Fremdwährungskredite (FX Kredite) sind in vielen Ländern Osteuropas weit verbreitet. Mehr als die Hälfte aller Kredite an den Privatsektor in Bulgarien, Ungarn, Lettland, Rumänien oder Serbien ist in Fremdwährungen denominiert oder indexiert (EBRD, 2010). Ein wesentlicher Anteil der FX Kredite in diesen Ländern wird von Haushalten oder Kleinunternehmen gehalten – Kunden deren Einkommen und Vermögen typischerweise in lokaler Währung denominiert sind. Es ist daher nicht überraschend, dass die Aufsichtsbehörden in den betroffenen Ländern Massnahmen ergriffen haben, um die Verbreitung von FX Krediten einzudämmen.
Staatliche Eindämmungsversuche
Die Behörden in Ungarn, Lettland und Polen haben Banken dazu angehalten, Ihren Kunden die Währungsrisiken, die mit FX Krediten einhergehen, offenzulegen. Hinter dieser Massnahme liegt die Annahme, dass mehr Transparenz über das Währungsrisiko die Nachfrage nach FX Krediten reduzieren wird. In Kroatien, Kasachstan und Rumänien wurden strengere Eigenkapital- und Liquiditätsvorschriften für FX Kredite im Vergleich zu Krediten in Lokalwährung eingeführt. Der Gedanke hinter dieser Massnahme: das Angebot von FX Krediten zu verteuern und dadurch zu reduzieren. Einzelne Länder haben FX Kredite im Hypothekargeschäft (Ukraine) oder für alle Retailkunden (Weissrussland) verboten, mit der Begründung, dass die individuelle Risiken und negativen Externalitäten der FX Kredite ihre Vorteile überwiegen.
Ob man FX Kredite eindämmen sollte, und welche Massnahmen hierzu am besten geeignet sind, hängt von den Ursachen für die Verbreitung solcher Kredite ab. Leider ist die empirische Evidenz, wer die treibenden Kräfte hinter der „Euroisation“ von Kreditmärkten sind, noch schwach. In einem Beitrag auf Ökonomenstimme im September 2010 haben Martin Brown, Karolin Kirschenmann und Steven Ongena gezeigt, dass FX Kredite in Bulgarien in einem wesentlichen Ausmass angebotsgetrieben sind. In einem neuen Artikel[ a ] präsentieren wir nun eine umfangreichere Analyse der Ursachen von FX Krediten in Osteuropa anhand von Daten zu 193 Banken in 20 Ländern Osteuropas (Brown und De Haas, 2010). Wir untersuchen insbesondere, welche Rolle ausländische Banken bei der Verbreitung von FX Krediten in der Region gespielt haben.
Evidenz zu FX Krediten basierend auf Bank-Umfragedaten
Die Daten für unsere Studie entnehmen wir dem Banking Environment and Performance Survey (BEPS), welcher 2005 von der Europäischen Bank für Entwicklung und Wiederaufbau (EBRD) durchgeführt wurde. Die Umfrage erhebt detaillierte Informationen über die Kredit- und Einlagenstruktur von 220 Banken in 20 Transitionsländer, jeweils für die Jahre 2001 und 2004. Die Umfrage umfasst zudem Informationen über die internen Verfahren zum Risikomanagement und zur Einschätzung der Kreditwürdigkeit, wie auch die Einschätzung der regulatorischen Umgebung durch die Bank. Wir verknüpfen diese Umfragedaten mit Daten zur Bilanz und Erfolgsrechnung der Banken aus der Bankscope Datenbank von Bureau van Dijk. Schliesslich verwenden wir Länderindikatoren zu Zinsdifferenzen, Wechselkurs- und Inflationsschwankungen und zum Wechselkursregime.
Unsere Beobachtungsperiode (2001-2004) ist besonders interessant, um die Entwicklung von FX Krediten in Osteuropa zu analysieren. Während dieser Periode waren Fremdwährungskredite bei Firmen bereits sehr verbreitet: Bei den Banken in unserem Sample beträgt der Anteil von FX denominierten Krediten 41% der gesamten Firmenkredite in 2001 bzw. 44% in 2004. Viele Banken erlebten gerade in dieser Periode eine starke Veränderung in der Währungsstruktur ihrer Kredite an Retailkunden (siehe Abbildung 1). Insgesamt nahm der Anteil der FX Kredite an Haushalte in unserem Sample von 28% (2001) auf 38% (2004) zu. Sowohl bei den Firmenkrediten wie auch bei den Haushaltskrediten zeigen sich grosse Unterschiede in der Veränderung der FX Kredite bei den einzelnen Banken. In unserer Studie untersuchen wir, inwiefern diese Unterschiede zwischen den Banken mit Veränderungen in der Eigentums- und Refinanzierungsstruktur der Banken sowie mit Veränderungen der makroökonomischen Bedingungen in Verbindung stehen.
Abbildung 1: FX-Vergabe in 2001 und 2004
This figure plots for the variables FX loans corporates and FX loans households their 2001 values against their 2004 values
Source: BEPS
Stabile makroökonomische Verhältnisse, nicht ausländische Banken sind Treiber
Unser erstes Ergebnis zeigt, dass ausländische Banken - im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung - keinesfalls für die Verbreitung von FX Krediten in Osteuropa hauptverantwortlich sind. Wir finden zwar, dass ausländische Banken mehr FX Kredite an Firmen vergeben als einheimische Banken. Dies ist aber nicht der Fall für Kredite an Haushalte. Unsere Resultate zeigen zudem, dass der Anteil von FX Krediten sich bei Banken, welche von einer ausländischen Institution übernommen werden, ähnlich entwickelt wie bei jenen Banken, welche in einheimischer Hand verbleiben.
Wir untersuchen, ob der Anteil von FX Krediten innerhalb von internationalen Bankgruppen konvergiert (e.g. UniCredit, Raiffeisein International). Eine solche Konvergenz könnte darauf hinweisen, dass die “Mutterbank” in Westeuropa ihr Tochterunternehmen in Osteuropa dazu anhält, eine bestimmte Währungsstruktur des Kreditportfolios zu erreichen, unabhängig von der lokalen Refinanzierung oder den lokalen makroökonomischen Bedingungen. Wir finden keine Evidenz für eine solche Konvergenz innerhalb von internationalen Bankgruppen (siehe Tabelle 1, Panel B). Unsere Resultate weisen dafür auf eine Konvergenz bei FX Krediten innerhalb einzelner Länder hin: Banken mit einem tiefen Anteil von FX Krediten in 2001 – im Vergleich zum Durchschnitt in ihrem Land – erhöhen ihren Anteil von FX Krediten stärker in den folgenden drei Jahren (siehe Tabelle 1, Panel A).
Insgesamt lassen unsere Ergebnisse den Schluss zu, dass ausländische Banken eine ausgewogene Vergabepraxis bei FX Krediten betreiben. Im Vergleich zu einheimischen bieten die ausländischen Banken mehr FX Kredite an Firmenkunden, welche eher in der Lage sind, die entsprechenden Währungsrisiken zu tragen.
Tabelle 1: Konvergenz bei der FX-Vergabe
Unser zweites Ergebnis zeigt, dass makroökonomische Stabilität einen wesentlichen Einfluss auf die Verbreitung von FX Krediten hat. Reale Wechselkursschwankungen scheinen dabei einen besonderen Abschreckungseffekt zu haben. Im Einklang mit den Resultaten von Brown et al. (2011) finden wir keine Evidenz dafür, dass Zinsdifferenzen einen wesentlichen Einfluss auf die Vergabe von Fremdwährungskrediten haben. Unsere Ergebnisse zeigen im Gegenteil, dass Banken in Ländern, die eine starke Abnahme der Zinsdifferenz gegenüber dem Euro erlebten, eine besonders starke Zunahme von FX Krediten aufweisen. Dieses Ergebnis lässt darauf schliessen, dass die (antizipierte) makroökonomische Stabilität, welche zur Zinssatzkonvergenz führt, einen stärkeren Effekt auf die Kreditwahl hat als nominale Zinsvorteile.
Als Hinweis auf die indirekte Bedeutung der makroökonomischen Stabilität kommen wir zum Ergebnis, dass Fremdwährungseinlagen von Kunden bei den Banken in unserem Sample einen wesentlichen Einfluss auf ihren Anteil von FX Krediten haben. Unsere Schätzungen zeigen, dass eine Zunahme der Fremdwährungseinlagen um 10 Prozentpunkte zu einer Erhöhung der Fremdwährungskredite um 5 bis 6 Prozentpunkte führt. Dieses signifikante Ergebnis steht im Einklang mit jüngsten Ergebnissen von Brown et al. (2010). Es ist anzunehmen, dass Kundeneinlagen in fremder Währung hauptsächlich durch makroökonomische Instabilität getrieben sind.
Implikationen für die Politik
Unsere Ergebnisse sind aufschlussreich für Politiker und Aufsichtsbehörden, welche sich die Frage stellen, wie die Verbreitung von FX Krediten in Osteuropa eingeschränkt werden kann. Unsere Studie zeigt, dass Kundeneinlagen in Fremdwährung einen wesentlichen Einfluss auf den hohen Anteil an Fremdwährungskrediten haben. Dieses Resultat lässt vermuten, dass eine glaubwürdige Makropolitik, welche Bankkunden veranlasst, in lokaler Währung zu sparen, wirksamer sein könnte als gegenwärtige regulatorische Vorschläge, die Interbankfinanzierung in Fremdwährung einzuschränken. Länder wie die Tschechische Republik zeigen eindrucksvoll, wie die langfristige Befolgung einer stabilen Makropolitik zu einer geringen „Euroisierung“ des Finanzsektors führt, auch wenn die Mehrheit der Banken in ausländischer Hand sind. In jüngster Zeit haben auch einige lateinamerikanische Länder erfolgreich eine „De-Dollarisierung“ erreicht, in dem sie mit flexiblen Wechselkursen und „Inflation-targeting“ das Vertrauen in die lokale Währung stärkten (Zettelmeyer et al., 2010). In Ländern mit schwacher Geld- und Fiskalpolitik kann eine Einschränkung von FX Krediten auf regulatorischem Weg kontraproduktiv wirken: Da die lokale Währung keine Alternative bietet, könnten solche Regulierungen zu einer Reduktion des Kreditvolumens führen.
Können regulatorische Eingriffe eine sinnvolle Rolle im Kampf gegen die Verbreitung von FX Krediten in Osteuropa spielen? Regulatorische Massnahmen scheinen vor allem dort sinnvoll, wo Banken und ihre Kunden Fremdwährungsrisiken eingehen, welche starke externe Effekte verursachen, d.h. eine erhebliche Gefahr für die systemische Stabilität im Bankensektor darstellen. Solches Verhalten kann entstehen, wenn die Banken auf eine explizite oder implizite staatliche Garantie zur Wechselkursstabilisierung zählen können (Ranciere et al., 2010), z.B. während Beitrittsverhandlungen zur Eurozone. Polen bietet mit der ‘Recommendation S’ von 2006 ein Beispiel für eine Regulierung, welche die Risiken von FX Krediten erfolgreich eindämmt. Diese Massnahme verlangt, dass die Banken strengere Beurteilungskriterien bei der Bewertung von Kreditanträgen in Fremdwährung, als solche in lokaler Währung einführen. Gleichzeitig werden die Banken dazu angehalten, Ihre Kunden umfangreich über die Währungsrisiken von FX Krediten zu informieren. Massnahmen wie die “Recommendation S” zwingen die Banken und ihre Kunden, die externen Effekte von FX Krediten zu berücksichtigen; sie können dadurch zu einem „level playing field“ für Kredite in Lokal- und Fremdwährung beitragen.
Literatur
Brown, M. and R. De Haas (2010). ‘ Foreign Currency Lending in Emerging Europe: Bank-Level Evidence’, EBRD Working Paper No. 122. Paper Prepared for the 54th Panel Meeting of Economic Policy in April 2011.
Brown, M., K. Kirschenmann, and S. Ongena (2010). ‘Foreign Currency Loans: Demand or Supply Driven?’, CEPR Discussion Paper No. 7952, London.
Brown, M., S. Ongena, and P. Yesin (2011). ‘FX Borrowing by Small Firms’, Journal of Financial Intermediation, forthcoming.
European Bank for Reconstruction and Development (2010). ‘Transition Report 2010. Recovery and Reform’, London.
Ranciere, R., A. Tornell, and A. Vamvakidis (2010). ‘Currency Mismatch and Systemic Risk in Emerging Europe’, Economic Policy, 64, October, 597-658.
Zettelmeyer, J., P. Nagy, and S. Jeffrey (2010). ‘Addressing Private Sector Currency Mismatches in Emerging Europe’, EBRD Working Paper No. 115, London.
©KOF ETH Zürich, 2. Feb. 2011
