Makroökonomische Faktoren und mikroökonomische Risiken von Banken

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Claudia M. BuchSandra Eickmeier und Esteban Prieto, 6. Dez. 2010
Makroökonomische Faktoren und mikroökonomische Risiken von Banken 2.76 5 21

Die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise hat gezeigt, dass Entwicklungen im Bankensektor und makroökonomische Entwicklungen oftmals sehr eng miteinander verwoben sind. Banken reagieren auf eine expansive Geldpolitik, in dem sie ihre Kreditvergabe ausweiten und dabei unter Umständen höhere Risiken eingehen; umgekehrt reagiert die Geldpolitik auf Liquiditätsengpässe im Bankensektor, in dem sie zusätzliche Liquidität bereitstellt. Diese und andere Anpassungsmuster spielen sich aber nicht nur auf aggregierter Ebene ab; vielmehr liegen ihnen eine Vielzahl von zum Teil sehr unterschiedlichen Anpassungsmustern auf der Ebene der einzelnen Bank zu Grunde. Banken unterscheiden sich beispielsweise im Grad ihrer Abhängigkeit der Refinanzierung über den Interbankenmarkt, sie sind in ihrem Geschäft Zinsänderungsrisiken in unterschiedlichem Ausmaß aufgesetzt, und sie sind unterschiedlich stark im Ausland engagiert und damit von makroökonomischen Entwicklungen im Inland abhängig.

Dem Zusammenspiel zwischen makroökonomischen Faktoren und den Entwicklungen auf Ebene einzelner Banken geht unser aktuelles Arbeitspapier [ a ]nach. Für die Vereinigten Staaten und den Zeitraum 1985-2008 wird dieser Zusammenhang empirisch mit Hilfe eines ‘factor-augmented vector autoregressive model (FAVAR)’ untersucht. In dem Modell wird die Makrokökonomie durch die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts, die allgemeine Inflationsrate, den Notenbankzins und die Inflation der Immobilienpreise abgebildet. Des Weiteren werden einige Faktoren in das Modell einbezogen, die Entwicklungen im Bankensystem zusammenfassen, die aber nicht näher inhaltlich interpretiert werden. Die Faktoren werden aus Daten von über 1.500 Geschäftsbanken aus den sogenannten amerikanischen „Call Reports“, einem Mikrodatensatzes des amerikanischen Bankensystems, geschätzt.

Warum nutzen wir ein FAVAR?

Die Nutzung eines solchen FAVAR-Modells bietet eine Reihe von Vorteilen gegenüber anderen empirischen Modellierungsansätzen.

Erstens lassen sich mit Hilfe des FAVAR die dynamischen Interaktionen zwischen bankspezifischen und makroökonomischen Entwicklungen in flexibler Weise modellieren. Makro- und Bankenfaktoren können sich dabei gegenseitig beeinflussen.

Zweitens können unterschiedliche Variablen auf der Ebene vieler einzelner Banken einbezogen werden. Insofern können die Verflechtungen zwischen einzelnen Banken und zwischen unterschiedlichen Bankenvariablen modelliert werden. Auf Ebene der Banken werden das Risiko – gemessen durch den Anteil notleidender Kredite am gesamten Kreditvolumen –, die Zinserträge, die Kapitalisierung und die Veränderungen des Kreditvolumens der Banken berücksichtigt.

Damit werden sowohl Anpassungen auf der Passivseite als auch auf der Aktivseite der Bankbilanzen aber auch Anpassungen der Renditen der Banken abgebildet. Des Weiteren können die Effekte makroökonomischer Schocks auf einzelne Banken abgeschätzt werden. Es wird demnach nicht nur untersucht, wie das Bankensystem insgesamt auf makroökonomische Entwicklungen reagiert, sondern auch, wie sich jede einzelne Bank anpasst.

Drittens wird die Übertragung konkreter identifizierter Schocks auf das Bankensystem analysiert. Dabei konzentriert sich die Arbeit auf geldpolitische Schocks, reale aggregierte Angebots- und Nachfrageschocks und auf Immobilienpreisschocks. Gegenüber früheren Studien zu diesem Thema wird die Zahl der makroökonomischen Variablen, die berücksichtigt wird, ausgeweitet. In früheren mikroökonomischen Studien wurde oftmals die Kreditvergabe beziehungsweise das Risiko einzelner Banken auf den geldpolitischen Zins, das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts oder die Vermögenspreisinflation, welche in der Regel von einer Reihe unterschiedlicher Schocks getrieben werden, regressiert.

Viertens wurden FAVAR-Modelle zuvor vor allem auf große makroökonomische oder aggregierte Finanzmarktdatensätze angewandt, während in diesem Papier das FAVAR basierend auf einem Mikro-Datensatzes geschätzt wird.

Insgesamt ermöglicht es dieses Analyseverfahren, die folgenden Fragen zu beantworten:

(i) Wie beeinflussen makroökonomische Schocks das Risiko, die Kapitalisierung, den Ertrag und die Kreditvergabe von Banken?

(ii) Was erklärt die Heterogenität, mit der Banken auf solche und andere Störungen reagieren? Wie wichtig sind bank-spezifische (idiosynkratische) Schocks im Vergleich zur asymmetrischen Übertragung gemeinsamer Schocks? Welche bankspezifischen Eigenschaften sind ausschlaggebend für die Reaktion von Banken insbesondere auf geldpolitische und Immobilienpreisschocks?

Die Auswirkungen makroökonomischer Schocks

In Bezug auf die erste Frage finden wir einen Rückgang des durchschnittlichen Bankenrisikos und einen Anstieg der durchschnittlichen Kreditvergabe nach expansiven Schocks: Wird die Gesamtwirtschaft beispielsweise durch eine Senkung der Leitzinsen der Zentralbank positiv beeinflusst, so zeigt sich dies erwartungsgemäß in einem Anstieg der Kreditvergabe der Banken, die sowohl angebotsseitige- als auch nachfrageseitige Effekte beinhaltet. Gleichzeitig geht diese Ausweitung der Kreditvergabe aber nicht mit einer Erhöhung des Risikos von Banken einher.

Mit Ausschlag gebend für dieses Ergebnis dürfte sein, dass die gesamte Kreditvergabe von Banken betrachtet wird, also nicht zwischen Alt- und Neukrediten unterschieden werden kann. Es wäre zu erwarten, dass Altkredite in der Tat in Folge eines expansiven Schocks weniger risikoreich werden – da sich die Bewertung der zugrund liegenden Sicherheiten erhöht – und mit einem geringeren Ausfallrisiko behaftet sind. Gleichzeitig könnten für die Banken durchaus Anreize bestehen, risikoreichere Neukredite zu vergeben. Die Hypothese, dass expansive Geldpolitik insbesondere auf die Risikostruktur der Neukredite einwirkt, wird in einem in Kürze erscheinenden Arbeitspapier genauer Untersucht. Vorläufige Ergebnisse aus dieser Untersuchung bestärken die Annahme, dass Banken in Folge expansiver  Geldpolitik verfügbare Ressourcen verstärkt an risikoreichere Kreditnehmer vergeben.

Zudem zeigt sich, dass Schocks auf die Bankenfaktoren für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung nicht unerheblich sind, vor allem in der mittleren Frist, in der sie über 25 Prozent der makroökonomischen Schwankungen erklären. Der Erklärungsgehalt der Bankenfaktoren ist besonders groß für die Entwicklung der Immobilienpreise und den geldpolitischen Zins (mit einem Anteil an der Gesamtvarianz von über 30 Prozent).

Große Unterschiede im Anpassungsverhalten der Banken

In Bezug auf die zweite Frage zeigt die Untersuchung, dass es enorme Unterschiede (d.h. eine große Heterogenität) im Anpassungsverhalten einzelner Banken an gemeinsame oder idiosynkratische Schocks gibt. Zwar sinkt das Risiko von Banken nach einem expansiven makroökonomischen Schock tendenziell, allerdings steigt aber auch das Risiko eines Drittels aller untersuchten Banken. Die Kreditvergabe relativ kleiner und nicht besonders liquider Banken sowie die Kreditvergabe von Banken, deren Geschäft auf das Inland begrenzt ist, erhöht sich relativ kräftig nach expansiven geldpolitischen Schocks. Das Risiko von Banken mit einer relativ niedrigen Eigenkapitalquote und einem relativ großen Anteil von Immobilienkrediten an den Krediten insgesamt verringert sich relativ stark nach expansiven geldpolitischen Schocks. Schließlich reagiert die Kreditvergabe großer Banken weniger stark auf Schocks der Immobilienpreise. Risikoreichere und nur inländisch aktive Banken passen ihr Risiko stärker als der Durchschnitt des Bankensystems an, wenn sich die Immobilienpreise ändern.

Fazit

Da es bisher kaum Arbeiten gibt, die den Zusammenhang zwischen dem Verhalten von Banken und makroökonomischen Entwicklungen simultan modellieren, ist Vorsicht geboten, wollte man aus der vorliegenden Arbeit Schlüsse für die aktuelle Regulierungsdebatte ziehen. Allerdings legt beispielsweise das Ergebnis, dass wenig liquide und schlecht kapitalisierte Banken mehr als andere Banken auf makroökonomische Schocks reagieren, den Schluss nahe, dass eine Erhöhung sowohl der Liquiditäts- als auch der Eigenkapitalanforderungen dazu beitragen kann, die Auswirkungen makroökonomischer Schocks abzufedern, was zu mehr Stabilität führen dürfte. Weiter zeigt die Analyse zwar, dass kleine und rein national agierende Banken makroökonomischen Schocks in erhöhtem Maße ausgesetzt sind. Allerdings dürfte der systemische Einfluss dieser Banken auf das System als Ganzes relativ gering sein. Bei der Festlegung neuer Eigenkapital- oder Liquiditätsanforderungen muss die Regulierung daher unterschiedliche Kriterien (Relevanz einer Bank für das System als Ganzes und den Grad des Einflusses makroökonomischer Faktoren) gegeneinander abwägen.

©KOF ETH Zürich, 6. Dez. 2010

 
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Schlagworte

Banken, Bankenrisiko, Eigenkapital, Liquidität, Schocks

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