Meisteruni Mannheim

Das Handelsblatt-Ranking 2011

2358 mal gelesen

Matthias BannertDavid IselinJörg Schläpfer und Jan-Egbert Sturm, 5. Sept. 2011
Meisteruni Mannheim 3.50 5 32

Noch bis zum 7.September diskutieren die renommiertesten deutschsprachigen Volkswirte an der Tagung des Vereins für Socialpolitik über "die Ordnung der Weltwirtschaft: Lektionen aus der Krise". Traditionell hält ein verdienter Volkswirt die Thünen-Rede[ a ]. 2011 ist dies der an der Universität Zürich beheimatete Ernst Fehr. Fehr folgt auf Martin Hellwig (2010) und Bruno S. Frey (2009). Die chronologische Abfolge entspricht genau der Reihenfolge der drei Erstplatzierten im Handelsblatt-Ranking in der Kategorie Lebenswerk: 1. Frey, 2. Hellwig, 3. Fehr.

Doch Fehr, Frey und Hellwig sind lediglich drei von über 2400 Volkswirten, deren Publikationen im Portal Forschungsmonitoring[ b ] erfasst sind. Mehr als 3000 für das Ranking relevante Artikel sind im Jahr 2011 hinzugekommen. Insgesamt sind bis zum Stichtag vom 24. Juli über 26000 Aufsätze in der Datenbank erfasst worden. Die Daten stammen aus der EconLit Datenbank, aus öffentlich zugänglichen Webseiten oder wurden durch die Forscher selbst ergänzt. Das Ranking erstellt die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich[ c ] nach Massgabe [ d ]des Handelsblatts.

Das Ranking 2011: www.handelsblatt.com/vwl[ e ]

Das Handelsblatt-Ranking gibt sowohl Auskunft über die Forschungstätigkeit ganzer Universitäten als auch über die individuellen Publikationen einzelner Forscher. Neben der aktuellen Forschungstätigkeit werden auch die Kategorien Lebenswerk, Forschungstätigkeit der unter 40-Jährigen sowie Forscher im Ausland aufgelistet. Auf der Internetseite des Handelsblatts[ f ] finden sich alle aktuellen Resultate.

 

Die Top 10: Universitäten

Bei den Universitäten wurden die Topränge durcheinandergemischt. Die Universität Mannheim hat die Universität Zürich überholt und steht 2011 auf Rang 1. Ebenfalls die Plätze getauscht haben die Universitäten München (Rang 3) und Bonn (Rang 4). Auf Rang 5 hat es neu die ETH Zürich geschafft.

 

Die Top 10: Forschungstätigkeit der letzten fünf Jahre

Roman Inderst von der Universität Frankfurt hat seinen ersten Rang der Vorjahre souverän verteidigt. Neu folgt ihm Peter Egger von der ETH Zürich (Vorjahr: 4). Auf Rang 3 steht Ernst Fehr von der Universität Zürich (Vorjahr: 2). Danach kommen Marcel Fratzscher (Frankfurt EZB, Rang 4) und Matthias Sutter (Universität Innsbruck, Rang 5).

 

Die Top 10: Lebenswerk

Innerhalb der Top 10 beim Lebenswerk hat Ernst Fehr von der Universität Zürich den grössten Satz nach vorne genommen. Er liegt nun auf Rang 3 (Vorjahr: 5). Weiterhin an der Spitze liegt Bruno S. Frey von der Universität Zürich, gefolgt von Martin Hellwig von der Universität Bonn.

 

Die Top 10: U-40

2011 hat es Axel Dreher (Universität Heidelberg) an die Ranglistenspitze geschafft, gefolgt von Klaus Adam (Universität Mannheim) und vom 32-jährigen Pavlo Blavatskyy (Universität Innsbruck).

 

Die Top 10: Ausland

Die Internationalisierung der VWL schreitet voran: Viele deutschsprachige Volkswirte forschen erfolgreich im Ausland. Die Topplatzierung 2011 hält Helmut Lütkepohl von der Universität Florenz EUI. An zweiter Position folgt Harald Uhlig von der Chicago University. Auf dem 3. Rang liegt Henning Bohn von der University of California.

Rankings bewerten

Nicht erst seit die Ratingagenturen als Sündenbock der globalen Krise hinhalten müssen, werden vermeintlich objektive Bewertungsprozesse – und Mechanismen – heftig diskutiert. Trotz einer einzigartigen und umfassenden Datenbank, stetiger Weiterentwicklung und dezentraler Datenkontrolle ist auch das Handelsblatt-Ranking nicht vor Kritik gefeit.[ 1 ]

Konstruktionsgemäss begünstigt das Ranking Publikationsfleiss. Das Ranking belohne vorwiegend Quantität statt Qualität ist die naheliegende Kritik. Gemäss Lawrence (2002) sagt eine Publikation nämlich noch nichts darüber aus, ob sie originell, erleuchtend oder korrekt sei. Verlieren würden insbesondere Forscher, die nur wenig, dafür Relevantes publizieren. Das Handelsblatt-Ranking schwächt den übermässigen Einfluss der reinen Anzahl durch eine Gewichtung der Journals ab. Und Fleiss und Können kommen oft – selbstverständlich nicht immer – zusammen. Dies zeigt bereits ein Blick auf die Top 10, die sich wie ein "who is who" der Ökonomen im deutschsprachigen Bereich liest.

Eine Alternative zur Gewichtung der Zeitschriften ist die zitationsbasierte Bewertung einzelner Artikel. Forschungsoutput wird anhand der Verweise auf eine Publikation bewertet. Gesellschaftlich besonders relevante Publikationen sollen somit höher eingestuft werden. Doch auch solche Modelle bringen Probleme mit sich: Der Aufbau der Datenbasis ist komplexer, der Time Lag bis zu den Zitaten grösser. Zudem bleibt ungewiss, ob zitationsbasierte Rankings die Forschungsproduktivität besser abbilden können. Es ist denkbar, dass lediglich die renommiertesten Forscher zitiert werden – teilweise in den USA zu beobachten. Dieses nach dem Matthäus-Prinzip, "wer hat, dem wird gegeben", verlaufende Zitieren hindert unbekanntere Forscher daran, "in die Kränze" zu kommen.[ 2 ]

Fehlanreize: Salamitaktik, Liebesdienste und Vernachlässigung der Lehre

Es stellt sich die Frage, ob die Forschungsoutputbewertung des Rankngs falsche Anreize setzt. So werden zum Beispiel Forschungsleistungen in mehrere Paper aufgeteilt oder das gleiche Paper würde in etwas anderer Form an verschiedenen Stellen publiziert. Diese Kritik hat jüngst mit der Frage um Selbstplagiate neuen Auftrieb erhalten.

Reviewer sind oft auch Autoren von Artikeln im gleichen Feld, da kann "Politik" eine Rolle spielen (Lawrence, 2003): Man schreibt etwas um dem potenziellen Reviewer zu gefallen und ja nicht dessen Werk in Frage zu stellen.

Bibliometrische Rankings geben den Forschern Anreize, sich auf das Publizieren zu konzentrieren. Das kann auf Kosten einer gründlich vorbereiteten Lehre gehen.

Die Zukunft von Rankings

Unabhängig von der Schuld- und Sühnefrage ist die Diskussion um die genannten Fehlanreize wichtig. All diese Fragen sind nicht nur für das Handelsblatt-Ranking relevant, sondern auch für die Volkswirtschaftslehre als Ganzes. Nicht zuletzt auch weil bibliometrische Messungen nie perfekt sein können, werden andere Ansätze diskutiert.

Frey und Osterloh (2009) schlagen eine institutionelle Verbesserung vor, so dass bei der Personenauswahl an Fakultäten eine umfassendere Prüfung - neben dem Blick auf die Publikationslisten - stattfindet. Den "Erwählten kann man dann freie Hand bieten, ohne sie – erneut – ausmessen zu müssen."

Die Suche nach einer umfassenderen und aussagekräftigeren Beurteilung der Forscherinnen und Forscher geht weiter. Das Handelsblatt-Ranking ist nicht sakrosankt. Aber es hilft aus der Fülle an Publikationslisten die Forschungstätigkeit der Volkswirte einzuschätzen. Vorerst werden somit im Webportal Forschungsmonitoring [ g ]weiterhin Forschungsaufsätze erfasst. Denn die dort enthaltenen Daten verwenden Volks- und Betriebswirte auch für ihre eigene Forschung.

Literatur 

Adler, N. and A.W. Harzing (2009). When Knowledge wins: Transcending the sense and nonsense of academic rankings. Academy of Management Learning, 8: 72-95.

Frey, Bruno S. (2007). Evaluierungen, Evaluierungen … Evaluitis. Perspektiven der Wirtschaftspolitik 8(3), 207-220.

Lawrence, P. A. (2002). Rank injustice - The misallocation of credit is endemic in science. Nature, 415(6874), 835-836.

Lawrence, P.A. (2003). The politics of publication. Nature 422.

Osterloh, M. and B. S. Frey (2009). Research Governance in Academia: are there Alternatives to Academic Rankings? Working Paper No. 423.

Schläpfer, F. (2011). Reformbedarf bei der Rating-Agentur für Ökonomen. NZZ, 26.8.2011

M.V. Simkin and V.P. Roychowdhury (2005). Stochastic modeling of citation slips. Scientometrics, 62(3), 367-384.


  • 1  Zur neuen Kritik siehe etwa Frey (2007), Schläpfer (2011), Adler und Harzing (2009).
  • 2  Viele Zitate werden vom Literaturverzeichnis abgeschrieben, ohne dass der Autor die Quelle gelesen hat (Simkin und Roychowdury, 2005).

©KOF ETH Zürich, 5. Sep. 2011

 
Meisteruni Mannheim 3.50 5 32

Kommentare

Dieser Artikel hat noch keine Kommentare.
Sie müssen sich anmelden um Kommentare zu schreiben.

Autoren

Matthias Bannert

Matthias Bannert

David Iselin

David Iselin

Jörg Schläpfer

Jörg Schläpfer

Jan-Egbert Sturm

Jan-Egbert Sturm

Schlagworte

Handelsblatt-Ranking

Weitersagen

Ähnliche Artikel