China und die G20

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Ulrich Volz, 8. März 2011
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Die meisten Kommentare zu den Ergebnissen des Treffens der Finanzminister und Notenbankgouverneure der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer am 18.-19. Februar waren verhalten und teilweise sogar sehr negativ.[ 1 ] Der Kompromiss, auf den sich die G20 in Paris nach zähen Verhandlungen geeinigt haben, sei butterweich und würde die zentralen Ursachen der globalen wirtschaftlichen Ungleichgewichte, nämlich die künstliche Unterbewertung des chinesischen Währung und die daraus resultierende fortlaufende Anhäufung von Fremdwährungsreserven durch China, nicht angemessen angehen. China habe sich wieder einmal dem Druck der anderen G20-Länder widersetzt und verhindert, dass konkrete Maßnahmen zur Wechselkursanpassung und Reduktion von Leistungsbilanzungleichgewichten in den Schlusstext aufgenommen werden.

Der kleinste gemeinsame Nenner

Das G20 Communiqué (G20, 2011) spiegelt, wie das bei Gipfeltreffen üblich ist, in der Tat nur den kleinsten gemeinsamen Nenner wider, mit dem alle Seiten leben können, ohne das Gesicht zu verlieren und daheim als Verlierer da zu stehen. Bindende Verpflichtungen zur Wechselkurspolitik sind darin ebenso wenig zu finden wie zur Geld-, Fiskal- oder Lohnpolitik. Das wären aber auch überzogene Erwartungen, da diese Politiken letztlich in nationalen Prozessen – sei es durch Parlamente oder sonstige Entscheidungsgremien – beschlossen werden.

Aber immerhin haben alle G20-Staaten – wie übrigens auch schon beim letzten Gipfel der Staats- und Regierungschefs in Seoul im November – die Absicht erklärt, die Flexibilität der Wechselkurse zu erhöhen, damit diese die Fundamentaldaten der jeweiligen Ökonomien besser abbilden können. Und auch wenn der Katalog von Indikatoren, die helfen sollen volkswirtschaftliche Ungleichgewichte zu identifizieren und anzugehen, keine konkrete Zielgrößen beinhaltet, so findet sich unter den Indikatoren neben öffentlicher und privater Verschuldung und der Sparquote auch die Handelsbilanz unter Berücksichtigung der Wechselkurspolitik wieder (siehe G20 2011, Artikel 3).

Wie genau mit diesen Indikatoren verfahren werden soll wird zwar erst auf dem nächsten Treffen im April diskutiert, aber immerhin ist ein multilateraler Prozess verstetigt worden der mehr bringen dürfte als die bisherigen gegenseitigen Schuldzuweisungen. Dass öffentlicher Druck, gerade bei China, eher kontraproduktiv ist, dürfte mittlerweile klar geworden sein.

Der Yuan wird internationaler

Ohnehin arbeitet China schon seit längerer Zeit an einer graduellen Flexibilisierung seiner Wechselkurspolitik – verbunden mit einer schrittweisen Internationalisierung des Yuan. Dass dies langsamer geschieht als es den Amerikanern, Europäern, aber auch vielen Schwellen- und Entwicklungsländern lieb ist, ist zum einen dem chinesischen Politikansatz zu schulden, Reformen schrittweise zu erproben, bevor sie umfassend umgesetzt werden, um unerwünschte Nebeneffekte zu vermeiden. Zum anderen müssen die chinesischen Reformkräfte, zu denen auch die Führung der chinesischen Zentralbank um Gouverneur Zhou Xiaochuan gehört, immer noch mit Widerständen aus dem gut organisierten Lager der Exportindustrie kämpfen, das sich gegen Aufwertungen sträubt.

Massiver Druck aus dem Ausland schwächt im Zweifelsfall die Wirtschaftsreformer und verlangsamt den Anpassungsprozess des Wechselkurses. In chinesischen Ökonomen- und Politikzirkeln wird die auf westlichen Druck beim New Yorker Plaza Abkommen erfolgte Aufwertung des japanischen Yen Mitte der 1980er Jahre maßgeblich für die Malaise der japanischen Wirtschaft verantwortlich gemacht. Eine Neuauflage des Plaza Abkommen ist somit aus chinesischer Sicht auf jeden Fall zu vermeiden (siehe z.B. Huang, 2010).

Dabei sind die Argumente für eine Loslösung des Yuan vom US-Dollar auch der chinesischen Zentralbank bestens vertraut. Je länger sich China an den Dollar bindet, desto länger muss es weitere Dollarreserven anhäufen – eine Investition die sich angesichts niedrigster US-Zinssätze kaum lohnt. Um den Wert seiner Dollar-Anlagen stabil zu halten, sieht sich China gezwungen, immer weitere Dollar aufzukaufen, was das Problem allerdings immer größer macht. Es gilt die Feststellung von John Paul Getty: Wenn Du der Bank 100 Dollar schuldet, ist das Dein Problem. Wenn Du der Bank 100 Millionen Dollar schuldest, ist das das Problem der Bank. Der einzige Unterschied ist, dass die amerikanische Regierung den Chinesen weit mehr als 100 Million Dollar schuldet: Schätzungsweise 65 bis 70 Prozent der chinesischen Fremdwährungsreserven in Höhe von derzeit 2,85 Billionen Dollar sind in amerikanischen Anlagen investiert – ein Großteil davon in Staatsanleihen und Anleihen amerikanischer Regierungsagenturen.

Die Dollar-Sorgen Chinas

Dass sich die chinesische Führung Sorgen um die Stabilität des Dollar macht, ist daher gut verständlich. Ebenso klar ist aber, dass eine weitere Dollarbindung das Problem nur noch weiter verschärft. Folgerichtig hat China bereits vor einiger Zeit damit begonnen, seine Devisenreserven schrittweise zu diversifizieren, um die Abhängigkeit vom Dollar zu reduzieren, ohne dabei einen Dollarcrash herbeizuführen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für die Neuausrichtung der Wechselkurspolitik.

Der Aufkauf amerikanischer Staatspapiere bedeutet zudem, dass China Konsum und Investitionen in den USA günstig finanziert, obwohl weite Teile des eigenen Landes – jenseits der Metropolen an der Ostküste – noch großen Entwicklungsbedarf haben. China ist nach wie vor ein Entwicklungsland, das Investitionen nicht nur in Infrastruktur benötigt, sondern auch in Bildung, Gesundheitswesen und vielen anderen Bereichen. Warum China Kapital in die USA exportiert, verstehen die wenigsten Chinesen.

Dollarbindung behindert Reform der chinesischen Geldpolitik

Und nicht zuletzt verkompliziert die Dollarbindung die Reform der chinesischen Geldpolitik, die nach wie vor stark auf administrative Maßnahmen setzt statt auf Preissignale (Reade und Volz, 2010). Um eine effektive Zinspolitik betreiben zu können, ist eine Flexibilisierung des Wechselkursregimes notwendig. Angesichts negativer Realzinsen und steigenden Inflationsdrucks in China ist eine weitere graduelle Aufwertung des Yuan, die den Preisauftrieb dämpft und mehr Spielraum für die Geldpolitik lässt, ein wichtiges Anliegen der chinesischen Geldpolitiker. Der derzeitige starke Anstieg der Energie- und Lebensmittelpreise auf den internationalen Märkten verschärft den Druck auf die chinesische Regierung, eine weitere Aufwertung des Yuan zuzulassen, mehr als dies jede Vereinbahrung im Rahmen der G20 könnte.

Bei einer Rede am Rande der Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank in Washington im Oktober 2010 verglich Gouverneur Zhou die Reform der chinesischen Wechselkurspolitik mit chinesischer Medizin, die zwar langsamer wirke als westliche Medikamente, aber dafür nachhaltiger. China wird sich keine bitteren Pillen von den Amerikanern und den anderen G20 verschreiben lassen, sondern weiter auf schrittweise Reformen setzen. Ein sachlicher Dialog im Rahmen der G20 ist dazu allemal förderlicher als offener Druck und medienwirksame Erklärungen.

Literatur:

Economist, 2011, The G20 process. Congregate, implicate, obfuscate, The Economist, 24. Februar, http://www.economist.com/node/18233694?story_id=18233694[ a ]

Financial Times Deutschland, 2011, China lässt Kritiker ins Leere laufen, 21. Februar 2011, S. 15

Financial Times, 2011a, G20: communiqué breakdown, Financial Times, The Lex Column, 21. Februar, http://www.ft.com/cms/s/3/d51c280e-3d27-11e0-bbff-00144feabdc0.html#axzz1FFKdsyYu[ b ]

Financial Times, 2011b, G20 sceptics wait for shift in behaviour, Financial Times, 21. Februar, http://www.ft.com/cms/s/0/1b5a9a62-3d23-11e0-bbff-00144feabdc0.html#axzz1FFKdsyYu[ c ]

G20, 2011, Meeting of Finance Ministers and Central Bank Governors, Paris, 18.-19. Februar, http://www.economie.gouv.fr/discours-presse/discours-communiques_finances.php?type=communique&id=5096&rub=1
[ d ]

Handelsblatt, 2011, Die G20-Politik der kleinen Schritte, Handelsblatt, 21. Februar, http://hb2010.handelsblatt.com/panorama/presseschau/die-g20-politik-der-kleinen-schritte/3865268.html?p3865268=all[ e ]

Huang, Yiping, 2010, Plaza II is the wrong approach for global rebalancing, VoxEU, http://www.voxeu.org/index.php?q=node/5574[ f ]

Reade, J. James und Ulrich Volz, 2010, Chinese Monetary Policy and the Dollar Peg, School of Business & Economics Discussion Paper 2010/35, Freie Universität Berlin, http://ideas.repec.org/p/zbw/fubsbe/201035.html[ g ]


  • 1  siehe z.B. Handelsblatt (2011), Financial Times Deutschland (2011), Economist (2011), Financial Times (2011a, 2011b).

©KOF ETH Zürich, 8. Mär. 2011

 
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China, G20, globale-Ungleichgewichte, Wechselkurse

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