Deutsche Einheit: Warum, wie und wächst überhaupt das zusammen, was zusammengehört?

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Guido Heineck und Bernd Süssmuth, 23. Nov. 2010
Deutsche Einheit: Warum, wie und wächst überhaupt das zusammen, was zusammengehört? 3.00 5 11

Es bleibt ein wichtiges Ziel im weiteren Prozess der Vereinigung Deutschlands, historisch begründete Distanzen und fehlende Vertrautheit zwischen Ost und West zu überwinden […] Darüber hinaus aber sind seit 1990 auch Trennendes und Fremdheitserfahrungen neu produziert und reproduziert worden […] Nicht alles im Leben der Ostdeutschen konnte und musste verändert werden. Nicht alles im Leben der Westdeutschen war erstrebens- und erhaltenswert. Und hinzukommt: Keine Gesellschaft der Welt ist in der Lage, alle Ideale sofort Wirklichkeit werden zu lassen.“ So äußert sich die Bundesregierung in ihrem Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit (BMI 2010, S.25-26) zum Ziel eines weiteren Zusammenwachsens von Ost und West. Schroeder (2010, S. 370) spricht in diesem Zusammenhang von „noch bestehenden“ Unterschieden in der „mentalen Verfasstheit“ und in den „Werteauffassungen“ zwischen Ost- und Westdeutschen.

Für uns als quantitativ und politökonomisch orientierte Ökonomen stellen sich zwei entscheidende Fragen:

1.) Worin bestehen und wie groß sind die „mentalen“ Diskrepanzen und Unterschiede in der Auffassung ökonomisch relevanter Präferenzparameter wie Vertrauen und Risikoeinstellung zwischen Ost- und Westdeutschen?

2.) Ist Konvergenz bei den von uns untersuchten Größen zwischen Ost und West zu beobachten? Ist mit vollständiger Konvergenz zu rechnen und wenn ja, wann?

Bisherige Studien zur Beantwortung dieser Fragen sind auf die erste Dekade des Wiedervereinigungsprozesses beschränkt und zielen auf nur wenige sozioökonomische Ost-West-Unterschiede ab. So untersuchen Alesina und Fuchs-Schündeln (2007) die Entwicklung der Unterschiede hinsichtlich der Präferenzen für Sozialleistungen. Rainer und Siedler (2009) betrachten den Aufbau sozialen Vertrauens von der zweiten Hälfte der 1990er Jahre bis zu Beginn der 2000er Jahre. Konzentriert man sich allerdings lediglich auf die erste Phase des Wiedervereinigungsprozesses, lässt man wichtige gesamtdeutsche Ereignisse außer Acht, die die Konvergenz in der Einstellung zwischen Ost- und Westdeutschen über alle Altersgruppen hinweg beschleunigen können (Süssmuth et al. 2010). Verteidigungsminister zu Guttenberg hat beispielsweise in einer Rede zum 20-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung die physi-sche Einführung des Euro und die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft als nationale Identität stiftende Ereignisse hervorgehoben (FAZ, 13.10.10).

Was von der DDR haften bleibt

Auf der Grundlage von Individualdaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus den Erhebungswellen der Jahre 2003, 2004, 2005 und 2008 mit Stichprobenumfängen von jeweils ca. 16.000 Personen haben wir erstmalig untersucht, welche nachhaltigen Ost-West-Unterschiede das politische System der DDR in individuellen ökonomischen Einstellungen hinterlassen hat (Frage 1) und ob sich diese Unterschiede im Zeitverlauf abbauen (Frage 2). Da es sich beim SOEP um ein echtes Panel handelt und die uns interessierenden Indikatoren zu jeweils zwei Zeitpunkten erhoben wurden, können wir − im Unterschied etwa zur Studie von Rainer und Siedler (2010) − Personen, die vor dem Mauerfall DDR-Bürger waren, identifizieren und Veränderungen ihrer Angaben über die Jahre hinweg verfolgen. Der Fokus unserer empirischen Untersuchung liegt auf vier elementaren Größen zur ökonomischen Grundhaltung, die in der neueren, verhaltensökonomischen Forschung zunehmend an Bedeutung gewinnen: zwischenmenschliches Vertrauen, Risikoeinstellung, wahrgenommene Fairness und wahrgenommene Kooperationsbereitschaft.

Bevor wir auf die Ergebnisse unserer Studie zu sprechen kommen, lohnt sich ein kurzer Blick auf die neuere Literatur zu nachhaltigen Effekten, die ein politisches System auf die Einstellungen in der Bevölkerung haben kann. Nunn und Wantchekon (2010) zeigen, dass selbst mehr als ein Jahrhundert nach Ende des Sklavenhandels in Schwarzafrika Nachfahren von Personen, die von diesen Menschenrechtsverletzungen betroffen waren, eine niedrigere Vertrauensbasis gegenüber anderen Menschen aufweisen. Ähnliche Effekte findet Tabellini (2008a) für US-Immigranten in der zweiten Generation nach der Einwanderung, wenn deren Eltern aus einem Land mit keinerlei oder vergleichsweise schwachen demokratischen Institutionen emigrierten. Die Beiträge von Tabellini (2008b) und Guiso et al. (2006) betonen in diesem Zusammenhang die Rolle der Weitergabe von Werten von Generation zu Generation. Was Risikoeinstellung betrifft, geht die Literatur davon aus, dass Risikoaversion einem Lernprozess unterliegt, der möglicherweise des —in einigen politischen Systemen nicht gegebenen— öffentlichen Diskurses bedarf (Laidi 2010). Eine ähnliche Interpretation erlauben die in Malmendier und Nagel (2009) zusammengefassten Studien zur Abhängigkeit der persönlichen Risikoaversion von makroökonomischen Schocks. Demnach führen negative persönliche Auswirkungen solcher Schocks zu einer Zunahme der Risikoaversion.

Weitere Aspekte des Zusammenspiels von politischem System und der Ausprägung ökonomisch relevanter Faktoren, die wir aufgrund der Datenlage nur am Rande unserer Studie untersuchen, sind zum einen die Entwicklung von Präferenzen für öffentliche Umverteilungspolitik (Rainer und Siedler 2008) und zum anderen Reziprozität und externale Kontrollüberzeugungen. Insbesondere letztere können maßgeblich den individuellen Arbeitsmarkerfolg beeinflussen, wie Heineck und Anger (2010) unlängst gezeigt haben.

Eine Frage des Vertrauens

Im Vordergrund unserer Untersuchung stehen indessen Aspekte sozialen Vertrauens, individueller Risikoeinstellungen und wahrgenommener Fairness und Kooperationsbereitschaft. Die Indikatoren zu sozialem Vertrauen stellen auf drei im SOEP in 2003 und 2008 erhobene Einschätzungen ab:

1) „Im Allgemeinen kann man den Menschen vertrauen“,
2) „Heutzutage kann man sich auf niemanden mehr verlassen“ und
3) „Wenn man mit Fremden zu tun hat, ist es besser, vorsichtig zu sein, bevor man ihnen vertraut.“

Ebenfalls in 2003 und 2008 erhoben sind die Indikatoren zu wahrgenommener Fairness und Risikobereitschaft, die aus Antworten auf die folgenden Fragen gebildet werden können: (Fairness) „Glauben Sie, dass die meisten Leute…

1) „… Sie ausnützen würden, falls Sie eine Möglichkeit dazu hätten?“,
2) „…oder versuchen würden, Ihnen gegenüber fair zu sein?“;

(Kooperationsbereitschaft) „Würden Sie sagen, dass die Leute die meiste Zeit …

1) „… versuchen, hilfsbereit zu sein?“,
2) „… oder nur ihre eigenen Interessen verfolgen?“

Die von uns genutzten Indikatoren zu Risikoeinstellungen lassen sich aus einer in 2004 und 2008 erhobenen Frage generieren: „Wie schätzen Sie sich persönlich ein: Sind Sie im allgemeinen ein risikobereiter Mensch oder versuchen Sie, Risiken zu vermeiden?“ Antworten hierzu können auf einer Skala von 0 bis 10 gegeben werden und erlauben eine auch experimentell gesicherte Einschätzung von Risikoverhalten (Dohmen et al. 2005).

Um die beschriebenen Effekte im Kontext der Trennung Deutschlands in zwei politisch polare Staaten und deren Wiedervereinigung im freiheitlichen System der sozialen Marktwirtschaft zu untersuchen, gehen wir von folgenden linearen Wahrscheinlichkeitsmodellen mit Individualtermen in den Störgrößen aus (alle Schätzergebnisse sind robust hinsichtlich alternativer Spezifikationsformen wie etwa geordneter Probit-Modelle):

yit = konst. + it × b + c×DDRi + d×J08 + e×(DDRi × J08) + f×UZ + ai + εit ,

wobei yit jeweils die oben vorgestellten Indikatoren umfasst; DDRi stellt eine Indikator-variable dar, die ausdrückt, ob es sich bei Individuum i um eine vor 1990 in der DDR gemeldete Person handelt; J08 indiziert eine Beobachtung aus dem Jahr 2008, d.h. aus der letzten zur Verfügung stehenden SOEP-Befragungswelle; UZ markiert Individuen, die von den Neuen in die Alten Bundesländer gezogen sind. Der Effekt c misst in diesem Modell den in 2003 oder 2004 beobachtbaren Unterschied zwischen ost- und westdeutschen Individuen, der Effekt e den (kausalen) Effekt des Fortschreitens des Wiedervereinigungsprozesses auf die Veränderung dieses Unterschieds bis zum Jahr 2008. Die Matrix x enthält eine Reihe soziodemographischer Variablen wie etwa Erwerbsstatus und -historie, Einkommen, Bildungshintergrund und Religion der Eltern und Größe des Kindheitswohnorts. Auf der Ebene des Bundeslandes werden insbesondere Einkommensungleichheit, Pro-Kopf Einkommen und Ausländeranteil berücksichtigt. Für eine statistische Zusammenfassung aller verwendeten Variablen sei auf die ausführliche Darstellung in Heineck und Süssmuth (2010) verwiesen.

Auf der Grundlage unserer Schätzungen lassen sich einfache, stilisierte Verläufe der Konvergenz zwischen ost- und westdeutschen Individuen extrapolieren. Die folgenden Abbildungen stellen diese für zwei Maße sozialen Vertrauens und die Risikoaffinität dar.

Abbildung 1: Konvergenz zweier Maße sozialen Vertrauens: Ost-/West-deutsche Individuen

Anmerkungen:
Blau: Maß auf Basis der SOEP-Frage zur Einschätzung der Aussage: „Im Allgemeinen kann man Anderen vertrauen.“; Rot: Maß auf Basis der SOEP-Frage zur Einschätzung der Aussage: „Wenn man mit Fremden zu tun hat, ist es besser vorsichtig zu sein, bevor man ihnen vertraut.“; SOEP-Wellen 2003, 2008; N = 31.707

Abbildung 2: Konvergenz in der Risikoaffinität: Ost-/West-deutsche Individuen

Anmerkungen:
SOEP-Frage zur allgemeinen Risikoeinstellung; SOEP-Wellen 2004, 2008; N = 32.196

Unsere Schätzergebnisse zeigen darüber hinaus signifikante Ost-West-Unterschiede in der Wahrnehmung und dem Empfinden von Fairness und Kooperationsbereitschaft. Diese erscheinen von deutlich persistenterer Natur zu sein, da hier –zumindest für die zweite Dekade des Wiedervereinigungsprozesses – keine Annäherung festgestellt werden kann. In differenzierten Schätzungen finden sich lediglich schwache Anzeichen für Alters-, Kohorten- oder regionale Effekte in der Konvergenz. In zusätzlichen Querschnittsschätzungen lässt sich zeigen, dass auch signifikante Unterschiede in der Präferenz für steuerliche Umverteilung bestehen. Interessanterweise gibt es diese Unterschiede überhaupt nicht bei Ostdeutschen, die in die Alten Bundesländer umgezogen sind; sie weisen im Gegenteil sogar eine statistisch signifikante niedrigere Präferenz für eine höhere Steuerprogression im Spitzeneinkommensbereich auf als Westdeutsche.

Unterschiede bleiben

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass tatsächlich in einigen ökonomisch relevanten Dimensionen auch nach 20 Jahren Wiedervereinigungsprozess noch Ost-West-Unterschiede bestehen. Hinsichtlich der Risikoeinstellung wurde der Annäherungsprozess in der zweiten Dekade nach der Wiedervereinigung abgeschlossen, wobei sich die ostdeutsche Risikobereitschaft der niedrigeren Risikoaffinität der Westdeutschen angenähert hat. Für das allgemeinste Maß sozialen Vertrauens wird vollständige Konvergenz voraussichtlich in etwa 10 Jahren, das heißt in etwa mit dem Auslaufen des Solidarpakts II im Jahr 2020, erreicht. Für Ost-West-Unterschiede in der Wahrnehmung von Fairness und Kooperationsbereitschaft ist bisher keine statistisch signifikante Annäherung messbar.

Literatur

Alesina, A. und N. Fuchs-Schündeln (2007), Good-Bye Lenin (or Not?): The Effect of Communism on People's Preferences, American Economic Review 97, 1507-1528.

BMI (2010), Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2010, Bundesministerium des Inneren, Berlin.

Dohmen, T., Falk, A., Huffman, D., Sunde, U., Schupp, J.,und G. G.Wagner (2005), Individual risk attitudes: New evidence from a large, representative experimentally-validated survey, Erscheint in Journal of the European Economic Association.

Fehr, E. und B. Rockenbach (2003), Detrimental Effects of Sanctions on Human Altruism, Nature 422, 137-140.

Guiso, L., Sapienza, P. und L. Zingales (2006), Does culture affect economic outcomes?, Journal of Economic Perspectives 20, 23-48.

Heineck, G. und S. Anger (2009), The returns to cognitive abilities and personality traits in Germany, Labour Economics 17, 535-546.

Heineck, G. und B. Süssmuth (2010), A Different Look at Lenin’s Legacy: Trust, Risk, Fairness and Coopera-tiveness in the two Germanies, CESifo Working Paper, No. 3199.

Laidi, Z. (2010), Europe as a Risk Averse Power: A hypothesis, Garnet Policy Brief 11, University of Warwick.

Malmendier, U. und S. Nagel (2009), Depression Babies: Do Macroeconomic Experiences Affect Risk-Taking?, NBER Working Paper 14813.

Nunn, N. und L. Wantchekon (2010), The Slave Trade and the Origins of Mistrust in Africa, im Erscheinen: American Economic Review.

Rainer, H. and T. Siedler (2008), Subjective income and employment expectations and preferences for redistri-bution, Economics Letters 99, 449-453.

Rainer, H. und T. Siedler (2009), Does democracy foster trust?, Journal of Comparative Economics 37, 251-269.

Schroeder, K. (2010), Auferstanden aus Ruinen: Ostdeutschland 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, Wirtschaftsdienst – Zeitschrift für Wirtschaftspolitik 90(6), 368-373.

Süssmuth B., Heyne, M. und W. Maennig (2010), Induced Civic Pride and Integration, Oxford Bulletin of Eco-nomics and Statistics 72, 202-220.

Tabellini G. (2008a), Institutions and Culture, Journal of the European Economic Association 6, 255-294.

Tabellini G. (2008b), The scope of cooperation: Values and incentives, Quarterly Journal of Economics 123, 905-950.

Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung von Heineck, G. und B. Süssmuth (2010), A Different Look at Lenin’s Legacy: Trust, Risk, Fairness and Cooperativeness in the two Germanies, CESifo Working Paper No. 3199.

©KOF ETH Zürich, 23. Nov. 2010

 
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