Klimapolitik und langfristige Wirtschaftsentwicklung

Umsetzung der Neuen Wachstumstheorie

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Lucas Bretschger und Florentine Schwark, 22. Juli 2010
Klimapolitik und langfristige Wirtschaftsentwicklung 3.43 5 7

Mittels eines neuen Modells für langfristige ökonomische Prognosen, das die verschiedenen Triebkräfte des wirtschaftlichen Wachstums analog der Neuen Wachstumstheorie detailliert abbildet, lassen sich die Auswirkungen von Energie- und Klimapolitik auf die langfristige Entwicklung berechnen. Die modellierten Politik-Szenarien entsprechen den Absenkpfaden für CO2-Emissionenen wie sie im Kopenhagen Akkord vorgesehen sind. Im vorliegenden Fall wurden Daten für die Schweizer Wirtschaft und als politisches Instrument eine CO2-Abgabe verwendet. Aus der Anwendung des Modells ergibt sich als zentrales Resultat: Dass die Schweizer Wirtschaft auch mit einer ambitionierten Klimapolitik weiterhin wachsen kann. Sowohl der gesamte Konsum als auch die einzelnen Branchen werden bei einer deutlichen Reduktion der CO2-Emissionen langfristig zunehmen.[ 1 ]

Verminderung des CO2-Ausstosses

Der weltweite Klimawandel und die Folgen auf Öko- und Wirtschaftssysteme sind wichtige Themen der internationalen Politik. Am Klimagipfel in Kopenhagen wurde das gemeinsame Ziel verabschiedet, die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre auf einem Niveau zu stabilisieren, das gefährliche Einflüsse des menschlichen Verhaltens auf das Klimasystem stark begrenzt. Dabei soll der Anstieg der globalen Temperatur unter 2 Grad Celsius gehalten werden, was CO2-Reduktionen in den Industrieländern zwischen -25% und -40% bis zum Jahr 2020 und zwischen 80% und -95% bis zum Jahr 2050 bedingt. Die Kosten einer solchen Politik können nur mit geeigneten numerischen Modellen berechnet werden.

Das neue „CITE-Modell“ (Computable Induced Technology and Energy Model) bildet eine mehrsektorale Wirtschaft mit einzelnen Branchen, der wirtschaftlichen Verknüpfung mit dem Ausland und den vielfältigen Konsum- bzw. Investitionsentscheidungen detailliert ab, zu den Details vgl. Bretschger et al. (2010). Durch Verwendung von Input-Output-Daten der Schweizer Wirtschaft lassen sich die Auswirkungen der Klimapolitik prognostizieren. Durch die detaillierte Darstellung von einzelnen Branchen (z.B. Banken, Maschinenbau, chemische Industrie) und ihrer Vorprodukte werden ökonomische Wirkungsketten genau analysiert. Konsum und Investitionen bzw. Forschung und Entwicklung werden vom Modell so berechnet, dass in jedem Zeitpunkt eine effiziente Lösung für die Volkswirtschaft erreicht wird.

Endogene Wachstumsdynamiken

Prognosen für die sehr lange Frist bedingen eine möglichst fundierte und verlässliche Abbildung des wirtschaftlichen Wachstums. Genau darin besteht das hauptsächliche Ziel des CITE-Modells. Da viele Entwicklungen sich über Jahre hinweg ändern, ist es notwendig, langfristige Dynamiken möglichst gut modellieren zu können. Diese werden im CITE Modell sehr ausführlich dargestellt. Sie basieren auf den Erkenntnissen der Neuen Wachstumstheorie, vgl. Romer (1990) und Grossman und Helpman, (1991). Entsprechend werden die Wachstumsdynamiken der Ökonomie durch zunehmende Spezialisierungsvorteile und eine wachsende Heterogenität des Kapitals abgebildet. Das Modell bestimmt die Innovations- und Investitionsanreizen, aus denen die Produktivitätsfortschritte resultieren, welche die langfristige Entwicklung treiben.

Durch diese endogenen Dynamiken kann im CITE-Modell in einem bisher nicht vorhandenen Detaillierungsgrad nachgezeichnet werden, wie und wie stark politische Maßnahmen nicht nur Niveau- sondern auch Wachstumseffekte haben, weil der Wachstumspfad einer Ökonomie durch die Politik direkt verändert werden kann. Die Klimapolitik wirkt sich dabei speziell durch die Beeinflussung von Investitionsentscheidungen auf der Ebene der einzelnen Branchen aus.

Kosten der Kopenhagen-Politik

Um die Kosten einer CO2-Abgabe abzuschätzen, muss zunächst festgelegt werden, welche Entwicklung als Referenzpfad genutzt werden soll. Eine Möglichkeit ist ein Business-as-Usual-Szenario („BAU“) ohne Klimawandel und ohne Energieknappheit. Dieser Pfad ist relativ einfach zu berechnen aber sehr unwahrscheinlich – nimmt man die neusten Erkenntnisse der Klimawissenschaften ernst. Eine zweite Möglichkeit ist ein Szenario als Referenzpfad zu wählen, das die Kosten des ungebremsten Klimawandels voll berücksichtigt („KLIMA“). Diese Variante ist weit realistischer, birgt aber einige Schätzunsicherheiten in sich, sodass eine Bandbreite von möglichen Entwicklungen für KLIMA resultiert.

Wir analysieren die relativ stringenten Kopenhagen-Ziele für die Schweiz ohne die Möglichkeit, CO2-Emissionen durch Projekte im Ausland zu verringern. Als politisches Instrument dient eine CO2-Steuer, die abhängig von der Kohlenstoffintensität auf Öl und Gas erhoben wird. CO2-Emissionen müssen bis zum Jahr 2020 um 30% und bis zum Jahr 2050 um 80% verringert werden.

Aus der Anwendung des CITE-Modells können folgende zentrale Folgerungen abgeleitet werden. Im Vergleich zu einer Entwicklung gemäss „BAU“ verursacht die Klimapolitik nach Vorgabe der Kopenhagen-Ziele moderate, aber nicht vernachlässigbare Kosten. Die Wirtschaft zeigt auch mit Klimapolitik ein robustes Wachstum, aber die Entwicklung wird zeitlich etwas verzögert. So liegt im Jahr 2050 das Konsumniveau um rund 4.5 Prozent tiefer als im „BAU“ was bedeutet, dass die Wirtschaft erst etwa zweieinhalb Jahre später den Wohlstand erreicht, der unter „BAU“ erzielt worden wäre. Wird dagegen „KLIMA“ als Referenzpfad gewählt, ermöglichen die klimapolitischen Maßnahmen einen Wachstumspfad, der aus der Bandbreite der möglichen Pfade für „KLIMA“ den günstigsten Prognosen entspricht. Bei allen anderen Pfaden für „KLIMA“ ergibt sich langfristig ein höherer Wohlstand, wenn aktive Klimapolitik gemäss der Kopenhagen-Vereinbarung betrieben wird.

Sektorale Wirkungen

Die Wachstumsdynamiken der einzelnen Branchen hängen grundlegend von den Investitionen und den Forschungsaufwendungen ab (vgl. Graphik 1). Je höher diese ausfallen, desto positiver wirken sie sich auf die Produktivität aus. Zudem hat der Energieanteil in der Produktion einen entscheidenden Einfluss. Je größer dieser ist, desto höher werden die Kosten im Vergleich zu anderen Sektoren. Die individuellen Reaktionen der Branchen spiegeln zudem die Verflechtungen zu anderen Sektoren wider. Da alle Produkte auch als Vorprodukte dienen, ist die Zusammensetzung der Produktion ein entscheidender Faktor für Investitionsentscheidungen. Ein weiterer Einflussfaktor ist die Möglichkeit der einzelnen Branchen, Energie durch andere Inputs, so z.B. Arbeit oder Kapital, zu substituieren.

<p>Graphik 1: Branchenoutput normiert. Abk&uuml;rzungen: MCH-Maschinenbau, 
CHM-Chemische Industrie, INS-Versicherungen, BNK-Banken und 
Finanzdienstleister, HEA-Gesundheitssektor, OSE-Andere Dienstleistungen,
 CON-Bausektor, TRN-Transport, AGR-Agrarwirtschaft, OIN-Andere 
Industrien.</p>

Graphik 1: Branchenoutput normiert. Abkürzungen: MCH-Maschinenbau, CHM-Chemische Industrie, INS-Versicherungen, BNK-Banken und Finanzdienstleister, HEA-Gesundheitssektor, OSE-Andere Dienstleistungen, CON-Bausektor, TRN-Transport, AGR-Agrarwirtschaft, OIN-Andere Industrien.

In der Graphik wird sichtbar, dass der Maschinenbau und die chemische Industrie in der Schweiz am meisten von einer CO2-Abgabe profitieren. Die Dienstleistungen profitieren ebenso oder zumindest verlieren nur sehr wenig durch eine CO2-Abgabe. Die Industrien (ohne MCH und CHM) verringern ihre Produktion im Vergleich zum „BAU“, wachsen aber weiterhin stetig.

Die einzelnen Sektoren werden also von der CO2-Abgabe unterschiedlich stark betroffen. Ist die Politik im Inland ambitionierter als im Ausland, ergibt sich eine leichte Akzentuierung des Strukturwandels. Eine Zunahme der Arbeitskräfte in der Schweiz, beispielsweise durch Migration, hat jedoch nur geringe Auswirkungen. In der obigen Analyse wurde von einer Rückverteilung an die Haushalte ausgegangen. Die Verwendung von CO2-Abgaben für Subventionen an Forschung und Entwicklung hat langfristig positive Wachstumseffekte.

Folgerungen

Die mit dem CITE-Modell berechneten Szenarien zeigen, dass die Wachstumsraten der Schweizer Wirtschaft auch bei einer ambitionierten Klimapolitik positiv bleiben. Werden negative Folgen des ungebremsten Klimawandels angenommen, kann durch die CO2-Absenkung eine Versicherungswirkung erzielt werden, da die Pfade mit einer sehr ungünstigen Einkommensentwicklung vermieden werden können. Allerdings ist die Verbesserung der Entwicklung nur dann möglich, wenn die Klimapolitik international koordiniert wird, denn ein einzelnes Land allein kann das globale Problem nicht lösen. Eine im Vergleich zum Ausland schärfere Klimapolitik führt gemäss unseren Berechnungen zu grösseren Chancen bei den Gewinnerbranchen und zu etwas ungünstigeren Bedingungen für die strukturell schwächeren Bereich. Ein genereller Vor- oder Nachteil einer unilateral stärkeren Politik ist aber nicht abzusehen.

Literatur:

Bretschger, L., Ramer, R., Schwark, F. (2010): „Long-Run Effects of Post-Kyoto Policies: Applying a Fully Dynamic CGE model with Heterogeneous Capital,“ CER-ETH Economics Working Paper Series 10/129, ETH Zurich.

Grossman, G.M., Helpman, E. (1991): Innovation and Growth in the Global Economy, MIT Press, Cambridge, USA.

Romer, P. M. (1990): “Endogenous Technical Change”, Journal of Political Economy 98 (5), 71-102.


©KOF ETH Zürich, 22. Jul. 2010

 
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Schlagworte

CGE-Modelle, CO2-Politik, Energie, heterogenesKapital, Wachstum

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