Zum Neueren Methodenstreit – Ein Rückblick

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Rüdiger Bachmann, 22. März 2010
Zum Neueren Methodenstreit – Ein Rückblick 3.32 5 41

Vor gut einem Jahr: Die deutsche VWL ist in Aufruhr. Alte Ordinarien und Jungspunt-Ökonomen liefern sich – vornehmlich über die Presse und später auch auf zahlreichen Podiumsdiskussionen – verbale Gefechte, die die sonst eher etwas behäbige deutsche Nationalökonomie wohl schon lange nicht mehr erlebt hat. Thomas Fricke von der Financial Times Deutschland bezeichnete das Ganze gar als „Junglecamp[ a ]“. Etwas seriöser wird diese Diskussion seither oft unter dem Label „Neuerer Methodenstreit“ zusammengefasst.

Dessen Auslöser war ein eigentlich völlig gewöhnlicher Vorgang – die Neubesetzung von VWL-Lehrstühlen an der Kölner Uni. Dieser wurde untermalt von einer ungewöhnlichen Begleitmusik: Die ehemaligen ordnungspolitischen Lehrstuhlinhaber mochten die Neuberufenen (völlige Offenheit: Der Verfasser war einer davon) offenbar nicht. Es handle sich bei den jungen Volkswirten um „politisch desinteressierte Karrieristen[ b ]“. Da hatten wohl welche eine falsche Gesinnung. Und die deutsche Wirtschaft sekundierte[ c ]. Dieser Streit wurde dann genüßlich von der einschlägigen Presse ausgeschlachtet – allen voran dem Handelsblatt[ d ], das den Kölner Kurs stützte und der FAZ[ e ],[ 1 ] die der ordnungspolitischen Fraktion ein Forum gab.

Die nächste Runde wurde dann eingeleitet durch einen Aufruf[ f ] von 83 VWL-Professoren in der FAZ, initiiert von Renate Ohr und Roland Vaubel, der beklagt, dass „immer mehr Ökonomen die Realitätsnähe ihrer Analysen dem Ziel formal-logischer Stringenz“ opferten. Dies wiederum führte dann dazu, dass 188 meist jüngere Ökonomen – viele davon aus dem Ausland – ein Gegenmanifest im Handelsblatt veröffentlichten:[ 2 ] „Baut die deutsche VWL nach internationalen Standards um!“, hieß es da. Danach folgten noch einige weitere Geplänkel, nachzulesen auf http://www-personal.umich.edu/~rudib/methodology.htm[ g ]. Im Großen und Ganzen ging der deutsche Methodenstreit dann aber in einem einerseits engeren – Kritik an der Makroökonomik im Zuge der Finanzkrise – und andererseits breiteren – weil internationaleren – Diskurs auf.

Ein lohnender und fruchtbarer Streit?

Hat es sich gelohnt? War dieser Streit fruchtbar? Oder bloß ein albernes Junglecamp-Gezänk? Oder gar zynischer, der Kampf um Positionen und Töpfe? Viele haben damals argumentiert, dass Ökonomen angesichts der Finanzkrise Besseres zu tun haben sollten als Methodenstreite zu führen. Andere haben strategisch argumentiert, dass man der Öffentlichkeit gerade in Krisenzeiten auch des Faches wegen kein zerstrittenes Bild darbieten dürfe. Und schließlich gab es einige Zyniker, die das „Problem“ der Ordnungspolitik schlicht für ein demographisches hielten (in der Tat spricht der Altersdurchschnitt der Verfasser der beiden Aufrufe durchaus dafür).

Ich meine, der Methodenstreit war wichtig und richtig, und insofern hatte der „Kölner Emeriti-Aufstand“ doch sein Gutes. Wissenschaft ist per Definition ein methodisches Unterfangen und bedarf deshalb auch der methodischen Reflexion. Und manchmal ist die Zeit einfach reif dafür – mit Sicherheit war sie das in Deutschland –, Finanzkrise hin oder her. Die Wissenschaften folgen da einfach einer eigenen, inneren Logik. Ich habe jedenfalls Einiges gelernt:

Vielleicht besteht tatsächlich die Gefahr, dass die Wirtschaftspolitik vernachlässigt wird an deutschen VWL-Fakultäten. In den USA besteht diese Gefahr schon deshalb nicht, weil es eben neben den traditionellen Economics Departments auch Public Policy Schools und Business Schools gibt. Diese sind oft eng mit den ersteren vernetzt, sowohl personell als auch institutionell. In Deutschland gibt es so etwas (leider) nicht. Auch verschwindet in den USA die Finanzwissenschaft nicht aus den Fakultäten, wie Hans-Werner Sinn in der FAZ behauptete[ h ], im Gegenteil. Nur: Wirtschaftspolitik als akademisches Fach darf keine bloße Eucken-Exegese[ 3 ] sein oder gar eine schlecht versteckte konservative Wirtschaftsideologie, sie muss sich vielmehr der besten empirischen Methoden und, ja Hans-Werner Sinn, der besten Institutionenkenntnisse bedienen.

Gerade bei letzteren bringt aber Internationalisierung erst die Variation, die es erlaubt, Kausalitätsaussagen von Institutionen auf ökonomische Ergebnisse zu treffen. Und am allerwichtigsten: Wirtschaftspolitiker müssen die grundlegende Sprache aller Ökonomen, das formale, mathematische Handwerkszeug, das man heute in den ersten zwei Jahren eines halbwegs vernünftigen VWL-Graduiertenprogramms erlernt, ebenso beherrschen. Nur so werden sie in der Lage sein, die neuesten theoretischen und methodischen Erkenntnisse für die Wirtschaftspolitik nutzbar zu machen.

Die sogenannten jüngeren Ordos[ 4 ] haben meiner Meinung nach einige sehr beachtenswerte Argumente vorgebracht. Natürlich ist es notwendig, die außerwirtschaftlichen Bedingungen des Wirtschaftens, kulturelle Gegebenheiten und Rechtsinstitute in die wirtschaftliche Analyse mit einfließen zu lassen. Gleiches gilt für die Wirtschaftsgeschichte.[ 5 ] Wer wollte das gerade im Nachfeld der Finanzkrise bestreiten? Aber gerade diese Ideen sind doch in der sogenannten Neueren Institutionenökonomik erfolgreich und fruchtbar aufgegriffen worden. Und auch hier gilt: der Einfluss dieser außerwirtschaftlichen Faktoren muss doch auch messbar und mit empirischen Methoden nachweisbar sein, will das Ganze nicht reine Spekulation bleiben.

Und noch eine Idee aus den USA: an den meisten Law Schools hier gibt es ausgebildete Ökonomen, die sich mit rechtlichen Fragen der Wirtschaft und wirtschaftlichen Fragen des Rechts beschäftigen. Ich wäre ja mal gespannt, wie darauf unsere konservativen deutschen Rechtsfakultäten reagieren würden. Und schließlich – wer so sehr auf die extrasystemischen Zusammenhänge pocht, der sollte doch gerade die Makroökonomik als die Disziplin, die ihrem Wesen nach die intrasystemischen Zusammenhänge modelliert, hoch schätzen und nicht deren Ausbau in Deutschland, wo sie im internationalen Vergleich immer noch unterrepräsentiert ist, beklagen.

Ich verstehe die Klage von Justus Haucap[ 6 ] vielleicht etwas besser, wenn er ausführt, dass es schwierig sei, in Deutschland gute empirische Industrieökonomen zu finden, die sich mit deutschen Fragen beschäftigen, die deutsche Markt- und Institutionenkenntnis haben und somit die deutsche Wettbewerbspolitik empirisch untermauern könnten. Die übermäßige Ausrichtung auf internationale Publikationen mag da in der Tat nicht hilfreich sein. Es gibt unbestreitbar oft Schwierigkeiten, nichtamerikanische Themen in internationalen Zeitschriften zu plazieren. Aber den Schluß, der darauf hinausläuft, die deutsche VWL solle auf Grundlagen- und Methodenausrichtung verzichten, den kann ich nicht nachvollziehen.

Wäre es nicht besser, wenn die deutsche Wettbewerbspolitik mit den besten Modellen und den besten empirischen Methoden, die weltweit auf dem Markt sind, beraten würde als mit zweit- oder drittklassigen? Wegen der notwendigen Spezialisierungen, die die moderne Wirtschaftswissenschaft benötigt, wird das kaum in personeller Einheit zu leisten sein. Es muss allerdings in institutioneller Einheit realisiert werden, was wiederum bestimmte institutionelle Voraussetzungen an den Fakultäten erfordert.

Der Diskurs der akademischen Ökonomen mit den Wirtschaftsjournalisten muss besser werden. Viele der Ordnungspolitiker nehmen sich Wirtschaftsthemen gut und griffig in Zeitungen an, aber die mathematischen Ökonomen können oder wollen das scheinbar nicht. Und auch hier kann die USA als Beispiel dienen: hier gehört es mittlerweile zum guten Ton, dass die Arrivierten wie Mankiw, Krugman, DeLong, Becker und andere ein Blog oder eine Kolumne haben, wo sie sich regelmäßig zu wirtschaftspolitischen Themen äußern. Ökonomenstimme ist ein richtiger Schritt in diese Richtung.

Alles in allem sollten sich vernünftige Ökonomen doch auf einen Konsens verständigen können, der sich mit folgenden Stichworten zusammenfassen lässt: 1. Die begonnene Internationalisierung muss weitergehen, deutsche Sonderwege sind zu vermeiden. 2. Internationalisierung bedeutet aber auch internationale Institutionenkenntnis und mehr personellen Austausch auf allen Ebenen, vom Diplomanden bis zum Ordinarius. 3. Eine anfänglich gleichgerichtete, auf Methoden fokussierte Dokotorandenausbildung ist notwendig, damit alle Ökonomen, auch der Institutionalist, eine Sprache sprechen, und so fruchtbarer Austausch zwischen arbeitsteiligen Spezialisten erst möglich wird. 4. Deutschlandspezifische Forschungen sind nicht zu bestrafen, aber auch an sie muss der höchste methodische Standard angelegt werden. 5. Ökonomen als Gruppe haben eine besondere Verpflichtung, ihre Forschungsergebnisse auch an eine breitere Öffentlichkeit zu kommunizieren.

So, genug zum Methodenstreit. Das nächste Mal gibt es Forschung von mir an dieser Stelle.


©KOF ETH Zürich, 22. Mär. 2010

 
Zum Neueren Methodenstreit – Ein Rückblick 3.32 5 41

Kommentare

Dieser Artikel hat 5 Kommentare.
  • Publikationen

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    Sehr geehrter Herr Bachmann. "Es gibt unbestreitbar oft Schwierigkeiten, nichtamerikanische Themen in internationalen Zeitschriften zu plazieren." Betr. Pulikationen zu Deutschen Themen liegt das auch daran, dass unsere VfS-Vereinszeitschrift "German Economic Review" bislang keinen klar erkennbaren Focus hat und entsprechend wenig Beachtung findet.

  • Merkwürdig

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    Lieber Rüdiger Bachmann,
    hören sie doch bitte damit auf 'mathematische Ökonomen' und andere (damit meinen sie wohl traditionelle deutsche Volkswirte) zu unterscheiden, als gäbe es diese beiden wissenschaftlichen Subgebiete wirklich. Wissenschaflter identifiziert man als Menschen, die mit anerkannten wissenschaftlichen Methoden arbeiten. Wer das nicht tut (75% der deutschen VWL-Professoren) ist kein Wissenschaftler, sondern meinetwegen Blogger, Publizist, Politikberater, Verbändefunktionär, Ideologe, Lobbyist, Faulenzer, Lehrender oder was auch immer. Wer wissenschaftlich tätig ist, kann das mehr oder wenig mathematisch tun (die allermeisten in Deutschland geschriebenen Forschungsartikel in VWL begnügen sich mit wenig mehr als Schulmathematik), aber er muss sich internationalen wissenschaftlichen Standards beugen. Ich verstehe absolut nicht, warum sie plötzlich den 'Ordnungnspolitikern' (die ich bis zum Kölner 'Emeriti-Aufstand' für ausgestorben hielt) das Wort reden. Man kann mit wissenschaftlichen Methoden forschen oder es bleiben lassen, im zweiten Fall ist man aber kein Wissenschaftler; ohne wenn und aber.

  • An die SZ

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    Ich habe gerade den verlinkten Artikel in der SZ gelesen, in dem auf sehr unqualifizierte Weise über moderne wirtschaftswissenschaftliche Forschung geschrieben wird. Der vorletzte Satz des Artikels ist "Vielleicht entstehen dann an deutschen Universitäten auch bald
    so innovative Ausgründungen wie Google in Stanford". Den Redakteuren der SZ seien zwei Dinge mit auf den Weg gegeben:
    1.) Stanford hat ein exzellentes economics department und eine Business School, die sehr auf volkswirtschaftliche Forschung setzt (beide übrigens eher theoretisch ausgerichtet)

    2.) google bedient sich gerne der Dienste exzellenter wirtschaftswissenschaftlicher Forschung. Man hat mit Hal Varian einen exzellenten Ökonomen verpflichtet (auch eher theoretisch angehaucht) und google Konkurrent yahoo versucht sogar auf dem amerikanischen Job Markt für Absolventen der besten PhD Programme Ökonomen zu verpflichten (und hat sich gerade einen Theoretiker geangelt).

    VWL-Wissenschaft (insbesondere Theorie) scheint also nicht ganz so nutzlos zu sein wie sie ihren Lesern glauben machen wollen.

  • Relax a bit

    [ ]

    Would you let a person being multiple-sentenced for child abuse take care on your daughter?
    Do you take your lessons on democratic rules in courses conducted by the ministry of education of North Korea?
    Are you driving a car from Burundi?
    Three times no?
    Now you'd be better in understanding people from Europe or Asia no longer believing in the dignity to achieve teachings by American economists.

    Did you knew by the way that Google Inc. is located in Delaware? And why?
    To continue faithfully Alexander

  • Ein passendes Zitat

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    zu dem Methodenstreit finde ich ein Zitat von George Lennox Sharman Shackle irgendwie passend, geklaut aus Steele (2004):
    "[t]o be a complete economist, a man need only be a mathematician, a philosopher, a psychologist, an anthropologist, a historian, a geographer, and a student of politics; a master of prose exposition; a man of the world with the experience of practical business and finance, an understanding of the problems of administration, and a good knowledge of four or five languages. All this in addition, of course, to familiarity with the economics literature itself" (p. 1052).

    Steele, G. R. (2004). Understanding economic man. The American Journal of Economics and Sociology, 63(5), 1021-1055.

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Autor

Rüdiger Bachmann

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Schlagworte

Deutschland, Methodenstreit, Ordnungspolitik

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