Protektionismus zahlt sich nicht aus

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Mario Larch und Wolfgang Lechthaler, 28. Nov. 2011
Protektionismus zahlt sich nicht aus 3.80 5 15

Mit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2008 brach das Wirtschaftswachstum auf der ganzen Welt massiv ein, die Arbeitslosigkeit stieg an und die Tendenz zum Protektionismus verstärkte sich. Manche Länder verwendeten „Buy National“ Klauseln in ihren Konjunkturpaketen, welche die Regierungen verpflichteten, sich verstärkt auf heimische Produkte zu konzentrieren.[ 1 ] Andere populäre protektionistische Maßnahmen umfassten Handelsbarrieren, Zölle und Exportsteuern. Insgesamt ist der Anstieg von protektionistischen Maßnahmen besorgniserregend (Abbildung 1).[ 2 ]
 
Abbildung 1: Kumulierte Anzahl protektionistischer Maßnahmen.


Quelle: http://www.globaltradealert.org/[ a ].

Begründet werden protektionistische Maßnahmen meist vor dem Hintergrund, heimische Unternehmen während einer Rezession vor zu hartem Wettbewerbsdruck zu schützen. Auf diese Weise will man, so das Argument, vor allem heimische Jobs bewahren. Protektionistische Instrumente gewinnen aus dem Blickwinkel vieler politischer Entscheidungsträger insbesondere angesichts der Gefahr eines neuerlichen Abschwungs an Attraktivität, da die fiskalpolitischen Instrumente aufgrund knapper Staatskassen stumpf geworden sind.

Die landläufige Kritik an Protektionismus betont, dass diese Maßnahmen einer „Beggar-thy-Neighbor“-Politik gleichkommen, dass also ein Land versucht, sich auf Kosten anderer Länder besser zu stellen. Dies kann jedoch leicht zu Gegenmaßnahmen der Handelspartner führen, so dass am Ende beide Seiten schlechter gestellt sind.

Protektionistische Massnahmen schaden auch ohne Gegenangriff

Wir zeigen jedoch, dass protektionistische Maßnahmen auch dann dem initiierenden Land selbst schaden, wenn die Handelspartner sich nicht mit eigenen Handelshemmnissen revanchieren. Unsere Analyse bietet somit ein deutlich stärkeres Argument gegen Protektionismus. Entscheidend für unser Ergebnis sind die durch Protektionismus ausgelösten Veränderungen der relativen Preise, die die positiven Effekte eindeutig dominieren.

Für unsere Untersuchung greifen wir auf das Modell von Ghironi und Melitz (2005) zurück, einer dynamischen Variante des Modells von Melitz (2003), dem bedeutendsten theoretischen Modell der heutigen Außenhandelsliteratur. Im Wesentlichen beruht das Modell auf der Idee, dass Firmen unterschiedlich produktiv sind und nur die produktivsten Firmen in der Lage sind zu exportieren. Wir erweitern das Modell um einen zeitweiligen Anstieg verschiedener protektionistischen Maßnahmen zu simulieren: von Zöllen, von Handelsschranken und von Exportsubventionen, sowie der „Buy National“ Programme. Diese protektionistischen Maßnahmen vergleichen wir mit den Folgen traditioneller Fiskalpolitik, die nicht zwischen inländischen und ausländischen Produkten diskriminieren.[ 3 ]

Die wichtigsten Ergebnisse werden in Abbildung 2 dargestellt. Die Abbildung zeigt, unter anderem, die zeitliche Veränderung des BIP, verursacht durch einen temporären Anstieg einer der genannten Maßnahmen. Die Auswirkungen werden dargestellt in prozentualen Abweichungen von der BIP-Entwicklung, die sich ohne Stimulus ergeben hätte.

Es ist offensichtlich, dass sich Protektionismus nicht auszahlt. Obwohl „Buy National“ Programme und Exportsubventionen die Wirtschaft tendenziell stimulieren, erweist sich die traditionelle Fiskalpolitik als effektiver. Die Errichtung von Handelsbarrieren reduziert die Produktion und den Konsum sogar und schadet damit der Wirtschaft anstatt sie zu schützen.
 
Abbildung 2: Die Auswirkungen von Protektionismus (durchgezogene Linie: Fiskalpolitik; Strichlinie: „Buy National“; Strichpunktlinie: Anstieg von Zöllen; Punktlinie: Anstieg von Exportsubventionen; x-Linie: Antieg von Handeslhemmnissen).



Ein fiskalischer Stimulus mit „Buy National“ Klauseln stimuliert zwar die Wirtschaft, allerdings ist dieser Effekt geringer als bei einer nichtdiskriminierenden Fiskalpolitik. Eine Diskriminierung ausländischer Produkte schadet der Volkswirtschaft also. Hierfür gibt es zweierlei Gründe. Durch die Ausrichtung der Fiskalpolitik auf heimische Produkte werden die Maßnahmen teurer, weil günstigere ausländische Erzeugnisse ignoriert werden. Also kann man mit einem Euro im Fall von „Buy National“ Klauseln weniger kaufen als bei einer allgemeinen Erhöhung der Staatsausgaben. Aufgrund der gestiegenen Nachfrage steigen außerdem die Preise heimischer Produkte, was Konsumenten dazu veranlasst, den Konsum dieser Produkte zu reduzieren (ein Effekt der als Crowding Out bekannt ist).[ 4 ]

Ähnlich wie die Einführung von Handelsschranken und Zöllen verzerrt die Fiskalpolitik mit einer Konzentration auf inländische Produkte die internationalen Preise. Heimische Produkte werden im Vergleich zu ausländischen Produkten teurer, verlieren an Wettbewerbsfähigkeit und am Ende verringern sich die Exporte. Insgesamt erhöhen fiskalpolitische Maßnahmen zwar das BIP, aber eine Konzentration der Ausgaben auf heimische Produkte reduziert die positiven Effekte. Eine nichtdiskriminierende Fiskalpolitik ist daher „Buy National“ Klauseln vorzuziehen.

Wie sieht es mit den anderen protektionistischen Maßnahmen aus, funktionieren diese besser? Im Gegenteil: Die mit Abstand schlechteste Idee ist die Errichtung von nicht-tarifären Handelshemmnissen. Auch wenn Handelshemmnisse die heimischen Unternehmen vor dem Wettbewerb durch ausländische Firmen schützen und dadurch die inländische Nachfrage für den heimischen Markt erhöhen, schaden sie der gesamten Volkswirtschaft. Dies hat eine zweifache Ursache: Sie schaden den Konsumenten direkt, weil die ausländischen Produkte im Heimatland teurer werden. Das macht die Konsumenten ärmer und sie reduzieren den Konsum sowohl der inländischen als auch der ausländischen Güter. Die Verzerrung im Handel verursacht zudem eine Veränderung der relativen Preise, wodurch die heimischen Produkte auf dem Exportmarkt teurer werden als die ausländischen Produkte und somit an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Dies führt zu erheblichen Exporteinbrüchen. Diese beiden negativen Effekte überkompensieren den positiven protektionistischen Effekt, mit der Folge, dass das BIP sinkt.

Die Auswirkungen von Zöllen sind sehr ähnlich, allerdings generieren sie immerhin Einkommen. Dieses Einkommen kann verwendet werden, um Steuern zu senken oder Transferzahlungen an die Konsumenten zu finanzieren. Der Nettoeffekt einer Zollerhöhung bleibt zwar negativ, aber diese Politik ist weniger schädlich als eine Erhöhung von Handelshemmnissen.

Gewinner und Verlierer von Protektionismus

Wenn alle diese Maßnahmen so schädlich sind, warum sind dann viele Politiker in Krisenzeiten dennoch geneigt, sie anzuwenden? Eine mögliche Erklärung ist, dass diese Maßnahmen sowohl Gewinner als auch Verlierer hervorbringen. Während Protektionismus der Volkswirtschaft als Ganzes schadet, profitieren einige heimische Firmen (Unternehmen, die nicht exportieren) von den Maßnahmen und erwirtschaften höhere Gewinne. Wenn diese Firmen eine starke Lobby haben, kann das zu Protektionismus führen. Besonders in Krisenzeiten scheinen Politiker anfällig für solche Argumente zu sein.

Exportsubventionen als positive Ausnahme

Nach unserer Analyse gibt es jedoch ein Instrument mit positiven Auswirkungen: Exportsubventionen. Sie bevorzugen zwar heimische Güter gegenüber ausländischen Produkten, fördern aber tendenziell den Handel. Die Konsumentenpreise sinken in beiden Handelspartnerländern: Die Importe des Auslandes werden aufgrund der Subventionen, die Importe des Inlandes aufgrund der Anpassung der relativen Preise günstiger. Im Endeffekt steigen der Konsum und das BIP in beiden Ländern. Allerdings ist der Effekt von Exportsubventionen geringer als der einer Erhöhung allgemeiner Staatsausgaben und er ist nur von sehr kurzer Dauer.

Unsere Analyse enthält keine Gegenmaßnahmen der Handelspartner. Es war unser Ziel, zu zeigen, dass sich Protektionismus nicht auszahlt, selbst wenn sich die Handelspartner nicht revanchieren. Allerdings schaden alle Maßnahmen, außer Exportsubventionen, den Handelspartnern und daher sind Gegenmaßnahmen wahrscheinlich. Gegenmaßnahmen würden die negativen Effekte natürlich noch weiter verstärken (für weitere Details siehe Larch und Lechthaler (2011a)).

Literatur:

Ghironi, Fabio, und Marc Melitz (2005): International Trade and Macroecoenomic Dynamics with Heterogeneous Firms," Quarterly Journal of Economics, 120(3), 865-915.

Larch, Mario und Wolfgang Lechthaler (2011a): Why ‘Buy American’ is a Bad Idea but Politicians Still Like It, Canadian Journal of Economics, 44(3), 838-858.

Larch, Mario und Wolfgang Lechthaler (2011b): Is there a Short-run Case for Protectionism? Trade Policy and the Business Cycle, Kiel working paper 1717

Melitz, Marc (2003): The Impact of Trade on Intra-Industry Reallocations and Aggregate Industry Productivity," Econometrica, 71(6), 1695-1725.


  • 1  Die Idee der „Buy National“ Klauseln, die Konjunkturpakete an heimische Produkte bindet, hat mit Paul Krugman einen prominenten Unterstützer gefunden. (Siehe: http://krugman.blogs.nytimes.com/2009/02/01/protectionism-and-stimulus-wonkish/)
  • 2  Dieser Artikel ist eine gekürzte Version eines Artikels in Intereconomics, 46 (4), S. 205-208.
  • 3  Eine detaillierte Beschreibung des theoretischen Modells findet sich in Larch und Lechthaler (2011a und 2011b).
  • 4  Auch traditionelle Fiskalpolitik führt zu Crowding Out Effekten, aber in einem geringeren Ausmaß, weil die heimischen Preise nicht so stark ansteigen.

©KOF ETH Zürich, 28. Nov. 2011

 
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Schlagworte

Buy-American, Exportsubventionen, Konjunkturpolitik, Protektionismus, Zölle

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