Vom Behagen und Unbehagen mit der Migration

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Arno Tausch, 21. Feb. 2011
Vom Behagen und Unbehagen mit der Migration 3.14 5 7

Kein Thema ist heute in der Öffentlichkeit in Europa so umstritten wie die Migration. Wir berichten in diesem Artikel über die Ergebnisse einer statistischen Überprüfung der Konsequenzen der Migration und der anderen sogenannten „Freiheiten von Waren, Kapital, und Dienstleistungen“ auf die sozioökonomische Entwicklung in der letzten Dekade[ 1 ] .

Unser Überblick über die Faktenlage wurde mit Daten von bis zu 175 Staaten der Erde erzielt, und zwar mit einem systematischen Vergleich der Triebkräfte des Aufstiegs und Niedergangs von Nationen für heute in den Sozialwissenschaften messbare Leistungen bei Demokratie, Wachstum, Umwelt, Gleichstellung der Geschlechter, menschliche Entwicklung, Forschung und Entwicklung, sozialem Zusammenhalt sowie globaler Toleranz.[ 2 ]

Eine wachsende Zahl von EntscheidungsträgerInnen in der westlichen Welt scheint zumindest Teile eines ‚Paradigmas‘ zu akzeptieren, das der Migration kritisch gegenübersteht. So etwa, als es jüngst von seiten der deutschen Kanzlerin hieß, ‚Multikulti‘ sei tot[ 3 ] . In den vergleichenden Wirtschaftswissenschaften wird man/frau dieser Vision der Dinge kühl entgegenhalten, dass Migrationsprozesse – wie schon im 19. Jahrhundert – ungeheure Triebfedern der wirtschaftlichen Entwicklung gewesen seien. Jeffrey Williamson, der große liberale Historiker der globalen Wirtschaft und der Migration, und seines Zeichens emeritierter Wirtschaftsprofessor an der Harvard-University[ 4 ] , hat ja in seinen zahlreichen Werken gezeigt, dass die Nord-Nord-Migration zwischen Europa und der Neuen Welt die Bewegung von etwa 60 Millionen Menschen bedeutete, während die Süd-Nord-Migration tatsächlich nur ein Rinnsal war und es auch heute noch ist: wie heute, waren arme Einwanderer aus der Peripherie durch eine restriktive Politik, die hohen Kosten für den Umzug und ihrem Mangel an Bildung vom Zentrum ferngehalten[ 5 ] .

Für eine kühle, rationale, datenorientierte Überprüfung

Eine datenorientierte Überprüfung der verschiedenen migrationspolitischen Optionen in der Gesellschaft scheint angebracht[ 6 ] . Was hat den Wohlstand der Nationen in den letzten Dekaden denn tatsächlich beschert: Offenheit? Abschottung? Zuwanderung? Festung? Welcher Realisierungsgrad der vier Freiheiten der Waren, des Kapitals, der Dienstleistungen und der Arbeit fördert oder bremst – unter Kontrolle der wesentlichsten anderen Faktoren – die Demokratie, das Wachstum, die Umwelt, die Gleichstellung der Geschlechter, die menschliche Entwicklung, die Forschung und Entwicklung und den sozialen Zusammenhalt am nachhaltigsten? Wir haben all diese Thesen mit den heute verfügbaren cross-nationalen Daten der Welt[ 7 ] empirisch überprüft, und die Wirkungen der vier Freiheiten auf insgesamt 30 Indikatoren der Entwicklung in der Welt – unter Kontrolle der gängigsten Determinanten der Entwicklung, die in den Wirtschaftswissenschaften und der vergleichenden, quantitativen Soziologie und Politikwissenschaft gern verwendet werden, untersucht.

Die Folgen der Migration

Was sind nun die Folgen der so heiß umstrittenen Migration für unsere 30 untersuchten Messgrößen? Wir können zunächst basierend auf den Daten über die worker remittances davon ausgehen, dass der Import von Arbeitskräften in der Weltwirtschaft nachteilige Auswirkungen auf die Lebensqualität (Happy Planet Index, Lebenserwartung, Lebenszufriedenheit, Happy Life Years) und Gender-Beziehungen (Schließung der politischen Kluft zwischen den Geschlechtern und der Kluft insgesamt) hat. Das resultiert bei den Arbeitskräfte-Entsender-Staaten durch die Arbeitsmarkt-Knappheit, die durch Abwanderung, mit deutlichen Verbesserungen der Stellung der Frauen in typischen, GastarbeiterInnen entsendenden Volkswirtschaften, entsteht. Darüber hinaus sind ArbeitnehmerInnen-Überweisungen als ein wichtiges Instrument der Vermögensübertragung von den reichen zu den ärmeren Ländern der Welt zu betrachten. In den Migrations-Empfänger-Staaten gehört jedenfalls die Gender-Gerechtigkeit zu den absoluten Verlierern des Prozesses; kein Wunder, wenn immer mehr Repräsentantinnen des klassischen Feminismus sich mit der Migration – insbesondere auch aus der Welt des Islam – schwer tun. Radikaler Feminismus und Rechtspopulismus wird die ‚Sensationsehe‘ der zweiten Dekade des 3. Jahrtausends sein.

Der Anteil der Bevölkerung mit dem, was man heute gerne einen "Migrationshintergrund" nennt, hat – ceteris paribus – einen unleugbaren negativen Effekt auf einige wichtige Indikatoren für die Umwelt und die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Einwanderung, und damit enormer Verkehr zwischen den Staaten (geographisch zertrennte Familienbeziehungen bleiben Dank Auto, Eisenbahn und Flugzeug noch irgendwie aufrecht), erhöht ohne Frage den CO2-Ausstoß einer bestimmten Gesellschaft, und es erhöht sich auch das Verhältnis von Kohlenstoff-Emissionen pro BIP. Hinzu kommt, dass die Zuwanderung heute leider stets eine blanke materialistische, und keine postmaterialistische Werthaltung exportiert, die Wachstum vor Umwelt sieht und in den Staaten des Südens und Ostens im Weltsystem stärker verankert ist als im Westen, wo bereits Einschnitte beim Wachstum zu Gunsten der Umwelt hingenommen werden, ja mehr noch, wo die Forderung nach smart growth bereits Teil der Logik des Systems geworden ist.

Ceteris paribus bestätigen allerdings einige weitere unserer Resultate den neo-liberalen Konsens der offenen Migrationspolitik, der sich insbesondere aus den Arbeiten des Harvard-Ökonomen Jeffrey Williamson und aus dem UNDP Human Development Report 2009[ 8 ] ableiten lassen. Ein großer Teil der Menschen mit Migrationshintergrund pro Gesamtbevölkerung scheint mit einer Schwächung der Rolle der traditionellen, lokalen, heimischen Eliten zusammen zu fallen, und die Einkommensungleichheit wird durch die Migration paradoxerweise sogar tendenziell niedriger, wenn der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in einem bestimmten Land höher ist.

Auch können ceteris paribus die Effekte der Mitgliedschaft eines Staates in der Islamischen Konferenz und der muslimische Bevölkerungsanteil nicht auf eine simple, islamophobe Argumentation reduziert werden. Muslimische Gesellschaften, seit Jahrzehnten staatlich in der Organization of Islamic Conference organisiert[ 9 ] , neigen zwar zu einer deutlich höheren Zahl der Immatrikulierten pro Bevölkerung als andere vergleichbare Gesellschaften im Weltsystem. Darüber hinaus gibt es weitere, recht positive Auswirkungen, etwa der muslimischen Wohlfahrtstraditionen auf die Reduzierung des Quintilverhältnisses in der Einkommensungleichheit, i.e. der Unterschied zwischen reichsten und ärmsten 20%.

Nicht nur Wohlfahrtswesen und Hochschulbildung lassen einige positive Entwicklungsimpulse des Islam in der Weltgesellschaft und natürlich auch für die erweiterte EU-27 erahnen, auch unser Krisen-Performance-Faktor in der aktuellen globale Rezession und auch der Human Development Index werden sehr gut und positiv durch die OIC-Mitgliedschaft beeinflusst. Das alles zeigt, dass es eine aktive muslimische Zivilgesellschaft gibt, und dass der real existierende Islam eine ‚Caritas‘ kennt, die ein beträchtliches positives Potential für die Weltgesellschaft besitzt.

Die eigentliche Achillesferse der "real existierenden" muslimischen Gesellschaften hingegen sind die schlechten, ceteris paribus geltenden Leistungen entlang der folgenden Indikatoren:

  • bürgerliche und politische Freiheiten
  • schließen der wirtschaftlichen, politischen und der allgemeinen Kluft zwischen den Geschlechtern
  • Demokratie 
  • Gender Empowerment Index 
  • globale Toleranz 
  • Senkung der Arbeitslosenquote

Die Nordwärtsmigration der globalen Intoleranz und Inakzeptanz anderer Religionen?

Mit eines der eklatantesten Probleme des internationalen Migrationsgeschehens – zumal in Europa - ist wohl die Tatsache, dass in vielen Herkunftsstaaten der Migration Blockaden gegen Denkmuster der religiösen Toleranz herrschen, die in den Umfragen des World Values Survey[ 10 ] – hier in der letzten Untersuchungswelle in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends – genau aufgelistet werden[ 11 ] . Nicht etwa ‚der Islam‘ ist hier ein Problem, sondern dass Zusammentreffen mit Bekenntnissen einer regional oder national dominanten Rolle als Religion in einem sozio-kulturellen Milieu der Peripherie oder Semi-Peripherie. Dies gilt für die Orthodoxen in Zypern und Rumänien genauso wie für die Bevölkerungen der jeweiligen nationalen Mehrheitsreligionen in Marokko, Slowenien, Vietnam, Moldawien, Peru, der Türkei, Thailands, Jordaniens und Mexikos, sowie für die Mehrheitsreligion der Muslime aus Malaysia und auch für die geographisch konzentriert lebende Minorität der Buddhisten aus Indien[ 12 ] – sie alle haben tatsächlich ein Problem mit der religiösen Toleranz, weil sie zu mehr als 2/3 wenig oder gar kein Vertrauen in Menschen mit einer anderen Religion haben. Rezente MigrantInnen aus diesen Staaten erleben in einer religiös pluralistischen Gesellschaft wie den USA, Großbritannien, Frankreich oder Österreich einen echten Kulturschock, und sie müssen tatsächlich akzeptieren, sich heute auf einem Weltmarkt der Lebensprojekte, Konfessionen und Glaubensinhalte zu bewegen. Unsere Daten[ 13 ] bedeuten jedenfalls ein ungeheures Defizit an sozialem Kapital[ 14 ] . Wie kann langfristig eine Marktwirtschaft gut funktionieren, wenn das soziale Kapital zwischen den religiös heterogen ausgeprägten MarktteilnehmerInnen so schlecht ausgeprägt ist? Künftige Einwanderungspolitik wird vor allem eines tun müssen – die unteilbaren Werte der Demokratie, der Toleranz und der Aufklärung zur Geltung zu bringen, und zwar von der frühen Schulbildung an bis in den Ruhestand vom Arbeitsleben.

Konklusionen

Wir können zunächst relativ gesichert davon ausgehen, dass der Import von Arbeitskräften in der Weltwirtschaft leider nachteilige Auswirkungen auf die Lebensqualität (Happy Planet Index, Lebenserwartung, Lebenszufriedenheit, Happy Life Years) und Gender-Beziehungen (Schließung der politischen Kluft zwischen den Geschlechtern und der Kluft insgesamt) hat. In den Migrations-Empfänger-Staaten gehört jedenfalls die Gender-Gerechtigkeit zu den absoluten Verlierern des Prozesses; kein Wunder, wenn immer mehr Repräsentantinnen des klassischen Feminismus sich mit der Migration – insbesondere auch aus der Welt des Islam – schwer tun.

Hinzu kommt, dass die Zuwanderung heute leider stets eine blanke materialistische, und keine postmaterialistische Werthaltung exportiert, die Wachstum vor Umwelt sieht und in den Staaten des Südens und Ostens im Weltsystem stärker verankert ist als im Westen, wo bereits Einschnitte beim Wachstum zu Gunsten der Umwelt hingenommen werden. Dieses alles deutet darauf hin, dass im Westen auf der Seite der politischen Linken die so genannten ‚neuen sozialen Bewegungen‘ von Ökologismus und Feminismus weiter geschwächt werden, und die MigrationspessimistInnen weiter erstarken.

Weiterführende Hinweise:

Die vergleichenden Daten dieser Analyse sind abrufbar unter:

http://economics.uni-corvinus.hu/index.php?id=14767#c38860 [ a ]

Dort findet sich auch ein Überblick über die verwendeten Indikatoren


©KOF ETH Zürich, 21. Feb. 2011

 
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Autor

Arno Tausch

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Schlagworte

Migration, Migrationsfolgen, Statistische-Untersuchung

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