Unsicherheit: Ein blinder Fleck der Ökonomie

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Christian Müller, 13. Aug. 2010
Unsicherheit: Ein blinder Fleck der Ökonomie 3.67 5 27

Immer wieder werden die Finanzakrobaten der Wall Street, Londons, Frankfurts und Zürichs mit Kasinospielern in eine Reihe gestellt. Diese Vergleiche sollen die moralische Anrüchigkeit ihres Berufsstandes hervorheben, bei näherem Hinsehen sind es aber eher die Kasinos, die um ihren Ruf ob dieser Gleichsetzung besorgt sein sollten.

Betrachten wir zum Beispiel ein typisches Kasinospiel, Roulette. Ohne Manipulationen des Spieltisches und faule Tricks des Croupiers stehen die Chancen 18 zu 37, dass eine Wette auf die roten Felder den Einsatz verdoppelt. Den Gesetzen der Statistik folgend, wird der Kasinobetreiber bei dieser Wette im Durchschnitt gewinnen und der Spieler mit Verlusten den Saal verlassen.

Der überflüssige Roulettespieler

Vergleichen wir nun das Kasino mit der Wall Street. Der Investor, oder besser Händler, ist der Roulettespieler, der Croupier ist die Handelsplattform mit all ihren technischen und formalen Regeln. Welche Rolle aber spielt die Roulettekugel? Die Kugel – nach ein paar holprigen Runden – wählt den Preis und entscheidet über Gewinn und Verlust. Offensichtlich ist das der Punkt, an dem die Analogie kläglich scheitert.

Wenn wir die Rolle der Roulettekugel genauer betrachten, fällt nämlich auf, dass die Roulettespieler eigentlich überflüssig sind. Der Croupier kann das Rouletterad immer und immer wieder in Gang setzen und die Kugel werfen, immer wird das Resultat irgendeine Zahl sein, ganz egal wie die Spieler darüber denken, oder ob sie überhaupt mit am Tisch sitzen.

Im Gegensatz dazu kommt ein Aktienpreis nur dann zustande, wenn es einen Käufer und einen Verkäufer gibt. Es ist also bei Weitem nicht gleichgültig, ob jemand und wer am Spieltisch Platz genommen hat. Es ist absurd sich vorzustellen, Anbieter und Nachfrager verhielten sich passiv wie eine Kugel, die vom rotierenden Rad und der Schwerkraft hin- und hergeworfen wird und keinen Einfluss auf ihren eigenen Weg nehmen kann.

Der metallene Finanzjongleur

Dennoch, genau solch einen Mechanismus unterstellen Ökonomen, wenn sie Finanzmärkte analysieren. In ihren Modellen nehmen sie an, dass Preise physikalischen und stochastischen Gesetzmässigkeiten folgen, wodurch sich Käufer und Verkäufer auf die Rolle passiver Mitspieler zurückzuziehen haben, deren einzige Aufgabe darin besteht, die Gesetze der Roulettekugel, d.h. der Aktienpreise zu entdecken.

Müssen wir uns also einen Wall-Street-Händler vorstellen wie ein Stück Metall, das äusseren Kräften ergeben ist und selbst nicht weiss, was es tut? Hoffentlich nicht. Aber eines geht aus dem gescheiterten Vergleich ganz klar hervor: Die Wall Street ist kein Kasino. Sie folgt keinen physikalischen Gesetzen oder den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit. Pointierter gesagt: Es existieren auch keine sogenannten „schwarzen Schwäne“ – Extremereignisse mit sehr geringer Eintrittswahrscheinlichkeit –, weil das Geschehen von subjektiven, individuellen Einflüssen bestimmt ist, und sich gerade nicht durch objektive Wahrscheinlichkeiten beschreiben lässt.

Modelle ohne Gewähr

Folglich sind viele etablierte Ökonomenmodelle zumindest sehr zweifelhaft. Value-at-risk Analysen, „stress tests“ und so weiter beruhen schliesslich alle auf der Annahme, dass objektive Gesetze existieren und das Verhalten der Händler steuern. Wenn dem aber nicht so ist, dann bedeuten auch bravouröse Testresultate einer Bank (oder Versicherung)  keine Garantie dafür, dass nicht in kürzester Zeit der Steuerzahler erneut einspringen muss, um das Finanzsystem zu retten.

Zum erfolgreichen Wirtschaften braucht der Kapitalismus aber die Finanzindustrie, folglich muss ein Weg gefunden werden, um mit deren unvermeidlichen Schattenseiten umzugehen. Ein Blick in die wirtschaftswissenschaftliche Fachliteratur bietet sich darum an. Leider schweift dieser Blick weitgehend ins Leere.

Hatten noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts Keynes und Knight mit Nachdruck auf die Bedeutung nicht-quantifizierbarer Risiken hingewiesen, so waren es bereits ihre eigenen Nachfolger, die diesen Aspekt systematisch vernachlässigten. Nicht zuletzt die Hick'sche Formalisierung des keynesianischen Denkgebäudes und Samuelsons „modelling revolution“ legten den Grundstein für die Abwendung vom Konzept der Unsicherheit. Interessanterweise haben an dieser Entwicklung weder Milton Friedmans Monetarismus oder Lucas' fundamentale Kritik an keynesianischer Modellierung noch Neo-Keynesianische Strömungen irgendetwas geändert.

Risiko bedeutet nicht Unsicherheit

Letztendlich haben Volkswirte weitgehend vollständig auf die Analyse von unkalkulierbaren Ereignissen verzichtet. Das Zauberwort der Theoretiker und Empiriker lautet seither Risiko. Risiko ist aber eine messbare Grösse, auf die sich Gesetze der Wahrscheinlichkeit anwenden lassen. Wann immer Menschen den Spielausgang bestimmen, sind diese Gesetze aber nicht mehr anwendbar. Bewusstsein, Fantasie und Kreativität folgen schliesslich keinen objektiven Gesetzen. Sie erzeugen immer wieder unvorhersehbare Resultate, was sich nur mit dem Begriff der Unsicherheit erfassen lässt.

Überraschenderweise klafft gerade auch im Bereich Finance, einem der am intensivsten erforschten Gebiete Ökonomie der letzten Jahre, eine beachtliche Lücke. Es gibt faktisch kaum Rezepte, wie mit Unsicherheit effizient umgegangen werden kann. Das dominierende Konzept der Erwartungsbildung in der Von-Neumann-Morgenstern-Tradition bietet dazu jedenfalls keine Hand. Freilich existieren passable Ratschläge aus Grossmutters Buch der Weisheiten, aber Gegenstand der Wissenschaft sind diese bislang kaum.

Nach allem, was die Historiker uns gelehrt haben, ist die Welt aber unsicher, nicht riskant. Die Tatsache, dass der Mensch viele Tausend Jahre der Unsicherheit überstanden hat und bei allen Einschränkungen sein Schicksal in dieser Zeit immer glücklicher bestimmt hat, sollte uns daher Anlass geben zu Optimismus. Höchstwahrscheinlich existieren Regeln und Gesetze, die uns einen effizienten Umgang mit der Gesetzlosigkeit der menschlichen Subjektivität erlauben. Ökonomen haben bisher einfach zu wenig danach gesucht. Es wird Zeit, dass wir diese Suche wieder aufnehmen. Kasinos mit Wall Street gleichzusetzen sollte ab sofort aber keine Option mehr sein. Das wäre viel zu anrüchig – aus Sicht der Kasinos.

Literatur

Christian Müller (2009): Puzzle Solver[ a ], Centre for Economic Policy, Working Paper 09-10, 2009.

©KOF ETH Zürich, 13. Aug. 2010

 
Unsicherheit: Ein blinder Fleck der Ökonomie 3.67 5 27

Kommentare

Dieser Artikel hat 2 Kommentare.
  • Entscheidungen unter Unsicherheit in der ökonomischen Theorie

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    Es ist wohl so, dass unter den ökonmischen Schulen die Fundamentalkeynesianer anknüpfend an die Arbeiten von Knight, Keynes: Treatise on Probability und Shackle den differierenden Konzeptionen von Risiko / Unsicherheit die vermutlich größte Aufmerksamkeit widmen. Allerdings wurde insofern der Orthodoxie zugearbeitet, als diese die Existenz "echter" Unsicherheit im phänomenologischen Sinne gar nicht leugnet, diese aber für forschungspraktisch irrelevant und analytisch nicht umsetzbar hält.
    Walter Heering hat in einem monetärkeynesianischen Unterbeschäftigungsgleichgewicht eine Unterscheidung zwischen unsicherheit und Risiko über die Einführung eines subjektiven Präferenzparameters zu einer gegebenen Informationsmenge (Wahrscheinlichkeitsverteilung) erzeugt und konnte darüber die nihilistischen Konsequenzen einer Einführung "echter" Unsicherheit vermeiden.

    Walter Heering [1991]: Geld, Liquiditätsprämie und Kapitalgüternachfrage. Regensburg

    Hilko Cassens [1997]: Wege und Methoden einer monetären Theorie der Produktion. Marburg

  • Fundamentale Unsicherheit

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    Es gibt durchaus einige Versuche, fundamentale Unsicherheit (FU), meist reduziert auf Ambiguität, entscheidungstheoretisch zu fundieren. Da die Theorie jedoch dann durch weitere prinzipiell unbeobachtbare subjektive Vorstellungen und Präferenzparameter aufgeladen wird und so im Grunde arbiträres Verhalten durch das Wirken von FU "erklärt" wird, halte ich nicht viel davon. In Abwesenheit eines "wahren Modells" ist es nicht möglich, sich in einem geschlossenen Kalkül "optimal" mit FU umzugehen. Das ist genauso als wenn sich Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Ich denke, hier benötigt man verhaltensökonomische Ansätze. Verhaltensheuristiken wie z.B. erhöhte Liquiditätspräferenz rechtfertigen sich dadurch, dass der Akteur ex post eine höhere Performance erzielt, als wenn er stattdessen seinen subjektiven Überzeugungen vertraut. Da Herr Müller völlig zu Recht darauf hinweist, dass fundamentale Unsicherheit auf die Agenda der Theorieentwicklung gehört, darf ich ihn auf folgendes Arbeitspapier aufmerksam machen:

    Pasche, Markus [2009], Fundamental Uncertainty, Portfolio Choice, and Liquidity Preference Theory. Jena Economic Research Papers No.2009-085 (bei RePEc downloadbar)

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Autor

Christian Müller

Christian Müller

Schlagworte

Kasino, RationaleErwartungen, Subjektivität, Unsicherheit

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