Lohnungleichheit und Exporte: Gewinner und Verlierer?

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Christoph Moser und Dieter Urban, 6. Sept. 2010
Lohnungleichheit und Exporte: Gewinner und Verlierer? 3.33 5 6

Theoretische Überlegungen zum potenziellen Einfluss von Handel auf die Einkommensverhältnisse haben eine lange und bedeutende Geschichte. Ricardos Arbeit aus dem frühen 19. Jahrhundert zeigte, dass die Bevölkerung vom internationalen Handel unterschiedlich betroffen sein kann, während gleichzeitig die volkswirtschaftliche Gesamtwohlfahrt steigt. Das elegante Forschungsresultat von Stolper-Samuelson zeigte Vor- und Nachteile für Arbeiter und Kapitalbesitzer bei der Öffnung eines Landes für internationalen Handel. Sehr aktuelle theoretische Modelle, die sowohl Heterogenität der Firmen also auch der Arbeitskräfte erlauben und Friktionen am Arbeitsmarkt zulassen, zeigen die Auswirkungen von Handel auf den Lohn unterschiedlicher Gruppen von Arbeitern und dementsprechend auf die Einkommensverteilung (z. B. Helpman, Itskhoki und Redding, 2009; Ecker und Kreickemeier, 2009).[ 1 ]

Die praktische Relevanz dieser Ergebnisse bleibt jedoch kontrovers. In den 1990er Jahren gab es eine hitzige Debatte über den möglichen Einfluss von Handel auf Lohnungleichheiten. Diese endete schliesslich mit dem Konsens unter Aussenhandels– und Arbeitsökonomen, dass die steigenden Lohnunterschiede eher technologischen Fortschritt als zunehmenden Handel widerspiegeln. Die anhaltende Zunahme von Lohnungleichheit und der Anstieg von Handel zwischen Industriestaaten und Niedriglohnländern haben die Debatte jedoch erneut entfacht. Besonders erwähnenswert ist, dass Paul Krugmann zunächst die Meinung vertrat, dass die Handelsströme zu gering wären, um Lohnungleichheit bedeutend zu beeinflussen (Krugman, 1995). Diese Ansicht hat er aufgrund der immer bedeutenderen Rolle von Chinas und anderer Schwellenländer im internationalen Handel vor kurzem revidiert (Krugmann, 2008).

Die Forschung in diesem Bereich hat nicht zuletzt aufgrund dieses Eindrucks eines empirisch wichtigen Zusammenhangs zwischen internationalem Handel und Ungleichheit und der Verfügbarkeit von neuen integrierten Betriebs- und Personendatensätzen („linked employer-employee data“) wieder an Dynamik gewonnen. Munch und Skaksen (2008) zeigen, dass die Löhne in dänischen Unternehmen mit hohem Exportanteil und gut qualifizierten Arbeitskräften höher sind als in exportstarken Unternehmen mit tieferem Bildungsniveau. Schank, Schabel and Wagner (2007) schätzen unterschiedliche Regressionen für deutsche Arbeiter und Angestellte. Dabei werden individuelle Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildungsniveau und Nationalität miteinbezogen. Im Gegensatz zu anderen Untersuchungen weist ihre Untersuchung eine höhere Exportlohnprämie für Arbeiter als für Angestellte aus. Beide Studien basieren auf Längsschnittdaten, die Arbeiter mit den passenden Firmen verknüpfen. Derartige Daten erlauben es den Forschern sowohl für Charakteristika der Betriebe wie auch der Personen zu kontrollieren. Dies ist zentral, um die Rolle des Exports auf Ungleichheit von anderen möglichen Einflussfaktoren, wie beispielsweise Firmengrösse oder den Fähigkeiten einzelner Arbeiter zu unterscheiden.

Die Qualifikationsstruktur der Exportlohnprämie

In einem kürzlich erschienenen Beitrag zu dieser Literatur untersuchen wir die Exportlohnprämien und Exportlohnabschläge hinsichtlich der Qualifikation, des Geschlechtes und der Nationalität der der Beschäftigten, die im Zeitraum von 1993-2001 in Betrieben des verarbeitenden Gewerbes in Westdeutschland tätig waren (Klein, Moser und Urban 2010). Unsere Studie basiert auf einem integrierten Betriebs- und Personendatensatz des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg (LIAB-Datensatz), der genaue Informationen über Arbeiter und Betriebsstellen enthält (auf dieselbe Datenbank beziehen sich Schank, Schnabel und Wagner 2007). Basierend auf dem individuellen Ausbildungsniveau, der Berufsgruppe und dem Klassifizierungsstatus im deutschen Sozialversicherungssystem (Arbeiter versus Angestellte), bilden wir vier verschiedene Qualifikationsstufen („skill categories“) für Beschäftigte. Wir stellen bedeutende Exportlohnprämien für höher qualifizierte Beschäftigte und Exportlohnabschläge für geringer qualifizierte Beschäftigte fest. Diese Lohnunterschiede zwischen den Qualifikationsstufen tragen somit zu einer höheren Lohnungleichheit bei, wenn die Zahl der exportierenden Firmen steigt oder wenn der Exportanteil am Gesamtumsatz im verarbeitenden Sektor steigt.

Die Konstruktion von vier Qualifikationsstufen vereinfacht die Präsentation unserer Resultate, aber es ergeben sich sehr ähnliche Resultate, wenn man die Exportlohnprämien und –abschläge für 340 unterschiedliche Berufsgruppen schätzt. Im Folgenden präsentieren wir einige dieser berufsspezifischen Resultate. Tabelle 1 und 2 listen jene zehn Berufe mit den höchsten exportbasierten Lohnprämien und jene mit den grössten exportabhängigen Lohnabschlägen auf (um ökonomisch sinnvolle Ergebnisse zu gewährleisten, beziehen wir uns ausschliesslich auf solche Berufe, die in der Stichprobe mindestens 20,000 Beobachtungen haben). Die Tabellen weisen auch die jeweils dominante Qualifikationsstufe dieser Berufsgruppe aus.

Tabelle 1 zeigt, dass die Berufe mit den höchsten geschätzten Exportlohnprämien verschiedene Funktionen im Ingenieurbereich, Business und Management und qualifizierte Techniker beinhalten – sie fallen allesamt unter die zwei höchsten Qualifikationsstufen. Bemerkenswerterweise kann der bedingte Lohnunterschied für einen Beschäftigen in einer Firma, die den gesamten Umsatz im Ausland macht, relativ zu einer Firma, die gar nicht exportiert für einige Berufe bis zu 20 Prozent betragen. Was den Leserinnen und Lesern vielleicht auch gefallen dürfte: Tabelle 1 belegt, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler/Innen profitieren vom Handel (was wiederum die unglückliche Konsequenz haben könnte, dass volkswirtschaftliche Argumente für Handelsgewinne argwöhnisch betrachtet werden, da sie vielmehr durch Eigeninteresse als objektive Analyse motiviert sein könnten).

 

Tabelle 2 identifiziert potenzielle Verlierer von zunehmender Exporttätigkeit. Berufe mit den höchsten geschätzten Exportlohnabschlägen umfassen verschiedene Berufsgruppen im Handwerksbereich und im Servicesektor – beide fallen in die niedrigsten Qualifikationsstufen. Somit weitet sich die Lohnschere zwischen den Qualifikationsstufen mit zunehmendem Aussenhandel tendenziell: hoch qualifizierte Arbeitskräfte profitieren, während sich der Verdienst für die gering qualifizierten Berufssegmente verringert. Der nächste Abschnitt wird allerdings belegen, dass exportierende Firmen den Lohnunterschied im Hinblick auf die Faktoren Geschlecht und Nationalität reduzieren.

Geschlecht, Nationalität und Exportlohnprämien

Weitere Resultate aus unserer Untersuchung (Klein, Moser und Urban, 2010) zeigen, dass zunehmende Exporte die Lohnunterschiede im verarbeitenden Gewerbe im Hinblick auf die Faktoren Geschlecht und Nationalität verringern. Gut ausgebildete Frauen, die im Vergleich zu Männern mit vergleichbaren individuellen Charakteristika in ähnlichen Betrieben weniger verdienen, erfreuen sich einer höheren Exportlohnprämie als Männer. Ausserdem gibt es keinen Beleg für Exportlohnabschläge für Frauen mit mittlerer und niedriger Qualifikation. Gleichermassen bekommen auch ausländische hoch qualifizierte Arbeitnehmer exportabhängige Lohnprämien und es gibt keine signifikanten Lohnabschläge. Eine Vermutung ist, dass in exportierenden Betrieben aufgrund des höheren Wettbewerbs weniger Lohndiskriminierung herrscht als in Betrieben, die nicht exportieren. Diese Hypothese wäre im Einklang mit Becker (1957).

Fazit

Unsere empirische Analyse zeigt, dass der Zusammenhang zwischen Handel und Lohnungleichheit durchaus subtil ist. Während ein Anstieg des durchschnittlichen Exportanteils in Deutschland die Lohnunterschiede zwischen unterschiedlich qualifizierten Beschäftigten erhöht, verringert das gleiche ökonomische Phänomen die Lohndiskriminierung hinsichtlich des Geschlechts und der Nationalität. Die Ergebnisse weisen auf eine potenziell komplexe Rolle von zunehmender Globalisierung auf Lohnungleichheit hin.

Literatur:

Becker, Gary S. (1957), The Economics of Discrimination, 1st Edition, Chicago, University of Chicago Press.

Bernard, A.B., Jensen, J.B. (1995), “Exporters, Jobs, and Wages in U.S. Manufacturing: 1976–1987,” Brookings Papers on Economic Activity. Microeconomics, pp. 67–119.

Egger, H. and U. Kreickemeier (2009), “Firm Heterogeneity and the Labour Market Effects of Trade Liberalisation, “International Economic Review, Vol. 50, pp. 187-216.

Helpman, E., O. Itskhoki and S. Redding (2010), “Unequal Effects of Trade on Workers with Different Abilities,” Journal of the European Economic Association, Papers and Proceedings, Vol. 8, pp. 456-466.

Klein, M., C. Moser and D. Urban (2010), “The Contribution of Trade to Wage Inequality: The Role of Skill, Gender, and Nationality[ a ],” NBER Working Paper No. 15985, May 2010.

Krugman, P. (1995), "Growing World Trade: Causes and Consequences," Brookings Papers on Economic Activity, Vol. 26, pp. 327-377.

Krugman, P. (2008), “Trade and Wages, Reconsidered,” Brookings Papers on Economic Activity, Spring, pp. 103-154.

Munch, J.R., Skaksen, J.R. (2008), “Human capital and Wages in Exporting Firms," Journal of International Economics, Vol. 75, pp. 363-372.

Schank, T., Schnabel, C., Wagner, J. (2007), “Do Exporters Really Pay Higher Wages? First Evidence from German Linked Employer–employee Data, “Journal of International Economics, Vol. 72, pp. 52-74.


©KOF ETH Zürich, 6. Sep. 2010

 
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Exporte, integrierte-Betriebsdaten, integrierte-Personendaten, Lohndiskriminierung, Lohnungleichheit, Löhne

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