Folgt man den gängigen Theorien, so liefert das Auftreten von Ungleichgewichten im internationalen Handel keinen unmittelbaren Anlass für wirtschaftspolitische Eingriffe. Vielmehr gibt es häufig sogar gute Gründe dafür, dass ein Land in einem bestimmten Zeitraum nicht Waren und Dienstleistungen in gleichem Wert in das Ausland liefert wie es von dort bezogen hat. Schnell wachsende Volkswirtschaften z. B. weisen aufgrund einer starken Investitionstätigkeit typischerweise einen Importüberschuss auf. Demgegenüber tendieren reichere Länder mit einer weniger dynamischen Wachstumsentwicklung zu vermehrter Ersparnisbildung, dem Aufbau von Auslandsvermögen und entsprechenden Exportüberschüssen.[ 1 ]
Zudem scheint eine gezielte Steuerung von Handelsbilanzsalden im allgemeinen wenig sinnvoll, da es eine Reihe von ökonomischen Adjustierungsmechanismen gibt, die dazu beitragen sollten, dass exorbitant hohe und lang anhaltende Ungleichgewichte vermieden werden. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Wechselkurs. So sollte z.B. bei andauernden Überschüssen eines Landes die nationale Währung aufwerten, wodurch sich einheimische Produkte auf dem Weltmarkt verteuern und gleichzeitig ausländische Produzenten ihre Erzeugnisse im Inland günstiger anbieten können. Aufgrund der schrumpfenden (preislichen) Wettbewerbsfähigkeit der einheimischen Industrie sollte sich der Überschuss in der Handelsbilanz verringern. Gleichzeitig gibt es – neben dem Wechselkurs – andere Mechanismen, die helfen können, die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft zu verbessern. Dabei reicht das Spektrum von einer Stärkung der Innovationskraft bis hin zu fiskalpolitischer Prudenz und einem Abbau der Regulierung.
Dass vor diesem Hintergrund dennoch gelegentlich intensiv über die Notwendigkeit von wirtschaftspolitischen Maßnahmen zum Abbau von Handelsbilanzungleichgewichten nachgedacht wird, ist wohl vor allem auf zwei Aspekte zurückzuführen. Zum einen wird befürchtet, dass sich Ungleichgewichte plötzlich (d.h. sehr kurzfristig) als nicht mehr tragfähig erweisen können. Die Bereitschaft ausländischer Investoren, auch weiterhin Fehlbeträge in der Handelsbilanz eines Landes zu finanzieren, könnte urplötzlich (z.B. ab einem bestimmten Verschuldungsstand) schwinden, so dass das Importland gezwungen wäre, die Handelsbilanz innerhalb kurzer Zeit zu verbessern. Die dafür notwendigen Anpassungsprozesse wären vermutlich äußerst schmerzhaft; dies gilt es zu vermeiden.
Zum anderen wird argumentiert, die Ungleichgewichte seien darauf zurückzuführen, dass die Adjustierungsmechanismen nicht wirken würden, da sich einzelne Länder „nicht an die Regeln halten“. In dieses Argumentationsschema fällt unter anderem die Kritik der USA am bilateralen Handelsbilanzdefizit mit Japan in den 1980er Jahren, als auf eine angebliche, „unfaire“ Abschottung des japanischen Marktes verwiesen wurde, sowie die aktuelle Klage der USA über den hohen Fehlbetrag im Handel mit China, der, so wird moniert, zu einem großen Teil auf die Manipulation des Wechselkurses der chinesischen Währung zurückzuführen ist.
Vor allem der zweite Aspekt, der auf die bilateralen Handelsbilanzungleichgewichte gegenüber einzelnen Ländern verweist, scheint bedenklich. Die Fokussierung auf den Handel mit einzelnen Partnern könnte dazu verführen, protektionistische Maßnahmen zu ergreifen; bei Vergeltungsmaßnahmen besteht dann die Gefahr, dass sich möglicherweise ein Handelskrieg entwickelt. Gleichzeitig gibt esaus ökonomischer Sicht – wenn schon die aggregierte Handelsbilanz eines Landes nicht zwingend ausgeglichen sein muss – ¬auch keinen Grund dafür, dass etwa die bilaterale Handelsbilanz ausgeglichen sein sollte.
Handelsbilanzungleichgewichte im Euro-Raum
In einer Reihe von gemeinsamen Papieren (Berger und Nitsch, 2010a, 2010b) haben Helge Berger und ich vor diesem Hintergrund die Entwicklung der bilateralen Handelsbilanzdefizite in Europa analysiert. Ausgangspunkt unserer Analyse ist die Frage, wann und unter welchen Umständen die Handelsbeziehungen zwischen zwei Ländern von den Lieferungen eines der beiden Handelspartner dominiert werden und sich die Handelsbeziehungen somit in eine „Einbahnstraße“ entwickeln. Dabei interessiert uns vor allem die Frage, ob möglicherweise feste (nominale) Wechselkurse, die Entwicklung von Ungleichgewichten im Außenhandel verstärken. Sollte der Wegfall des Wechselkursmechanismus tatsächlich zu Divergenzen führen, hätte dies erhebliche Auswirkungen auf die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen im Euro-Raum.
Unser Untersuchungsdesign orientiert sich an früheren Studien zu den Effekten des Euro (Berger und Nitsch, 2008), d.h.wir analysieren ein vergleichsweise homogenes Sample von 18 europäischen Ländern über den Zeitraum von 1948 bis 2008. Einige dieser Länder haben den Euro als Zahlungsmittel eingeführt (Belgien, Luxemburg, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, Irland, Niederlande, Österreich, Portugal, Spanien); andere nicht (Großbritannien, Dänemark, Schweden); während eine dritte Gruppe von Ländern kein Mitgliedsland der Europäischen Union ist (Island, Norwegen, Schweiz). Unser Hauptaugenmerk ist auf ein normiertes Maß des bilateralen Handelsbilanzsaldos gerichtet, bei dem die Differenz zwischen den Exporten und Importen eines Landes mit einem bestimmten Partner in Relation zum bilateralen Gesamthandel (d.h. der Summe aus Exporten und Importen) gesetzt wird. Dieses Maß kann zwischen -1 und +1 variieren.
Abbildung 1 zeigt die Entwicklung des durchschnittlichen bilateralen Handelsbilanzsaldos in absoluten Werten. Dabei fällt vor allem der U-förmige Verlauf der Salden auf: die Handelsbilanzen waren in Europa nach dem Ende des 2. Weltkrieges zunächst wenig ausgeglichen, reduzierten sich dann nach dem Zusammenbruch des Bretton Woods-Systems in den 1970er und 1980er Jahren, um dann seit Mitte der 1990er Jahre erneut anzusteigen. Dies scheint darauf hinzudeuten, dass feste nominale Wechselkurse tatsächlich mit größeren Ungleichgewichten einhergehen.
Abbildung 1: Bilaterale Handelsbilanzungleichgewichte
Quelle: Berger und Nitsch (2010a)
Um diesen Zusammenhang noch etwas stärker im Detail zu analysieren, wird in Abbildung 2 die Entwicklung der Handelsbilanzsalden separat für unterschiedliche Ländergruppen dargestellt. Dabei wird zwischen den Ländern unterschieden, die den Euro eingeführt haben (Euro-Euro), und Ländergruppen, für die der bilaterale nominale Wechselkurs flexibel geblieben ist (Euro-NichtEuro und NichtEuro-NichtEuro). Interessanterweise ist der U-förmige Verlauf für die Länder des Euro-Raums besonders deutlich ausgeprägt, während die Ungleichgewichte zwischen den Nicht-Euro-Ländern keine klare Tendenz im Zeitverlauf aufweisen.
Abbildung 2: Bilaterale Handelsbilanzungleichgewichte zwischen Ländergruppen
Quelle: Berger und Nitsch (2010a)
Umfangreiche Regressionsanalysen bestätigen unsere Beobachtung eines Zusammenhangs zwischen dem Wechselkursregime und Handelsbilanzungleichgewichten. Länder, die den Euro eingeführt haben, weisen im Durchschnitt einen um etwa 2 Prozentpunkte höheren Handelsbilanzsaldo auf als die übrigen Länderpaare in unserem Sample. Sobald mit Hilfe von festen Effekten für dauerhafte Unterschiede zwischen Handelspartnern kontrolliert wird (z.B. aufgrund von länderspezifischen Wettbewerbsvorteilen), vergrößert sich der Euro-Effekt sogar noch einmal deutlich: nach der Einführung des Euro sind die Handelsbilanzungleichgewichte zwischen den Euro-Ländern um mehr als 3 Prozentpunkte gestiegen. Dieser Effekt scheint angesichts eines durchschnittlichen Saldos von etwa 0.3 beachtlich.
In einem nächsten Schritt erweitern wir unsere Analyse um verschiedene Faktoren. Zunächst untersuchen wir potenzielle Determinanten für die Richtung des Handelsbilanzungleichgewichts. Im Einklang mit verschiedenen theoretischen Ansätzen finden wir u.a., dass die Überschüsse im Außenhandel für jene Länder tendenziell höher ausfallen, die keinen relativen Wachstumsvorsprung aufweisen, die einer vergleichsweise hohe Wachstumsvolatilität ausgesetzt sind und ein geringes Haushaltsdefizit ausweisen.
Bemerkenswerter scheinen jedoch unsere Ergebnisse – in Anlehnung an fixierte Wechselkurse – für andere Rigiditäten zwischen Ländern. Dazu experimentieren wir mit Indikatoren der OECD über das Ausmaß der Regulierung auf Arbeits- und Gütermärkten. Für beide Indikatoren finden wir einen deutlich negativen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Inflexibilitäten und dem Handelsbilanzsaldo: stärker regulierte Länder weisen häufig eine negative Handelsbilanz auf. Berger und Nitsch (2010b) zeigen sogar, dass dieser Effekt die Wechselkurswirkung sogar noch übertreffen kann. Zudem zeigen Schätzungen, dass diese Rigiditäten vor allem die Anpassungsgeschwindigkeit von Ungleichgewichten verringern.
Abbildung 3 illustriert den Zusammenhang zwischen den inländischen Rigiditäten und der Handelsbilanz graphisch. Größere Unterschiede in den Regulierungsmaßen gehen mit größeren Ungleichgewichten einher, wobei sich dieser Zusammenhang vor allem für die Euro-Länder erst in den letzten Jahren herausgebildet zu haben scheint.
Abbildung 3: Handelsbilanzungleichgewichte und Regulierung
Arbeitsmarkt
Produktmarkt
Quelle: Berger und Nitsch (2010a)
Schlussfolgerungen
Unsere Ergebnisse bedeuten für die Wirtschaftspolitik sowohl gute als auch schlechte Nachrichten. Ernüchternd dürfte die Erkenntnis wirken, dass die unwiderrufliche Fixierung der nominalen Wechselkurse im Euro-Raum mit größeren und länger andauernden Handelsbilanzungleichgewichten verbunden ist. Gleichzeitig sollte jedoch optimistisch stimmen, dass sich diese Ungleichgewichte auch reduzieren lassen. In einer Währungsunion (oder einem anderen Festkurssystem) tragen strukturelle Reformen, die Märkte flexibler gestalten, die Volatilität der wirtschaftlichen Entwicklung dämpfen, oder das Haushaltdefizit reduzieren, zu einer Vermeidung von Ungleichgewichten im Außenhandel bei.
Literatur
Berger, Helgeund Volker Nitsch, 2008, “Zooming Out: The Trade Effect of the Euro in Historical Perspective,” Journal of International Money and Finance, 27(8), 1244-1260.
Berger, Helgeund Volker Nitsch, 2010a, “The Euro’s Effect on Trade Imbalances,” IMF Working Paper 10/226.
Berger, Helge und Volker Nitsch, 2010b, “InflexibilitiesandImbalances: Evidencefrom Europe,”erscheint in Wim Meeusen (Hrsg.) The Economic Crisis and the Process of European Integration,Cheltenham: Edward Elgar.
- 1 Dieser Beitrag ist erstmals im Ifo Schnelldienst 24/2010 erschienen.
©KOF ETH Zürich, 13. Apr. 2011
