Globalisierung und Vertrauen in die Politik

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Justina A. V. Fischer, 28. Feb. 2012
Globalisierung und Vertrauen in die Politik 3.83 5 12

Internationaler Handel an sich ist kein neues Phänomen – schon vor 2000 Jahren wurden über transnationale Handelswege Luxusgüter wie Schmuck und Metalle vom Schwarzen Meer bis hoch hinauf nach Skandinavien vertrieben, aus China und Indien Seide und Gewürze bezogen, während im Gegenzug Bernstein und blondhaarige Sklaven aus dem Ostseegebiet in den Hochkulturen am Mittelmeer stark nachgefragt waren. Auch die (ökonomische Dimension der) heutigen Globalisierung umfasst den internationalen Austausch von Gütern für Konsum und Produktion, den weltweiten Fluss von Finanzmitteln in Form von Direktinvestitionen oder über internationale Kapitalmärkte, sowie Abwanderung oder Zuzug von Arbeitskräften. Was also ist dann das "Neuartige" an der heutigen Globalisierung, und weshalb wird sie von manchen als Bedrohung empfunden?

Die (ökonomische Dimension der) Globalisierung von heute beschränkt sich nicht mehr auf den Handel mit einigen wenigen Luxusgütern, sondern nimmt Einfluss auf alle Lebensbereiche eines Durchschnittsbürgers: zuallererst betrifft sie ihn als Konsumenten, dann als Arbeitnehmer, und schliesslich als Sparer, Geldanleger und Produzent. Das "Bedrohungspotenzial" der Globalisierung aber entsteht vor allem durch die wirtschaftlichen und sozialen Transformationsprozesse vor Ort, die durch den enormen internationalen Wettbewerbsdruck ausgelöst werden: nur solche Industrien mit einem komparativen Kosten- oder Qualitätsvorteil überleben und expandieren, während die restlichen dazu verdammt sind, zu Tode zu schrumpfen.

Globalisierung ist ein steter Transformationsbeschleuniger

Globalisierung impliziert also das Absterben ganzer einheimischer Industriezweige und Massenarbeitslosigkeit in denselben, aber auch einen starken kontinuierlichen Kostensenkungs- und Deregulierungsdruck auf die verbleibenden Produktionsstätten, sowie eine ständige Umorientierung und Weiterbildung der Arbeitnehmer hinsichtlich der zukünftig vom Arbeitgeber nachgefragten Fähigkeiten. Für den Einzelnen manifestiert sich also die Globalisierung der Wirtschaft nicht nur darin, dass die meisten Güter seines alltäglichen Konsums im Ganzen oder in Teilen "weit gereist" sind - man denke an das viel zitierte Joghurtbeispiel -, sondern auch darin, dass sich der internationale Wettbewerbsdruck auf den Weltmärkten direkt auf seinen Arbeitsplatz auswirkt, wie bspw. auf die Ausgestaltung seines Arbeitsvertrags, seinen Arbeitplatzschutz, sowie seine potentielle Entlassung und seine Wiederanstellungsmöglichkeiten. Letztendlich beeinflusst die zunehmende Integration der nationalen Wirtschaft in die Weltwirtschaft auch nicht-ökonomische Lebensbereiche nachhaltig, z.B. wie die des familiären und sozialen Zusammenlebens. Während es bereits wissenschaftliche Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen Globalisierung und Gewerkschaftsdichte, Arbeitnehmerschutz, Arbeitslosigkeit oder Einkommensverteilung gibt, fehlen Studien über die Auswirkungen der Internationalisierung der einheimischen Wirtschaft auf den sozialen Bereich fast völlig. Daher habe ich in meiner neuesten Arbeit (Fischer, 2012a) den Einfluss der Globalisierung auf das Vertrauen der Bürger in die politischen Institutionen ihres Landes untersucht.

Warum sollte die Globalisierung – ein Phänomen, das sich nach der allgemeinen Wahrnehmung vordringlich in der wirtschaftlichen Sphäre abspielt – überhaupt eine Auswirkung auf das sogenannte politische Vertrauen haben? In der Forschung auf dem Gebiete der Psychologie wird angenommen, dass viele zwischenmenschliche Vertrauensbeziehungen auf einem sogenannten psychologischen Vertrag oder impliziten Vertrag beruhen: im Gegensatz zu einem schriftlich fixierten Vertrag bleiben hier Rechte, Pflichten und Erwartungen an die jeweils andere Vertragspartei unausgesprochen (Argyris, 1960; Schein, 1965). Implizite Verträge finden sich beispielsweise in jedem Arbeitsverhältnis – also Erwartungen des Arbeitnehmers hinsichtlich des Verhaltens des Arbeitgebers und vice versa, die nicht explizit im Arbeitsvertrag niedergelegt sind. Vertrauen wird in diesem Zusammenhang als die erfüllte Erwartung von vertragsgemässem, d.h. reziprokem Verhalten definiert. Nun hat die Verhaltensforschung für die Arbeitswelt nicht nur gezeigt, dass solche vertrauensbegründenden impliziten Verträge zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber tatsächlich existieren, sondern auch, dass eine Verletzung dieses Vertrages durch Nichterfüllung zu einem Vertrauensverlust der Gegenpartei führt (Robinson und Rousseau, 1994).

Eingeschränkte politische Handlungsspielräume

Genauso wie zwischen Menschen vertrauenschaffende implizite Verträge bestehen, können nun auch solche Verträge zwischen Regierung und Bürger als existent angenommen werden. In diesem Fall erweist sich eine Regierung als vertrauenswürdig, wenn ihre Politik den Wünschen und Vorstellungen des Bürgers entspricht. Wie wir oben gesehen haben, führt die Globalisierung aber zu (durchaus wachstumsfördernden) Transformationsprozessen in der einheimischen Wirtschaft, die sich nicht nur durch ihren hohen sozialen "Kollateralschaden" auszeichnen, sondern vor allem unvermeidbar und unaufhaltsam sind. Es ist genau diese Unvermeidbarkeit und Unaufhaltsamkeit, aufgrund derer einheimischen Politikern oft keine (echte) Wahl im Sinne einer freien Entscheidung bleibt: Fordern beispielsweise Unternehmen Steuersenkungen und eine Deregulierung des Arbeitsmarkts aus Furcht um den Verlust ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit, so wird sich diesem Globalisierungsdruck letztlich jede Regierung - unabhängig von ihrer politischer Couleur - beugen müssen; beispielsweise haben in Deutschland die stärksten Einschnitte in den Wohlfahrtsstaat und tiefgreifendsten Arbeitsmarktreformen seit 1949 unter einer Mitte-Links-Regierung stattgefunden.

Diese neuen, stärkeren, von der Globalisierung verursachten Handlungsrestriktionen beschneiden den Handlungsspielraum der Politiker möglicherweise so sehr, dass eine nach politischer Ideologie differenzierende Antwort auf die politischen Wünsche der Bürger verunmöglicht wird (Fischer, 2012b). Unter Annahme eines impliziten Vertrages zwischen Regierung und Bürger ist meine Ausgangshypothese daher, dass die Handlungsbeschränkung und der Verlust an Entscheidungsfreiheit der einheimischen Regierung, verursacht durch die Zwänge der Globalisierung, zum Bruch des impliziten Vertrages mit den Bürgern und damit zu deren Verlust an Vertrauen in ihre nationalen politischen Institutionen führen.

Der empirische belegte Vertrauensverlust

Die empirische Überprüfung der Hypothese des Vertrauensverlustes durch die Globalisierung bestätigt diesen Verdacht (Fischer, 2012a): Indem ich mehrere Querschnitte von Individualdaten über Werte und Wertvorstellungen von 260'000 Menschen (European and World Values Surveys) zwischen 1981 und 2007 mit dem jeweiligen KOF Indikator der ökonomischen Globalisierung eines Staates[ a ] (Dreher et al., 2008) matchte, konnte ich in diesem "pseudo micro panel" einen zerstörerischen Einfluss der ökonomischen Globalisierung auf das Vertrauen in das nationale Parlament nachweisen. Dabei wird im empirischen Modell das Vertrauen in das nationale Parlament als Funktion der ökonomischen Globalisierung, aber auch anderer personenspezifischer Faktoren wie Geschlecht, Alter, Bildung, Einkommen, politischer Einstellung, Arbeitsmarktstatus, und Zivilstatus gesehen (siehe auch Fischer, 2011). Der Nachweis der Kausalität wurde mit Hilfe von Länder-spezifischen fixen Effekten, Zeit-spezifischen fixen Effekten, Instrumentenvariablen und Länder-spezifischen Globalisierungseffekten erbracht. Mögliche vertrauensbildende Einflüsse aufgrund einer Handels-induzierten, verbesserten makroökonomischen Entwicklung wurden durch die Berücksichtigung des 3-Jahres-Durchschnittswachstums, der Höhe des Pro-Kopf-Volkseinkommens und der allgemeinen Arbeitslosenrate herausgerechnet.

Meine weitere Analyse zeigte, dass die Globalisierung bei Personen mit höherem Bildungsstand oder einem Interesse an Politik einen geringeren Verlust an politischem Vertrauen hervorruft – verglichen mit dem Rest der Bevölkerung. Möglicherweise fördern eine höhere Bildung und ein aktives Interesse an Politik ein Verständnis für jene Sachzwänge, welche die Globalisierung der einheimischen Regierung aufzwingt, so dass der "Vertragsbruch" der Regierung ihr weniger stark zugerechnet wird. Der abmildernde Einfluss eines politischen Interesses hinsichtlich des vertrauenszerstörenden Effektes von Globalisierung zeigt sich sowohl für Personen in Entwicklungsländern wie auch für Befragte in entwickelten Ländern.

Welche Empfehlungen für die politische Klasse können wir daraus ableiten? Aufgrund der Heterogenität des Globalisierungseffektes bezüglich politischem Interesse und Bildung kann ich unter Hinzuziehung psychologischer Studien (Jick, 1993) schlussfolgern, dass ein konsistentes und wiederholtes Kommunizieren der (wirtschaftlichen) Faktenlage mit den Bürgern zu einer Änderung ihrer Erwartungshaltung und damit Re-vision ihres impliziten Vertrages mit der Regierung führen kann. Erst eine derart veränderte Erwartungshaltung in der breiten Bevölkerung kann im günstigsten Fall letztendlich zu einem vollständigen Diskonnex zwischen dem Globalisierungsgrad eines Landes und dem Vertrauen in die nationalen politischen Institutionen führen.

Literatur

Fischer, Justina A.V. (2012a), Globalization and Political Trust, University of Bern, World Trade Institute, NCCR Working Paper No. 2012/05, or MPRA paper No. 36692.

Fischer, Justina A.V. (2012b), The choice of domestic policies in a globalized economy, University of Bern, World Trade Institute, mimeo.

Fischer, Justina A.V. (2011), Living under the ‘right’ government: does political ideology matter to trust in political institutions?, Tor Vergata University, CEIS, CEIS Research Paper No. 212.

Weiterführende Literatur

Argyris, C. (1960). Understanding organisational behaviour. Homewood, Illinois: Dorsey Press.

Dreher, A., N. Gaston, und P. Martens (2008), Measuring Globalization – Gauging its Consequences, New York: Springer.

Jick, T. (1993). Managing change: cases and concepts. Homewood, IL: Irwin.

Robinson, S., und D. Rousseau (1994), Violating the psychological contract: Not the exception but the norm, Journal of Organizational Behaviour 16, 289-298.

Schein, E. H. (1965, Reprinted 1980). Organizational psychology. New Jersey: Englewood Cliffs.

©KOF ETH Zürich, 28. Feb. 2012

 
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Justina A. V. Fischer

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Schlagworte

Globalisierung, Internationaler-Handel, politisches-Vertrauen

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