Was bestimmt den optimalen Mix aus staatlicher und privater Versicherung?

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Giuseppe Bertola und Winfried Koeniger, 26. April 2011
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In allen Volkswirtschaften sind Haushalte sowohl durch staatliche Sozialpolitik als auch durch private Vorsorge versichert. Staatlich finanzierte Sozialversicherungsprogramme decken viele Gesundheits-, Arbeits- und Invaliditätsrisiken ab. Zudem können sich Haushalte gegen diese und andere Risiken absichern, indem sie private Versicherungsverträge abschließen oder Vermögen ansparen.

Diese Versicherungssysteme können und sollten jedoch aus mindestens zwei Gründen die Risiken nicht komplett abdecken. Erstens müssen Personen dafür belohnt werden, wenn sie Anstrengungen unternehmen, um den Durchschnitt ihres Einkommens und ihrer individuellen Wohlfahrt zu erhöhen und deren Varianz senken. Da es im Allgemeinen nicht möglich ist, die relevanten Handlungen und deren Auswirkungen auf die Erfolgswahrscheinlichkeit zu beobachten, verringert eine Versicherung die Anreize sich anzustrengen. Zweitens ist eine Versicherung kostspielig: sowohl staatliche Behörden als auch Privatversicherer überweisen nicht nur Resourcen von Personen ohne Schadensfall an weniger glückliche Personen, sie verbrauchen auch selbst einen beträchtlichen Anteil der Einnahmen. Die beiden unten stehenden Schaubilder zeigen verfügbare Daten über die Kosten privater Versicherung und staatlicher Steuer- und Transferprogramme. Die Aufwendungen für den Versicherungsbetrieb des privaten Sektors und die Kosten für die Finanzverwaltung sind in den OECD Ländern sehr unterschiedlich. Im Durchschnitt kostet die Bereitstellung von Privatversicherung ungefähr ein Drittel der Versicherungsforderungen, und die staatliche Finanzverwaltung verbraucht etwa 1% der Nettoeinkünfte.

<p>Aufwendungen der Nicht-Lebensversicherer f&uuml;r den Versicherungsbetrieb in Prozent der Forderungen</p>
<p>Quelle: OECD, Insurance Statistics Yearbook 11996-2005, Brown and Finkelstein, Journal of Public Economics, 2007.</p>

Aufwendungen der Nicht-Lebensversicherer für den Versicherungsbetrieb in Prozent der Forderungen

Quelle: OECD, Insurance Statistics Yearbook 11996-2005, Brown and Finkelstein, Journal of Public Economics, 2007.



Da eine Versicherung sowohl durch staatliche Versicherungsprogramme als auch durch private Versicherungsverträge geleistet wird, stellen sich unmittelbar die folgenden zwei Fragen: Was ist der optimale Mix von staatlicher und privater Versicherung, und wie müssen staatliche Steuer- und Transfersysteme gestaltet werden, um den Zielkonflikt zwischen dem Nutzen der Versicherung und deren Kosten (aufgrund der Verschlechterung der Arbeitsanreize und der Verwaltungskosten) zu verbessern?

Man macht erhebliche Fortschritte zur Beantwortung dieser Fragen, wenn man sich auf die Einsichten der klassischen Versicherungsliteratur (Pauly, 1974) und der „New Dynamic Public Finance“- Literatur stützt (Kocherlakota, 2010). Diese Forschungsrichtung hat herausgestellt, dass optimale staatliche Versicherung nicht nur dadurch eingeschränkt wird, dass individuelle Anstrengungen, welche die Wahrscheinlichkeit schlechter Ereignisse verringern, nicht beobachtbar sind. Die Finanztransaktionen der Haushalte im privaten Sektor, welche die Auswirkungen von Risiken auf die individuelle Wohlfahrt verringern, sind ebenso nicht beobachtbar. Im allgemeinen ist es möglich, mehrere private Versicherungsverträge abzuschließen, welche alle zusammen die Wohlfahrtsschwankungen von Haushalten reduzieren. Nur bei bestimmten Risiken, wie Diebstahl oder Feuer, kann die kumulative Deckung eingeschränkt werden. Deshalb führt die Möglichkeit, mehrere Versicherungsverträge unabhängig voneinander abzuschließen, dazu, dass Versicherungspreise die Anreizeffekte der zusätzlich verkauften Versicherung nicht vollständig berücksichtigen. Im Wettbewerb stehende Versicherungsanbieter verkaufen eine zusätzliche Versicherungseinheit zu einem Preis, welcher nicht die Gesamthöhe der Versicherungsdeckung in Betracht zieht. Deshalb wird im Gleichgewicht mehr versichert als effizient wäre.

Für die staatlichen Versicherungssysteme stellen nicht beobachtbare Finanztransaktionen ein subtiles und wichtiges Problem dar. Portfolios mit privaten Vermögensanlagen, insbesondere wenn deren Zahlungsströme auf das Eintreffen von Schadensereignissen bezogen sind, mildern nicht nur die Konsequenzen dieser zufälligen Ereignisse ab, sondern auch die Effekte von staatlicher Versicherung. Wenn Finanztransaktionen nicht beobachtbar sind und ohne zusätzliche Kosten ausgeführt werden können, dann hat staatliche Steuer- und Transferpolitik keine Chance, die Anreizprobleme zu verringern oder gar zu beheben.

Tatsächlich haben weder der Staat noch die Firmen im Privatsektor die Möglichkeit, die Finanztransaktionen von Haushalten vollständig zu beobachten, aufgrund des Datenschutzes und der immensen Kosten der Datenerfassung von allen relevanten Haushaltstransaktionen. Obwohl private Transaktionen nicht beobachtbar sind, sind sie jedoch nicht kostenlos. Es ist die Ausprägung genau dieser Transaktionskosten, welche das Nebeneinander staatlicher Versicherung und privater Versicherung erklären kann und deren Zusammenspiel charakterisiert. Wenn die Struktur der Produktionskosten für private Versicherungsverträge steigende Grenzkosten verursacht, dann ist das Volumen der Privatversicherung im dezentralisierten Gleichgewicht zwar höher als für die Volkswirtschaft effizient wäre, aber es ist auch durch staatliche Steuern und Transfers beeinflussbar (siehe Bertola and Koeniger, 2010). Wenn der Preis für private Versicherungsverträge im Gleichgewicht von der gehandelten Gesamtmenge abhängt, dann wird private Versicherung nicht vollständig von staatlichen Transfers verdrängt. Deshalb können staatliche Steuern und Transfers ein Gleichgewicht beeinflussen, das wegen der nicht beobachtbaren Versicherungstransaktionen im allgemeinen ineffizient ist.

Man kann formal zeigen, wie der optimale Mix von staatlicher und privater Versicherung von der Höhe und Ausprägung der Transaktionskosten abhängt, die für beide Arten von Versicherung entstehen. Da Verdrängung von Privatversicherung, welche mit ansteigenden Grenzkosten produziert wird, die Gesamtkosten für Versicherung verringert, können staatliche Transfers und private Versicherung positiv korreliert sein. Da allerdings im Gleichgewicht das Volumen der nicht beobachtbaren privaten Versicherung über dem effizienten Niveau liegt, können staatliche Transfers auch private Versicherung verringern, um die Arbeitsanreize zu verbessern.

Diese Mechanismen können erklären, warum die Gesamtmenge und die Zusammensetzung von Versicherung in verschiedenen Ländern und Zeitpunkten so unterschiedlich ist. Die strukturellen Eigenschaften, welche die Art der asymmetrischen Information und der Transaktionskosten bestimmen, hängen ihrerseits von institutionellen und technologischen Faktoren ab. Während Markteintrittsbeschränkungen und Marktmacht das Volumen der Finanztransaktionen reduzieren sollten, führen Informationsaustausch und Wettbewerb zu mehr Transaktionen auf den Finanzmärkten.

Obwohl wenig empirische Information zur Verfügung steht, um die relevanten Effekte zu quantifizieren, sind die qualitativen Einsichten wichtig für viele wirtschaftspolitische Debatten. In vielen Volkswirtschaften ergänzt die private Krankenversicherung die öffentliche Krankenversicherung, und staatliche Rentenversicherung ergänzt die private Altersvorsorge. In den skandinavischen und einigen anderen Ländern mit sogenanntem “Ghent”-System verwalten die Gewerkschaften zusätzlich zu den staatlichen Behörden die Arbeitslosenversicherung. In diesen Fällen und immer, wenn mehrere Versicherungsanbieter nicht perfekt über die Finanzsituation der einzelnen Haushalte informiert sind, muss ein optimaler Versicherungsmix den Mittelweg finden zwischen den Gesamtkosten und dem Nutzen der Versicherung sowie der Aufrechterhaltung von Arbeitsanreizen.

Literatur:

Bertola, Giuseppe und Winfried Koeniger (2010): “Public and Private Insurance with Costly Transactions[ a ]”, CEPR Discussion Paper No. 8062, IZA Discussion Paper No. 5201.

Brown, Jeffrey R. und Amy Finkelstein (2007): “Why is the Market for Long-Term Care Insurance so small?,” Journal of Public Economics, vol. 91, 1967-1991.

Kocherlakota, Narayana R. (2010): The New Dynamic Public Finance (Toulouse Lectures in Economics), Princeton University Press.

OECD (2004): Tax Administration in OECD Countries: Comparative Information Series, Paris, OECD.

Pauly, Mark V. (1974): “Overinsurance and Public Provision of Insurance: The Roles of Moral Hazard and Adverse Selection,” Quarterly Journal of Economics, vol. 88, 44-62.

©KOF ETH Zürich, 26. Apr. 2011

 
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moral-hazard, private-Versicherung, Transaktionskosten, Öffentliche-Transfers

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