Führt Offshoring dazu, dass Arbeiter, vor allem solche mit niedrigen Qualifikationen, Lohneinbußen hinnehmen müssen? Dies wird in der wirtschaftspolitischen Debatte und in Presseartikeln vor allem im Hinblick auf die Verlagerung von Unternehmensaktivitäten nach Osteuropa, China oder Indien häufig behauptet. Solide empirische Evidenz dafür gibt es jedoch wenig.
Spätestens seit dem Eintreten Indiens in die globale Wirtschaft hat diese Debatte neue Impulse erhalten. Es gibt einige Beispiele, die zeigen, dass nun nicht mehr nur niedrigqualifizierte Arbeit ins Ausland verlagert wird, sondern durchaus auch Hochqualifizierte vom Offshoring betroffen sind. Man denke an Tätigkeiten eines Software-Programmierers, die nicht mehr in Industrieländern durchgeführt werden, sondern von hochqualifizierten IT-Fachleuten in Indien.
Nicht die Qualifikation entscheidet, sondern die Art der Arbeit
Im Zuge dieser Umorientierung spricht die Literatur nun gerne davon, dass nicht mehr nur das Qualifikationsniveau der Arbeit ausschlaggebend für die Entscheidung zum Offshoring ist, sondern die Tätigkeit, die eine Person durchführt (siehe z.B. Blinder, 2006). Ist diese hochgradig interaktiv oder erfordert physische Präsenz – wie beispielsweise bei einem Friseur, der mit dem zu frisierenden Kunden interagieren muss, oder bei einem Hausmeister, der vor Ort Reparaturen vornimmt – dann besteht wenig Gefahr, dass diese ins Ausland verlagert wird. Ist diese Interaktion mit dem Kunden nicht wichtig – wie, z.B. bei dem angesprochenen Programmierer – dann ist diese Gefahr jedoch höher.
Dies hat Auswirkungen auf mögliche Lohneffekte. Je höher die Gefahr, dass der Arbeitsplatz ins Ausland verlagert wird, umso wahrscheinlicher ist es, dass Lohneinbußen hingenommen werden müssen, da die inländische Nachfrage für diese bestimmte Art der Arbeit fällt. Schlechte Nachrichten für Programmierer, aber gute für Friseure und Hausmeister, die relativ weniger vom Offshoring zu befürchten haben sollten.
Höhere Löhne für alle durch Produktivitätsgewinne
Dies ist eine stark vereinfachte Argumentation. Näher betrachtet ergibt sich jedoch auch die Möglichkeit, dass durch Offshoring die Löhne aller Arbeiter steigen – auch für diejenigen, die die verlagerten Tätigkeiten ausgeführt haben. Warum? Offshoring reduziert Kosten, was dazu führt, dass Firmen produktiver werden. Wenn diese Produktivitätsgewinne die Nachfrage nach inländischen Tätigkeiten, die komplementär zu den verlagerten sind, zunehmen lassen, führt das zu steigenden Löhnen. In der Theorie sind die möglichen Nettoeffekte des Offshoring auf Löhne daher nicht eindeutig zu bestimmen (Grossman und Rossi-Hansberg, 2008).
In einem aktuellen Forschungspapier beschäftigen sich Baumgarten, Geishecker und Görg (2010) empirisch mit dieser Problemstellung. Ganz speziell betrachten sie die Frage, ob der Lohn von Beschäftigten von der Offshoringaktivität in der Industrie, in der die Person arbeitet, abhängt. Es wird dabei unterschieden, welches Qualifikationsniveau eine Person hat, und welche Art von Tätigkeiten sie ausübt.
Dazu werden Daten auf der Individualebene aus dem Sozio-oekonomischen Panel für Deutschland ökonometrisch ausgewertet. Dieser Datensatz wird mit Informationen zum Tätigkeitsprofil einer Berufsgruppe, die auf Basis einer Erhebung des Bundesinstituts für Berufsbildung und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung generiert wurden, erweitert.[ 1 ] Somit können für jede Person ein Qualifikationsniveau sowie ein Tätigkeitsprofil bestimmt werden. Qualifikationen sind dabei niedrig (maximal ein Schulabschluss, aber keine Berufsausbildung), mittel (Berufsausbildung, Bachelor Abschluss), oder hoch (Master oder höhere wissenschaftliche Qualifikation). Tätigkeiten werden klassifiziert nach ihrem Grad der Interaktion. In einer alternativen Analyse, die ähnliche Ergebnisse liefert und auf die deshalb hier nicht weiter eingegangen wird, werden Tätigkeiten anhand ihres Routinegehalts klassifiziert.[ 2 ] Offshoring in einer Industrie wird mittels der importierten Vorleistungen, die in der Produktion benutzt werden, bestimmt. Die empirische Analyse betrachtet den Zeitraum 1991 bis 2006.
Grafik 1 zeigt die Veränderungen in der Offshoring-Aktivität in der gesamten verarbeitenden Industrie über den Untersuchungszeitraum. Es zeigt sich, dass die importierten Vorleistungen insbesondere seit dem Ende der 1990er Jahre stark angestiegen sind. Im Jahr 2006 betrugen diese knapp über acht Prozent des gesamten Produktionswerts der verarbeitenden Industrie.
Grafik 1: Offshoring im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland
Quelle: Eigene Berechnungen, siehe Baumgarten et al. (2010)
Ergebnisse der Studie
Grafik 2 illustriert die Ergebnisse unserer empirischen Untersuchung anhand der Veränderungen der Stundenlöhne zwischen 1991 und 2006, die der Schätzung zufolge durch Offshoring verursacht wurden. Dabei wird zwischen Qualifikationsgruppen und Tätigkeitsprofilen unterschieden. Die ersten drei Balken geben die Lohneffekte für Niedrigqualifizierte wieder. Hier zeigt sich, dass Niedrigqualifizierte, die Tätigkeiten mit einem sehr geringen Interaktivitätsgrad (zehntes Perzentil der Verteilung der Interaktivitätsgrade) ausüben, im Jahr 2006 aufgrund des Offshoring durchschnittlich 32 Eurocent pro Stunde weniger als im Jahr 1991 verdienten. Niedrigqualifizierte, die hochgradig interaktive Tätigkeiten durchführen (neunzigstes Perzentil), haben jedoch vom Offshoring in ihrer Industrie profitiert. Sie verdienten 2006 10 Eurocent mehr pro Stunde als 1991. Für Personen mit mittlerem Qualifikationsniveau ergibt sich ein ähnliches Resultat – je interaktiver die ausgeführte Tätigkeit, umso höher der positive Lohneffekt des Offshoring. Für Hochqualifizierte konnte keine statistisch signifikante Auswirkung des Offshoring auf Löhne festgestellt werden.
Grafik 2: Lohneffekte des Offshorings nach Qualifikation und Interaktivitätsgrad der Tätigkeit
Quelle: Eigene Berechnungen, siehe Baumgarten et al. (2010)
Um diese Zahlen ins Verhältnis zu setzen, sollte beachtet werden, dass die durchschnittlichen Stundenlöhne im verarbeitenden Gewerbe im Jahr 1991 etwa 14,85 Euro für Niedrigqualifizierte, 16,81 Euro für Mittelqualifizierte und 26,40 Euro für Hochqualifizierte betrugen. Eine Verringerung des Stundenlohnes um 32 Eurocent für Niedrigqualifizierte mit gering interaktiven Tätigkeiten entspricht daher einem Verlust von etwa 2 Prozent über den gesamten Zeitraum 1991 bis 2006.
Fazit
Was bedeuten diese Ergebnisse für die wirtschaftspolitische Debatte? Erstens sind mögliche Lohneffekte des Offshoring volkswirtschaftlich betrachtet im Durchschnitt relativ gering, für bestimmte Arbeitnehmergruppen jedoch nicht vernachlässigbar. Zweitens spielt dabei nicht nur das Qualifikationsniveau eine Rolle, sondern auch die Art der Tätigkeiten, die eine Person im Beruf ausübt. Je interaktiver diese Tätigkeit, oder je geringer ihr Routinegehalt, umso wahrscheinlicher ist es, dass Offshoring keine Lohneinbußen mit sich bringt. Letztendlich hängt die Höhe der volkswirtschaftlichen Anpassungskosten somit stark davon ab, wie schnell Arbeitnehmern die Umstellung auf neue Tätigkeitsfelder gelingt.
Literatur:
Baumgarten, D., I. Geishecker und H. Görg, 2010, Offshoring, tasks and the skill – wage pattern, CEPR Discussion Paper 7756.
Becker, S.O, K. Ekholm und M.-A. Muendler, 2009, Offshoring and the Onshore Composition of Tasks and Skills, CEPR Discussion Paper 7391.
Blinder, A.S., 2006, Offshoring: The Next Industrial Revolution?, Foreign Affairs, 85 (2), 113-128.
Grossman, G.M. und E. Rossi-Hansberg, 2008, Trading Tasks: A Simple Theory of Offshoring, American Economic Review, 98 (5), 1978-1997.
Levy, F. und R. Murnane, 2004, The New Division of Labor, Princeton: Princeton University Press.
- 1 Bei der Generierung der entsprechenden Tätigkeits-Indikatoren folgen die Autoren dem Vorschlag von Becker et al. (2009).
- 2 Dieser alternativen Einteilung liegt die Überlegung zugrunde, dass sich routinehaltigere Tätigkeiten leichter in konkreten Arbeitsanweisungen zusammenfassen und daher auch leichter auslagern lassen (siehe z.B. Levy und Murnane, 2004).
©KOF ETH Zürich, 5. Jan. 2011

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geschrieben von Erich_Paus am 12. Jan. 2011, 13:15... obwohl die billig hergestellten Produkte im Inland gekauft werden sollen. Der Fokus auf einzelne Arbeitnehmer oder einzelne Branchen verstellt perfekt die Sicht auf alle Arbeitnehmer, die gesamte Volkswirtschaft, das ganze Volk und den folgenden volkswirtschaftlichen Trivialzusammenhang :
Was nicht im Inland investiert wird oder was an Kapital abtransportiert wird, mindert sowohl die volkswirtschaftliche Kapitalbildung als auch die Leistungsfähigkeit als auch den Geldumlauf als auch die Kaufkraft als auch die zivilisatorische Weiterentwicklung. Denn in der Volkswirtschaft sind alle Kosten zugleich Einkommen und Kaufkraft und Quelle von Umsätzen und Gewinnen und Offshoring hebt diesen Zusammenhang auf. Eine Nation, die Offshoring zuläßt, fällt gegenüber anderen Nationen, die das nicht zulassen, in ihrer Leistungsfähigkeit zurück. Sie lebt Niedergang. Egal wie erfolgreich einzelne Unternehmen dieser Nation betriebswirtschaftlich dastehen und egal wie gut der einzelne Arbeitnehmer aufgrund seiner persönlichen Kenntnisse und Fertigkeiten davon betroffen ist oder damit zurechtkommt. Bei Unterlassung dieses Irrsinns ginge es auch den dabei Bessergestellten auf jeden Fall besser.