Fremdwährungskredite in Osteuropa: kunden- oder bankgetrieben?

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Martin BrownKarolin Kirschenmann und Steven Ongena, 17. Sept. 2010
Fremdwährungskredite in Osteuropa: kunden- oder bankgetrieben? 2.67 5 3

Firmen und Haushalte in Osteuropa nehmen in beträchtlichem Ausmaß Kredite in Fremdwährung, d. h. in Euro oder Schweizer Franken, anstatt in der Lokalwährung auf (vgl. Abbildung 1). Die Aufnahme von Fremdwährungskrediten durch den privaten Sektor wird, besonders seit Ausbruch der Finanzkrise, als Bedrohung für die Stabilität der Finanzsysteme in der Region angesehen und hat zu umfangreichen Reaktionen der nationalen Behörden geführt. Zum Beispiel hat die Bankenaufsicht in Polen, Ungarn und Lettland Banken dazu angehalten, die mit der Aufnahme von Fremdwährungskrediten einhergehenden Wechselkursrisiken Kunden gegenüber transparenter zu machen und die Auswahlkriterien für solche Kredite zu verschärfen. In Kroatien und Rumänien hingegen wurden Banken strengere Wertberichtigungsvorschriften für Fremdwährungskredite auferlegt.

Abbildung 1. Fremdwährungskredite an den inländischen, privaten Sektor in ausgewählten EU-Ländern

<p>Quelle: EZB, Financial Stability Review, Juni 2010.</p>

Quelle: EZB, Financial Stability Review, Juni 2010.

Forderung nach Eindämmung der Fremdwährungskredite

In den vergangenen Monaten ist der Ruf nach Maßnahmen, die die Vergabe von Fremdwährungskrediten eindämmen, immer lauter geworden. Beispielsweise forderte die Europäische Zentralbank (EZB) im Juni 2010 gemeinsame Anstrengungen auch von den Regulierungsbehörden jener Länder, in denen die Muttergesellschaften osteuropäischer Banken ansässig sind.  Daneben hat die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) unlängst angekündigt, in der Region Maßnahmen zur Refinanzierung von Banken in heimischer Währung zu unterstützen.  Sowohl die EZB als auch die EBRD legen dabei dar, dass die Vergabe von Fremdwährungskrediten zumindest teilweise angebotsgetrieben ist, wobei die Refinanzierung in Fremdwährung, häufig durch die Muttergesellschaften, ein Kernproblem darstellt.

Länderübergreifende Studien mit aggregierten Daten zeigen, dass die Refinanzierung von Banken in Fremdwährung, ob über den Interbanken-, Geld- und Kapitalmarkt oder über Kundeneinlagen, mit der Vergabe von Fremdwährungskrediten korreliert ist (Basso, Calvo-Gonzalez und Jurgilas 2007, Luca und Petrova 2008, Rosenberg und Tirpak 2008). Jedoch können diese Studien nicht klären, ob die Refinanzierung von Banken in Fremdwährung die Vergabe von Fremdwährungskrediten treibt oder umgekehrt.

Sind Fremdwährungskredite Nachfrage- oder Angebotsgetrieben?

In einer kürzlich erschienen Studie bestätigen wir auf der Basis von Mikrodaten, dass die Vergabe von Fremdwährungskrediten in Osteuropa zumindest teilweise angebotsgetrieben ist (Brown, Kirschenmann und Ongena 2010). Wir untersuchen, wie die Währung von Krediten im Verhandlungsprozess zwischen kleinen Firmen und einer bulgarischen Universalbank festgelegt wird. Wie auch in anderen osteuropäischen Ländern spielen in Bulgarien Fremdwährungen und vor allem der Euro eine wichtige Rolle bei inländischen Finanztransaktionen. Dies zeigt sich z. B. darin, dass 40% aller Kundeneinlagen und 47% aller Kredite in Bulgarien auf Euro (EUR) lauten. Die Bank, die im Mittelpunkt unserer Analyse steht, ist besonders auf die Kreditvergabe an Privatkunden und kleine Unternehmen spezialisiert. Dies macht sie zu einem interessanten Untersuchungsgegenstand, da in Osteuropa gerade Privatkunden und kleine Unternehmen besonders häufig Kredite in Fremdwährung aufnehmen. Wie die meisten anderen Banken in der Region ist auch diese Bank in ausländischem Eigentum und ein beträchtlicher Anteil ihrer Refinanzierung lautet auf Fremdwährung.

Die Analyse beruht auf 105.589 Firmenkrediten, die im Zeitraum zwischen April 2003 und September 2007 an mehr als 60.000 Firmen vergeben wurden. Anders als bisherige Studien zur Wahl der Kreditwährung (Brown, Ongena und Yesin 2009) beobachten wir nicht nur die im Kreditvertrag festgehaltene Währung, sondern auch die vom Kreditnehmer im Kreditantrag nachgefragte Währung. Daher ist es uns möglich zu untersuchen, inwieweit die Kreditwährung von der Nachfrage- und / oder der Angebotsseite bestimmt wird, und welches die bestimmenden Einflussfaktoren auf der jeweiligen Seite sind.

Die Nachfrage nach Fremdwährungskrediten

Bezüglich der Nachfrage nach Fremdwährungskrediten zeigen die Daten, dass weniger als 5% der Kredite und weniger als ein Drittel des Kreditvolumens (29%) in EUR nachgefragt werden (vgl. Abbildung 2). Multivariate Regressionen, welche die nachgefragte Währung zu Firmencharakteristika, anderen Kreditcharakteristika und den vorherrschenden monetären Bedingungen in Bezug setzen, bestätigen die Hauptergebnisse früherer Studien (Brown, Ongena und Yesin 2009): Wir finden, dass Firmen eher einen Euro-Kredit nachfragen, wenn die Zinsdifferenz zwischen der lokalen Währung (Bulgarischer Lev, BGN) und EUR größer, wenn die nachgefragte Kreditmenge höher und wenn die nachgefragte Kreditlaufzeit länger ist. Die Nachfrage nach einem Euro-Kredit hängt zudem positiv mit dem Einkommen von Firmen in EUR und ihrer finanziellen Transparenz zusammen, während sie negativ mit den potenziell anfallenden Kosten im Konkursfall korreliert ist.

Das Angebot an Fremdwährungskrediten

Die Untersuchung des Angebots an Fremdwährungskrediten zeigt deutlich, dass die Bank Euro-Kredite aktiv anbietet: etwa ein Drittel (32%) aller in EUR vergebenen Kredite und fast ein Viertel des vergebenen EUR Kreditvolumens (23%) in unserem Datensatz sind Kredite, die ursprünglich in BGN nachgefragt wurden. Die multivariate Analyse jener Kredite, die in BGN nachgefragt wurden, ergibt, dass die Bank solche Kredite mit höherer Wahrscheinlichkeit in EUR vergibt, wenn die Firma ein geringeres Kreditrisiko birgt. Allerdings ist beunruhigend, dass die Bank große und langfristige Kredite nur sehr zurückhaltend in lokaler Währung vergibt. Daneben vergibt die Bank in lokaler Währung nachgefragte Kredite eher in EUR, nachdem sie zusätzliche Refinanzierungsmittel in EUR aus Kundeneinlagen erhalten hat. Interessanterweise beobachten wir diesen Effekt nicht, nachdem die Bank zusätzliche Mittel in Euro auf dem Interbanken-, Geld- und Kapitalmarkt aufgenommen hat. Das letztere Ergebnis deutet darauf hin, dass die Vergabe von Fremdwährungskrediten von der Refinanzierung durch Euro-Kundeneinlagen getrieben wird, während die Kausalität zwischen Fremdwährungskreditvergabe und Refinanzierung in Fremdwährung auf dem Interbanken-, Geld- und Kapitalmarkt andersherum verlaufen könnte.

Abbildung 2: Nachgefragte und vergebene Kreditwährung

<p>Quelle: Brown, Kirschenmann und Ongena (2010).</p>

Quelle: Brown, Kirschenmann und Ongena (2010).

Stabile Makropolitik ist die erfolgversprechendste Lösung

Zusammenfassend zeigen unsere Ergebnisse, dass die Vergabe von Fremdwährungskrediten nicht nur von Seiten der Firmen und Haushalte, die von niedrigeren Zinssätzen profitieren wollen, getrieben ist. Ein beträchtlicher Anteil der Fremdwährungskredite in Osteuropa scheint angebotsgetrieben, wobei Banken äußerst zurückhaltend sind in der Vergabe von großen und langfristigen Krediten in Lokalwährung. Gleichzeitig scheinen Banken bestrebt, die Währungsstruktur der Aktivseite ihrer Bilanz an jene ihrer Kundeneinlagen anzupassen.

Basierend auf diesen Ergebnissen kommen wir zur Schlussfolgerung, dass die kürzlich vorgebrachten Vorschläge, die Refinanzierung von Banken in Osteuropa in lokaler Währung auf dem Interbanken-, Geld- und Kapitalmarkt zu fördern, nicht ausreichend sein könnten, um die Kreditvergabe in Fremdwährung zu drosseln. Stattdessen erscheint eine glaubwürdige makroökonomische Politik, die Einleger ermuntert in Lokalwährung zu sparen und für Banken die Vergabe von langfristigen Krediten in Lokalwährung attraktiver macht, vielversprechender.

Literatur

Basso, H.S., O. Calvo-Gonzalez und M. Jurgilas (2007): “Financial Dollarization and the Role of Banks and Interest Rates”, European Central Bank, Working Paper 748.

Brown, M., S. Ongena und P. Yesin (2009): “Foreign Currency Borrowing by Small Firms”, CEPR Discussion Paper DP 7540.

Brown, M., K. Kirschenmann und S. Ongena (2010): “Foreign Currency Loans - Demand or Supply Driven?”, CEPR Discussion Paper DP 7952.

Luca, A. und I. Petrova (2008): “What drives Credit Dollarization in Transition Economies?”, Journal of Banking and Finance 32, 858-869.

Rosenberg, C.B. und M. Tirpak (2008): “Determinants of Foreign Currency Borrowing in the New Member States of the EU”, International Monetary Fund, Working Paper 08/173.

©KOF ETH Zürich, 17. Sep. 2010

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.
  • Warum Bulgarien?

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    Bulgarien ist aufgrund seines Currency Boards kein gutes Beispiel, da hier auch keine Abwertungsverluste entstanden sind. Interessanter wäre zB Ungarn gewesen, wo Fremdwährungskreditnehmer durch die Forint-Abwertung massiv verloren haben. Richtig ist die Korrelation ausländischer Banken und FWK, da diese von den Mutterbanken meist in Hartwährung refinanziert werden. In vielen Klientenländern der EBRD sind größere Finanzierungen in Lokalwährung aufgrund der Schwäche lokaler Finanzmärkte kaum vorhanden. Aus diesem Grund startet EBRD (zusammen mit anderen IFI) eine "Vienna Initiative II" (meine Formulierung), in der versucht wird, in Ländern, die keine mittelfristige Euro-Perspektive haben, lokale Finanzmärkte aufzubauen.
    Klar ist, daß v.a. Private und KMU das Abwertungsrisiko von FWK nicht einschätzen konnten - und möglicherweise von den Banken auch nicht ausreichend auf dieses hingewiesen wurden ("Angebot"), sodaß das Zinsdifferenzial vielfach nachfragebestimmend wurde.

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Banken, Finanzkrise, Fremdwährungskredite, Osteuropa

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