Elektrizitätsnachfrage nur wenig elastisch

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Erdal Atukeren und Banu Simmons-Süer, 25. Mai 2011
Elektrizitätsnachfrage nur wenig elastisch 3.25 5 4

Nach dem Unglück in dem japanischen Atomkraftwerk Fukushima steht in vielen Ländern die energiepolitische Ausrichtung auf dem Prüfstand – so auch in der Schweiz. Ziel der schweizerischen Strompolitik war bisher gemäss Bundesgesetz über die Stromversorgung, eine zuverlässige und nachhaltige Versorgung mit Elektrizität in allen Landesteilen zu schaffen. Die bestehenden Schweizer Kernkraftwerke werden ab 2019 nach und nach an das Ende ihrer vorgesehenen Laufzeiten gelangen.  Darüber hinaus werden zwischen 2018 und 2040 Verträge über die Lieferung von Atomstrom aus Frankreich kontinuierlich auslaufen. Diese dürften kaum weitergeführt werden, da sie sich mit dem entstehenden europäischen Elektrizitätsbinnenmarkt nur schwer vereinbaren lassen.

Somit stellt sich für die Schweiz die Frage nach einer nachhaltigen Energieversorgung. Der bisherige energiepolitische Rahmen beruhte auf den vier Pfeilern Energieeffizienz, erneuerbare Energie, Grosskraftwerke und Energieaussenpolitik. 2009 wurden Gesuche für drei Ersatzkernkraftwerke eingereicht.

3 Szenarien der Energiestrategie

Vor diesem Hintergrund werden derzeit verschiedene Optionen der zukünftigen Stromversorgung diskutiert (vgl. BFE 2007a). Zu den grundsätzlichen Szenarien zählen (1) der Ersatz der bestehenden Kernkraftwerke (KKW) durch neu zu errichtende Anlagen, (2) der Verzicht auf neue KKW unter vorläufiger Beibehaltung der bestehenden Werke (Verlängerung der Laufzeiten), (3) der grundsätzliche Verzicht auf nukleare Stromerzeugung in der Schweiz zu einem früher als geplanten Termin.

Bei den Grundsatzszenarien (2) und (3) bestehen verschiedene Möglichkeiten, wie mit dem nicht durch nukleare Kapazitäten zu ersetzenden Stromangebot umzugehen ist. Es ist denkbar, durch den Bau von alternativen Kraftwerken, bspw. Gaskraftwerken, die Stromproduktion zu ersetzen. Dabei müssen allerdings zusätzliche CO2-Emissionen kompensiert werden. Alternative Energien werden in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen. Es ist aber unsicher ob diese bis zur geplanten Ausserbetriebsetzung der KKW in genügendem Umfang zu Verfügung stehen werden, selbst wenn energische Massnahmen zugunsten der technischen und ökonomischen Rahmenbedingungen ergriffen werden (dabei ist aber auch die Nachfrageentwicklung von Bedeutung, vgl. Ecoplan, 2007; Prognos, 2007). Zudem kann der Bedarf in der Schweiz durch höhere Importe (insbesondere im Winterhalbjahr) gedeckt werden. Schliesslich besteht die Möglichkeit durch verbesserte Energieeffizienz und durch das Einsparen von Elektrizität den Verbrauch zu senken. Dabei spielen Preissignale eine entscheidende Rolle.

Können Preise die Nachfrage steuern?

Über die relativen Preise von Elektrizität sollen Lenkungswirkungen bezüglich Verbrauch und energieeffizienten Investitionen erzielt und Innovationen im Bereich der Energieproduktion angeregt werden. Abgesehen von Wirkungen auf die Rentabilität und den technologischen Fortschritt erneuerbarer Energien, kann somit auch das Verhalten der Nachfrager nach Elektrizität wesentlich zur Anpassung an die künftig verfügbaren Stromkapazitäten beitragen (siehe Ecoplan 2007). Die volkswirtschaftlichen Kosten solcher Szenarien des Ausstiegs aus der Atomenergie im Vergleich zu Szenarien die den Bau neuer Kernkraftwerke vorsehen, hängen daher auch wesentlich von den Preiselastizitäten der Nachfrage ab.

Vor diesem Hintergrund geht unsere Studie, die die empirische Literatur zu diesem Thema analysiert, dem Teilaspekt der volkswirtschaftlichen Anpassung über die Auswirkungen der Änderung relativer Preise auf die Elektrizitätsnachfrage nach. Ziel ist es, die relevante empirische Literatur zu den Preiselastizitäten der Nachfrage nach Elektrizität zusammenzufassen. Die wichtige Frage hierbei ist, wie stark sich die Nachfrage nach Elektrizität bei einer prozentualen Änderung des Preises verwandter Güter verändert. Die Kreuzpreiselastizität ist von Bedeutung, um Substitutionsverhalten, beispielsweise hin zu energieeffizienteren Geräten, aber auch hin zu anderen Energieformen in der Produktion abschätzen zu können.  

Elastizität der Elektrizitätsnachfrage weist grosse Spannweiten auf

Die Literaturübersicht zeigt insgesamt eine grosse Spannweite an geschätzten Werten für die verschiedenen Elastizitäten. Für die Stromnachfrage der Haushalte scheint sich im Vergleich zu den übrigen Ergebnissen ein relativ enger Bereich herauszukristallisieren. Die durchschnittlichen kurzfristigen Elastizitäten der Haushaltsnachfrage liegen bei rund 0.2 und für die langfristigen Elastizitäten – die in der Regel nicht weniger als zehn Jahre umfassen – bei rund 0.6. Mit diesen Werten ist in der kurzen (weniger als ein Jahr) Frist nur mit geringen Effekten von höheren Preisen auf die Elektrizitätsnachfrage zu rechnen. Jedoch zeigen die Schätzwerte zur langfristigen (mehr als zehn Jahre) Preiselastizität, dass über Investitionen in Energieeffizienz durchaus Spielraum besteht, die Stromnachfrage über einem längeren Zeitrahmen zu beeinflussen.

Für den industriellen und gewerblichen Verbrauch ist die Lage vor allem in der kurzen Frist nicht wesentlich anders. Die begutachteten Studien aus verschiedenen Ländern liefern eine grosse Bandbreite von Preiselastizitäten, wobei jedoch in der Regel eine tiefe kurzfristige Preiselastizität der Wirtschaftsnachfrage nach Elektrizität (um 0.2) resultiert. Betrachtet man die lange Frist, so steigt die Elastizität auf Werte zwischen 0.6 und mehr als 1.

Die hohe Unsicherheit der Schätzungen hängt auch damit zusammen, dass der Strommarkt – auch in der Schweiz – stark reguliert ist, was die Schätzung von Preiselastizitäten verzerren kann. Die Studie hat aber gezeigt, dass trotz dieser Unsicherheiten längerfristig Anpassungen der Nachfrage möglich sind und die Elektrizitätsnachfrage nicht perfekt unelastisch ist. Die Energiepreise sollten die gesamten Kosten der Energieproduktion enthalten und explizite und implizite Subventionen in der Energieproduktion sollten vermieden werden. Entscheidend für die Investitionsanreize ist aber, dass die Preissignale langfristig ausgerichtet und glaubwürdig sind – nur dann lohnt es sich auch, in Energieeffizienz zu investieren.

Jede energiewirtschaftliche Strategie, für die sich die Schweiz entscheidet, wird Effekte auf die Preise haben. Dies betrifft auch die Entscheidung über Erneuerung oder Ausstieg aus der Kernkraft. Der Bau neuer Kernkraftwerke würde den Preis für die Stromabnehmer aufgrund der relativ niedrigen direkten Gestehungskosten tief halten. Dagegen würden Alternativszenarien, die einen forcierten Ausstieg aus der Atomenergie vorsehen, die Konsumenten von Elektrizität stärker belasten. In beiden Fällen müsste man schwer zu quantifizierende externe Effekte mitberücksichtigen.

Literatur:

Simmons-Süer, Banu; Erdal Atukeren und Christian Busch (2011): Elastizitäten und Substitutionsmöglichkeiten der Elektrizitätsnachfrage – Literaturübersicht mit besonderem Fokus auf den Schweizer Strommarkt, KOF Studien, Nr. 26, Mai. http://kof.ethz.ch/de/publikationen/p/kof-studien/2115/[ a ]

©KOF ETH Zürich, 25. Mai. 2011

 
Elektrizitätsnachfrage nur wenig elastisch 3.25 5 4

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.
  • Angebotselastizität

    [ ]

    Spannender Artikel. Zusätzlich wäre es interessant zu wissen, wie das Angebot mittel- und langfristig auf den Preis reagiert.

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Erdal Atukeren

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Banu Simmons-Süer

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Schlagworte

Elektrizität, empirische-Literatur, Nachfrage, Preise, Substitution

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