Haben Staatsgarantien für Banken Einfluss auf deren Risikobereitschaft? Öffentliche Bürgschaften in Folge der Finanzkrise von 2007/2008 sind weit verbreitet. Viele Länder haben Banken verstaatlicht (z.B. USA: Indy Mac, Fannie Mae und Freddy Mac, UK: Bradford Bingley, Northern Rock, RBS, HBOS, Lloyds, Deutschland: IKB, Hypo Real Estate, Belgien / Niederlande: Dexia, Fortis), Blanko-Garantien an Banken vergeben (z.B. Deutschland und Italien) oder beides zugleich. Eine eindeutige empirische Evidenz auf mögliche Auswirkungen eines solchen Eingriffs in Bezug auf die Risikobereitschaft der Banken ist in der Literatur nicht vorhanden.[ 1 ]
Mögliche Auswirkungen von Staatsgarantien
Theoretisch betrachtet gibt es zwei mögliche Auswirkungen von Staatsgarantien auf die Risikobereitschaft von Banken, die in entgegengesetzte Richtungen wirken. Auf der einen Seite können Staatsgarantien die Marktdisziplin verringern, da Gläubiger die Rettung der Bank durch den Staat erwarten und daher geringere Anreize zur Überwachung der Bank oder zur Forderung höherer Risikoprämien haben (z.B. Flannery 1998, Sironi 2003, Gropp et al. 2006). Dies erhöht die Bereitschaft der Bank Risiken einzugehen. Der Effekt ähnelt dem bekannten "Moral-Hazard"-Effekt aus der Einlagensicherungsliteratur (z.B. Merton 1977, Ruckes 2004). Wenn Anleger durch eine Garantie geschützt sind, werden sie ihre Bank weniger für übermäßige Risikobereitschaft bestrafen, was zu einer Verringerung der Marktdisziplin führt.
Auf der anderen Seite beeinflussen Staatsgarantien die Risikobereitschaft der Banken ebenfalls durch ihre Wirkung auf Margen und Charter-Values. Keeley (1990) war der Erste, der die These aufstellte, dass höhere Charter-Values die Anreize für eine Übernahme von hohen Risiken senken, da die Gefahr des Verlustes künftiger Gewinne als Hemmnis wirkt. Staatsgarantien führen zu höheren Charter-Values für die geschützten Banken, die dadurch von niedrigeren Refinanzierungskosten profitieren. Daher können Staatsgarantien ebenfalls als eine Art implizite Subvention der Banken gesehen werden, die durch Ihren "Future Value" die Risikobereitschaft der Banken reduzieren.
Letztendlich hängt der Nettoeffekt der Staatsgarantien auf die Risikobereitschaft der Banken von der relativen Gewichtung der beiden Effekte ab. Welcher Effekt dominiert ist eine Frage, die nur empirisch beantwortet werden kann.
Im Jahr 2001 wurden die Staatsgarantien ("Gewährträgerhaftung") für Sparkassen in Deutschland auf Grund eines Gerichtsurteils am europäischen Gerichtshof abgeschafft. Wir nutzen dieses natürliche Experiment um die Wirkung von Staatsgarantien auf die Risikobereitschaft der Banken zu analysieren. Dabei verwenden wir einen großen Datensatz zusammengeführter Bank- und Kundendaten.
Daten
Wir verwenden einen proprietären Datensatz des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) für die Jahre 1996 bis 2006, der die Abschaffung der Staatsgarantien im Jahr 2001 umspannt. Der Datensatz enthält jährliche Bilanzen und Gewinn- und Verlustrechnungen aller gewerblichen Darlehenskunden der dem deutschen Sparkassen- und Giroverbandes angeschlossenen Sparkassen. Insgesamt enthält er Daten von über 87.000 Kunden und mehr als 230.000 Beobachtungen. Die Kreditnehmer sind größtenteils mittelständische Unternehmen mit einer durchschnittlichen Bilanzsumme von 1,6 Mio. Euro. Um auf Sparkasseneigenschaften kontrollieren zu können, verwenden wir zusätzlich die Jahresbilanzen und Gewinn- und Verlustrechnungen der 457 Sparkassen. Diese Daten sind ebenfalls vom deutschen Sparkassen- und Giroverband.
Als Maß für das Kreditrisiko der Kreditnehmer verwenden wir Altman's Z-Score (Altman 1968) kalibriert auf den deutschen Bankenmarkt. Darüber hinaus analysieren wir die Auswirkungen des Wegfalls der Staatsgarantien auf Darlehenssumme, Zins-Spread und die Gesamtkreditvolumen der Sparkassen.
Zusätzlich zu den Daten des DSGV verwenden wir einen Datensatz von Bankscope, der aus 877 Nicht-Sparkassen in Deutschland besteht. Die Banken in der Kontrollgruppe haben eine ähnliche durchschnittliche Größe wie die Sparkassen (Bilanzsumme von 1,8 Mio. Euro), allerdings ist die Varianz deutlich höher.
Unser Ansatz ermöglicht eine eindeutige Identifizierung der Effekte des Wegfalls der Staatsgarantien auf die Risikobereitschaft der Banken durch folgende vier Faktoren: Zuallererst war der Wegfall der Staatsgarantien ein exogenes Ereignis. Die regulatorische Änderung, die wir untersuchen, steht nicht in Zusammenhang mit einem finanziellen Vorfall (z.B. einer Finanzkrise), sondern beruht einzig auf der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs und der nachfolgenden politischen Verhandlungen. Zweitens sind die Banken in der Stichprobe relativ klein, und es ist daher unwahrscheinlich, dass sie als "too big to fail" angesehen werden. So können wir ausschließen, dass explizite Staatsgarantien durch implizite Garantien ersetzt wurden, die einen ähnlichen "Moral-Hazard"-Effekt haben können (Gropp et al. 2010). Drittens erlauben die Daten eine Verbindung zwischen Bilanzdaten der Banken und Informationen über ihre gewerblichen Kunden herzustellen. Sparkassen arbeiten weitgehend im traditionellen Bankgeschäft und führen nur wenige außerbilanzielle Geschäftsfelder. Daher sind wir in der Lage, ihre Risiken sehr genau durch den Z-Score zu messen. Viertens und letztens sind wir durch den Vergleich mit der Kontrollgruppe in der Lage etwaige allgemeine Trends im deutschen Bankenmarkt erkennen und ausschließen zu können.
Die wichtigsten Ergebnisse
Unsere wichtigsten Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Die Abschaffung der Staatsgarantien führte nicht nur zu einer signifikant verringerten Risikobereitschaft der Banken (der Z-Score des durchschnittlichen Kreditnehmers erhöhte sich um 7,5 %), sondern auch zu einer Reduktion der durchschnittlichen Darlehensgröße (um 17,2 %). Riskanteren Kreditnehmern wurden entweder keine Kredite oder geringere Darlehenssummen ausgestellt. Gleichzeitig erhöhten die Sparkassen die Zins-Spreads für Darlehen der verbleibenden Kreditnehmer trotz ihrer höheren Qualität (um 46 Basispunkte)
- Diese Effekte waren in der Regel höher für Sparkassen für die der ex ante Wert der Staatsgarantien höher ausfiel. Wir sehen stärkere Effekte bei Sparkassen, die vor dem Wegfall der Staatsgarantien eine höhere Risikobereitschaft hatten. Es hat den Anschein, als dass ex ante riskantere Sparkassen ihre Risikobereitschaft stärker reduziert haben im Vergleich zu ex ante sichereren Sparkassen
- Im Gegensatz zu den Sparkassen hat sich die Risikobereitschaft der Banken in der Kontrollgruppe nach 2001 erhöht. Dasselbe gilt für die Darlehenssummen, die sich ebenfalls in der Kontrollgruppe erhöht haben. Diese beiden Ergebnisse unterstützen die These, dass der Wegfall der Gewährträgerhaftung die Ursache für die Reduktion des Risikos bei den Sparkassen war
- Einer der treibenden Faktoren für die Risikoreduktion der Sparkassen ist Marktdisziplin. So haben die Sparkassen (im Gegensatz zu der Kontrollgruppe) ihre Bilanz-Passiva verstärkt in Richtung höherem Eigenkapital und versicherten Einlagen und weg von risiko-abhängigem Fremdkapital verändert. Zugleich sehen wir am Kapitalmarkt höhere implizierte Ausfallwahrscheinlichkeiten für die Sparkassen in Form von höheren Bond spreads (Anstieg von 45 auf 51 Basispunkte). Beide Beobachtungen deuten auf ein gestiegenes Interesse bezüglich Profitstabilität der Sparkassen von Seiten der Investoren/Eigner hin
- Zuletzt zeigen wir, dass die Sparkassen ihr Risiko sowohl durch den Wegfall bestehender riskanter Kreditnehmer (Monitoring) als auch durch eine Verschärfung der Kriterien bei der Kreditvergabe für neue Kreditnehmer (Screening) verringern. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass einige Kreditnehmer, in der Regel die riskantesten, Zugang zu Krediten aufgrund des Wegfalls der Staatsgarantien verloren
Schlussfolgerungen
Die Ergebnisse in diesem Paper zeigen, dass staatliche Garantien möglicherweise mit einem "Moral-Hazard"-Effekt im Zusammenhang stehen. Der Ansatz in diesem Paper ermöglicht eine eindeutige Identifizierung der Auswirkungen von Staatsgarantien auf die Risikobereitschaft der Banken. Die Ergebnisse unterstützen zugleich die Initiative, höhere Kapitalanforderungen an die größten Banken zu stellen, um "Moral-Hazard"-Effekten entgegenzuwirken.
Literatur
Altman, E. I. (1968): Financial Ratios, Discriminant Analysis and the Prediction of Corporate Bankruptcy, Journal of Finance 23, 589-609.
Flannery, M. J. (1998): Using Market Information in Prudential Bank Supervision: A Review of the U.S. Empirical Evidence, Journal of Money, Credit & Banking 30, 273-305.
Gropp, R., J. Vesala, and G. Vulpes (2006): Equity and Bond Market Signals as Leading Indicators of Bank Fragility, Journal of Money, Credit & Banking 38, 399-428.
Gropp, R., H. Hakenes, and I. Schnabel (2010): Competition, Risk-Shifting, and Public Bail-out Policies, Review of Financial Studies, forthcoming.
Keeley, M. C. (1990): Deposit Insurance, Risk, and Market Power in Banking, American Economic Review 80, 1183-1200.
Merton, R. C. (1977): An Analytic Derivation of the Cost of Deposit Insurance and Loan Guarantees: An Application of Modern Option Pricing Theory, Journal of Banking & Finance 1, 3-11.
Ruckes, M. (2004): Bank Competition and Credit Standards," Review of Financial Studies 17, 1073-1102.
Sironi, A. (2003): Testing for Market Discipline in the European Banking Industry: Evidence From Subordinated Debt Issues, Journal of Money, Credit & Banking 35, 443-472.
- 1 Eine englische Version ist bei unserem Partner Vox erschienen. Grundlage dieses Beitrags: Gropp R., C. Gründl und A. Güttler (2010): The Impact of Public Guarantees on Bank Risk Taking: Evidence From a Natural Experiment, EBS Research Paper Series, No.10-10.
©KOF ETH Zürich, 21. Jan. 2011
