Das Vertrauen in das Bankensystem während der Finanzkrise

Ein Rückgang, aber kein Zusammenbruch

6634 mal gelesen

Markus Knell und Helmut Stix, 4. Mai 2010
Das Vertrauen in das Bankensystem während der Finanzkrise 3.50 5 10

Eine im Zusammenhang mit der Finanzkrise von 2007-09 häufig geäußerte Behauptung ist, dass diese einen massiven Vertrauensverlust in Finanzinstitutionen hervorgerufen hat. Diese Einschätzung findet sich in zahlreichen Artikeln, Kommentaren und Reden bzw. in der öffentlichen Debatte wieder. So heißt es etwa in der jüngsten Ausgabe des „Report on the European Economy“ der European Economic Advisory Group (EEAG): “One important factor that can explain the extremely rapid deterioration in economic activity was the collapse in trust. Starting in summer 2008 something very important was destroyed: first the trust that intermediaries have in each other and then the trust that investors have in the financial industry” (EEAG, 2010, 53).[ 1 ] Ähnliche Ansichten äußerten auch Shiller (2009), Sapienza und Zingales (2009), Davis (2009) und Holdane (2009).[ 2 ]

Vertrauensverlust kein neues Phänomen

Die große Bedeutung, die dem Vertrauen in das Finanzsystem beigemessen wird, ist kein ausschließlich der aktuellen Krise geschuldetes Phänomen. Das kann man auch daran ablesen, dass bereits Walter Bagehot in seinem 1873 erschienenen Werk „Lombard Street“ wiederholt darauf verwiesen hat: „Credit – the disposition of one man to trust another – is singularly varying. In England, after a great calamity, everybody is suspicious of everybody; as soon as that calamity is forgotten, everybody again confides in everybody.” (Bagehot, 1873, S. 65).

Ist nun das Vertrauen in Finanzinstitutionen tatsächlich so stark eingebrochen? Die Beantwortung dieser Frage wird durch die spärliche Datenlage über das Vertrauen in Krisenzeiten bzw. unter normalen Bedingungen erschwert. So gibt es einerseits Evidenz über Veränderungen des Vertrauens in die Europäische Zentralbank (Gros und Roth, 2009), während auf der anderen Seite der De-facto-Zusammenbruch des Interbankenmarkts Rückschlüsse über das tiefe Misstrauen zwischen den Banken zulässt.

Diese beiden Aspekte lassen jedoch einen wesentlichen Faktor außer Acht: das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Bankensystem. Die vorhandene Evidenz zu diesem Thema weist wiederum typischerweise den Nachteil auf, dass sie auf Erhebungen beruht, die durchgeführt wurden, als die Finanzkrise bereits voll entbrannt war (ICM, 2009). Anhand dieser Daten ist es aber nicht möglich, die Entwicklung des Vertrauens vor und nach der Krise zu vergleichen. [ 3 ]

Wie groß ist der Vertrauensverlust in Österreich?

Um diesem Informationsdefizit über das öffentliche Vertrauen in das Bankensystem beizukommen, haben wir auf eine von der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) quartalsweise durchgeführte Erhebung zurückgegriffen. Diese beinhaltet Fragen über das Vertrauen in das heimische Bankensystem und in verschiedene andere Institutionen. Die Analyse der österreichischen Situation ist dabei aus verschiedenen Gründen von besonderem Interesse:

Erstens ist Österreich – neben Belgien, Portugal und den Niederlanden – eines der wenigen Länder, das zwischen 1945 und 2007 von schweren Bankenkrisen verschont wurde (vgl. Rogoff und Reinhardt, 2009). Das Vertrauen in das Bankensystem ist dementsprechend relativ hoch, und zwar sowohl im Vergleich zu anderen Ländern (vgl. ICM, 2009) als auch im Vergleich zu anderen heimischen Institutionen. Zweitens wurden die österreichischen Banken aufgrund ihres umfangreichen Engagements in Zentral-, Ost- und Südosteuropa von vielen Seiten als besonders krisenanfällig eingestuft. Aus diesen beiden Faktoren ergibt sich ein relativ hohes Ex-ante-Potenzial für eine Abnahme des Vertrauens der österreichischen Bevölkerung in den Finanzsektor.

Abbildung 1 stellt den Anteil der Befragten dar, die für den Zeitraum von 2004 bis 2010 angaben, dem heimischen Bankensystem zu vertrauen. Das Vertrauen in den Bankensektor ging von einem durchschnittlichen Wert von 79% vor der Krise auf durchschnittlich 70% danach zurück. Der unmittelbar nach dem Ausbruch der US-Subprime-Krise verzeichnete Vertrauensverlust im dritten Quartal 2007 wurde bis Mitte 2008 rasch wettgemacht. Mit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers kam es neuerlich zu einem deutlichen – und auch länger anhaltenden – Rückgang des Vertrauens, wobei der bislang niedrigste Wert (65%) im ersten Quartal 2009 erzielt wurde. Zweifelsfrei kann man also von einem deutlichen Rückgang des Vertrauens in das Bankensystem sprechen.

Vertrauensverlust ja – Vertrauenskrise nein

Aus zweierlei Gründen scheint es uns jedoch nicht gerechtfertigt, angesichts dieser Entwicklung von einer regelrechten Vertrauenskrise zu sprechen: Erstens wird das Bankensystem immer noch als eine der vertrauenswürdigsten österreichischen Institutionen eingeschätzt (mit dem 4. Platz von insgesamt 11 Institutionen). Zweitens war der Vertrauensrückgang während der aktuellen Krise nicht maßgeblich stärker ausgeprägt als jener, der auf eine kleine, nichtsystemische Bankenkrise im zweiten Quartal 2006 folgte (wie in der Abbildung eindeutig erkennbar ist).

Abbildung 1: Anteil der österreichischen Bevölkerung mit großem oder sehr großem Vertrauen in das heimische Bankensystem

<p>Quelle: Knell und Stix (2009). Die zwei vertikalen Linien markieren den Beginn der US-Subprime-Krise im August 2007 bzw. den Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008.</p>

Quelle: Knell und Stix (2009). Die zwei vertikalen Linien markieren den Beginn der US-Subprime-Krise im August 2007 bzw. den Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008.

Die verwendeten Daten erlauben es uns, über eine rein deskriptive Analyse hinauszugehen und auch die Determinanten des Vertrauens zu untersuchen.[ 4 ]   Ziel ist es herauszufinden, ob der Vertrauensverlust ein autonomes, unerklärbares Ereignis darstellt oder ob er vielmehr bloß eine Konsequenz des eingetrübten Wirtschaftsklimas ist. Falls letzteres zutrifft, so sollte das Vertrauen in den Finanzsektor nach Abklingen der Turbulenzen wieder Werte wie vor der Krise erreichen. In ersterem Fall dürfte der Vertrauensverlust hingegen ein dauerhaftes Phänomen mit potenziell schädlichen Folgen für verschiedene Aspekte der Finanzintermediation sein (vgl. Guiso et al., 2004).

Unsere Regressionsergebnisse deuten darauf hin, dass das Vertrauen in das Bankensystem in erster Linie durch subjektive Stimmungsvariablen – wie etwa die Einschätzung der aktuellen Wirtschafts- und Finanzlage und die diesbezügliche Erwartungshaltung – beeinflusst wird. Die Abnahme des Vertrauens in das Finanzsystem im Zuge der aktuellen Krise kann jedoch nur zum Teil durch eine Veränderung dieser subjektiven Variablen erklärt werden. So stieg z. B. der Prozentsatz jener, die eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage erwarteten, während der Krise von 25% auf 31% an. Unter Berücksichtigung des geschätzten Koeffizienten (marginaler Effekt: -0,06) kann dadurch jedoch nur eine Abnahme des Vertrauens um 0,4 Prozentpunkte erklärt werden ( ). Das Ergebnis legt also den Schluss nahe, dass der Vertrauensverlust nicht nur dem Wirtschaftsabschwung zuzuschreiben ist, sondern vielmehr eine unabhängige Entwicklung darstellt.[ 5 ]

Mehr Informationen erhalten Vertrauen

Die Datenreihe kann des Weiteren für eine Analyse hinsichtlich der Ansteckung von Vertrauen und Misstrauen genutzt werden. Wir verwenden dazu die kleine, isolierte Bankenkrise des Jahres 2006 und untersuchen, wie sich das Vertrauen in das Bankensystem bei Kunden und Nicht-Kunden des in Schwierigkeiten geratenen Kreditinstituts entwickelt hat. Die Ergebnisse zeigen Vertrauensverluste bei beiden Gruppen, was auf die Existenz von Ansteckungseffekten hinweist. Zusätzlich gehen wir noch der Frage nach, inwieweit sich die im Oktober 2008 in zahlreichen Ländern umgesetzte Ausweitung der Einlagensicherung auf das öffentliche Vertrauen in das Bankensystem ausgewirkt hat. Es zeigt sich hierbei, dass bessere Information über die Anhebung der Einlagensicherung zur Bewahrung des Vertrauens beigetragen hat.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Finanzkrise das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Bankensystem geschwächt, aber nicht völlig untergraben hat. Auf jeden Fall haben die unterschiedlichen politischen Maßnahmen (einschließlich der auf eine Beruhigung der Lage abzielenden Kommunikation) und die Ausweitung der Einlagensicherung eine dramatische Verschlechterung der öffentlichen Stimmung bzw. panikartige Reaktionen verhindert. Dazu dürfte letztlich auch die Tatsache beigetragen haben, dass es am Höhepunkt der Krise zu keinem Zusammenbruch einer großen heimischen Bank gekommen ist. Für weiterführende Analysen wäre es interessant, Daten verschiedener Länder zu verwenden, um die Verbindung zwischen Veränderungen des Vertrauens in das Finanzsystem und der Massivität von Bankenproblemen bzw. der Ausgestaltung wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu untersuchen.

Literatur

Alesina, A. und La Ferrara, E. (2002), “Who Trusts Others?”, Journal of Public Economics 85(2), 207-234.
Bagehot, W. (1873), Lombard Street: A Description of the Money Market, Dodo Press.
Davies, H. (2009), “A Crisis of Trust”, Project Syndicate, Oktober 2009.
EEAG (2010), “A trust-driven financial crisis”, Chapter 2, in: The EEAG Report on the European Economy 2010, München, 53-70.
Gros, D. und Roth, F. (2009), “The Crisis and Citizens' Trust in Central Banks”, VoxEU.org, 10. September 2009.
Guiso, L., Sapienza, P. und Zingales, L. (2004), “The Role of Social Capital in Financial Development”, American Economic Review 94(3), 526-556.
Haldane, A. (2009), „Credit is Trust”, Speech given at the Association of Corporate Treasurers, Leeds, 14. September 2009.
ICM (2009), “Crisis Index. Worldwide Barometer of the Global Downturn”, Third Report, August 2009 (http://www.icmresearch.co.uk/white-papers/icm-research-crisis-index-global-report-aug-2009.pdf[ a ] )
Knell, M. und Stix, H. (2009), „Trust in banks? Evidence from normal times and from times of crises”, OeNB Working Paper 158 (http://ideas.repec.org/p/onb/oenbwp/158.html[ b ]).
Rogoff, K. und Reinhart, C. M. (2009), This Time Is Different: Eight Centuries of Financial Folly, Princeton University Press.
Sapienza, P. und Zingales, L. (2009), A Trust Crisis. (http://faculty.chicagobooth.edu/brian.barry/igm/atrustcrisis.pdf.[ c ])
Shiller, Robert J. (2009), “Animal Spirits Depend on Trust. The proposed stimulus isn't big enough to restore confidence”, The Wall Street Journal, 21. Jänner 2009.

Eine im Zusammenhang mit der Finanzkrise von 2007-09 häufig geäußerte Behauptung ist, dass diese einen massiven Vertrauensverlust in Finanzinstitutionen hervorgerufen hat. Diese Einschätzung findet sich in zahlreichen Artikeln, Kommentaren und Reden bzw. in der öffentlichen Debatte wieder. So heißt es etwa in der jüngsten Ausgabe des „Report on the European Economy“ der European Economic Advisory Group (EEAG): “One important factor that can explain the extremely rapid deterioration in economic activity was the collapse in trust. Starting in summer 2008 something very important was destroyed: first the trust that intermediaries have in each other and then the trust that investors have in the financial industry” (EEAG, 2010, 53).(Link zum Text durch Fussnote) Ähnliche Ansichten äußerten auch Shiller (2009), Sapienza und Zingales (2009), Davis (2009) und Holdane (2009).

 

Vertrauensverlust kein neues Phänomen

Die große Bedeutung, die dem Vertrauen in das Finanzsystem beigemessen wird, ist kein ausschließlich der aktuellen Krise geschuldetes Phänomen. Das kann man auch daran ablesen, dass bereits Walter Bagehot in seinem 1873 erschienenen Werk „Lombard Street“ wiederholt darauf verwiesen hat: „Credit – the disposition of one man to trust another – is singularly varying. In England, after a great calamity, everybody is suspicious of everybody; as soon as that calamity is forgotten, everybody again confides in everybody.(Bagehot, 1873, S. 65). 

 

Ist nun das Vertrauen in Finanzinstitutionen tatsächlich so stark eingebrochen? Die Beantwortung dieser Frage wird durch die spärliche Datenlage über das Vertrauen in Krisenzeiten bzw. unter normalen Bedingungen erschwert. So gibt es einerseits Evidenz über Veränderungen des Vertrauens in die Europäische Zentralbank (Gros und Roth, 2009), während auf der anderen Seite der De-facto-Zusammenbruch des Interbankenmarkts Rückschlüsse über das tiefe Misstrauen zwischen den Banken zulässt.

 

Diese beiden Aspekte lassen jedoch einen wesentlichen Faktor außer Acht: das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Bankensystem. Die vorhandene Evidenz zu diesem Thema weist wiederum typischerweise den Nachteil auf, dass sie auf Erhebungen beruht, die durchgeführt wurden, als die Finanzkrise bereits voll entbrannt war (ICM, 2009). Anhand dieser Daten ist es aber nicht möglich, die Entwicklung des Vertrauens vor und nach der Krise zu vergleichen.[1]

 

Wie groß ist der Vertrauensverlust in Österreich?

Um diesem Informationsdefizit über das öffentliche Vertrauen in das Bankensystem beizukommen, haben wir auf eine von der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) quartalsweise durchgeführte Erhebung zurückgegriffen. Diese beinhaltet Fragen über das Vertrauen in das heimische Bankensystem und in verschiedene andere Institutionen. Die Analyse der österreichischen Situation ist dabei aus verschiedenen Gründen von besonderem Interesse:

 

Erstens ist Österreich – neben Belgien, Portugal und den Niederlanden – eines der wenigen Länder, das zwischen 1945 und 2007 von schweren Bankenkrisen verschont wurde (vgl. Rogoff und Reinhardt, 2009). Das Vertrauen in das Bankensystem ist dementsprechend relativ hoch, und zwar sowohl im Vergleich zu anderen Ländern (vgl. ICM, 2009) als auch im Vergleich zu anderen heimischen Institutionen. Zweitens wurden die österreichischen Banken aufgrund ihres umfangreichen Engagements in Zentral-, Ost- und Südosteuropa von vielen Seiten als besonders krisenanfällig eingestuft. Aus diesen beiden Faktoren ergibt sich ein relativ hohes Ex-ante-Potenzial für eine Abnahme des Vertrauens der österreichischen Bevölkerung in den Finanzsektor. 

 

Abbildung 1 stellt den Anteil der Befragten dar, die für den Zeitraum von 2004 bis 2010 angaben, dem heimischen Bankensystem zu vertrauen. Das Vertrauen in den Bankensektor ging von einem durchschnittlichen Wert von 79% vor der Krise auf durchschnittlich 70% danach zurück. Der unmittelbar nach dem Ausbruch der US-Subprime-Krise verzeichnete Vertrauensverlust im dritten Quartal 2007 wurde bis Mitte 2008 rasch wettgemacht. Mit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers kam es neuerlich zu einem deutlichen – und auch länger anhaltenden – Rückgang des Vertrauens, wobei der bislang niedrigste Wert (65%) im ersten Quartal 2009 erzielt wurde. Zweifelsfrei kann man also von einem deutlichen Rückgang des Vertrauens in das Bankensystem sprechen.

 

Vertrauensverlust ja – Vertrauenskrise nein

Aus zweierlei Gründen scheint es uns jedoch nicht gerechtfertigt, angesichts dieser Entwicklung von einer regelrechten Vertrauenskrise zu sprechen: Erstens wird das Bankensystem immer noch als eine der vertrauenswürdigsten österreichischen Institutionen eingeschätzt (mit dem 4. Platz von insgesamt 11 Institutionen). Zweitens war der Vertrauensrückgang während der aktuellen Krise nicht maßgeblich stärker ausgeprägt als jener, der auf eine kleine, nichtsystemische Bankenkrise im zweiten Quartal 2006 folgte (wie in der Abbildung eindeutig erkennbar ist).

 

Abbildung 1: Anteil der österreichischen Bevölkerung mit großem oder sehr großem Vertrauen in das heimische Bankensystem

Quelle: Knell und Stix (2009). Die zwei vertikalen Linien markieren den Beginn der US-Subprime-Krise im August 2007 bzw. den Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008.

 

Die verwendeten Daten erlauben es uns, über eine rein deskriptive Analyse hinauszugehen und auch die Determinanten des Vertrauens zu untersuchen.[2] Ziel ist es herauszufinden, ob der Vertrauensverlust ein autonomes, unerklärbares Ereignis darstellt oder ob er vielmehr bloß eine Konsequenz des eingetrübten Wirtschaftsklimas ist. Falls letzteres zutrifft, so sollte das Vertrauen in den Finanzsektor nach Abklingen der Turbulenzen wieder Werte wie vor der Krise erreichen. In ersterem Fall dürfte der Vertrauensverlust hingegen ein dauerhaftes Phänomen mit potenziell schädlichen Folgen für verschiedene Aspekte der Finanzintermediation sein (vgl. Guiso et al., 2004).

 

Unsere Regressionsergebnisse deuten darauf hin, dass das Vertrauen in das Bankensystem in erster Linie durch subjektive Stimmungsvariablen – wie etwa die Einschätzung der aktuellen Wirtschafts- und Finanzlage und die diesbezügliche Erwartungshaltung – beeinflusst wird. Die Abnahme des Vertrauens in das Finanzsystem im Zuge der aktuellen Krise kann jedoch nur zum Teil durch eine Veränderung dieser subjektiven Variablen erklärt werden. So stieg z. B. der Prozentsatz jener, die eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage erwarteten, während der Krise von 25% auf 31% an. Unter Berücksichtigung des geschätzten Koeffizienten (marginaler Effekt: -0,06) kann dadurch jedoch nur eine Abnahme des Vertrauens um 0,4 Prozentpunkte erklärt werden (). Das Ergebnis legt also den Schluss nahe, dass der Vertrauensverlust nicht nur dem Wirtschaftsabschwung zuzuschreiben ist, sondern vielmehr eine unabhängige Entwicklung darstellt.[3] 

 

Mehr Informationen erhalten Vertrauen

Die Datenreihe kann des Weiteren für eine Analyse hinsichtlich der Ansteckung von Vertrauen und Misstrauen genutzt werden. Wir verwenden dazu die kleine, isolierte Bankenkrise des Jahres 2006 und untersuchen, wie sich das Vertrauen in das Bankensystem bei Kunden und Nicht-Kunden des in Schwierigkeiten geratenen Kreditinstituts entwickelt hat. Die Ergebnisse zeigen Vertrauensverluste bei beiden Gruppen, was auf die Existenz von Ansteckungseffekten hinweist. Zusätzlich gehen wir noch der Frage nach, inwieweit sich die im Oktober 2008 in zahlreichen Ländern umgesetzte Ausweitung der Einlagensicherung auf das öffentliche Vertrauen in das Bankensystem ausgewirkt hat. Es zeigt sich hierbei, dass bessere Information über die Anhebung der Einlagensicherung zur Bewahrung des Vertrauens beigetragen hat.

 

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Finanzkrise das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Bankensystem geschwächt, aber nicht völlig untergraben hat. Auf jeden Fall haben die unterschiedlichen politischen Maßnahmen (einschließlich der auf eine Beruhigung der Lage abzielenden Kommunikation) und die Ausweitung der Einlagensicherung eine dramatische Verschlechterung der öffentlichen Stimmung bzw. panikartige Reaktionen verhindert. Dazu dürfte letztlich auch die Tatsache beigetragen haben, dass es am Höhepunkt der Krise zu keinem Zusammenbruch einer großen heimischen Bank gekommen ist. Für weiterführende Analysen wäre es interessant, Daten verschiedener Länder zu verwenden, um die Verbindung zwischen Veränderungen des Vertrauens in das Finanzsystem und der Massivität von Bankenproblemen bzw. der Ausgestaltung wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu untersuchen.


Literaturverzeichnis

Alesina, A. und La Ferrara, E. (2002), “Who Trusts Others?”, Journal of Public Economics 85(2), 207-234.

Bagehot, W. (1873), Lombard Street: A Description of the Money Market, Dodo Press.

Davies, H. (2009), “A Crisis of Trust”, Project Syndicate, Oktober 2009.

EEAG (2010), “A trust-driven financial crisis”, Chapter 2, in: The EEAG Report on the European Economy 2010, München, 53-70.

Gros, D. und Roth, F. (2009), “The Crisis and Citizens' Trust in Central Banks”, VoxEU.org, 10. September 2009.

Guiso, L., Sapienza, P. und Zingales, L. (2004), “The Role of Social Capital in Financial Development”, American Economic Review 94(3), 526-556.

Haldane, A. (2009), „Credit is Trust”, Speech given at the Association of Corporate Treasurers, Leeds, 14. September 2009.

ICM (2009), “Crisis Index. Worldwide Barometer of the Global Downturn”, Third Report, August 2009 (http://www.icmresearch.co.uk/white-papers/icm-research-crisis-index-global-report-aug-2009.pdf[ a ]).

Knell, M. und Stix, H. (2009), „Trust in banks? Evidence from normal times and from times of crises”, OeNB Working Paper 158 (http://ideas.repec.org/p/onb/oenbwp/158.html[ b ]).

Rogoff, K. und Reinhart, C. M. (2009), This Time Is Different: Eight Centuries of Financial Folly, Princeton University Press.

Sapienza, P. und Zingales, L. (2009), A Trust Crisis. (http://faculty.chicagobooth.edu/brian.barry/igm/atrustcrisis.pdf.)

Shiller, Robert J. (2009), “Animal Spirits Depend on Trust. The proposed stimulus isn't big enough to restore confidence”, The Wall Street Journal, 21. Jänner 2009.



[1] Paola Sapienza und Luigi Zingales haben diese Tatsache bei der Präsentation ihres neu erstellten „Financial Trust Index“ (http://www.financialtrustindex.org[ d ]) betont: „As the survey was launched only recently it does not allow to study the development of trust over a longer time period. Ideally, one would like to analyze a series of surveys conducted over time to see, for example, how recent events affected trust in the stock market. Unfortunately, such time-series data do not yet exist.“ (Sapienza und Zingales, 2009). Um diesem Problem zu begegnen, haben Sapienza und Zingales die Umfrageteilnehmer auch bezüglich Veränderungen im Vertrauen innerhalb der letzten drei Monate vor dem Interview befragt. Im Bericht der EEAG (2010) werden längere Zeitreihen über das Vertrauen in Banken und Finanzinstitute aus dem „General Social Survey“ verwendet. Die letzten Werte stammen dabei allerdings aus einer anderen Datenquelle.

[2] Die vorhandene Literatur hat sich bislang vorrangig den Determinanten des allgemeinen Vertrauens („general trust“) gewidmet (Alesina und La Ferrara, 2002).

[3] Bestätigt wird dies durch eine Blinder-Oaxaca-Zerlegung, derzufolge in allen Krisenepisoden Veränderungen im Vertrauen zu mehr als 50% nicht erklärt werden können.


  • 1  EEAG: "Wie Vertrauen wieder gewonnen werden kann" erschien am 28. April 2010 auf Ökonomenstimme.
  • 2  In der Publikation vom 04.05.2010 fehlten bedauerlichweise Textabschnitte. Diese wurden mittlerweile (11.05.2010) ergänzt. Wir möchten uns hiermit bei den Autoren für den Fehler entschuldigen. Das Redaktionsteam
  • 3  Paola Sapienza und Luigi Zingales haben diese Tatsache bei der Präsentation ihres neu erstellten „Financial Trust Index“ (http://www.financialtrustindex.org) betont: „As the survey was launched only recently it does not allow to study the development of trust over a longer time period. Ideally, one would like to analyze a series of surveys conducted over time to see, for example, how recent events affected trust in the stock market. Unfortunately, such time-series data do not yet exist.“ (Sapienza und Zingales, 2009). Um diesem Problem zu begegnen, haben Sapienza und Zingales die Umfrageteilnehmer auch bezüglich Veränderungen im Vertrauen innerhalb der letzten drei Monate vor dem Interview befragt. Im Bericht der EEAG (2010) werden längere Zeitreihen über das Vertrauen in Banken und Finanzinstitute aus dem „General Social Survey“ verwendet. Die letzten Werte stammen dabei allerdings aus einer anderen Datenquelle.
  • 4  Die vorhandene Literatur hat sich bislang vorrangig den Determinanten des allgemeinen Vertrauens („general trust“) gewidmet (Alesina und La Ferrara, 2002).
  • 5  Bestätigt wird dies durch eine Blinder-Oaxaca-Zerlegung, derzufolge in allen Krisenepisoden Veränderungen im Vertrauen zu mehr als 50% nicht erklärt werden können.

©KOF ETH Zürich, 4. Mai. 2010

 
Das Vertrauen in das Bankensystem während der Finanzkrise 3.50 5 10

Kommentare

Dieser Artikel hat noch keine Kommentare.
Sie müssen sich anmelden um Kommentare zu schreiben.

Autoren

Markus Knell

Markus Knell

Helmut Stix

Helmut Stix

Schlagworte

Banken, Finanzkrise, Vertrauen

Weitersagen

Ähnliche Artikel