden.

Neue Daten – Neue Erkenntnisse: Finanzmarktentwicklung und Einkommensungleichheit

Diese theoretischen Vorhersagen wurden von älteren empirischen Untersuchungen bestätigt, die jedoch verschiedene empirische Schwächen aufweisen oder mit relativ kleinen Datensätzen arbeiten. Unter der Verwendung des Datensatzes zur weltweiten Verteilung von Einkommen von Frederick Solt (2009) und Daten zur Entwicklung des Finanzsektors von Beck et al. (2009) analysieren wir den Einfluss der Entwicklung des Finanzsektors auf die Einkommensverteilung. Hierbei berücksichtigen wir über einen Fixed-Effects-Panelschätzer länderspezifische Einflüsse, die über die Zeit konstant bleiben. Dazu gehören etwa der historische Hintergrund des Rechtssystems oder kulturelle und soziale Besonderheiten von Ländern. Die Schätzung über 3228 Beobachtungspunkte in 138 Ländern zeigt, dass eine stärkere Entwicklung der Finanzmärkte (gemessen am Kredit-BIP-Verhältnis) die Ungleichheit der Einkommensverteilung erhöht. Dies ist hoch signifikant und robust gegenüber verschiedenen anderen Maßen für die Tiefe des Finanzsystems, unterschiedlichen ökonometrischen Spezifikationen und Schätzungen für verschiedene Ländergruppen. Abbildung 3 zeigt den Vergleich der theoretischen Vorhersagen mit den empirischen Ergebnissen.

Abbildung 3: Der Einfluss von tieferen Finanzmärkten auf die Einkommensverteilung

Eine neue Kuznets Kurve: Wirtschaftliche Entwicklung und Ungleichheit

Ein weiteres zentrales Ergebnis unserer Arbeit ist, dass die Kuznets‘ Kurve  unter Berücksichtigung von länderspezifischen Charakteristika nicht durchgängig beobachtet werden kann. Werden alle Beobachtungseinheiten gepoolt, zeigen Schätzergebnisse, dass steigender Wohlstand pro Kopf zunächst mehr Ungleichheit zu Tage bringt. Ab einem Pro-Kopf-Einkommen von ca. 1.300 USD nimmt die Ungleichheit wieder ab. Die Nutzung von Fixed Effects löst diesen Zusammenhang und wir beobachten vielmehr, dass ab einem gewissen Wohlstandsniveau die Ungleichheit wieder ansteigt. Die Unterteilung des Datensatzes nach Wohlstand der Länder in vier Gruppen bestärkt die Ergebnisse – Kuznets‘ Hypothese zur Einkommensverteilung kann direkt für Länder mit niedrigem mittleren Einkommen gesehen werden, bei niedrigem und hohen Einkommen ist der Effekt des Wohlstands nicht signifikant (vgl. Abbildung 4).

Abbildung 4: Kuznets‘ Kurve

Hauptresultat und Schlussfolgerung

Höher entwickelte Finanzmärkte, gemessen am Volumen der Kreditvergabe, gehen mit einer ungleicheren Verteilung von Einkommen einher. Es mag zwar das gesamte Einkommensniveau eines Landes steigen, die Diskrepanz zwischen hohen und niedrigen Einkommen wird jedoch größer. Die Theorien zur Wirkung der höheren Kreditvergabe berücksichtigen in ihrer Schlussfolgerung der sich angleichenden Einkommensverteilung nicht ausreichend, dass manche Individuen auf Grund des Zugangs zu Kapital in der Lage sind, ihre Fähigkeiten und ihr Wissen noch besser zu nutzen, um höhere Renten zu extrahieren als andere. Eine optimale Verteilung von Einkommen bleibt von diesen Überlegungen unberührt – eine gleichere Verteilung fördert den sozialen Frieden, eine ungleichere Verteilung schafft Anreize für unternehmerisches Risiko und fördert auf diesem Weg Wachstum.

Literatur

Banerjee, Abhijit V.; Newman, Andrew F. (1993): Occupational Choice and the Process of Development. In: Journal of Political Economy 101[ a ] (2), S. 274–98.

Beck, Thorsten; Demirgüç-Kunt, Asli; Levine, Ross (2010): Financial Institutions and Markets across Countries and over Time: The Updated Financial Development and Structure Database[ b ]. In: World Bank Economic Review 24 (1), S. 77–92.

Demirgüc-Kunt, Asli; Levine, Ross (2009): Finance and Inequality: Theory and Evidence[ c ]. In: Annual Review of Financial Economics 1 (1), S. 287–318.

Galor, Oded; Zeira, Joseph (1993): Income Distribution and Macroeconomics[ d ]. In: Review of Economic Studies 60 (1), S. 35–52.

Greenwood, Jeremy; Jovanovic, Boyan (1990): Financial Development, Growth, and the Distribution of Income[ e ]. In: Journal of Political Economy 98 (5), S. 1076–1107.

Jauch, Sebastian und Sebastian Watzka (2011) „Financial Development and Income Inequality[ f ]“, CESifo Working Paper Series No. 3687

OECD (2011): Divided We Stand: Why Inequality Keeps Rising[ g ]

Solt, Frederick (2009): Standardizing the World Income Inequality Database. In: Social Science Quarterly 90 (2), S. 231–242.

©KOF ETH Zürich, 15. Mär. 2012

 
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Einkommensverteilung, finanzielle-Entwicklung, Verteilung

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