Die Frankensaga

Aufwertung, Anpassung und Produktivität

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David Iselin, 25. Juli 2011
Die Frankensaga 4.10 5 29

Der Schweizer Franken befindet sich gegenüber dem Euro auf Höhenflug. Am 17. Juli kostete ein Euro gerade noch 1.14 CHF; mittlerweile hat er sich etwas erholt, auf knapp 1.18 (22. Juli). Die Konsumenten freut’s, vor allem jene in unmittelbarer Nähe der Landesgrenzen. Die samstägliche Fahrt in den Aldi "ennet" der Grenze hat den sonntäglichen Gang zur Kirche ersetzt. Die politischen Parteien laufen sich mit Vorschlägen zwischen Negativzinsen und Staatsfonds für die Wahlen vom Herbst warm. Die Industrie – personifiziert durch den Vorsitzenden des Verbandes der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem) Hans Hess – fordert, neben dem Ruf nach mehr Innovation, staatliche Hilfe beim Kampf gegen die Frankenhausse. Die Detailhändler – vertreten durch Hansueli Loosli, Chef des grössten Schweizer Detailhändlers, Coop – appellieren dagegen an den Anstand (der Schweizer Einkaufstouristen).[ 1 ]

Dass das Anrufen des Anstands wirkungslos bleiben wird, lassen die Mai-Daten der Detailhandelsumsätze in der Schweiz vermuten: Minus von 4%. Die Zeitung "Blick" publiziert Listen, was im Euroland halb so teuer ist wie in der Schweiz. Wo die Moral nicht hilft, und nur das Sparen zählt, kann da der Staat helfen? Die Schweizerische Nationalbank (SNB) versuchte 2009 und 2010 mit massiven Eurokäufen den Franken zu stabilisieren. Der Wechselkurs brach indes weiter ein, und auf die SNB prasselte Kritik von allen Seiten nieder.[ 2 ] 2010 wies sie einen grossen Jahresverlust aus, der unter anderem auf die Wechselkursverluste des Fremdwährungs-bestands zurückzuführen war.

Burgerökonomie

In der Vergangenheit hat ein harter Franken das Wirtschaftswachstum wiederholt belastet. Dies waren aber meist Perioden, in denen gleichzeitig sowohl die Binnenkonjunktur als auch jene der bedeutendsten Handelspartner einbrachen. Damit wird aber auch klar: Die Anpassung an einen starken Franken ist für die Schweizer Wirtschaft nichts Neues (Bischofberger et al. 2011).[ 3 ] Seit Jahrzehnten ist die Schweizer Währung laut Konvergenztheorie oder auch gemäss dem populären Big Mac Index (BMI)[ a ] überbewertet.

So kostet heute ein Big Mac im deutschen Freiburg 3.49 Euro, zum gegenwärtigen Kurs macht das 4.05 Franken. In Zürich der – in Bezug auf Produktionsprozess und Zutatenmischung theoretisch – "identische" Big Mac: 6.50 CHF. Der Preisunterschied beträgt 60%; d.h., der Franken ist laut BMI gegenüber dem Euro um 60% überbewertet.[ 4 ]

Die Beschleunigung der Aufwertung

Die Aufwertung der letzten Monate – insbesondere gegenüber dem Euro – ist zwar beeindruckend, aber keine historische Besonderheit (siehe Abbildung 1). Was jedoch ins Auge sticht, ist die Geschwindigkeit. Mit der gleichen Geschwindigkeit hat die Zahl der Fahrzeuge mit Schweizer Nummernschildern auf den Parkplätzen vor den grenznahen Einkaufszentren in Deutschland, Frankreich und Italien zugenommen. Eine vergleichsweise schnelle Aufwertung gab es das letzte Mal Anfang der 1980er Jahre, als der Franken gegenüber dem "Vorläufer" des Euro, dem ECU, um über 22% aufwertete (Zeitperiode: Mai 1981–August 1983). Interessanterweise hat die Volatilität des Euro/Frankenkurses in den letzten zwei Jahren (Juni 2008–Juni 2011) gegenüber der längeren Periode von Januar 1999 bis Juni 2011 nicht zu-, sondern abgenommen, von 13.9% auf 10.2%.[ 5 ]

Abbildung 1: Eine Richtung: abwärts (Wechselkursentwicklung Euro[Ecu]/CHF, nominell)

<p><em>Quelle: SNB (2011)<br />Anmerkungen: bis 1998 Wechselkurs ECU/CHF</em></p>

Quelle: SNB (2011)
Anmerkungen: bis 1998 Wechselkurs ECU/CHF

Volatiler Dollarkurs

In der Aufwertungssaga ist der Euro aber "bloss" Kapitel eins. Kapitel zwei schreibt der Dollar (siehe Abbildung 2). Die Wechselkursvolatilität im Verhältnis Dollar zu Franken (Januar 1999–Juni 2011) ist mit 30.5% mehr als doppelt so hoch wie jene des Euro/CHF-Kurses.[ 6 ] Am 16. Juli notierte der Dollar noch bei 81 Rappen (Stand 22. Juli: 81.8 Rappen). Eine baldige Abwertung ist nicht zu erwarten. Zwei Jahre nach dem offiziellen Ende der Rezession hat der amerikanische Aufschwung weiter an Schwung verloren. Die US-Wirtschaft stolpert mehr schlecht als recht aufwärts. Die Erwerbslosenquote liegt mit über 9% weiterhin auf europäischen Höhen – vom  Budgetstreit zwischen Republikanern und Demokraten im amerikanischen Kongress ganz zu Schweigen. In einer solchen Situation werden die USA nichts unternehmen, um den Dollar zu stützen. Ein schwacher Dollar hat nämlich Vorteile. Er verbilligt amerikanische Exporte und gleichzeitig inflationiert er einen Teil der Staatsschulden gegenüber dem Ausland, die ausschliesslich in Dollar ausgewiesen sind.

Abbildung 2: Eine Richtung: abwärts II (Kursentwicklung Dollar/CHF, nominell)

<p><em>Quelle: SNB (2011)</em></p>

Quelle: SNB (2011)

Der Franken und die Welt

Atemberaubend ist auch die reale Aufwertung des Frankens gegenüber einem exportgewichteten Korb von 24 Währungen (siehe Abbildung 3).[ 7 ] Seit 2006 schiesst der Kurs in die Höhe. Und seit 2008 hat der Franken nominal 20% an Kaufkraft gewonnen (Lamla und Lassmann 2011). Die ersten zwei starken Aufwertungsphasen anfangs der 1990er Jahre, ab 1990 und 1992, bezahlte die Schweiz mit sehr schwachen Wachstumsraten des Bruttoinlandprodukts (BIP) von um die 0.2% (1991–1996). In der Zeitperiode von 1996–2006 verlief die Entwicklung des Wechselkurses mehr oder weniger seitwärts. Die Abwertung des Schweizer Frankens zwischen 2005 und 2006 hat dann zum damaligen Export- und Wirtschaftsboom beigetragen.

Abbildung 3: Eine Richtung: aufwärts (Entwicklung realer exportgewichteter Frankenkurs gegenüber 24 Ländern sowie BIP-Entwicklung)

<p><em>Quellen: KOF (2011), SNB (2011)<br />Anmerkungen: </em><em>Wechselkurs des Frankens gegen&uuml;ber exportgewichtetem W&auml;hrungskorb mit 24 L&auml;ndern, Index: Januar 1999=100, linke Skala</em><em>; Ver&auml;nderungsrate des BIP im
Vergleich zum Vorjahr, rechte Skala<br /></em></p>

Quellen: KOF (2011), SNB (2011)
Anmerkungen:
Wechselkurs des Frankens gegenüber exportgewichtetem Währungskorb mit 24 Ländern, Index: Januar 1999=100, linke Skala; Veränderungsrate des BIP im Vergleich zum Vorjahr, rechte Skala

Die Schule der Anpassung

Trotz dieser rasanten Aufwertung sind die Schweizer Exporte bis jetzt nicht eingebrochen. Das jahrzehntelange "Training" mit einem starken Franken ermöglichte es den Exportunternehmen – zumindest bis jetzt – auch im laufenden Jahr erfolgreich zu exportieren. Wie Lassmann und Lamla (2011) zeigen, wirkte sich die Aufwertung in gewissen Branchen, darunter der Chemiebranche, nur geringfügig aus. Entsprechend trägt der Strukturwandel der schweizerischen Exportwirtschaft während der letzten Jahrzehnte zur Verringerung der Wechselkursabhängigkeit der Schweizer Wirtschaft bei. Schliesslich hat die stark expansive Geldpolitik der SNB zusammen mit der Zuwanderung der letzten Jahre in der Schweiz einen Bauboom ausgelöst und gleichzeitig den privaten Konsum gestützt.

Dass nicht alle Sektoren gleich (gut) auf die Aufwertung reagieren können, ist zu erwarten. Abrahamsen und Simmons-Süer (2011)[ b ] untersuchen in ihrer Studie die Elastizitäten der Branchen Tourismus, Metallverarbeitung und Maschinenbau. Im Tourismussektor – vor allem bei den Übernachtungen ausländischer Gäste – ist die Wechselkurselastizität beträchtlich.[ 8 ] In der Metall- und Maschinenindustrie unterscheiden sich die Elastizitäten je nach Exportland. Hoch ist die Wechselkurselastizität der Exporte nach Deutschland. Derzeit scheint aber der deutsche Investitionsboom dafür zu sorgen, dass Schweizer Zulieferer trotz Frankenhausse reichlich exportieren. Pro Kopf gerechnet belegt die Schweiz einen Spitzenplatz in der Rangliste der deutschen Handelspartner. Zudem hat sich in den letzten Jahren die Schweizer Exportindustrie diversifiziert (KOF 2011). Insbesondere der prosperierende asiatische Raum – vorneweg China – wird immer wichtiger für Schweizer Exporteure.

Produktivität als Schlüssel

Viele Schweizer Branchen haben sich in den letzten Jahren «fit getrimmt», was sich an ihrer Produktivitätsentwicklung ablesen lässt (siehe Abbildung 4) – dies gilt nicht für die Gesamtwirtschaft.[ 9 ] In Anlehnung an Lewis (2004) wurden für die Schweiz die Produktivitäten nach Branchen aufgeteilt. Wie auch Bodmer et al. (2007) zeigen, ist es vor allem die Finanzbranche, die stark an Produktivität zugelegt hat: im Durchschnitt um 5.8% zwischen 1992 und 2009 (siehe Abbildung 5). In der Industrie betrug der durchschnittliche Produktivitätszuwachs in der gleichen Periode 2.8%, gleichzeitig nahm die Beschäftigung in Vollzeitäquivalenten um 1.0% ab. Innerhalb der Industrie war es vor allem die Pharmabranche, deren Produktivität ähnlich stark wuchs (5.6%) wie jene der Finanzbranche.

Abbildung 4: Finanzinstitute ganz vorne (Produktivitäten nach Branchen 2009, Index 1992=100)

<p><em>Quelle: BFS (2011)</em></p>

Quelle: BFS (2011)

Wie sich aus der Abbildung 5 ablesen lässt – und wie es gemäss Berechnung der Produktivität auch zu erwarten ist – sind jene Branchen mit dem höchsten Produktivitätswachstum nicht automatisch jene mit dem grössten Beschäftigungszuwachs. Deswegen könnte ein anhaltend starker Franken diejenigen Branchen zu Produktivitätssteigerungen "zwingen", die verhältnismässig viele Personen beschäftigen. Und damit müsste hier wohl auch mit Entlassungen gerechnet werden.

Wie Thomas L. Friedman (2011) kürzlich in der New York Times schrieb, werden sich die Firmen fragen, ob ein neuer Angestellter "jede Stunde, jeden Tag einen Mehrwert schaffen kann – mehr als ein Arbeiter in Indien, ein Roboter oder ein Computer..." Angesichts der Frankenentwicklung werden sich Schweizer Firmen diese Frage zunehmend häufiger stellen. Einzelne Branchen scheinen die Antwort bereits gefunden zu haben.

Abbildung 5: Die fitten Kleinen (durchschnittliches Wachstum von Beschäftigung und Produktivität nach Branchen, 1992–2009)

<p><em>Quelle: BFS (2011)<br />Anmerkungen: Der Durchmesser der Kreise
gibt die Anzahl Besch&auml;ftigten in Vollzeit&auml;quivalenten wider.</em></p>

Quelle: BFS (2011)
Anmerkungen: Der Durchmesser der Kreise gibt die Anzahl Beschäftigten in Vollzeitäquivalenten wider.

Literatur

Abrahamsen, Yngve und Banu Simmons-Süer (2011): Die Wechselkursabhängigkeit der Schweizer Wirtschaft, KOF Studien, 24,[ b ] KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, Zürich, April 2011.

Bischofberger, Alois, Rudolf Walser und Boris Zürcher (2011): Der harte Franken, Optionen für die Unternehmen, die Geld- und die Wirtschaftspolitik, Diskussionspapier[ c ], Nummer 02, Februar 2011, Avenir Suisse, Zürich.

Bodmer, Frank, David Iselin und Hans Rentsch (2007): Aufschwung als Reformchance. Analyse der Wirtschaftsentwicklung und Reformskizze für eine prosperierende Schweiz[ d ], Avenir Suisse, Zürich, Verlag Neue Zürcher Zeitung.

Friedman, Thomas L. (2011): The Start-Up of You[ e ], New York Times.

KOF (2011): Schweizer Warenhandel wird geografisch diversifizierter, KOF Bulletin, Nr. 43, Juli/August 2011[ f ], KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, Zürich.

Lamla, Michael und Andrea Lassmann (2011): Der Einfluss der Wechselkursentwicklung auf die schweizerischen Warenexporte: eine disaggregierte Analyse[ g ], KOF Analysen, Sommer 2011, 31–49, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, Zürich.

Lewis, William W. (2004): The Power of Productivity. Wealth, Poverty and the Threat to Global Stability, Chicago, The University of Chicago Press.

Schiltknecht, Kurt (1994): Geldmengenpolitik und Wechselkurs – der schweizerische Weg. In: Schweizer Geldpolitik im Dilemma, Geldmenge oder Wechselkurs?, Hrsg. von Flurin von Albertini, Chur.


  • 1  Der Economist vom 22. Juli 2011 nennt den Franken das Schweizer Gold.
  • 2  Ein Überblick über die Kritik findet sich in der Online-Ausgabe der NZZ am Sonntag vom 30. Januar 2011.
  • 3  Die Liste der früheren staatlichen Gegenmassnahmen ist ebenfalls lang (siehe Bischofberger et al. 2011 in Anlehnung an Schiltknecht 1994).
  • 4  Es handelt sich hier zwar um einen eindimensionalen Vergleich (ein einziges Produkt, das aus einer Mischung aus Waren und Dienstleistungen besteht), dennoch eignet er sich für eine Veranschaulichung der Unterschiede. Mehr Informationen finden sich hier: http://www.economist.com/markets/bigmac/.
  • 5  Verwendet wurde das Monatsmittel des Euro/Frankenkurs, wie es von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ausgewiesen wird.
  • 6  Ebenfalls Verwendung des Monatsmittels gemäss Zahlen der SNB.
  • 7  Exportgewichtet bedeutet, dass je höher die Exporte ausfallen, desto höher ist der Anteil der zugehörigen Währung in der Gewichtung.
  • 8  Die Elastizitäten sind fast für alle Herkunftsländer grösser als 1. Einzige Ausnahme: Die USA. Viele Touristen aus den USA nehmen die Schweiz auf einer Europareise wohl «mit», d.h. ein starker Franken hält amerikanische Touristen nicht zwingend von einem Aufenthalt ab.
  • 9  Als Mass wird die Arbeitsproduktivität, wie sie vom Bundesamt für Statistik (BFS) publiziert wird, verwendet.

©KOF ETH Zürich, 25. Jul. 2011

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat 3 Kommentare.
  • Wechselkursziel für einen Währungskorb definieren!

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    „Angesichts des schwindenden Vertrauens in die Wirtschaftspolitik der Euro-Länder könnte es von Vorteil sein, ein Wechselkursziel für einen Währungskorb zu definieren. In diesen könnten auch Länder eingeschlossen werden, deren Wirtschaftspolitik stabiler als diejenige in Europa und in den USA ist. Dadurch könnte das Risiko minimiert werden, dass eine unvorhersehbare und unkontrollierte Entwicklung im Euro-Raum einen verheerenden Einfluss auf die schweizerische Geld- und Währungspolitik hätte. Zwar kann die Nationalbank das Ziel für den Euro-Kurs jederzeit aufgeben. Doch ¬eine Preisgabe würde eine künftige Wechselkurspolitik mehr erschweren als der Wechsel von einer Untergrenze des Euro zu einer Untergrenze eines Währungskorbes. Die Nationalbank muss in diesen unsicheren Zeiten alles ¬daran setzen, dass der Schweizer Franken nicht in den Strudel der Schwachwährungen hinuntergezogen wird.“ Kurt Schiltknecht: Spiel mit dem Feuer, Die Weltwoche Nr. 16 vom 19. April 2012.

    • AW:Wechselkursziel für einen Währungskorb definieren!

      [ ]

      "Schwachwährungen" ist ein etwas schwieriger Begriff. Und welche Währungen sollten in einen solchen Korb rein?

      Freundliche Grüsse, David Iselin

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David Iselin

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Aufwertung, Euro, Franken, Produktivität

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