Alternativen zur UNESCO-Liste des Welterbes

5425 mal gelesen

Bruno S. Frey und Lasse Steiner, 14. Juni 2010
Alternativen zur UNESCO-Liste des Welterbes 3.88 5 33

Die UNESCO-Liste des Welterbes erfreut sich ausserordentlicher Popularität. Viele der Welterbestätten sind bedeutende Touristenattraktionen und Ikonen der nationalen Identität. Die Anfänge der Welterbe-Liste liegen im Jahr 1959, als die UNESCO eine viel beachtete und erfolgreiche Kampagne für den Erhalt des Abu Simbel-Tempels im Nil-Tal lancierte. Im November 1972 verabschiedete die Generalkonferenz der UNESCO das Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt (Welterbekonvention).

Die Idee der Konvention ist, „...dass Teile des Kultur- oder Naturerbes von außergewöhnlicher Bedeutung sind und daher als Bestandteil des Welterbes der ganzen Menschheit erhalten werden müssen“. Das Übereinkommen umfasst mittlerweile 186 Länder und 919 Stätten (706 kulturelle, 187 natürliche, 26 gemischte). Als Entscheidungsgrundlage für die Aufnahmeeiner Stätte in die Liste dienen die 10 UNESCO-Kriterien der Unterschutzstellung. Nominierte Stätten müssen mindestes eines dieser Kriterien als auch die übergeordneten Aspekte der Einzigartigkeit, Authentizität und Unversehrtheit erfüllen.

Die Vor- und die (vernachlässigten) Nachteile

Die UNESCO-Liste gilt als hervorragender Beitrag zum Erhalt des Welterbes. Die vorteilhaften Auswirkungen der Liste sind die erhöhte Aufmerksamkeit verschiedenster Akteure und der bereitgestellte Schutz. Informiert durch Experten und die Medien, werden bestimmte Stätten der breiten Öffentlichkeit bekannt, was vor allem Auswirkungen auf die Erträge aus dem Tourismus der betreffenden Stadt oder Region hat. Durch die Popularität der Liste haben politische Entscheidungsträger einen Anreiz, sich für den Erhalt der Stätten einzusetzen. Des Weiteren wird die Aufmerksamkeit von potenziellen Spendern geweckt. Auch gewinnorientierte Firmen können versuchen, die Bekanntheit der Welterbestätten auszunutzen. Die Welterbekommission selber stellt vor allem technische, jedoch kaum finanzielle, Hilfe zur Verfügung (das Budget beträgt gerade einmal bescheidene 4 Millionen US-Dollar).

Neben den unbestrittenen positiven Auswirkungen der Liste gibt es allerdings auch eine Reihe negativer Aspekte, die gewöhnlich übersehen werden. So kann die Auswahl der Stätten als fragwürdig betrachtet werden. Zum einen ist das Konzept der Welterbeliste stark westlich geprägt. Zum anderen wird die Auswahl der verschiedenen Kultur- oder Naturstätten von Experten vorgenommen (und damit implizit auch deren Wert bestimmt) und nicht etwa durch Zahlungsbereitschaftsstudien, die den tatsächlichen Nutzen für die Bevölkerung messen. Wegen der monetären Erträge und des Prestigegewinns wird der Prozess der Aufnahme in die Liste durch „rent seeking“ beeinflusst und hängt nicht nur von den vermeintlich objektiven UNESCO-Kriterien ab. Als Konsequenz engagieren sich verschiedene Länder unterschiedlich stark, um auf die Liste zu gelangen. So haben die 21 Länder in dem Welterbekomitee 30% der Stätten nominiert.

Europa und ansonsten Leere

Ökonometrische Untersuchungen zeigen, dass politisch einflussreichere Länder mit grösserer Wahrscheinlichkeit auf die Liste gelangen. 54% der kulturellen Stätten befinden sich in Europa, während in Schwarzafrika oder den Arabischen Länder nur 9% bzw. 7% aller Stätten liegen. Auch die Verteilung des Welterbes pro Kopf ist stark zu Gunsten der Europäer verzerrt (52 Stätten pro 100 Millionen Einwohner gegenüber 18 in den beiden Amerikas oder nur 11 in Schwarzafrika). Die Verteilung pro Quadratkilometer wird ebenfalls von den Europäern angeführt. Die fragwürdige Auswahl wird deutlich, wenn man sich beispielsweise vor Augen führt, dass in der Schweiz die Altstadt von Bern gelistet ist, nicht aber diejenige von Basel oder Luzern; oder das Kloster in St. Gallen, nicht aber die ähnlich bedeutenden Benediktinerklöster in Engelberg oder Einsiedeln.

Die Anzahl der Stätten auf der Liste wächst kontinuierlich, während so gut wie nie welche von der Liste gestrichen werden (mit Ausnahme des Elbtales bei Dresden und eines Wildschutzgebiets im Jemen). Wenn eine Stätte in die Liste aufgenommen wird, können unerwünschte Substitutionseffekte auftreten. Stätten, die nicht auf die Liste gelangen, erhalten weniger Aufmerksamkeit und finanzielle Ressourcen, was ihren Erhalt erschweren bzw. ihren Verfall beschleunigen kann. Der Verlust der Nicht-UNESCO-Stätten kann also unter Umständen grösser sein, als der Gewinn der gelisteten Stätten, was das globale Erbe als Ganzes schädigen würde.

Eine weitere negative Auswirkung der durch die Liste verursachten Popularität ist die Zerstörung der Stätten. Ein Faktor sind hierbei die wachsenden Besucherströme. Venedig mit 39.000 Besuchern pro Tag oder Macchu Picchu sind akut betroffen. Als nationale Ikonen können Stätten des Weltkulturerbes aber auch ein Ziel in Kriegszeiten oder von terroristischen Aktivitäten werden. Man denke hierbei an die Brücke in Mostar oder die Bombardierungen von Sarajevo und Dubrovnik.

Handelbare Zertifikate als Alternative

Die UNESCO-Liste wird häufig diskutiert, als gäbe es keine möglichen Alternativen. Da die Liste einige signifikante Nachteile hat, lohnt es sich, über andere Methoden zum Erhalt des Welterbes nachzudenken. Aus unserer Sicht existieren zumindest drei ernsthafte Alternativen.

Wenn die Nachteile der Liste (v.a. die Zerstörung von Weltkulturstätten) die Vorteile überwiegen, ist es vorteilhaft auf Eingriffe zu verzichten, d.h. keine Liste zu erstellen. Die beliebtesten Stätten, wie der Aachener Dom, würden selbstverständlich auch ohne die Liste noch bestehen.

Wenn keine externen Effekte vorliegen, kann der Markt genutzt werden, um das Welterbe zu erhalten. Allerdings liegen gerade im kulturellen Sektor starke externe Effekte vor (wie Bildungs-, Prestige- oder Vermächtniswert). Das öffentliche Gut des Welterbes zu schützen wird durch die von Frey und Pamini (2009) vorgeschlagenen handelbaren Weltkultur-Zertifikate angestrebt. Die Vereinten Nationen müssen eine Liste der schützenswerten Stätten verabschieden. Jede Stätte wird mit einem handelbaren Zertifikat ausgestattet, die Kosten des Zertifikates sind umso niedriger je geringer die Kosten zum Erhalt der jeweiligen Stätte sind. Als Konsequenz werden nicht nur eigene Stätten geschützt (was aufgrund abnehmender Grenzerträge teuer ist), sondern die finanziellen Mittel dort eingesetzt, wo sie am produktivsten sind. Damit soll eine effiziente Allokation der zum Schutz unserer Weltkultur aufgewendeten Ressourcen erreicht werden.

Es existieren verschiedene konkurrierende Listen zu derjenigen der UNESCO. Es gibt eine grosse Anzahl von Reiseführern (z.B. “1000 Places to See Before You Die”) oder anderen Büchern, die darüber informieren, welche kulturellen Stätte oder Landschaften einen Besuch wert sind. Diese Bücher überschneiden sich in beträchtlichem Ausmass mit der UNESCO-Liste. Darüber hinaus verfügen viele (v.a. der reicheren) Staaten über eigene nationale Listen.

Unter welchen Bedingungen ist die UNESCO-Liste vorteilhaft?

Da sowohl die UNESCO-Liste als auch die Alternativen Vor- und Nachteile haben, stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen die jeweilige Methode das Welterbe am besten schützt. Die Welterbe-Liste der UNESCO ist unter folgenden Bedingungen vorteilhaft:

  • Die Stätte war bislang unentdeckt oder wenig bekannt. Die Aufnahme in die Liste und damit verbundene Aufmerksamkeit der staatlichen Entscheidungsträger unterstützt dann den Erhalt der Stätte.
  • Bei kommerziell wenig erschlossenen Stätten, z.B. solchen, die schwer zu erreichen sind, wird durch die Aufnahme auf die Liste auch die touristische Infrastruktur erweitert.
  • Einige Regionen oder Staaten erkennen den Wert einer Stätte als globales öffentliches Gut nicht an. Ein extremes Beispiel ist die Zerstörung der Buddhas von Bamiyan. Offen ist, ob die Liste die Zerstörung seitens lokaler Regierungen verhindern könnte. Allerdings ist bekannt, dass selbst autoritäre Regime in einem gewissen Masse auf äusseren Druck reagieren.
  • Wenn die nationalen oder lokalen Regierungen durch finanzielle Restriktionen nicht in der Lage sind, ihr Kulturerbe zuschützen, kann die Aufnahme auf die Liste ausländische Investoren anziehen. Auch ein lokaler Mangel an Fachwissen zum Erhalt der Stätte kann durch die technische Hilfe der Welterbekommission ausgeglichen werden.

Wann die Alternativen?

Kein Eingriff, Marktkräfte oder konkurrierende Listen schützen dagegen unter folgenden Bedingungen kulturelles oder natürliches Erbe besser:

  • Wenn die Stätten bereits gut bekannt sind, wie das Kolosseum oder Stonehenge, wird die UNESCO-Liste nicht benötigt, um sicherzustellen, dass ausreichende Mittel zur Erhalt der Stätte vorhanden sind.
  • Wenn die verursachten Externalitäten nur klein sind, funktioniert das Preissystem erfolgreich. Bei stärkeren Externalitäten müssen geeignete Regulierungen (etwa bezüglich der Anzahl Besucher) verwendet werden.
  • Wenn die Aufnahme bestimmter Stätten zu starken Substitutionseffekten führt und das globale Erbe insgesamt geschädigt wird. In diesem Fall sind nationale oder regionale Listen vorzuziehen, da sie insgesamt mehr und auch ansonsten vernachlässigte Stätten einbeziehen können.
  • Wenn Stätten ein besonderes Zerstörungspotenzial besitzen (z.B. nationale Ikonen) sind dezentrale Listen vorzuziehen. Sie erzeugen weniger Aufmerksamkeit und bieten einen kleineren Anreiz für Terroristen oder in Kriegszeiten.

Die UNESCO-Liste stellt zweifellos einen grossen Fortschritt zur Erhaltung des kulturellen und natürlichen Welterbes dar. Die Liste hat jedoch auch negative Auswirkungen. Unter manchen Bedingungen sind Alternativen, wie der Markt oder nationale Listen, geeigneter um das Welterbe zu bestimmen und zu bewahren.

©KOF ETH Zürich, 14. Jun. 2010

 
Alternativen zur UNESCO-Liste des Welterbes 3.88 5 33

Kommentare

Dieser Artikel hat noch keine Kommentare.
Sie müssen sich anmelden um Kommentare zu schreiben.

Autoren

Bruno S. Frey

Bruno S. Frey

Lasse Steiner

Lasse Steiner

Schlagworte

Kulturzertifikate, UNESCO, Weltkulturerbe, öffentlichesGut

Weitersagen

Ähnliche Artikel