Sinkende Inflation durch ostasiatische Niedriglohnländer

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Raphael Auer und Andreas M. Fischer, 25. Jan. 2011
Sinkende Inflation durch ostasiatische Niedriglohnländer 4.41 5 27

Wie sich die Inflation in der Europäischen Union (EU) entwickelt, nachdem sich die Finanz- und Staatschuldenkrise gelegt haben, steht in den Sternen. Mit Sicherheit lässt sich aber sagen, dass der Inflationsprozess auch nach der Finanz- und Euro-Krise durch dieselben langfristigen strukturellen Entwicklungen geprägt wird, die in den Jahren vor 2007 für eine geringe Teuerung sorgten. Die zunehmende reale Integration der Weltwirtschaft, die „Globalisierung“, hat in diesem Zusammenhang den weitaus grössten Einfluss.

Für die EU stand der Begriff Globalisierung während der letzten zwanzig Jahre vor allem für die zunehmende Integration der früheren Mitglieder des Warschauer Paktes (insbesondere der neuen EU-Mitgliedstaaten) sowie der Türkei. Immer mehr billige Importe aus Ostasien – und in erster Linie aus China – treiben die Globalisierung in der EU ebenfalls massiv voran.

Wie hat sich das Inflationsumfeld in der EU in den letzten zehn Jahren unter dem Einfluss der zunehmenden Integration mit Ostasien und den ehemaligen Mitgliedstaaten des Warschauer Pakts entwickelt? Mit welchen Folgen einer zukünftigen Integration ist zu rechnen? Einige Antworten auf diese Fragen finden sich in einem neuen Arbeitspapier (mit Kathrin Degen als Co-Autorin) unter dem Titel „Globalization and Inflation in Europe[ a ]”.

Methodologie

Zahlreiche Forscher haben sich mit der Frage befasst, ob Importe aus Niedriglohnländern in Ostasien und den europäischen Schwellenländern (d. h. den ehemaligen Mitgliedern des Warschauer Pakts und der Türkei) die Preisentwicklung in Europa dämpfen.[ 1 ] Wir weisen im Folgenden nach, dass die Auswirkungen von Exporten aus Niedriglohnländern auf die europäischen Produzentenpreise wesentlich ausgeprägter und komplexer ausfallen, als gemeinhin angenommen.

Unseres Erachtens wird der kausale Effekt des Importwettbewerbsdrucks seitens der Niedriglohnländer in einem Grossteil der Literatur nicht untersucht, da die Handelsströme endogen zu den lokalen Nachfragebedingungen verlaufen: So löst etwa ein positiver Nachfrageschock in einem Industriezweig in Europa Preiserhöhungen aus, die wiederum vermehrte Importe aus Niedriglohnländern nach sich ziehen. Da diese Problematik oft nicht behandelt wird, finden die Studien keinen Preiseffekt von Importwettbewerb.[ 2 ]

Unser Ansatz zur Lösung des Endogenitätsproblems basiert teilweise auf der Studie zum Effekt der Handelsintegration und des Wettbewerbs von Chen et al. (2009)[ b ] und spezifisch auf unserer bereits publizierten Studie des Effekts von Exporten aus Niedriglohnländern auf den Inflationsdruck in den USA (vgl. Auer und Fischer (2010)[ c ] und unsere Vox Kolumne zum Effekt der Exporte aus asiatischen Niedriglohnländern auf die Preise in den USA von 2008[ d ]).

Um den Kausaleffekt des Handels auf die Inflation in Europa nachzuweisen, erweitern wir die Instrumentierungsstrategie von Auer und Fischer (2010)[ c ] auf heterogene Exportmärkte (mit Fokus auf der Gegenüberstellung von China und den Schwellenländern Europas) und heterogene Importmärkte (Deutschland, Frankreich, Italien, Schweden und Grossbritannien). Wie in Auer und Fischer (2010)[ c ] beruht die Instrumentenvariablenstrategie (IV-Strategie) auf der einfachen Beobachtung, dass bei einem Anstieg der Produktionsmengen in Niedriglohnländern die Exporte dieser Länder nach Westeuropa in arbeitsintensiven Sektoren im Vergleich zu den kapitalintensiven Sektoren zunehmen. Die Importe aus Niedriglohnländern konzentrieren sich sehr deutlich auf arbeitsintensive Branchen. Wir zeigen auch, dass diese Spezialisierung auch gilt, wenn die Niedriglohnländern wachsen: Steigen etwa die Produktionsmengen in China, so steigen die Exporte der Niedriglohnländer in arbeitsintensiven Sektoren wesentlich mehr als in kapitalintensiven Sektoren.

Zudem verfeinerten wir die Instrumentierungsstrategie zur Untersuchung der Folgen der Handelsintegration der Schwellenländer Europas, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass ihre Exporteure in den westeuropäischen Märkten für bestimmte Länder eine mehr oder weniger wichtige Rolle spielen. Aufgrund ihrer geographischen Nähe dürften diese Exporteure etwa in Deutschland eine bedeutendere Funktion haben als in Frankreich. Vor allem bei Gütern mit hohen Transportkosten dürfte sich dieser Effekt bemerkbar machen.

Wichtigste Ergebnisse

Wir betrachteten die Gesamteffekte der Exporte aus zehn Niedriglohnländern (China, Indien, Malaysia, Philippinen, Polen, Rumänien, Slowakische Republik, Thailand und Türkei) auf die Produzentenpreise ein Deutschland, Frankreich, Italien, Schweden und Grossbritannien.
In einer Datensatz von 110 (vierstelligen) NACE-klassifizierten Branchen innerhalb der Jahre 1995 bis 2008 sollte der von den Niedriglohnländern ausgehende Wettbewerbsdruck nach IV-Schätzungen massive Preiseffekte zur Folge haben. Die europäischen Produzentenpreise fallen um 3,2% bis 4,8%, wenn die Produktion der Niedriglohnländer um 1% mehr als der Trend wachsen. Der Niedriglohnlandeffekt auf die Preise innerhalb Europas ist auf dem 1%-Niveau für alle Spezifikationen signifikant.

Zudem untersuchten wir, ob die Reaktionen in den fünf betrachteten westeuropäischen Importmärkten heterogen ausfallen. Die Koeffizientenschätzungen fallen für Deutschland, Frankreich, Schweden und Grossbritannien in den Regressionen anhand des Importvolumens signifikant aus. Zudem zeigen die Koeffizientenschätzungen für den Wert und das Volumen, dass die Preise in Grossbritannien und Schweden den stärksten Penetrationseffekt der Niedriglohnländer verzeichneten, gefolgt von Deutschland und Frankreich. Wenn die Exporteure aus den Niedriglohnländern 1% des Marktanteils in Grossbritannien erzielen, sinken die Produzentenpreise in der Regression anhand der Importvolumina um -3,8%. Für Schweden beläuft sich dieser Preiseffekt bei Verwendung derselben Regression auf -2,6%, während er in Deutschland lediglich -1,2% ausmacht. Die Schätzungen für Italien sind dagegen statistisch problematisch, da die erste Phase unserer Spezifikationen häufig nur in geringem Mass identifiziert wird. Italien scheint tendenziell wenige arbeitsintensive zu Gütern importieren (Bugamelli et al. weisen mit Hilfe ihres Datensatzes mit Preisen auf Güterebene einen geringen, wenn auch signifikanten Preiseffekt nach).

China oder Rumänien als Verursacher? Der Effekt des Handels mit Niedriglohnländern unter der Lupe

Neben dem grundlegenden empirischen Ergebnis, dass der Handel mit Niedriglohnländern einen durchschlagenden Effekt auf die Produzentenpreise in Europa hatte, weisen wir auch nach, dass dieses Ergebnis grösstenteils auf die Exporttätigkeit Chinas zurückgeht. Konkret bedeutet dies, dass die europäischen Produzentenpreise um circa -5% sinken, wenn chinesische Exporteure einen Marktanteil von 1% in Europa erreichen.

Die Evidenz für eine signifikante Dämpfung der Teuerung in den von uns betrachteten europäischen Importmärkten durch Exporte aus den Niedriglohnländern bzw. Schwellenländern Europas (Polen, Rumänien, Slowakische Republik und Türkei) ist dagegen relativ dürftig. Mit Ausnahme Rumäniens handelt es sich hier um Länder, die nur gerade noch als „Niedriglohnländer“ gelten können und daher für unsere Studie problematisch sind. In den letzten zehn Jahren sind die Löhne und die Produktivität in Mittel- und Osteuropa rasch angestiegen, sodass sie sich nicht länger übermässig auf die Herstellung arbeitsintensiver Güter konzentrieren. Diese Beobachtung führte uns dazu, die verfeinerte Instrumentierungsstrategie zu verwenden und die Slowakische Republik auszuschliessen, da die Exportleistung dieses Landes nicht als Importdruck durch Niedriglöhne gelten kann.

Die Importe aus Polen und aus der Türkei ziehen nachweislich keinen wesentlichen Preiseffekt nach sich. Einzig für Rumänien ergeben unsere Spezifikationen ein signifikantes Ergebnis. Hiermit bestätigt sich unsere Theorie, dass es sich bei diesem Land um das einzige „effektive“ Niedriglohnland unter den Schwellenländern Europas handelt. Die Produzentenpreise sinken um circa -1,0%, wenn die rumänischen Exporteure in Europa 1% des Marktes auf sich vereinen.

Fazit

Die Globalisierung und ihre Auswirkungen auf die Geldpolitik standen an der Konferenz in Jackson Hole im Jahr 2006 im Mittelpunkt. Mit der Finanzkrise wurde diese Diskussion jedoch in den Hintergrund gedrängt. Hier und heute ist es aber erforderlich, dass die Vertreter der Europäischen Zentralbanken die Debatten über die Geldpolitik erneut auf die Auswirkungen der Globalisierung ausrichten und sich bewusst werden, dass der Importdruck seitens der Niedriglohnländer durchaus Folgen hat.

Literatur


Auer, R. A. und A. M. Fischer, 2010. The effect of low-wage import competition on U.S. inflationary pressure[ c ], Journal of Monetary Economics 57(4), 491-503.

Auer, R. A., K. Degen und A. M. Fischer, 2010. Globalization and inflation in Europe[ a ], CEPR DP 6451 / Globalization and Monetary Policy Working Paper No. 65.

Borio, C. und A. Filardo, 2007. Globalisation and inflation: new cross-country evidence on the global determinants of domestic inflation, BIS Working Paper 227. Basel: Bank for International Settlements, May.

Bugamelli, M., S. Fabiani und E. Sette, 2010. The pro-competitive effect of imports from China: an analysis of firm level price data[ e ], Temi di discussione 737, Bank of Italy.

Chen, N., J. Imbs und A. Scott, 2009. The dynamics of trade and competition[ e ], Journal of International Economics 77(1), 50-62.

Glatzer, E., E. Gnan und M. T. Valderrama, 2006. Globalization, import prices and producers in Austria, monetary policy and the economy[ f ], Austrian National Bank, No. 3, 24-43.

Pain, N., I. Koske und M. Sollie, 2008. Globalisation and inflation in the OECD economies[ g ], OECD.

World Economic Outlook, 2006. How has globalization affected inflation?[ h ], Chapter 3, 97-134.

Wheeler, T., 2008. Has trade with China affected UK inflation?[ i ], Bank of England, External MPC Unit, Discussion Paper No.22


  • 1  Mikrostudien anhand von zwei- und vierstelligen PPI- und KPI-Daten umfassen unter anderem Bugamelli et al. (2010) zu Italien (geringer Preiseffekt bei einem Instrumentierungsansatz), Glatzer et al. (2006) zu Österreich (kein Preiseffekt), WEO (2006) zu Europa (kein Preiseffekt) und Wheeler (2008) zu Grossbritannien (kein Preiseffekt). Borio und Filardo, (2007) sowie Pain et al. (2006) arbeiten mit den konventionelleren Spezifikation von Phillipskurven, um die Rolle ausländischer Produktionslücken auf die (aggregierte) Inflation im Inland zu eruieren.
  • 2  Während Auer et al. (2010) für Italien keinen signifikanten Preiseffekt feststellen konnten, finden Bugamelli et al. (2010) in ihrer Studie einen kleinen, jedoch signifikanten Preiseffekt bei Verwendung von Daten auf Betriebsebene.

©KOF ETH Zürich, 25. Jan. 2011

 
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Asien, EU, Globalisierung, Importwettbewerb, Inflation, Inflationsdruck, Mittel-und-Osteuropa

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