Finanzdienstleistungen für alle? Bankensektor-Reform ist kein Heilmittel

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Thorsten Beck und Martin Brown, 7. Okt. 2010
Finanzdienstleistungen für alle? Bankensektor-Reform ist kein Heilmittel 2.56 5 9

Der Zugang zu Finanzdienstleistungen hat einen wesentlichen Einfluss auf das sozio-ökonomische Wohlergehen von Haushalten, insbesondere in Entwicklungs- und Transitionsländern. Spar-, Kredit-, und Versicherungsprodukte vereinfachen die zeitliche Abstimmung von Einkommen und Ausgaben, die Absicherung gegen Einkommensausfälle und unvorhergesehene Ausgaben sowie Investitionen in Human- und physisches Kapital. Angesichts der Bedeutung, die Finanzdienstleistungen zugeschrieben wird, ist es bemerkenswert, dass es bisher kaum Länder vergleichende Untersuchungen gibt, welche die Benützung dieser Dienstleistungen von unterschiedlichen Haushalten dokumentieren. Zudem gibt es bisher keine Forschungsergebnisse darüber, welchen Einfluss die Struktur des Bankensektors darauf hat, welche Haushalte Finanzdienstleistungen benützen und welche nicht (World Bank, 2007).[ 1 ]

In einer jüngst erschienenen Studie untersuchen wir, inwiefern die Struktur des Bankensektors in den Transitionsländern Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion einen Einfluss auf die Zusammensetzung der Haushalte hat, welche Bankdienstleistungen benützen (Beck & Brown 2010). Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Präsenz ausländischer Banken, eine grosszügige Einlagenversicherung, ein entwickeltes Zahlungssystem, sowie ein starker Gläubigerschutz dazu führen, dass insbesondere besser verdienende, besser ausgebildete und städtische Haushalte Banken benützen. Gleichzeitig finden wir keine Bestätigung dafür, dass staatliche Banken die Integration von einkommensschwachen und ländlichen Haushalten oder Minderheiten in den Finanzsektor fördern.

Die Daten

Unsere Daten stammen von der "Life in Transition Survey[ a ]" (LITS), welche von der Osteuropäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und der Weltbank in 2006 implementiert wurde. Die Umfrage umfasst 29 Länder, inklusive 28 Transitionsländer, in denen die EBRD tätig ist, und die Türkei. In jedem Land wurden 1000 zufällig ausgewählte Haushalte befragt.

Aus dieser Umfrage verwenden wir zwei Indikatoren der Benützung von Bankdienstleistungen auf Haushaltsebene: Die Variable "Account" erfasst ob, ein Haushaltsmitglied ein Bankkonto hat. Die Variable "Card" erfasst, ob ein Haushaltsmitglied über eine Bankkarte (Debit- oder Kreditkarte) verfügt. Grafik 1 zeigt, dass die Benützung von Bankdienstleistungen in Ost- und Zentraleuropa viel häufiger ist als in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Mehr als 75% der Haushalte in Kroatien, Tschechien, Estland, der Slowakei und Slowenien haben ein Bankkonto, während dies bei weniger als 5% der Haushalte in Armenien, Aserbaidschan, Kirgisien, Tadschikistan oder Usbekistan der Fall ist.

Grafik 1. Anteil der Haushalte, welche ein Bankkonto haben (pro Land)

<p><sup>Quelle: Beck and Brown (2010)</sup></p>

Quelle: Beck and Brown (2010)

Die Benützung von Bankdienstleistungen und Haushaltseigenschaften

In einem ersten empirischen Schritt untersuchen wir den Zusammenhang zwischen der Benützung von Bankdienstleistungen und Haushaltseigenschaften. Unsere Ergebnisse bestätigen im Grossen und Ganzen die Befunde über den Zugang zu Finanzdienstleistungen in Afrika (Honohan & King 2009):

  • Es gibt einen starken positiven Zusammenhang zwischen Haushaltseinkommen und der Benützung von Bankdienstleistungen. Eine Erhöhung der Haushaltsausgaben um eine Standardabweichung (2331 USD) vom Mittelwert (2570 USD) erhöht die Wahrscheinlichkeit, ein Bankkonto oder Bankkarte zu haben um etwa 10-12%. Das Vermögen des Haushaltes scheint weniger wichtig zu sein: Eigenheimbesitzer haben zwar eher ein Bankkonto als Mieter, aber dieses Resultat wird nur in wenigen Ländern bestätigt.
  • Der Wohnort des Haushaltes ist ein bedeutender Faktor. Haushalte in städtischen Gebieten haben eine 5% höhere Wahrscheinlichkeit, ein Bankkonto zu haben und eine 8% höhere Wahrscheinlichkeit, eine Bankkarte zu haben als ländliche Haushalte.
  • Haushalte mit einer formalen Anstellung benützen eher Bankdienstleistungen, als solche, welche selbstständig erwerbend sind oder auf Transfers angewiesen sind. Zum Beispiel haben Haushalte, welche Transfers beziehen, eine 11% geringere Wahrscheinlichkeit, ein Bankkonto zu haben, und eine 15% geringere Wahrscheinlichkeit, eine Bankkarte zu haben, als solche mit Lohneinkommen.
  • Haushalte, in denen die befragte Person eine höhere Ausbildung hat, haben eine 9% höhere Wahrscheinlichkeit, ein Bankkonto zu haben, und eine 5% höhere Wahrscheinlichkeit, eine Bankkarte zu haben. Bildung, und hiermit wohl auch finanzielle Allgemeinbildung, ist folglich eine wichtige Determinante der Benützung von Bankdienstleistungen.
  • Zuletzt zeigt sich ein Zusammenhang zwischen sozialer Integration, Religion und dem Zugang zu Banken. Haushalte, welche die offizielle Landessprache nicht sprechen, haben eine 8% tiefere Wahrscheinlichkeit, ein Bankkonto zu haben. Zudem haben muslimische Haushalte weniger häufig ein Bankkonto bzw. eine Bankkarte.

Wie beeinflusst die Struktur des Bankensektors, welche Haushalte Bankprodukte benützen?

Länderspezifische Analysen zeigen, dass die Beziehung zwischen Haushaltseigenschaften und der Benutzung von Bankdienstleistungen über die Länder variiert. Die Zusammensetzung der Haushalte, welche Bankkonten und -karten haben, kann natürlich durch das Einkommensniveau eines Landes wesentlich bestimmt sein. Es könnte aber auch sein, dass dies mit der Struktur des Bankensektors zusammenhängt. Im zweiten Teil unserer Analyse untersuchen wir deshalb, inwiefern die Eigentumsverhältnisse der Banken (Auslandsbanken, Staatsbanken) sowie die Finanzsektorinfrastruktur (Einlagenversicherung, Zahlungssystem, Gläubigerschutz, Kreditinformationszentralen) einen Einfluss darauf haben, welche Haushalte Bankprodukte benützen. Unsere Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Die Präsenz von ausländischen Banken führt dazu, dass insbesondere gut verdienende und gut ausgebildete Haushalte sowie solche mit einer formalen Anstellung Bankdienstleistungen benützen. Dieser Zusammenhang gilt stärker für die Präsenz von ausländischen «greenfield» Banken als für solche, welche aus Übernahmen lokaler Banken entstanden sind.
  • Wir finden keine Evidenz, dass staatliche Banken eine breitere Benützung von Bankdienstleistungen bei einkommensschwachen und ländlichen Haushalten fördern.
  • Verbesserungen in der Finanzsektorinfrastruktur, z.B. eine grosszügige Einlagenversicherung, elektronische Zahlungssysteme, ein starker Gläubigerschutz und effektive Informationszentralen führen dazu, dass insbesondere besser verdienende und reiche Haushalte von Bankdienstleistungen Gebrauch machen.

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse dieser Studie lassen Zweifel aufkommen, ob Strukturpolitik im Bankensektor die Integration von benachteiligten Haushalten in den Finanzsektor von Entwicklungs- und Transitionsländern fördern kann. Es scheint nicht der Fall zu sein, dass staatliche Banken oder eine grosszügige Einlagenversicherung zu einer breiteren Benützung von Bankdienstleistungen bei einkommensschwachen und ländlichen Haushalten führt. Die Stärkung der rechtlichen Stellung und der Information von Banken über ihre Kreditnehmer scheint auch eher den besser verdienenden Haushalten zugutezukommen. Unsere Resultate bestreiten nicht, dass Strukturpolitik im Bankensektor zur Entwicklung des Finanzsektors beiträgt. Vielmehr implizieren sie, dass es schwierig ist, Strukturpolitik gezielt für die Förderung benachteiligter Haushalte einzusetzen.

Literatur

Beck, T. & M. Brown. 2010. Which Households use Banks: Evidence from the Transition Economies. Tilburg University - European Banking Center Discussion Paper 2010-25.

Honohan, P. & M. King. 2009. Cause and effect of financial access: cross-country evidence from the Finscope surveys. World Bank mimeo.

World Bank. 2007. Finance for All? Policies and Pitfalls in Expanding Access. Washington, DC.


  • 1  Eine englische Version dieses Beitrags findet sich bei unserem Partnerportal Vox.

©KOF ETH Zürich, 7. Okt. 2010

 
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Schlagworte

Einlagenversicherung, Entwicklungsländer, Finanzdienstleistungen, Finanzsektor-Integration, Transitionsländer

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