Determinanten grenzüberschreitender Bankkredite an die Schwellenländer

Neue empirische Evidenz zur Übertragung von Finanzkrisen

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Sabine Herrmann und Dubravko Mihaljek, 24. Aug. 2010
Determinanten grenzüberschreitender Bankkredite an die Schwellenländer 3.33 5 3

Internationale Bankkredite von Industrieländern an Emerging Markets sind in den letzten 20 Jahren stark gestiegen. Gegenüber Aufholländern in Mittel- und Osteuropa, Asien und Lateinamerika haben sie sich seit Anfang der 1990er Jahre mehr als verdreifacht. Pro Jahr nahmen sie um durchschnittlich 9 % zu. Die internationalen Banken wurden damit zu einem wesentlichen Kapitalgeber der Schwellenländer. Insofern ist es aber auch nicht erstaunlich, dass Bankkredite aus Industrieländern an Aufholländer einen wichtigen Übertragungskanal von finanziellen Verwerfungen darstellen. So erfolgte der Anstieg der Bankkredite aus den industrialisierten Ländern an die Schwellenländer seit Beginn der 1990er Jahre nicht kontinuierlich, sondern war immer wieder starken Schwankungen ausgesetzt.[ 1 ]

Die Mexikokrise 1994/1995 beeinflusste die grenzüberschreitende Kreditvergabe der Banken lediglich in moderater Weise und war auch zeitlich in ihrer Wirkung begrenzt. Betroffen von der Zurückhaltung der Banken bei Neuengagements waren vor allem die Volkswirtschaften Lateinamerikas, beeinträchtigt wurden aber auch die Länder Mittel- und Osteuropas, die in diesem Zeitraum eine erste Transformationsphase durchliefen. Der Einfluss der Asienkrise 1997/1998 war bereits deutlich ausgeprägter und hemmte insbesondere die Kreditvergabe an die Aufholländer Asiens. Thailand, Indonesien, Malaysia und die Philippinen waren die am stärksten betroffenen Volkswirtschaften. Nach dem Verzug Russlands wurde aber auch Lateinamerika mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung in den Strudel gezogen.

Liberalisierung erhöhte Engagement in Schwellenländern

Anfang des neuen Jahrtausends veranlassten weitreichende Liberalisierungsmaßnahmen, komplexe neue Finanzprodukte sowie Erwartungen vergleichsweise hoher Renditen in einem global niedrigen Zinsumfeld die international tätigen Banken, ihre Aktivitäten in den Emerging Markets – insbesondere in Mittel- und Osteuropa – erheblich auszuweiten. Zwischen Mitte 2007 und Mitte 2008 erreichten die Zuflüsse in den jeweiligen Regionen historische Höchstwerte. Diese massiven Kapitalzuflüsse durch Bankkredite in Mittel- und Osteuropa wurden Werte von über 10 % des BIP verzeichnet – übersteigen die Absorptionsfähigkeit der Empfängerländer zum Teil bei Weitem. Sie trugen zu der konjunkturellen Überhitzung in manchen Ländern bei. Ihre Leistungsbilanzpositionen erwiesen sich zudem als auf Dauer nicht tragfähig.

Im Herbst 2008 entwickelte sich die Anspannung auf den internationalen Geld- und Kreditmärkten zu einer globalen Vertrauenskrise. Die großen internationalen Banken begannen ihre grenzüberschreitenden Aktivpositionen auch in den Emerging Markets signifikant zu reduzieren. Zumindest in der kurzen Frist wiesen Länder mit einem hohen Anteil ausländischer Banken – insbesondere in Mittel- und Osteuropa – in dieser Zeit eine höhere Stabilität der internationalen Kapitalströme auf.[ 2 ] Dies hat jedoch nicht verhindert, dass die abrupte erzwungene Anpassung an die vor der Krise gewachsenen und durch die Krise aufgedeckten Ungleichgewichte in zahlreichen Ländern zu einem realwirtschaftlichen Einbruch führte.

Bereits mit dem zweiten Quartal 2009 verlangsamte sich der Abbau von Forderungen durch die internationalen Kreditgeber und in Folge der einsetzenden realwirtschaftlichen Erholung wurden Anzeichen einer Stabilisierung der grenzüberschreitenden Mittelflüsse sichtbar. Die Volkswirtschaften Asiens und Lateinamerikas konnten ab Mitte 2009 bereits wieder Zuströme verzeichnen. Vor allem Portfolioumschichtungen der internationalen Anleger sind dafür verantwortlich, dass die gesamten Kapitalströme in die Emerging Markets erneut beträchtlich ansteigen. Neben den sich verbessernden Wachstumsaussichten und zunehmenden Renditeunterschieden dürfte auch die wachsende Risikobereitschaft internationaler Investoren zum erheblichen Anstieg – beispielsweise von Aktienkäufen vor allem in den großen Aufholländern Lateinamerikas und Asiens wie Brasilien, China und Indien – beigetragen haben.

Grafik: Externe Positionen der Banken aus industrialisierten Volkswirtschaften gegenüber Schwellenländern; Wechselkursbereinigte Veränderungen (Q/Q), in Mio. USD

<p>Quelle: BIZ</p>

Quelle: BIZ

Warum reagieren Emerging Markets auf finanziellen Stress unterschiedlich?

Eine umfassende empirische Analyse der Determinanten grenzüberschreitender Mittelflüsse der Banken untersucht, wie Finanzkrisen übertragen werden und warum Emerging Markets in unterschiedlichem Maß von „finanziellem Stress“ betroffen sind. Dies ist nicht zuletzt auch für die Banken des Euroraums von Interesse, von denen viele erhebliche Forderungsbestände gegenüber den aufstrebenden Volkswirtschaften aufweisen. Insgesamt wird deutlich, dass neben den Standardvariablen des Gravitationsmodells – wie Distanz und Einkommen – globale Risikofaktoren, aber auch finanzielle Stressfaktoren in den Geber- und Empfängerländern wesentliche Bestimmungsgründe der internationalen grenzüberschreitenden Bankforderungen darstellen.

So dämpft eine Verschlechterung der Stimmung auf den internationalen Finanzmärkten – in Form einer größeren Risikoaversion der internationalen Investoren sowie einer höheren erwarteten kurzfristigen Marktvolatilität – die grenzüberschreitenden Kredite aus den Industrieländern. Darüber hinaus prägen auch die Charakteristika des Kreditgeberlandes seine Disposition in Krisenzeiten. Je stärker die Gruppe der Kreditgeber selbst mit den Konsequenzen der Wirtschafts- und Finanzkrise zu kämpfen hat, umso weniger ist sie in der Lage weiterhin grenzüberschreitende Kredite an Schwellenländer zu vergeben (sogenannter „common lender“ Effekt).

Die empirischen Untersuchungen stützen die Vermutung, dass individuelle Risikofaktoren des Kreditnehmerlandes das Ausmaß der Kreditvergabe beeinträchtigen. So verschlechtert zum Beispiel eine angespannte Lage der öffentlichen Finanzen in den Empfängerländern – beispielsweise ein hohes Staatsdefizit – die Risikoeinschätzung des potenziellen Kreditnehmers. In ähnlicher Weise verringern Schwierigkeiten im Bankensektor des Empfängerlandes die Fähigkeit des Aufhollandes, externe Kredite aus Industrieländern zu attrahieren.

 

Grad der Finanzverflechtung ist entscheidend

Des Weiteren hat der Grad der finanziellen und monetären Integration zwischen Kreditgeber und -empfängerland einen Einfluss darauf, ob und wie stark Ansteckungseffekte im Rahmen der internationalen Kreditbeziehungen wirken. Es zeigt sich, dass eine engere bilaterale Finanzverflechtung in einem positiven Zusammenhang zum Volumen der neu vergebenen Bankkredite steht. Insofern kann man davon ausgehen, dass ein höheres Ausgangsniveau an finanzieller Interaktion zwischen Geber und Nehmer sich günstig auf zukünftige Transaktionen auswirkt. Dies impliziert eine gewisse Persistenz der Kreditbeziehungen. Entsprechend könnte eine in Krisenzeiten rückläufige finanzielle Verflechtung die Kapitalflüsse in die Emerging Markets aber auch längerfristig negativ beeinflussen.

Darüber hinaus lässt sich beobachten, dass flexiblere Wechselkursregime in Krisenzeiten mit einem größeren Abzug an Krediten einhergehen. Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass fixe Wechselkursregime in jedem Fall einen automatischen Stabilisator darstellen. Vielmehr kann man nicht ausschließen, dass fixe Wechselkursregime, wie zum Beispiel in den Aufholländern Mittel- und Osteuropas, im Vorfeld der Krise zu erheblichen internen und externen Ungleichgewichten beigetragen haben. Unter Umständen haben diese Faktoren die realwirtschaftlichen Auswirkungen der Krise verstärkt und die betroffenen Länder indirekt sogar anfälliger gemacht für den Abzug von finanziellen Mitteln in Folge einer allgemeinen Verunsicherung auf den Finanzmärkten.

Mittelabfluss aufgrund globaler Faktoren

In der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise waren es insbesondere globale Faktoren, die sich als wichtigste Triebkraft eines Mittelabzugs von Banken aus den betrachteten Ländern identifizieren lassen. Der drastische Anstieg der globalen Risikoaversion und der erwarteten kurzfristigen Finanzmarktvolatilität waren im Wesentlichen für die Zurückhaltung bei der Kreditvergabe gegenüber Schwellenländern während der letzten beiden Jahre verantwortlich. Der einzige darüber hinausgehende relevante Beitrag ergab sich aufgrund einer Verschlechterung der Risikofaktoren in den Schwellenländern selbst. Hierbei spielte die im Zuge der Krise ungünstigere Entwicklung des Bankensektors in den Empfängerländern eine wichtige Rolle.

Zu Beginn der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise war zu beobachten, dass die Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas einen geringeren Abfluss von Krediten verzeichneten, als dies bei den Aufholländern Asiens und Lateinamerikas zu beobachten war.[ 3 ] Zum einen wirkten sich die stabileren Bankensektoren der Volkswirtschaften in Mittel- und Osteuropa positiv auf die Höhe der gewährten Kredite aus. Dies könnte unter anderem mit dem hohen Anteil ausländischer Banken in der Region in Zusammenhang stehen, die die Effizienz und Stabilität der dortigen Bankensektoren vorangetrieben und sich folglich auch in Krisenzeiten in vergleichsweise recht robusten Kreditvolumina aus den Industrieländern niedergeschlagen haben. Es ist zudem davon auszugehen, dass auch zahlreiche Stützungsmaßnahmen europäischer und internationaler Organisationen einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung der Bankensektoren in Mittel- und Osteuropa geleistet haben. Nicht zuletzt hatte wohl aber auch die ausgeprägte Finanzmarktintegration und der hohe Grad an monetärer Verflechtung der betrachteten Volkswirtschaften Europas positive Auswirkungen auf den Zustrom an grenzüberschreitenden Bankflüssen, das heißt sie stabilisierte die internationalen Kredite in einem stärkeren Maße als dies in Asien und Lateinamerika der Fall war.


  • 1  Das dem Beitrag zugrunde liegende Working Paper finden Sie unter: http://www.bis.org/publ/work315.pdf?noframes=1
  • 2  Dies lässt sich insbesondere für die absoluten Beträge konstatieren. Es gilt aber auch, wenn man für die Werte in Relation zum BIP den Stand der Auslandsverbindlichkeiten vor der Krise zugrunde legt.
  • 3  Dies impliziert jedoch nicht, dass die neuen EU-Länder insgesamt in geringerem Ausmaß von den realwirtschaftlichen Effekten der Finanz- und Wirtschaftskrise betroffen waren.

©KOF ETH Zürich, 24. Aug. 2010

 
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Schlagworte

Externe-Effekte, Finanzkrise, Gravitationsmodelle, grenzüberschreitendeFinanzflüsse, Paneldaten, Schwellenländer

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