Wie Osteuropa Deutschland half seine Wettbewerbsfähigkeit auszubauen

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Dalia Marin, 19. Juli 2010
Wie Osteuropa Deutschland half seine Wettbewerbsfähigkeit auszubauen 3.25 5 12

Die Diskussion über das derzeitige Handelsbilanzungleichgewicht in der Eurozone hat sich auf die wettbewerbsschwache „Peripherie“ und das wettbewerbsstarke Deutschland fokussiert. Dieser Beitrag spricht einen bis jetzt nicht beachteten Punkt an, nämlich wie Deutschland seine relativen Arbeitsstückkosten gesenkt hat. Deutsche Firmen haben einen Teil ihrer Produktion in die neuen osteuropäischen Mitgliedstaaten, sowie nach Russland und in die Ukraine verlagert.[ 1 ]

Deutschlands beträchtlicher Handelsüberschuss mit seinen südlichen Nachbarn steht im Mittelpunkt des Interesses (Wyplosz 2010). Viele Ökonomen behaupten, Deutschlands Handelsungleichgewicht mit seinen Nachbarn der südlichen Eurozone hätte zu deren Nöten beigetragen. Die deutsche Industrie hat die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Exporte im letzten Jahrzehnt durch eine zurückhaltende Lohnpolitik stark verbessert.

Damit hat die deutsche „Politik der Lohnzurückhaltung“ zu einer beachtlichen Abwertung des fixen nominellen Wechselkurses gegenüber den Mitgliedern der Eurozone geführt und dies verhalf Deutschland, auf Kosten Südeuropas Marktanteile zu gewinnen. Ein Blick auf die Daten zeigt, dass Deutschland gegenüber der EU-27 im Zeitraum von 1994 bis 2009 real gemessen an den Arbeitsstückkosten um 20 Prozent abgewertet hat. Dies ist in der Tat beträchtlich.

Das Argument verdeckt jedoch einen anderen wichtigen Mechanismus, wie Deutschland seine relativen Lohnstückkosten senken konnte: Deutsche Firmen verlagerten einen Teil ihrer Produktion in die neuen EU-Mitgliedstaaten in Osteuropa, nach Russland und in die Ukraine.

Deutschland entdeckt den Osten erst spät

Zu Beginn reagierte Deutschland – beispielsweise im Vergleich zu Österreich – nur langsam auf die neuen Möglichkeiten, die sich mit der Öffnung Osteuropas nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ergaben. Im Jahr 1999 flossen von den gesamten österreichischen Auslandsinvestitionen beinahe 90% nach Osteuropa. Deutschland hingegen investierte magere 4%. Entsprechend betrug das Offshoring, gemessen als Anteil des Handels zwischen deutschen Unternehmen und deren Tochtergesellschaften in Osteuropa – auch Intra-Firmen-Handel genannt –, lediglich 20% der gesamten deutschen Importe aus Osteuropa, während Österreich zur gleichen Zeit beinahe 70% seiner Gesamtimporte von seinen östlichen Nachbarn bezog (Marin 2009).

In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre änderte Deutschland seine Strategie und begann, im grossen Stil in Osteuropa zu investieren. Deutschlands Anteil an ausländischen Investitionen in die Region stieg im Zeitraum von 2004 bis 2006 auf fast 30%.

Die neue Organisation der Unternehmen in einer internationalen Wertschöpfungskette ist entscheidender für die niedrigen deutschen Lohnstückkosten als niedrige Arbeitnehmerlöhne. Schätzungen zufolge hat die Produktionsverlagerung nach Osteuropa nicht nur die Produktivität der deutschen Tochterunternehmen in Osteuropa im Vergleich zu den lokalen Mutterfirmen um beinahe das Dreifache gesteigert, sondern auch die Mutterfirmen in Deutschland konnten durch das Offshoring ihre Produktivität um 20% erhöhen (Hansen 2010 und Marin 2010).

Die Produktionsverlagerung nach Osteuropa hat die im weltweiten Wettbewerb stehenden deutschen Unternehmen schlanker und effizienter gemacht und hat ihnen damit geholfen, sich Marktanteile in einem zunehmend kompetitiven globalen Markt zu sichern. Die Effizienzgewinne durch die reorganisierte Produktion waren nach 2004 besonders ausgeprägt, was zu einem starken Rückgang der relativen Lohnstückkosten im Zeitraum von 2004 bis 2008 führte.

Perfektes Timing

Die Produktivitätsgewinne durch das Offshoring gehören zu den Hauptgründen, warum in Deutschland und Österreich bei der Öffnung von Osteuropa nur wenige Arbeitsplätze verloren gingen. Durch die Entdeckung dieser neuen Produktionsweise waren deutsche und österreichische Unternehmen in der Lage, ihre Kosten zu senken und von den gut qualifizierten Arbeitskräften vor Ort in Osteuropa zu profitieren. Es scheint, dass das Ende des Kommunismus und die Öffnung Osteuropas genau zur richtigen Zeit eintrafen. Der Fall der Mauer erlaubte es den deutschen Unternehmen, die Kosten exakt in jenem Moment zu senken, als die Globalisierung den Wettbewerb verschärfte. Und gleichzeitig ermöglichte es Deutschland, sein besonders in den 1990er Jahren fehlendes Humankapital „aufzustocken“.

Aufgrund der Knappheit an ausgebildeten Arbeitskräften in Deutschland führte die Verlagerung nach Osteuropa auch zu relativ niedrigeren Löhnen für die heimischen Fachkräfte. Die Unternehmen verlagerten vor allem denjenigen Bereich der Wertschöpfungskette nach Osteuropa, der qualifizierte Arbeitskräfte verlangt, um dort die billigeren Fachkräfte zu nutzen. In der Folge sank die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften in Deutschland und setzte deren Löhne unter Abwärtsdruck. Somit hat die Produktionsverlagerung ins Ausland Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit gesteigert, indem deutsche Firmen produktiver wurden und die Löhne für qualifizierte Arbeit sanken.

Was sind die Folgen für Südeuropa?

Deutschland und Österreich haben sich dank veränderter Unternehmensstrategien an die Osterweiterung angepasst. Es wird oft behauptet, dass – im Gegensatz zu den USA – das Problem der Eurozone die fehlende Mobilität auf dem Arbeitsmarkt sowie fiskalischer Zentralismus sei. Aber die empirische Evidenz aus Deutschland und Österreich zeigt, dass Europa einen neuen Anpassungsmechanismus gefunden hat: die Aufspaltung der Wertschöpfungskette nach Osteuropa. In einer Welt der neuen internationalen Arbeitsteilung werden die Firmengrenzen zunehmend wichtiger und die Ländergrenzen zunehmend unwichtiger für die Wettbewerbsfähigkeit Europas als Ganzes.

Literatur

Thorsten Hansen (2010), “Tariff Rates, Offshoring and Productivity: Evidence from German and Austrian Firm-Level Data[ a ]”, Munich Discussion Paper 2010-21, University of Munich.

Dalia Marin (2009), “The New Corporation in Europe[ b ]”, BRUEGEL Policy Brief, Brussels, September.

Dalia Marin (2010), “The Opening Up of Eastern Europe at 20: Jobs, Skills, and ‘Reverse Maquiladoras’ in Austria and Germany[ c ]”, Munich Discussion Paper 2010-14, University of Munich.

Wyplosz, Charles (2010), “Germany, current accounts and competitiveness[ d ]”, VoxEU.org, 31 March. Am 9. April auch auf Ökonomenstimme unter „Deutschland, Leistungsbilanz und Wettbewerbsfähigkeit“ erschienen.


  • 1  Dieser Beitrag ist in einer englischen Version am 20. Juni auf Vox erschienen.

©KOF ETH Zürich, 19. Jul. 2010

 
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Schlagworte

internationaleWertschöpfungsketten, Intra-Firmenhandel, Lohnstückkosten, Offshoring, Produktivität, Unternehmensorganisation, Wettbewerbsfähigkeit

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