Deutscher Atomausstieg: unsinnig und vernünftig zugleich

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Hans Wolfgang Brachinger, 18. Juli 2011
Deutscher Atomausstieg: unsinnig und vernünftig zugleich 3.14 5 14

Es gehört in diesen Post-Fukushima-Wochen einiger Mut dazu, den Ausstiegsbeschluss der Bundesregierung in Frage zu stellen. Wenn man öffentlich fragt, ob dieser Entscheid rational war und zu behaupten wagt, er sei unüberlegt und vorschnell gewesen, schlägt einem ein Entrüstungs-Tsunami entgegen, dessen Wucht dem vor der Küste von Fukushima in nichts nachsteht. Die Atomenergie sei Teufelszeug und wer das nach Fukushima immer noch nicht gemerkt hat, dem sei wirklich nicht zu helfen.[ 1 ]

Tatsächlich besteht nüchtern betrachtet nicht der geringste sachliche Anlass, wegen der Katastrophe von Fukushima umgehend alle Atomkraftwerke abzuschalten. Dass extrem unwahrscheinliche Ereignisse eintreten können, wusste die Bundesregierung schon im Herbst letzten Jahres. Die Fukushima–Katastrophe hat die Wahrscheinlichkeit all der Ereignisse, die so selten sind, dass sie in den Risikoanalysen nicht erfasst werden, nicht verändert. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in einem deutschen Atomkraftwerk zu einem Supergau kommt, ist nach Fukushima die gleiche wie vorher. Die Analysen, die im Herbst zur Entscheidung über Laufzeitverlängerungen führten, haben nichts von ihrer Gültigkeit eingebüsst. Auf der Grundlage dieser Analysen hat die Bundesregierung den Ausstiegsbeschluss der Regierung Schröder gekippt und eine Laufzeitverlängerung beschlossen. Warum jetzt diese Überreaktion? Weil man offenbar der Wählerherde hinterherläuft. Ob das politisch wirklich klug ist, sei dahingestellt. Das Wahlergebnis in Baden-Württemberg zeigt, dass der Wähler nicht beliebig mit sich Schlitten fahren lässt. Warum wollen aber selbst eingefleischte Schwarz-Gelb-Wähler nach Fukushima plötzlich den möglichst umgehenden Ausstieg?

Kleine Wahrscheinlichkeit, katastrophaler Schaden

Die psychologische Entscheidungsforschung hat eine einfache Erklärung: Menschen tendieren dazu, bei der Bewertung sehr kleiner Wahrscheinlichkeiten und extremer Verluste zu übertreiben. Entscheidend für die Bewertung einer Option sind nicht objektive Wahrscheinlichkeit und faktische Schadenshöhe. Entscheidend ist einerseits das subjektive Gewicht, das einer Wahrscheinlichkeit zugewiesen wird. Und dieses Gewicht ist bei extrem kleinen Wahrscheinlichkeiten immer übertrieben hoch. Entscheidend ist aber auch, dass grosse Verluste dramatisiert werden. Dies sind Erkenntnisse der Psychologen Kahneman und Tversky, die 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurden. Bei der Fukushima–Katastrophe kam beides zusammen: ein katastrophaler Schaden und eine extrem kleine Wahrscheinlichkeit. Die Reaktion der deutschen Wähler auf diesen Megaschock kann deshalb nicht überraschen.

Die ängstliche deutsche Seele hat gelitten

Warum aber sind die öffentlichen Reaktionen auf Fukushima in Deutschland heftiger als andernorts? Die Angst sitze in der deutschen Seele, meinte Helmut Schmidt einmal. Dass die „German Angst“ auch bei der öffentlichen Bewertung der Vorgänge in Fukushima eine Rolle spielte, macht ein Blick auf die Berichterstattung im deutschen Fernsehen deutlich. Eine Analyse der Fernsehberichterstattung in verschiedenen Ländern[ 2 ] zeigt, dass von den untersuchten Ländern nur in Deutschland „ein Bild der totalen Hoffnungslosigkeit“ gezeichnet wurde. Fast 90 Prozent der Berichte in ARD und ZDF berichteten ausschliesslich negativ über die Situation in Japan. Die restlichen Berichte wurden als „ohne klares Rating“ qualifiziert. Im Vergleich dazu war in Frankreich nur etwas mehr als 50 Prozent der Berichterstattung im Fernsehen vollständig negativ. Etwas mehr als 40 Prozent der Beiträge wurde als „ohne klares Rating“ qualifiziert. Und es gab sogar Berichte, die hoffnungsfroh in die Zukunft blickten. Und das, obwohl in Frankreich der Anteil der Berichterstattung über Fukushima noch grösser war als in Deutschland. Der Megaschock von Fukushima war zu viel für die angstgeplagte deutsche Seele.

Der offenkundig irrationale unmittelbare Atomausstieg Deutschlands ist aber trotzdem vernünftig. Die Überwertung von Megaschocks hat nämlich eine Kehrseite: die Verharmlosung von Megatrends. Megatrends bestehen aus einer langen Serie von kleineren Schäden, die mit vergleichsweise hoher Wahrscheinlichkeit eintreten. Der mit dem Betrieb von Atomkraftwerken verbundene Megatrend besteht aus der langen Reihe von Zwischenfällen, über die, immer wieder berichtet wird und weiterhin berichtet werden muss, wenn man nicht aussteigt – obwohl die AKW-Betreiber alles tun, um sie zu vertuschen oder kleinzureden. Dieser Megatrend umfasst all die operationellen und technischen Risiken, die mit dem Betrieb von Atomkraftwerken verbunden sind. Weil solche Risiken zu leicht genommen werden, hat eine grosse bürgerliche Mehrheit dem Treiben der AKW-Betreiber allzu lange zugeschaut.

Langfristprobleme bisher ungelöst und verdrängt

Ein Weiteres kommt hinzu: Ungelöste Langfristfragen wie das Endlagerproblem werden nicht ernst genug genommen. Das ist ein essentielles Problem der Atomenergie, das so alt ist wie die Atomenergie selbst und unvermeidlich. Trotzdem wurde der gegenwärtige Nutzen des Betriebs von Atomkraftwerken stets höher bewertet als das ungelöste Zukunftsproblem der Endlagerung. Solche gegenwartsverzerrte Präferenzen können in der in Vierjahresperioden operierenden parlamentarischen Demokratie häufig beobachtet werden, nach dem Motto: „Wenn eine Option heute politisch oder ökonomisch nützlich ist, was kümmern mich dann die mit ihr verbundenen Probleme von übermorgen“.

Die Reaktion vieler bürgerlicher Politiker nach dem Ausstiegsbeschluss zeigt, dass man eigentlich schon lange der Auffassung war, man müsste aussteigen. Warum hat man dann den Ausstieg nicht forciert und diesen weitreichenden Entscheid vor sich hergeschoben? Auch für diese salopp „Aufschieberitis“ genannte Prokrastination gibt es eine einfache psychologische Erklärung: Hyperbolisches Diskontieren. Man bewertet das Hier und Jetzt viel höher als die Zukunft und diskontiert künftige Ereignisse viel stärker ab als bei rationalen „konsistenten“ Zeitpräferenzen. Obwohl man weiss, dass der künftige Nutzen einer bestimmten Option höher ist als ihre heutigen Kosten, entscheidet man, wenn es zum Schwur kommt, gegen die Option, weil die aktuellen Kosten plötzlich schwerer wiegen als der künftige Nutzen. Verschiebt man den „schweren“ Ausstiegsentscheid nur ein bisschen in die Zukunft, erscheint er gleich viel weniger „schwer“. Der Beschluss der Merkel-Regierung vom Herbst 2010, die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern, ist ein beredtes Beispiel für Prokrastination. Man hat einen politisch und wirtschaftlich unangenehmen Entscheid, von dem man wusste, dass er unvermeidlich ist, wegen der kurzfristigen Kosten weiter hinausgeschoben. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hätte man die Laufzeiten der Atomkraftwerke in ein paar Jahren erneut verlängert. Wäre da nicht Fukushima gewesen.

Der Megaschock von Fukushima hat dem Megatrend der Verharmlosung des Betriebs von Atomkraftwerken ein unerwartet jähes Ende gesetzt. Gut so. Ohne den Megaschock von Fukushima hätte Deutschland energiepolitisch noch lange so weiter gewurstelt wie bisher.


  • 1  Dieser Beitrag erschien in leicht gekürzter Form am 07. Juli 2011 auch in der NZZ.
  • 2  Ich danke Roland Schatz von Mediatenor International AG für diesen Hinweis und die folgende Grafik.

©KOF ETH Zürich, 18. Jul. 2011

 
Deutscher Atomausstieg: unsinnig und vernünftig zugleich 3.14 5 14

Kommentare

Dieser Artikel hat 2 Kommentare.
  • Die Ausstiegsrechnung wird für Dtl. teuer

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    von einer "Verharmlosung der Risiken des Betriebes von AKW" kann ja nun wirklich nicht die Rede sein. Vielmehr muss es lauten, dass Nichtigkeiten durch Presse und Politiker dramatisiert und überzogen werden, um die ungebildeten Bevölkerungsschichten hinters Licht zu führen und deren Stimme gegen die Kernenergie zu bekommen. Bestes Beispiel hierfür sind die vermeintlichen Zwischenfälle, von denen berichtet wird, die in Wahrheit oftmals sogar ausserhalb des Kraftwerkes und somit auch bei Wasser- oder Kohlekraftwerken stattfinden. Wenn ein Kurzschluss in einem Trafo-Haus eines KKW stattfand ist es gleich ein Zwischenfall. Wenn das gleiche in eiem Trafo-Haus eines Kohlekraftwerkes passiert interessiert es nicht mal die Lokalpresse.

    Es ist zu befürchten, dass Deutschland als ehemaliger Industriestandort vor die Hunde geht, weil eine Minderheit hierzulande den Megatrend Kernenergie (inkl. Kernfusion) abwählt. Die Risiken, denen wir hierzulande ausgesetzt sind reduzieren sich nicht durch unseren Ausstieg, da wir auch in Jahrzehnten von KKW umgeben sind und hier auch weiterhin neue gebaut werden.

    Ich wundere mich, dass im Zuges des Ausstiegs aus der Kernenergie nicht auch zeitgleich der Ausstieg aus der Chemie vollzogen wurde. Immerhin kann ein Chemieunfall auch weite Landstriche verseuchen und Millionen Menschen den Tod bringen.

    Das Problem der Endlagerung konnte bislang nicht gelöst werden, weil es seit 1987 verboten war in der Kerntechnik weiter zu forschen...

  • Fokushima kann aber "Wahrscheinlichkeiten" tatsächlich beeinflussen

    [ ]

    Absolute Wahrscheinlichkeiten sind durch Fukushima tatsächlich nicht verändert worden, diesbezüglich hat der Autor Recht. Das ist aber nicht unbedingt der relevante Punkt. Denn diese absoluten Wahrscheinlichkeiten sind unbekannt und deshalb können wir uns z.B. bei der Entscheidung für oder gegen AKW nicht auf diese Unbekannten stützen. Wir können nur möglichst fundierte Abschätzungen der tatsächlichen Wahrscheinlichkeiten (von z.B. dem Auftreten eines GAU mit x toten etc.) vornehmen. Im Sinne eines bayesischen Updates passt ein rationaler Akteur diese abgeschätzten Wahrscheinlichkeiten nach dem Eintreten eines relevanten Ereignisses tatsächlich an: Wenn ich nicht sicher bin, ob eine Schlange beisst, kann es sehr wohl rational sein, nach einem ersten Biss den Abstand zu ihr zu erhöhen. Solange technische Analysen nicht perfekte Gewissheit über Wahrscheinlichkeiten geben können - und das können sie sicher nicht bei der komplizierten AKW-Technologie - hat die Empirie immer einen gewissen Informationsgehalt und ihn zu nutzen darf nicht a priori als falsch gewertet werden.

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Autor

Hans Wolfgang Brachinger

Hans Wolfgang Brachinger

Schlagworte

Atomausstieg, Fukushima, Megatrends

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