Die Welt erscheint ungerecht: Wer schön ist, hat mehr Erfolg auf dem Arbeitsmarkt und erzielt damit ein höheres Einkommen. Auch auf dem Heiratsmarkt haben es schöne Menschen viel leichter als weniger schöne. Diese Eigenschaften werden neuerdings auch als „erotisches Kapital“ bezeichnet Dieses kommt zu den ökonomischen, kulturellen, humanen und sozialen Kapitalien hinzu, die insgesamt den Erfolg in der Wirtschaft massgeblich bestimmen. Und als ob dies nicht genüge, zeigt die Glücksforschung nun auch noch, dass schöne Menschen auch glücklicher sind.
Aber was ist Schönheit?
Wir haben alle gelernt, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Darin liegt viel Wahres, aber Untersuchungen von Sozialpsychologen haben gezeigt, dass eine erstaunlich hohe Übereinstimmung darüber besteht, wer mehr oder weniger schön ist. Eine Definition zu finden, welches Gesicht als „schön“ gilt, ist schwierig. Dennoch ist Schönheit empirisch messbar (vgl. dazu und im Folgenden Daniel Hamermesh 2011). Man könnte zum Beispiel von einem bestimmten Mass an Symmetrie ausgehen. Typischerweise werden aber Personen direkt nach ihrer Einschätzung gefragt, wobei ihnen eine Skala von fünf Abstufungen vorgegeben wird: „ausgesprochen schön“, „gut aussehend“, „durchschnittlich“, „unterdurchschnittlich“ und schliesslich „unattraktiv“. Gemäss einer amerikanischen Untersuchung aus den 70er Jahren gilt folgende Verteilung:
Andere Untersuchungen zeigen ein ähnliches Bild. Etwa ein Drittel der Menschen werden als gut aussehend oder sogar schön betrachtet, was erfreulich ist. Nur ein verschwindend kleiner Anteil gilt als unattraktiv. Bemerkenswert ist der geringe Unterschied zwischen den Geschlechtern. Frauen werden nicht von vornherein als schöner eingestuft.
Der weitgehende Konsens über Schönheit gilt für wirtschaftlich entwickelte Länder zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es gibt Unterschiede zwischen Kulturen, sie sind aber kleiner als die meisten Menschen wohl annehmen. Diese Feststellung gilt für das Gesicht, das jedoch für die Einschätzung der Schönheit eines Menschen von überragender Bedeutung ist. Gewicht und Grösse spielen auch eine Rolle. Dies ist jedem Kunstliebhaber bekannt, für den die Frauen von Rubens nicht dem heute gängigen Schönheitsideal entsprechen. Zu anderen Zeiten haben Maler jedoch bereits Menschen gemalt, deren Aussehen den heutigen Schönheitsvorstellungen völlig entspricht. Man denke etwa an Dürers und Cranachs Darstellungen von Adam und Eva oder Botticellis Urteil des Paris.
Wie auch auf diesen Gemälden deutlich wird, sind Jugend und Schönheit eng korreliert, was sich sozio-biologisch erklären lässt. Es ist evolutionär vorteilhaft, wenn die in der Jugend höchste Reproduktionsfähigkeit durch Schönheit angeregt wird. Es stellt sich jedoch die Frage, ob dies im Zeitalter einer rasch wachsenden Weltbevölkerung noch förderlich ist.
Effekt auf das Einkommen
Die Wirkung von Schönheit auf dem Arbeitsmarkt lässt sich empirisch erfassen. Für die Vereinigten Staaten hat Hamermesh berechnet, dass die 30% Frauen, die als „ausgesprochen schön“ oder „gut aussehend“ eingeschätzt wurden, im Durchschnitt ein etwa 8% höheres Einkommen erzielten als vergleichbare Frauen, die als weniger schön betrachtet wurden. Der Effekt guten Aussehens ist bei den Männern etwas kleiner; er liegt bei 4%. Die als „unterdurchschnittlich“ oder „unattraktiv“ eingeschätzten Frauen erhielten 4% weniger Lohn; Männer der entsprechenden Schönheitskategorien verdienten im Durchschnitt sogar 13% weniger.
Die Auswirkung der Schönheit hinsichtlich des Einkommens ist zwar deutlich feststellbar, jedoch auch nicht riesig. Mit den gleichen Daten lässt sich zum Beispiel berechnen, dass ein zusätzliches Schuljahr unter sonst gleichen Bedingungen zu einem im Durchschnitt 10% höheren Einkommen führt.
Effekt auf das Glück
Häufig wird erwartet, dass schöne Menschen zwar vielleicht mehr Erfolg auf dem Arbeitsmarkt haben, aber unglücklicher sind. Man denkt dann an Schönheitsköniginnen, die ihre Position überschätzen und den Bezug zur Realität verlieren, oder an wegen ihrer Schönheit bewunderte Filmstars, die offensichtlich unglücklich sind – und dies auch gerne öffentlich zur Schau stellen. Die empirische Forschung kommt zu einem anderen Befund: Schöne Menschen sind glücklicher als ihre weniger gut aussehenden Mitmenschen. Glück wird dabei, wie heute allgemein üblich, mit der Frage „Insgesamt betrachtet, wie zufrieden sind Sie mit dem Leben, das Sie führen?“ erfasst (vgl. z.B. Frey und Frey Marti 2011). Das Drittel am besten aussehender Menschen gibt zu 55% an, sie seien mit ihrem Leben zufrieden. Hingegen sagen dies nur 45% der am schlechtesten aussehenden Personen. Da Schönheit gleichzeitig das Einkommen erhöht und eine Eheschließung erleichtert, ist die Gesamtwirkung der Schönheit auf das Glück noch höher einzuschätzen. Dieser Effekt wird verstärkt durch die Tatsache, dass schöne Menschen auch generell leichter soziale Kontakte knüpfen können.
Was kann man tun?
Wer nicht mit Schönheit gesegnet ist, kann Einiges tun, um diesen Nachteil zu kompensieren. Es bieten sich vier Ebenen an:
Erstens muss betont werden, dass Intelligenz und Talent ein weniger gutes Aussehen oftmals mehr als kompensieren – sowohl auf dem Arbeits- als auch auf dem Heiratsmarkt. Dies trifft in den meisten Fällen auch auf eine gute Ausbildung zu.
Zweitens kann ein Beruf gewählt werden, bei dem Fachkompetenz deutlich im Vordergrund steht und Schönheit nebensächlich ist. Man sollte beispielsweise eher RadiosprecherIn werden, wo die Schönheit der Stimme zählt, und nicht SchauspielerIn, RechtsanwältIn, FinanzberaterIn oder Top ManagerIn. Im Zeitalter des Fernsehens trifft dies sogar auf den Beruf des Politikers zu. Eine Untersuchung der Wahlen für den Deutschen Bundestag im Jahr 2002 hat ergeben, dass Kandidaten, die als schöner eingeschätzt wurden, einen substantiell höheren Stimmenanteil erreichten und deshalb eher gewählt wurden (Klein und Rosar 2005). In Finnland hat sich gutes Aussehen in der Politik sogar als noch wichtiger erwiesen (Berggren u.a. 2010).
Drittens kann das Aussehen und der nach aussen vermittelte Eindruck durch geeignete Kleidung, Frisur und gute Manieren wesentlich verbessert werden. Bei Schönheitsoperationen muss das Kosten-Nutzen-Verhältnis sorgsam abgewogen werden. Gemäss Hamermesh bringen viele derartige Operationen nur wenig.
Viertens dienen auch Reichtum und Macht als Ausgleich für fehlende Schönheit. Nur so ist erklärbar, dass der wenig attraktiv aussehende Onassis zwei der begehrtesten Frauen der damaligen Zeit – Maria Callas und Jacqueline Kennedy – erfolgreich umwerben konnte.[ 1 ]
Referenzen
Frey, Bruno S. und Claudia Frey Marti, Glück – Die Sicht der Ökonomie. Zürich und Chur: Rüegger, 2. Aufl. 2011.
Hamermesh, Daniel S. Beauty Pays. Why Attractive People Are More Successful. Princeton: Princeton University Press, 2011.
Klein, Markus und Ulrich Rosar, „Physische Attraktivität und Wahlerfolg. Eine empirische Analyse am Beispiel der Wahlkreiskandidaten bei der Bundestagswahl 2002“. Politische Vierteljahreshefte 46 (2005): 266-290.
Berggren, Niclas, Henrik Johrdahl und Panu Poutvara, „ The Looks of a Winner: Beauty and Electoral Success“. Journal of Public Economics 94 (2010): 8-15.
- 1 Dieser Beitrag ist auch auf NZZ Online erschienen: http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/schoene_menschen_verdienen_mehr____1.13647002.html
©KOF ETH Zürich, 15. Dez. 2011
