Politikberatung und Verhaltensökonomie: Fallstudie zu einem schwierigen Verhältnis

7430 mal gelesen | 2 Kommentare

Joachim Weimann, 19. Aug. 2010
Politikberatung und Verhaltensökonomie: Fallstudie zu einem schwierigen Verhältnis 4.06 5 18

Der wichtigste Unterschied zwischen der Verhaltensökonomie und der „traditionellen“ Theorie, die nach wie vor die Grundlage fast aller mikroökonomischen Modelle bildet, besteht darin, dass die Verhaltensökonomie einen eher positiv theoretischen Ansatz verfolgt und versucht, in Experimenten und Feldversuchen beobachtbares Verhalten zu erklären, während die traditionelle Theorie eher normativ theoretisch operiert, indem sie rationales, eigennütziges Verhalten a priori unterstellt. Beide Methoden haben ganz spezifische Vor- und Nachteile, beide Ansätze sind wichtige Zugänge zur Lösung ökonomischer Probleme und sie sind häufig komplementär.[ 1 ]

Kein Widerhall in der Politikberatung

Die Verhaltensökonomie hat als methodischer Ansatz in den letzten drei Dekaden einen enormen Bedeutungszuwachs erfahren. Labor- und Feldexperimente sind heutzutage in großer Zahl in allen führenden internationalen Journalen vertreten. Vor diesem Hintergrund ist es merkwürdig, dass die Verhaltensökonomie in der Politikberatung in Deutschland kaum eine Rolle spielt. Eine Durchsicht der Gutachten der wissenschaftlichen Beiräte beim Bundesministerium der Finanzen und beim Bundeswirtschaftsministerium zeigt beispielsweise, dass in den letzten fünf Jahren – von einer Ausnahme abgesehen – nicht eine einzige verhaltensökonomische Arbeit zitiert wurde. Der Grund für ausschließliche Verwendung normativer Modelle lässt sich anhand des einzigen Gutachtens studieren, das sich relativ ausführlich mit verhaltensökonomischen Arbeiten befasst. Es wurde vom wissenschaftlichen Beirat beim Bundesfinanzministerium verfasst und setzt sich mit der Frage auseinander, welche Strategie bei internationalen Klimaverhandlungen verfolgt werden sollte.

Kurz zusammengefasst argumentieren die Gutachter wie folgt: Die Frage, wie im Zuge internationaler Verhandlungen Koalitionen gebildet werden können, die die Bereitstellung global öffentlicher Güter (im konkreten Fall: Klimaschutz) ermöglichen, ist mit spieltheoretischen Methoden untersucht worden. Die Modellergebnisse sind eindeutig und zeigen, dass mit großen Koalitionen nicht gerechnet werden kann. Außerdem machen sie klar, dass es eine eher kontraproduktive Idee ist, als einzelner Staat eine Vorreiterrolle einnehmen zu wollen, weil dadurch nur die Freifahrermöglichkeiten der anderen Länder verbessert werden. Die politische Empfehlung, die sich daraus ableitet, ist eindeutig und sie steht im krassen Gegensatz zu dem, was die Politik seit Langem praktiziert. Der Rat lautet, bei Klimaverhandlungen Zurückhaltung zu üben, keine Vorleistungen zu erbringen und gerade nicht mit einem „guten Beispiel“ voranzugehen.

Da die Bereitstellung öffentlicher Güter durch freiwillige Beiträge eines der zentralen Forschungsfelder der experimentellen Wirtschaftsforschung ist, setzt sich das Gutachten auch damit auseinander. Allerdings werden die Experimente vor allem daraufhin untersucht, ob ihre Ergebnisse, die zumindest teilweise in einem Widerspruch zu den spieltheoretischen Resultaten stehen, auf die Realität übertragen werden können. Das Gutachten behandelt fast ausschließlich die Frage, ob wir aus Laborversuchen etwas über reale internationale Verhandlungen lernen können. Im Ergebnis kommt der wissenschaftliche Beirat zu dem Ergebnis, dass dies nicht der Fall ist, beispielsweise weil die Experimente mit Studenten durchgeführt wurden und nicht mit Regierungsdelegationen. Aus Sicht des Beirats disqualifiziert die fehlende externe Validität der Experimente die Verhaltensökonomie als Grundlage für die Politikberatung. Da sich dieses Urteil auf Experimente bezieht, die für die verhaltensöko-nomische Forschung zentral sind und die einen hohen Bezug zu wirtschaftspolitischen Fragen besitzen, erklärt dies die allgemeine Zurückhaltung gegenüber der experimentellen Forschung unter den Politik beratenden Ökonomen.

Was taugen die Modelle?

Es ist notwendig und richtig, die Frage zu stellen, ob wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage für die Politikberatung tauglich und nützlich sind oder nicht. Aber es ist falsch, diese Frage ausschließlich an die experimentelle Forschung zu richten. Ob eine Theorie nützlich ist oder nicht, ist eine empirische Frage und diese Frage muss an jede Theorie, an jedes Modell gerichtet werden, das zur Politikberatung herangezogen wird – auch an die spieltheoretischen Modelle, auf die der Beirat seine sehr weitgehenden politischen Empfehlungen stützt. Tut man dies, stellt man sehr schnell fest, dass es um die externe Validität der normativen Modelle kein bisschen besser bestellt ist als um die der experimentellen Forschung. Beide Methoden liefern Ergebnisse, auf deren externe Validität man nicht zu hohe Wetten abschließen sollte. Das schränkt beide in ihrer Reichweite ein und macht sie zugleich zu gleichberechtigten Elementen der Politikberatung.

Einschränkungen hinsichtlich der empirischen Relevanz spieltheoretischer Modelle ergeben sich aus den Annahmen hinsichtlich der Rationalität der Spieler, ihrer Erwartungen, des Strategieraums und der Auszahlungsfunktion, die getroffen werden müssen, um ein Spiel zu formulieren und seine Gleichgewichte bestimmen zu können. Für eine ausführliche Diskussion fehlt hier leider der Platz[ 2 ] , aber an zwei Beispielen sei verdeutlicht, dass spieltheoretische Modelle Annahmen benutzen, die sie durchaus beträchtlich von der Realität entfernen können. Grundsätzlich unterstellen die Modelle den Spielern strikt rationales Verhalten und verlangen, dass die Rationalität aller Spieler Common Knowledge ist. Das bedeutet, dass alle wissen, dass alle rational sind und alle wissen, dass alle wissen, dass alle rational sind usw. Nur wenn dies erfüllt ist, kann auch angenommen werden, dass die Erwartungen der Spieler (die sogenannten beliefs) sich gegenseitig stützen, weil alle Spieler von allen Spielern erwarten, dass sich sie sich strikt rational verhalten. Die Annahmen bezüglich der Rationalität und der Erwartungen sind extrem anspruchsvoll und dürften in realen Situationen praktisch nie erfüllt sein. Sie werden getroffen, um Aufschlüsse darüber zu erhalten, wie sich ideal-typische Akteure verhalten würden, nicht um zu beschreiben, was echte Menschen tun.

Die Modelle, mit denen Klimaverhandlungen abgebildet werden und auf die sich der Beirat bezieht, verwenden darüber hinaus spezielle Annahmen hinsichtlich des Strategieraums und der Auszahlungsfunktion. Bei letzterer geht es um die Frage, wie die Ziele derer, die Klimaverhandlungen führen, modelliert werden. Sehr vereinfachend werden die Verhandlungsdelegationen wie Individuen behandelt, deren einziges Ziel darin besteht, das Pro-Kopf-Einkommen der Wähler zu maximieren.

Es ist offensichtlich, dass eine ganze Reihe sehr wichtiger Aspekte damit außer Acht gelassen werden. Die Modellierung erfolgt, ohne dass ein Modell des Delegationsverhaltens existiert, das beispielsweise Aufschluss darüber geben könnte, wie Interessengruppen oder differenzierte Wählerpräferenzen Einfluss auf das Verhandlungsverhalten nehmen. Es ist offensichtlich, dass die europäischen Regierungen eine hochgradig ineffiziente Klimapolitik bevorzugen – was im offenen Widerspruch zu der Annahme steht, dass Regierungen das Pro-Kopf-Einkommen maximieren. Eine besonders gravierende Einschränkung besteht darin, dass in den spieltheoretischen Analysen davon ausgegangen wird, dass Fairness-Aspekte bei Klimaverhandlungen keine Rolle spielen. Zwar wird man nicht erwarten, dass Klimakonferenzen durch die fieberhafte Suche nach fairen Lösungen charakterisiert sind, aber es ist auf der anderen Seite höchst ad hoc, anzunehmen, dass Delegationen nicht darauf achten, dass sie fair behandelt werden.

Plädoyer für Nutzung des gesamten Instrumentariums

Normative Modelle, die mit idealtypischen Annahmen operieren, sind wichtig, denn sie liefern wertvolle Bezugspunkte und Benchmarks, ohne die eine wissenschaftliche Analyse kaum vorstellbar ist. Der Fehler des Beirates besteht nicht darin, solche Modelle verwendet zu haben. Der Fehler besteht darin, nur solchen Modellen zu vertrauen und sie als alleinige Grundlage für die Politikberatung auszugeben. Damit wird man ihnen nicht gerecht, man missbraucht und diskreditiert sie, weil sie zu Resultaten führen, die nur verständlich sind, wenn man die Annahmen der Modelle genau kennt und einzuordnen weiß. Da das diejenigen, die man beraten will, in der Regel nicht leisten können, sind Missverständnisse unvermeidlich und der pauschale Vorwurf, wirtschaftswissenschaftliche Ratschläge seien weltfremd und naiv ist schnell im Raum.

Die experimentellen Untersuchungen zur Bereitstellung öffentlicher Güter und zu internationalen Klimaverhandlungen führen zu teilweise anderen Ergebnissen als die spieltheoretische Analyse. Beispielsweise konnte in einer ganzen Reihe von Experimenten gezeigt werden, dass „Leadership“ nicht die schädlichen Wirkungen haben muss, die die normative Theorie prognostiziert. Zwar zeigt sich in den Experimenten auch, dass die Erfolge, die durch „gute Beispiele“ erreicht werden können, eher bescheiden sind, aber die Verhaltensmuster der Spieler sind gänzlich anders als von der Theorie vorhergesagt. Die experimentelle Evidenz dafür, dass Fairness eine sehr wichtige Rolle bei Verhandlungen spielt, ist überwältigend. Man kann natürlich alle diese Ergebnisse mit dem Hinweis auf die fehlende externe Validität von Laborexperimenten für irrelevant erklären. Aber dann müsste man das Gleiche auch für die spieltheoretischen Analysen tun und bliebe vollkommen sprachlos.

Der vernünftige und methodisch saubere Weg besteht darin, den gesamten ökonomischen Instrumentenkasten bei der Politikberatung einzusetzen. Verzichtet man auf die verhaltensökonomischen Werkzeuge – wie es die Beiräte bis heute tun – zeichnet man ein verzerrtes Bild davon, was die ökonomische Profession an Erkenntnis beizusteuern hat und gefährdet die Glaubwürdigkeit der wirtschaftswissenschaftlichen Politikberatung.


©KOF ETH Zürich, 19. Aug. 2010

 
Politikberatung und Verhaltensökonomie: Fallstudie zu einem schwierigen Verhältnis 4.06 5 18

Kommentare

Dieser Artikel hat 2 Kommentare.
  • Kritische Anmerkungen

    [ ]

    Dass das Verhältnis von politikberatenden Ökonomen und Politikern ungetrübt sei, wird wohl kein Ökonom und auch kein Politiker behaupten wollen. Dafür gibt es sicherlich eine Menge von Ursachen. Für Herrn Weimann liegt eine wichtige Ursache dafür darin, dass der typische ökonomische Politikberater zu sehr die „traditionelle“ Mikroökonomik als Grundlage für seine Beratung wählt und die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie ignoriert.
    Den entscheidenden Unterschied zwischen diesen beiden Theoriekonzepten sieht er darin, dass „die Verhaltensökonomie einen eher positiv theoretischen Ansatz verfolgt, … während die traditionelle Theorie eher normativ theoretisch operiert“. Nun kann ihn niemand daran hindern, die traditionelle Mikroökonomik als „normativ“ zu bezeichnen. Ich halte das aber nicht für zweckmäßig, weil dann ein Vergleich mit der Verhaltensökonomie schwierig wird. So können nur positiv-deskriptive Aussagen empirisch wahr oder falsch sein, normative nicht.
    Ich halte es deswegen für zweckmäßiger, beide Theorien als positiv-deskriptiv anzusehen und somit in diesem Punkt vergleichbar zu machen, was im Übrigen auch dem Selbstverständnis der Verhaltensökonomen und -psychologen entgegenkommt. Denn diese behaupten ja, dass grundlegende Hypothesen der traditionellen Theorie wie die Rationalitätshypothese und die Eigennutzhypothese, wenn man sie empirisch im Rahmen von Laborexperimenten testet, „Anomalien“ aufzeigen, d.h. nicht mit den Tatsachen übereinstimmen.
    Das ist aber nichts Besonderes. Denn, wie es der Wissenschaftstheoretiker und -kritiker Feyerabend in seinem Buch „Wider den Metdodenzwang“ für die naturwissenschaftlichen (!) Theorien mit theoretischen und empirischen Argumenten belegt, stimmt keine einzige Theorie jemals mit allen bekannten Tatsachen auf ihrem Gebiet überein.
    Und im Übrigen: Was ist die Alternative? Die Gegenhypothese „Alle Menschen handeln immer und überall nicht- rational und nicht-eigennützig“ als wahr anzusehen, würde zwar den Beifall vieler Nicht-Ökonomen aber nur weniger Ökonomen finden. Eine andere Möglichkeit würde bei Ökonomen sicherlich mehr Zustimmung erzielen, nämlich die statistisch-probabilistische Hypothese: „Die meisten Menschen handeln meistens rational und eigennützig, manchmal aber auch irrational und nicht-eigennützig“.
    Hier wäre die spannende Frage, wer (wo, wann, unter welchen Bedingungen) „normal“ und wer „anomal“ handelt. Die Ausführungen von Herrn Weimann interpretiere ich nun so, dass er meint, in der Klimapolitik einen solchen anomalen Fall vor sich zu haben. So behauptet er, dass „die europäischen Regierungen eine hochgradig ineffiziente Klimapolitik bevorzugen“. Übersetzen wir den ökonomischen Begriff „ineffizient“ in die Alltagssprache, dann bedeutet das nichts anderes, als dass sich die Klimapolitiker irrational verhalten. Hier wundere ich mich schon, dass Herr Weimann und viele andere (Umwelt-) Ökonomen gar nicht daran denken, dass aus Irrationalität Rationalität wird, wenn man die laut verkündeten Klimaziele der Politiker nicht für bare Münze nimmt, sondern nach ihren wirklichen Zielen Ausschau hält.
    Auch die Eigennutzannahme der traditionellen Theorie sieht er bei den Klimapolitikern als fragwürdig an. Er begründet das folgendermaßen: „Die experimentelle Evidenz dafür, dass Fairness eine sehr wichtige Rolle bei Verhandlungen spielt, ist überwältigend“. Er zieht daraus offenbar den Schluss, dass dies auch bei den klimapolitischen Verhandlungen der Fall ist. Aber wie soll man dann den folgenden Satz verstehen? „Zwar wird man nicht erwarten, dass Klimakonferenzen durch die fieberhafte Suche nach fairen Lösungen charakterisiert sind, aber es ist auf der anderen Seite höchst ad hoc, dass Delegationen nicht darauf achten, dass sie fair behandelt werden“.
    Abschließend ist anzumerken: Ohne Zweifel greift Herr Weimann ein wichtiges Problem auf, wenn er auf die Dissonanzen zwischen politikberatenden Ökonomen und Politikern hinweist und nach Lösungen dafür sucht. Ich habe aber arge Zweifel daran, dass die Einbeziehung der verhaltensökonomischen Erkenntnisse in die Politikberatung „die“ Lösung darstellt. Offenbar hat auch die verhaltensökonomische Theorie mit vielen „Anomalien“ zu kämpfen, wie z.B. in dem Buch „Super freakonomics“ (Levitt/Dubner) nachzulesen ist.

  • Dieser Kommentar wurde gelöscht.
Sie müssen sich anmelden um Kommentare zu schreiben.

Autor

Joachim Weimann

Joachim Weimann

Schlagworte

Bundesfinanzministerium, internationale-Klimakonferenzen, Klima-abkommen, Methodik-der-Politikberatung, Politikberatung, Spieltheorie, Verhaltensökonomie, Wissenschaftlicher-Beirat

Weitersagen

Ähnliche Artikel