Deutsche Lohnzurückhaltung hilft den Nachbarn

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Gabriel FelbermayrRolf J. LanghammerMario Larch und Wolfgang Lechthaler, 30. Juni 2010
Deutsche Lohnzurückhaltung hilft den Nachbarn 3.33 5 43

Die relativ moderaten Lohnerhöhungen im Vergleich zu den Nachbarstaaten und die Arbeitsmarktreformen in Deutschland sind von einigen Beobachtern mitverantwortlich gemacht worden für die Euro-Krise, nicht zuletzt von der französischen Finanzministerin Lagarde. Unbestritten ist, dass Deutschland durch eine stärkere Lohnzurückhaltung real gegenüber den Partnerstaaten in der Euro-Zone abgewertet und seine Wettbewerbsposition verbessert hat. Deutschland, so der Vorwurf, würde damit Arbeitslosigkeit „exportieren“. Ältere Handelstheorien hätten Frau Lagardes Vorwurf mitgetragen: Deutschland als das mit Kapital am reichlichsten ausgestattete Land in Europa senkt durch Arbeitsmarktreformen den Preis für seine Arbeit und wird dadurch bei arbeitsintensiven Produkten wettbewerbsfähiger.

Als Konsequenz gehen die arbeitsintensiven Importe Deutschlands zurück und die Arbeitslosigkeit in den Ländern der Handelspartner nimmt zu, falls diese nicht bereit oder in der Lage sind, ihre Löhne zu senken. Zudem würde Deutschland international wettbewerbsfähiger und Handelspartner auf den internationalen Märkten verdrängen, was wiederum die Arbeitlosigkeit in den Partnerländern erhöht. Soweit die Ergebnisse älterer Forschungen.

Jüngere Erkenntnisse, anderes Ergebnis

Jüngere Erkenntnisse kommen aber zu einem ganz anderen Ergebnis. Entscheidend für die Ergebnisse älterer Ansätze ist die Annahme einer vollkommenen Konkurrenz auf den Gütermärkten. Zahlreiche empirische Untersuchungen zeigen, dass diese Annahme nicht haltbar ist. Durch Produktinnovationen, stetig variierende Wünsche der Konsumenten und Größenvorteile von einzelnen Unternehmen bei der Produktion neuer Produkte entstehen immer wieder kurzzeitige Monopolstellungen einzelner Unternehmen. Durch Imitation nimmt diese Monopolstellung im Laufe der Zeit ab, und neue Produktinnovationen verschaffen unternehmerischen Vorreitern eine neue monopolähnliche Marktmacht.

Berücksicht man diese empirischen Erkenntnisse, so wird deutlich, dass Arbeitsmarktreformen in einem Land die Handelspartner grundsätzlich begünstigen. Arbeitsmarktreformen in Deutschland erhöhen die inländische Beschäftigung und das inländische Lohneinkommen. Die Nachfrage steigt, und ein Teil dieser Nachfrage richtet sich auf Importe aus den Partnerländern, deren Beschäftigung dadurch zunimmt. Noch wichtiger ist: Deutsche Arbeitsmarktreformen lösen einen Selektionsdruck auf die Unternehmen in den Partnerstaaten aus. Ineffiziente Unternehmen scheiden aus und machen Platz für effizientere Unternehmen, so dass dort die (durchschnittliche) Produktivität zunimmt. Es sind gerade diese effizienten Unternehmen, die auf die steigende Importnachfrage in Deutschland reagieren können und davon profitieren, noch produktiver werden und mehr Arbeitskräfte nachfragen. Die beiden Effekte, der Einkommens- und der Selektionseffekt, wirken also zusammen zugunsten des Strukturwandels im Partnerland und damit zugunsten steigender Beschäftigung.

3 wichtige Ergebnisse

Empirische Studien kommen in diesem Zusammenhang zu drei wichtigen Ergebnissen: Erstens sind heimische Arbeitsmarktverzerrungen um das Zehnfache schädlicher für die inländische Beschäftigung, als ausländische Verzerrungen. Der Ball liegt also im eigenen Feld.

Zweitens wirken Arbeitsmarktreformen in einem Land umso positiver auf die Beschäftigung beim Handelspartner, je offener dieser für den internationalen Handel ist. Diese Bedingung ist angesichts der Handelsintensität in der EU gegeben, da Deutschland in der EU Handel mit vielen kleinen offenen Volkswirtschaften betreibt.

Und drittens sind kleine Volkswirtschaften von Arbeitsmarktverzerrungen im Partnerland viel stärker negativ betroffen, als große Volkswirtschaften. So würde die österreicherische Arbeitslosigkeit doppelt so stark wie die in Deutschland steigen, sollte die Arbeitslosigkeit in anderen Ländern zunehmen.

Frau Lagarde sollte diese Einsichten aus zwei Gründen ernst nehmen. Erstens, machen deutsche Arbeitsmarktreformen französische Unternehmen dank des Einkommens- und Selektionseffekts fitter für den Wettbewerb und somit aufnahmefähiger für neue Beschäftigung. Zweitens sprechen diese Effekte für mehr Reformkoordination in der EU (ein altes Anliegen Frankreichs), weil die Handelsintensität nach jahrezehntelanger Integration hoch ist und die Übertragung der Effekte von Reformen in einem Land auf ein anderes Land daher rasch erfolgt. So wie im positiven Fall Arbeitsmarktreformen in einem Land die Beschäftigung in einem anderen Land steigen lassen kann, kann es auch dazu kommen, dass sich beschäftigungsbeeinträchtigende Maßnahmen in einem Land negativ auf die Beschäftigung im Partnerland auswirken. Politiker könnten daher versucht sein, Partner an den Kosten der eigenen schädlichen Politiken zu beteiligen. Mehr Reformkoordination wäre das Mittel dagegen.

©KOF ETH Zürich, 30. Jun. 2010

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat 4 Kommentare.
  • Arbeitsmarktreformen überschätzt

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    "... so wird deutlich, dass Arbeitsmarktreformen in einem Land die Handelspartner grundsätzlich begünstigen."

    Wenn es so einfach wäre, woher stammen dann die strukturellen Exportüberschüsse? Und sind diese deshalb unproblematisch?

    Etwas mehr makroökonomisches Denken könnte nicht schaden. Konstruktive Vorschläge zum Abbau der außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte sind gefragt, nicht ihre Rechtfertigung mit fragwürdigen Argumenten.

  • 2 Kommentare

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    Sehr geehrte Autoren,

    es wäre interessant und notwendig die Quellen (Arbeitspapiere, die "zahlreichen empirischen Studien") zu erwähnen, auf denen Sie ihre Thesen stützen.

    Desweiteren zwei Bedenken, die ich kurz ansprechen möchte.

    (1)
    Sie sagen: Ineffiziente Unternehmen in anderen Mitgliedsstaaten scheiden als Resultat des deutschen Selektionsdruck aus. Ihre Theorie geht anschließend davon aus, dass effizientere Unternehmen deren Platz einnehmen und wettbewerbsfähigere Produkte herstellen die in Deutschland nachgefragt werden und die Produktion ausweiten.

    Was passiert allerdings, wenn das nötige Innovationspotential schlichtweg fehlt, weil evtl. nicht oder in wenig marktfähigen Bereichen Forschung und Entwicklung betrieben wird? Was, wenn der Technologietransfer aus Hochschulen in die Wirtschaft nicht gelingt?

    (2)
    Der zweite Hinweis, den Sie Frau Lagarde geben, entzieht dem ersten seine Daseinsberechtigung: Können wir nicht davon ausgehen, dass die fehlende Reformkoordination - und damit implizieren wir das Fehlen bzw. verzögerte Umsetzen von Reformen in Frankreich - die Unternehmen daran hindert, sich an einen verschärften Wettbewerb anzupassen?

    Mit besten Grüßen,
    A. Schreiber

  • Deutsches Importwunder?

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    Liebe Autoren, Sie schreiben:
    "Arbeitsmarktreformen in Deutschland erhöhen die inländische Beschäftigung und das inländische Lohneinkommen. Die Nachfrage steigt, und ein Teil dieser Nachfrage richtet sich auf Importe aus den Partnerländern, deren Beschäftigung dadurch zunimmt."

    Das wäre interessant, wenn das stimmen würde. Schauen wir uns aber einmal die Zahlen der VGR an. Demnach haben die Importe von 2000 auf 2008 preisbereinigt zwar um 47 % zugenommen, Die Exporte haben aber gleichzeitig um 68,7 % zugenommen, während der private Konsum über die ganzen Jahre real nur um 2,9 % zugenommen hat, weitaus weniger als der reale BIP-Zuwachs in dieser Zeit.

    Offenbar hatten die Arbeitsmarktreformen, wenn sie denn einen Effekt hatten, keinen positiven Effekt auf die private Nachfrage. Der Importzuwachs scheint Exportproduktion gedient zuhaben.

  • Kein Titel

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    Das dem Artikel zugrunde liegende Papier ist „Unemployment in an Interdependent World“ (Kiel working Paper 1540 und CESifo working paper 2788).
    Im theoretischen Teil wird Arbeitslosigkeit in das Selektionsmodell von Melitz (Econometrica, 2003) eingebaut und es zeigt sich, dass Lohnzurückhaltung in einem Land nicht nur die eigene Arbeitslosigkeit verringert, sondern auch die der Handelspartner. Das Melitz-Modell ist derzeit das wichtigste Modell im Außenhandel, weil es wichtige Daten sehr gut abbilden kann, aber natürlich gibt es wie jedes Modell die Realität nur verkürzt wider. Dennoch werden unsere Vorhersagen bezüglich Arbeitslosigkeit in den Daten bestätigt, wie der empirische Teil unseres Papiers belegt.
    Natürlich ist das nicht das letzte Wort der Debatte, aber es zeigt sich einfach, dass man das Bild differenzierter betrachten muss, bevor man Deutschland für seine Lohnpolitik verurteilen kann.

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Gabriel Felbermayr

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Schlagworte

Arbeitslosigkeit, Euro-Krise, Handelstheorie, Löhne

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