Internationale Geschäftsreisen und Innovation: Die direkte Begegnung zählt

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Nune Hovhannisyan und Wolfgang Keller, 26. April 2010
Internationale Geschäftsreisen und Innovation: Die direkte Begegnung zählt 3.17 5 6

Der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökul mit dem damit verbundenen Reiseverbot birgt die Frage: Spielt in der globalen Welt von heute die persönliche Kommunikation für den Technologietransfer noch eine Rolle? Dieser Artikel betont die Funktion, die kurzfristige grenzüberschreitende Geschäftsreisen als Auslöser von Innovation – einem für das Wirtschaftswachstum entscheidenden Faktor - haben.[ 1 ]

Persönliche Kommunikation: Warum ist sie so wichtig?

Die hohen Kosten, die Auslandsreisen verursachen, werfen Fragen nach dem Sinn eines solchen kurzfristigen Transfers, vor allem bei Geschäftsreisen, auf. Doch warum sind Geschäftsreisen in einer Welt von Internet, E-Mail und Videokonferenzen überhaupt noch so verbreitet? Jüngste Umfragen zeigen, dass Führungskräfte das persönliche Gespräch allen anderen Kommunikationsformen vorziehen, eben weil es eine entscheidende Rolle bei der Verhandlung von Transaktionen, beim Verkauf von Produkten und beim Aufbau langfristiger Beziehungen zu Kunden und Kollegen spielt (Harvard Business Review 2009, Forbes 2009).

Es überrascht daher nicht, dass die persönliche Kommunikation gerade für den Technologietransfer sehr wichtig ist, da Technologie zumeist vertraulich und schwierig zu verschlüsseln ist. Einfach "da zu sein", um Technologie persönlich präsentieren und technologisches Know-how im persönlichen Kontakt austauschen zu können, erscheint vor allem zur Überwindung sprachlicher und kultureller Barrieren nützlich. Eine Reihe von Studien dokumentiert denn auch die Bedeutung persönlicher Beziehungen für den internationalen Technologietransfer (Kerr 2008, Agrawal, Cockburn und McHale 2006). Allerdings finden wir kaum Hinweise darauf, welche Auswirkungen Auslandsgeschäftsreisen auf den Bereich der Innovationen haben. Diese Lücke füllt nun unsere Studien.  

Internationale Reisetätigkeit als Kanal für den Technologietransfer

Auslandsreisen sind einer von mehreren Kanälen, über den sich internationale Technologietransfers vollziehen. Reisen können Informationsaustausch und Ideentransfer fördern. Konkret besteht die Möglichkeit, dass internationale Geschäftsreisen Personen, die mit ausländischen Technologien vertraut sind, mit inländischen Unternehmern zusammenbringen und so Innovationen im eigenen Land vorantreiben.

Wir analysieren die Auswirkungen, die Geschäftsreisen aus den USA in andere Länder haben. Die entscheidende Hypothese lautet: Da die USA auf den meisten Gebieten zur weltweiten Spitze in Sachen Technologie zählen, besitzen Geschäftsreisende aus den USA auch neueste technologische Kenntnisse. Begeben sie sich ins Ausland, erhalten auch die Erfinder anderer Länder Zugang zu diesem Know-how. Obwohl die Daten des US-Handelsministeriums, die wir verwenden, das Know-how der einzelnen Reisenden nicht konkret ausweisen, erkennen wir doch massive Unterschiede, wenn wir den jeweiligen US-Bundesstaat, aus dem der Reisende kommt (etwa aus Kalifornien mit seinen zahlreichen Patenten oder aus Wyoming, wo es nur wenige Patente gibt), in die Analyse mit einbeziehen.

Positive Auswirkungen amerikanischer Geschäftsreisen

Unsere Arbeiten belegen, dass internationale Geschäftsreisen aus den USA während der Jahre 1993 bis 2003 in rund 75 Länder positive Auswirkungen auf die Innovationsrate dieser Länder, gemessen anhand der Zahl der Patente, hatten.  Dies geht weit über den Technologietransfer, den internationalen Handel und die ausländischen Direktinvestitionen (FDI) hinaus.  Ausserdem erweist sich der Einfluss von US-Geschäftsreisenden auf die Innovationen bei Patenten, an denen auch US-Erfinder beteiligt sind, in stärkerem Ausmass. Das ist durchaus plausibel, denn diese Reisenden könnten ja auch selbst die Erfinder sein.
Zur Feststellung der Kausalwirkung von Geschäftsreisen auf Innovationen verfolgen wir eine bestimmte Strategie. Zunächst sondieren wir verschiedene sonstige Faktoren, die sich ebenfalls auf die Patente in einem Land auswirken könnten, darunter Entwicklungsniveau, Grösse sowie F&E-Ausgaben des betreffenden Landes. Des Weiteren berücksichtigen wir die internationale Verbreitung von Technologie durch FDI und Handel.

Um die Möglichkeit einer inversen Kausalität auszuschliessen, also die Annahme, dass es die Innovationen sind, die ihrerseits Geschäftsreisen aus den USA auslösen, bedienen wir uns einer Kontrollfunktion. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um den Restwert aus einer Regressionsanalyse von Geschäfts- zu Freizeitreisen. Intuitiv zeigt sich, dass für Geschäfts- und Freizeitreisen zwar viele gleiche Faktoren gelten (Grösse der Wirtschaft, Reisekosten zwischen den Ländern, etc.), dass jedoch Freizeitreisende keine geschäftlichen Interessen vertreten und kein technologisches Know-how vermitteln. Jene Zeiten, in denen eine im Verhältnis zu den Freizeitreisenden ausserordentlich hohe Zahl von Geschäftsreisenden ein Land besucht, sind wahrscheinlich genau dieselben, in denen das Land technologische Durchbrüche zu verzeichnen hat, was US-Geschäftsreisende anziehen könnte. Das würde unsere Analyse verzerren. Indem wir jedoch ausdrücklich die Kontrollfunktion als Regressor einführen, können wir eine solche Verzerrung unserer Resultate vermeiden.

Worin besteht nun die wirtschaftliche Bedeutung internationaler Geschäftsreisen für Innovationen? Die Grössenordnung in unseren Schätzungen ergibt eine etwa 10%-ige Steigerung der Geschäftsreisen aus den USA bei einem Anstieg der Zahl der Patentanträge in den USA um rund 1%. Nehmen wir beispielsweise die beiden lateinamerikanischen Staaten Kolumbien und Honduras. Erfinder aus Kolumbien beantragen häufiger Patente als ihre Kollegen aus Honduras und entsprechend unserer Analyse findet auch eine grössere Anzahl von US-Geschäftsreisen nach Kolumbien statt als nach Honduras. Wäre hingegen die Reisetätigkeit von US-Geschäftsreisenden nach Honduras ebenso rege wie jene nach Kolumbien, würden wir schätzen, dass – sofern alles andere gleich bleibt (ceteris paribus) – die Zahl der Patente in Honduras um etwa vier Anträge pro Jahr steigen sollte. Diese Steigerung macht fast zwei Drittel der tatsächlichen Differenz in den Patentantragszahlen zwischen Kolumbien und Honduras aus, wie sich aus den Daten ersehen lässt. Wir schliessen daraus, dass die Auswirkungen der internationalen Reisetätigkeit eine wirtschaftlich bedeutende Determinante der Innovationsrate eines Landes sind.

Fazit

Internationale Geschäftsreisen spielen für die Innovationen im Inland nachweislich eine wichtige Rolle. Aus unserer Analyse ergeben sich zahlreiche neue politische Implikationen, weil wir zeigen, dass Einschränkungen im grenzüberschreitenden Reiseverkehr, insbesondere durch Visa und sonstige Einreisevorschriften, erhebliche Kosten verursachen können. Auch die Erkenntnis, dass Geschäftsreisen die Innovationen vorantreiben, stellt einen Nachweis dar, dass eine Liberalisierung des internationalen Personenflugverkehrs noch weitere Vorteile wie etwa eine weltweit höhere Innovationsrate nach sich ziehen würde.

Literatur

Agrawal, A., Cockburn, I. und McHale, J. (2006), "Gone but not forgotten: knowledge flows, labor mobility, and enduring social relationships", Journal of Economic Geography, Bd. 6, Nr. 5, S. 571- 591.

Forbes (2009), "Business Meeting: The Case for Face-to-Face”, Forbes Insights Study, 2009.
Harvard Business Review (2009), "Managing Across Distance in Today’s Economic Climate: The Value of Face-to-Face Communication”, Harvard Business Review, 2009.

Hovhannisyan, N. und Keller, W. (2010), “International Business Travel: An Engine of Innovation?”, Working Paper, University of Colorado,  http://spot.colorado.edu/~kellerw/IBT.pdf

Keller, W. (2010), "International Trade, Foreign Direct Investment, and Technology
Spillovers", Kapitel in: Bronwyn Hall und Nathan Rosenberg (Hrsg.), Handbook of the Economics of Innovation, Band 2, Elsevier Publishers.

Kerr, W.R. (2008), "Ethnic scientific communities and international technology diffusion",
The Review of Economics and Statistics, Bd. 90, Nr. 3, S. 518-537.


©KOF ETH Zürich, 26. Apr. 2010

 
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Geschäftsreisen, Innovation, Technologie

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