Unschuld verloren, Freiheit gefunden – die Ökonomie, die Krise und das Web

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David Iselin und Anne Stücker, 19. Jan. 2012
Unschuld verloren, Freiheit gefunden – die Ökonomie, die Krise und das Web 3.05 5 19

Es rumort in der VWL. Erst wurde den Ökonomen der homo oeconomicus weggenommen. Und dann kam der Vorwurf, die Ökonomie hätte bei einer ihrer wichtigsten Aufgaben – der Krisenverhinderung – versagt: Erstens hätte die Ökonomenzunft die «Grosse Rezession» nicht vorhergesehen, zweitens nicht verhindert und zeige, drittens, keine brauchbaren Lösungen, um aus dem Schlamassel wieder raus zu kommen. Ein Wissenschaftsversagen, vor dem Herbert Giersch bereits Anfang der 90er Jahre warnte, mit Ökonomen, die durch Tabus und Vorurteile blind sind und von modischen Modellvorstellungen geblendet? Die ökonomische Krise als Krise der Ökonomie.

Der letzte Tango

Was ist nur los mit den Wirtschaftswissenschaften, mag man sich da fragen. «Viel» wäre wohl die beste Antwort. Zuerst wurde eine der tragenden Säulen der Ökonomie, der homo oeconomicus, zum Einsturz gebracht. Der Elchtest der Realität liess gar nichts anderes zu. Das Modell des eigensinnigen, stets rationalen und mit stabilen Präferenzen ausgestatteten Menschen wurde abgelöst durch ein sozusagen sehr menschliches: Den homo humanus, der irrt, wirrt, Fehleinschätzungen macht und beeinflussbar ist. Doch damit ging auch ein Stück Schlichtheit verloren, die schöne Modelle auszeichnet. Parallel dazu entschwand ein Stück Stabilität und Unschuld, sowohl geistige wie auch die der Modelle.

Den Paradigmenwechsel weg vom homo oeconomicus haben die Ökonomen mit ein paar angepassten Annahmen ja noch ganz gut hingekriegt. Schliesslich ist die Verhaltensökonomik – die wesentlich auf den Arbeiten des Psychologen (und Wirtschaftsnobelpreisträgers) Daniel Kahneman[ 1 ] beruht  – mittlerweile eines der weitesten und meist beachteten Forschungsfelder der VWL. Also unflexibel sind die Wirtschaftswissenschaften wahrlich nicht.

Occupy VWL – die Ökonomie und die Krise

Mit der Finanzkrise kam die Krise der Ökonomie als sozialwissenschaftliche Erkenntnistheorie. Für was sollen Wirtschaftswissenschaften gut sein, wenn sie beim ersten richtigen Realitätscheck seit 1989 versagen? Krisengründe und Auswege aus der derselben – das grosse Wirrwarr und eine allgemeine Verunsicherung. Wenn Ökonomen (und nicht Historiker) auf historische Ereignisse zurückgreifen (müssen), um die Gegenwart zu erklären, fehle ihnen der Kompass, lautete einer der harmloseren Vorwürfe. Die Selbstzweifel kamen und die (selbstkasteienden) Diskussionen begannen. Die Ökonomen im Erklärungsnotstand.

Oder dreht sich die Diskussion gar nicht um eine Neuausrichtung, sondern geht es bei der Diskussion lediglich um die Rettung von Lebenswerken? So sieht es jedenfalls Dennis Snower, der sich dazu in der Financial Times Deutschland[ a ] äusserte: «Die etablierten Vertreter der Ökonomenzunft haben über Jahrzehnte ein Wissensgebäude aufgebaut, dessen Fundament heute stark bröckelt. Die meisten Modelle gingen ja davon aus, dass Menschen stets rational handeln, was in der Krise an den Finanzmärkten eindeutig nicht der Fall war. Da sehen viele Professoren ihr Lebenswerk bedroht. Nun können sie entweder mit ansehen, wie ihre Reputation schwindet. Oder sich gegen die Veränderungen wehren, was viele ja auch tun.»

Bedrohte Lebenswerke, das heisst – vor allem in Deutschland – aber auch bedrohte Methoden. Lars P. Feld hat zusammen mit Ekkehard Köhler in einem Grundlagenbeitrag zur Zukunft der Ordnungsökonomik[ b ] auch zur Krise der Ökonomie in Deutschland und zum daraus entstandenen Methodenstreit Stellung bezogen: «In Deutschland war es wieder einmal die Methode, die zum Hauptgegenstand der Reflexion wurde». Die Methodenfrage steht in der heutigen Diskussion nicht mehr im Zentrum, es stellt sich vielmehr die Frage, was Ökonomie leisten kann und soll.

Lasst uns eine Lanze brechen

Die Debatte um Sinn und Unsinn der VWL ruft die Verteidiger auf den Plan. Laut einem Ökonomenstimme-Beitrag von Reiner Eichenberger sei die moderne Ökonomik weit von einer Krise entfernt. Im Gegenteil, die Kritik an der Ökonomie sei erstens mehrheitlich eine Kritik von Nicht-Verständigen und zweitens «ist für eine […], feinere und vergleichende Krisenanalyse die moderne Wirtschaftswissenschaft jeder heute bekannten Alternative weit überlegen. […]» Gleichentags schlug auch Rüdiger Bachmann von der RWTH Aachen bei uns zu, der der VWL viel mehr zutraut, als es die derzeitige miese PR vermuten liesse.

Die Reaktionen liessen natürlich nicht auf sich warten, z.B. jene von Mathias Binswanger, der der Ökonomie Realitätsverlust vorwirft. Kann die Ökonomie wirklich halten, was Eichenberger/Bachmann behaupten? Sie muss es, ja. Die Theorie der VWL muss dazu nicht neu erfunden werden, aber sie muss sich an die heutige Welt anpassen. «Wenn das Netz, das wir auswerfen, um «die Welt einzufangen» (Popper 1934) zu löchrig wird, muss ein neues, engmaschigeres her.

Zwei Ufer, keine Brücke

Die Wirtschaftswissenschaften sind im langsamen Umbruch. Es fehlt nicht an Konzepten und Modellen an sich, es mangelt am Austausch: zwischen Politik und Forschung, zwischen Kommentatoren und Elfenbeintürmlern der Wissenschaft. Weder ein Markt- noch ein Staatsversagen, sondern eine Kommunikationsstörung beim Übergang von der Theorie in die Praxis. Bereits vor einigen Monaten schrieb Joachim Weimann bei uns über das schwierige Verhältnis zwischen Politikberatung und Verhaltensökonomie. Bislang fand diese in öffentlichen Gutachten wenig Anklang, im Gegensatz zur eher klassischen Ökonomie, die aber mit Schlagseite vor der Küste liegt.

Die Ökonomenstimme möchte zumindest einen Pfeiler für die fehlende Brücke einschlagen. Bisher fand der – zweifellos notwendige und gewünschte – Diskurs weitgehend inzestuös unter Ökonomen oder in kleinen Runden zwischen Politikern und Ökonomen statt. Doch auch hier ist ein Umdenken im Gange.

Wenn sich die VWL an die heutige Welt anpassen muss – wie sieht sie denn aus, die Wirklichkeit? Sie ist heute weitgehend eine virtuelle. Mittlerweile sind auch die deutschsprachigen Ökonomen im Internet gelandet[ 2 ] , wie Olaf Storbeck[ c ] oder Florian Semle[ d ] schon vor ein paar Wochen umfassender zeigten – allerdings noch scheu und zurückhaltend. Ganz anders die Kollegen im angelsächsischen Raum, die ihren Einfluss meist über ihre persönlichen Blogs wahrnehmen und dadurch ihr Prestige – und die Downloads von besprochenen Papern steigern (McKenzie und Özler 2011). Der Economist hat vor ein paar Wochen eine grosse Übersicht über den Einfluss von Blogs auf die ökonomische Debatte gebracht. Plötzlich fänden dank der Offenheit des Internets Thesen Verbreitung, die in der analogen Zeit nie ein breiteres Publikum gefunden hätten, da damals die führenden Papers die Marschrichtung der Diskussion vorgaben (Economist 2011). Die neue Offenheit der Debatte befruchtet den Austausch.

Die Krise, die eine ist

Der globale Aufschwung hatte zur Folge, dass die ehemals graue Ökonomie plötzlich zu einer Starwissenschaft aufstieg (Rachman 2011). Die Starwissenschaft musste Schläge einstecken und fraglos leidet die Ökonomie an einer gewissen Legitimitätskrise. Die Ökonomen schulden der Öffentlichkeit Antworten, die sie nicht immer geben konnten, doch vor allem schulden sie der Öffentlichkeit die richtigen Fragen. Fragen, unabhängig von den herrschenden Paradigmen oder modischen Modellvorstellungen. Fragen, die im Netz frei diskutiert werden können, also auch auf unserer Plattform.

 

Veranstaltungshinweis

Zur Legitimationsfrage der Ökonomie finden in Kürze zwei Veranstaltungen statt. Einerseits die Veranstaltung «Ökonomie Neu Denken[ e ]» in Frankfurt am Main (23.-24. Januar 2011), organisiert vom Stifterverband und dem Handelsblatt. Andererseits organisiert das «Institute for New Economic Thinking» (Inet), dem zahlreiche Wirtschaftsnobelpreisträger angehören, unter dem Label «Paradigm Lost: Rethinking Economics and Politics[ f ]», vom 12. bis 14. April 2012 in Berlin eine Konferenz zur Diskussion über die bisherigen konventionellen Denkweisen in der VWL.

Literatur

Feld, Lars P. und Ekkehard A. Köhler (2011): Zur Zukunft der Ordnungsökonomik[ b ]. Freiburger Diskussionspapiere zur Ordnungsökonomik 11/2.

Giersch, Herbert (2004): Thesen zum Thema Wissenschaftler in der wirtschaftspolitischen Verantwortung in: Orden pour le mérite für Wissenschaft und Künste (Hrsg.), Reden und Gedenkworte, Vierundzwanzigster Band 1993-1994, Verlag Lambert Schneider, Gerlingen.

Kahneman, Daniel (2011): Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus & Giroux

McKenzie, David J. and Berk Özler (2011): The Impact of Economics Blogs[ g ], CEPR Discussion Paper No. 8558.

Popper, Karl (1934): Logik der Forschung, Wien.

Rachman, Gideon (2011). Zero-Sum World, Atlantic Books.


  • 1  Daniel Kahnemans kürzlich erschienenes Buch «Thinking, Fast and Slow» weist den Weg.
  • 2  In Deutschland grösser, in der Schweiz in einer Nische, z.B. dem Batz unserer Gründungsmitglieder Monika Bütler und Gebhard Kirchgässner. Und in Österreich?

©KOF ETH Zürich, 19. Jan. 2012

 
Unschuld verloren, Freiheit gefunden – die Ökonomie, die Krise und das Web 3.05 5 19

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.
  • Rationalität

    [ ]

    Eine Wissenschaft, in der das wesentliche Subjekt der Mensch ist, muß dessen Eigenschaften als gegeben ansetzen.

    Dummerweise ist der Mensch keineswegs eindeutig in seinem Verhalten - weder nur rational noch nur irrational. die Verhaltensweisen lassen sich höchstens über Wahrscheinlichkeiten von Mehr- und Minderheiten beschreiben.

    Der rein rationale homo ökonomicus ist keine Fiktion, er ist nur eine mögliche Ausprägung mit zeitlich und mit sachlich variierend hoher Wahrscheinlichkeit.

    Einfach gesagt: Es wird schwer zu sagen, wann Menschen rational und wann irrational agieren und reagieren.

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Autoren

David Iselin

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Anne Stücker

Anne Stücker

Schlagworte

Finanzkrise, Krise-Ökonomik, Methodenstreit, Methodik-VWL

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