Hartz IV und der Mindestlohn

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Ronnie Schöb, 22. März 2010
Hartz IV und der Mindestlohn 3.53 5 19

Das Bundesverfassungsgericht hat die Berechnung der Regelsätze beim Arbeitslosengeld II (Alg II) für verfassungswidrig erklärt. Dieses Urteil hat nicht nur die Debatte um die Alimentierung der Arbeitslosen, sondern auch die Diskussion über das Einkommen derer, die im Niedriglohnsektor arbeiten, neu entfacht. Immer lauter wird der Ruf nach einem gesetzlichen Mindestlohn, der sicherstellen soll, dass man von seiner eigenen Arbeit auch leben kann. Fünf Euro Stundenlohn bzw. Löhne, die zum Teil noch darunter liegen, reichen hierzu nicht aus. Diese Argumentation übersieht geflissentlich, dass Hartz IV nicht nur die Grundsicherung für Erwerbslose sicherstellt, sondern auch das Einkommen von Geringverdienern aufstockt. Entsprechend werden die positiven Auswirkungen eines Mindestlohns für die Geringverdiener systematisch übertrieben.

Mindestlohn erhöht nur das Bruttoeinkommen

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen. Betrachten wir einen alleinstehenden Arbeitnehmer, der bislang zu einem Bruttostundenlohn von fünf Euro 160 Stunden im Monat arbeitet. Sofern er nicht über anderweitiges Einkommen verfügt, hat er Anspruch auf ergänzendes Alg II. Entsprechend den geltenden Hinzuverdienstregelungen darf er von seinen 800 Euro Bruttoeinkommen genau 240 Euro behalten. Einschließlich des ergänzenden Alg II kommt er so auf ein monatliches Nettoeinkommen von insgesamt 933 Euro.

Wenn sein Stundenlohn nun durch einen gesetzlichen Mindestlohn auf 7,50 Euro steigt, so erhöht sich sein Bruttoeinkommen um 50 Prozent auf 1.200 Euro. Auch bei diesem Einkommen hat er noch Anspruch auf ergänzendes Alg II. Da jedoch in dem Einkommensbereich zwischen 800 Euro und 1.200 Euro die Transferentzugsrate bei 90% liegt, würde sein monatliches Nettoeinkommen nur um 40 Euro auf 973 Euro ansteigen. Von der massiven Anhebung des Mindestlohns um 50 Prozent bleiben ihm nur 4,3 Prozent mehr Nettoeinkommen.

Wenn er hingegen aufgrund der gestiegenen Lohnkosten seinen Arbeitsplatz verliert, so sinkt sein verfügbares Einkommen um rund ein Viertel, denn er verliert seinen bisherigen Hinzuverdienst von 240 Euro und müsste sich mit einer staatlichen Unterstützung von 693 Euro im Monat, die ihm als Arbeitsloser zusteht, begnügen.

Die obere Abbildung zeigt, wie der Mindestlohn das individuelle Einkommen relativ zum Medianeinkommen beeinflusst. Das Medianeinkommen ist das Einkommen bei dem die Hälfte aller Einkommensbezieher mehr und die andere Hälfte weniger verdient. Schon bei einem Stundenlohn von fünf Euro sorgt das deutsche System der Grundsicherung dafür, dass ein Geringverdiener mit einem Nettoeinkommen von 72 Prozent des Medianeinkommens bereits deutlich über der von der EU als „Armutsgefährdungsgrenze“ definierten Marke von 60 Prozent liegt. Ein Mindestlohn von 7,50 Euro würde das Einkommen auf 75 Prozent erhöhen. Er setzt den Arbeitnehmer jedoch der Gefahr aus, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. In diesem Falle fiele sein Einkommen auf nur noch 53 Prozent des Medianeinkommens und damit deutlich unter die „Armutsgefährdungsgrenze“.

Mindestlohn fördert Arbeitslosigkeit

Die Folgen eines Mindestlohns für die Beschäftigungsmöglichkeiten und Einkommenschancen im Niedriglohnsektor haben Andreas Knabe und ich auf Grundlage des Sozio-ökonomischen Panels für zwei verschiedene Szenarien simuliert.[ 1 ] In einem ersten, der ökonomische Standardtheorie entsprechenden Szenario unterstellen wir einen Niedriglohnsektor, in dem die Bruttolöhne der Grenzproduktivität entsprechen. In einem zweiten, von den Befürwortern eines Mindestlohns gerne angeführten Monopsonszenario, unterstellten wir Marktmacht auf Seiten der Arbeitgeber, die es ihnen erlaubt, einen Lohn zu zahlen, der um 17 Prozent unter der Grenzproduktivität liegt. Im Standardszenario würden durch den Mindestlohn knapp 170.000 Alg II-Aufstocker ihre Arbeit verlieren – das sind 12,4 Prozent aller Aufstocker. Die Einkommen der auf staatliche Transferleistung angewiesenen Haushalte würden um jährlich 73 Millionen Euro fallen.

Auch im Monopsonszenario würden, obwohl es zu Beschäftigungsausweitungen in Lohnintervallen über 6,25 Euro käme, über 90.000 Alg II-Aufstocker (dies sind 6,7 Prozent aller Aufstocker) ihre Arbeit verlieren. Allerdings gäbe es in diesem günstigen Fall geringfügige Einkommenszuwächse von rund 122 Millionen Euro jährlich, dies entspricht 4,40 Euro monatlich für jeden erwerbsfähigen Alg II-Empfänger.

Existenzsicherung wird überwälzt

Der deutsche Sozialstaat stellt bereits existenzsichernde Einkommen für Arbeitnehmer im Niedriglohnbereich sicher, da er niedrige Arbeitseinkommen durch ergänzende Transferleistungen aufstockt. Die Einführung eines Mindestlohns würde jedoch dazu führen, dass die Aufgabe der Existenzsicherung vom Staat auf die Unternehmer überwälzt wird. Diese können und werden sich dieser zusätzlichen Aufgabe entledigen und in großer Zahl Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich abbauen und damit die Aufgabe der Existenzsicherung letztlich wieder an den Staat zurücküberweisen – zum Preis erhöhter Arbeitslosigkeit. Die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns in das bestehende System der sozialen Grundsicherung ist damit nicht nur arbeitsmarktpolitisch, sondern auch verteilungspolitisch kontraproduktiv.


  • 1  Siehe Knabe, Andreas und Ronnie Schöb (2009): „Minimum wage incidence: the case for Germany”, FinanzArchiv 65(4).

©KOF ETH Zürich, 22. Mär. 2010

 
Hartz IV und der Mindestlohn 3.53 5 19

Kommentare

Dieser Artikel hat 13 Kommentare.
  • Zwei Einwände

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    Erstens:
    Der Verweis auf ergänzendes ALG II hilft nur dauerhaft vermögenslosen Arbeitnehmern. Wer in guten Jahren gespart hat, arbeitslos wird und nur noch einen Job zu nicht existenzsichernden Löhnen (z.B. 5 €/h) findet, bekommt kein ALG II, bis er sein Vermögen weitgehend verbraucht hat. Wer einmal in ergänzendem ALG II steckt und nicht mehr herauskommt, ist dazu verurteilt, den Rest seines Lebens arm zu sein, weil er einerseits kaum Vermögen aufbauen darf (sonst droht Leistungskürzung) und andererseits auch nur minimale weitere Rentenansprüche aufbaut, so dass die gesetzliche Altersrente nicht oder kaum über das Niveau der Grundsicherung hinausgehen wird.
    Zweitens:
    Es kann sein, dass sich aus dem Markt heraus anstelle eines regulären Niedriglohnsektors ein 'Aufsockersektor' entwickelt. Nehmen wir an, jemand betreibt einen Frisörsalon und bezahlt seine Mitarbeiter tariflich. Nun macht in der Nähe ein neuer Salon auf, dessen Besitzer bisher arbeitslose Frisörgesellen mit 4 €/h entlohnt und sie ihr Einkommen mittels ALG II aufstocken lässt. Da er wesentlich geringere Lohnkosten hat als der alteingesessene Frisör, kann er dessen Preise deutlich unterbieten. Über kurz oder lang sieht sich der alteingesessene Frisör vor der Wahl, entweder seinen Laden zu schließen oder seinen Mitarbeitern zu kündigen und selbst ALG II-Aufstocker einzustellen. Für die gekündigten Mitarbeiter heißt das tatsächlich - um eine Parole der Linkspartei aufzugreifen- "Armut per Gesetz".
    Ganz abgesehen davon, dass es natürlich etwas anderes ist, ob man seinen Lebensunterhalt, wenn auch dürftig, durch eigenes Einkommen bestreitet oder ob man dauernd auf Wohl und Wehe einer Behörde angewiesen ist.

    In diesem Sinne fände ich es sinnvoller, einen Mindestlohn einzuführen, dessen genaue Höhe man z.B. von der Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung der Großstadt bzw. des Landkreises des Arbeitsorts abhängig machen könnte.

  • Dipl. Ing.

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    Was bei beiden Betrachtungen völlig außer Acht bleibt, ist die Frage, wie sich Arbeitnehmer unter den von Ihnen beschriebenen Einkommensbedingungen - egal ob mit oder ohne Mindestlohn - eine Altersversorgung ansparen, die sie vor Armut im Rentenalter schützt. Hier hilft nur eine massive Umkehr in der Einkommensgestaltung, die auch mit einer Stärkung der Binnennachfrage einher gehen würde.
    Heydrich

  • Warum ändert Umverteilung die Binnennachfrage ?

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    Eine solche Behauptung lässt sich doch allenfalls unter starken Annahmen treffen, oder gibt es eine empirische Analyse, die zum Resultat hat, dass ein marginaler Euro von Niedrig-Verdienern eher einheimisch verwendet wird als Dividenden/Gewinne/free cash flow (Steuereffekte dürften da auch eine Rolle spielen, also was macht der Staat mit dem Delta der Steuereinnahmen?). Außerdem schmilzt ja der Gesamtkuchen, da weniger beschäftigt/produziert wird.
    Ich würde Alles in Allem vermuten die Binnennachfrage sinkt eher, wenn die Löhne (per Gesetz) steigen und das Wertgrenzprodukt nicht in gleichem Maße. Ist aber ein uneducated guess.

  • Zu: Binnennachfrage

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    Naja, wenn die Leute ihr durch Umverteilung höheres Einkommen dazu verwenden, für das Alter zu sparen, dann wird sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage bestimmt nicht erhöhen.
    Um einheimische oder ausländische Verwendung würde ich mir in Deutschland weniger Sorgen machen. Der große deutsche Leistungsbilanzüberschuss lässt Spielraum für eine Erhöhung der Importnachfrage; eine Dämpfung des Überschusses würde überdies zur Stabilisierung des Euro-Systems beitragen.

  • Annahmen richtig?

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    Die Kernannahme aller Berechnungen zum Arbeitsplatzabbau durch Mindestlohn lautet, dass Arbeitgeber Mitarbeiter entlassen, deren Lohn über der Grenzproduktivität liegt. Hierfür müsste die Grenzproduktivität der einzelnen Beschäftigten zunächst einmal theoretisch ermittelt werden können, in einem zweiten Schritt müssten die Arbeitgeber diese theoretische Möglichkeit auch nutzen, insbesondere die Arbeitgeber im Niedriglohnbereich.

    Beide Voraussetzungen dürften in der Realität kaum erfüllt sein. Kein Hoteleigentümer kennt die Grenzproduktivität der Zimmermädchen. Und selbst wenn diese bekannt wäre, könnte das Hotel wohl kaum auf den Service verzichten.

    Die Berechnungen, wieviele Arbeitsplätze durch einen Mindestlohn wegfallen würden, sind daher m.E. mit Vorsicht zu geniessen.

    • AW:Annahmen richtig?

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      Derart plastisch darf man sich die Arbeitskraftnachfrageentscheidung nicht vorstellen. Es ist sehrvielmehr eine Dynamik die aus der Selektion zwischen Unternehmungen und dem Überlebenskampf der Unternehmen befeuert wird. Auf Ebene existiernder Unternehmen zeigt sich dieser in einem meist zunächst diffusen Wettbewerbsdruck, alles weitere ist simple Buchhaltung: Unternehmen die auf Dauer mehr Kosten als Erträge haben gehen schicht pleite, mitsamt aller Mitarbeiter. In den Anstregungen der Unternehmen am Leben zu bleiben werden in der Tat permanent Unternehmensbereiche, Abteilungen und auch einzelne Stellen auf den Prüfstand gestellt und eingestellt sofern sie dauerhaft unprofitabel erscheinen, mitsamt der Mitarbeiter. Um dein Beispiel aufzugreifen: Auch der Hoteleigentümer wird Kosten einsparen müssen wenn er sein Produkt nicht zu Preisen losbekommt, die diese denken. Er wird beginnen zu experimentieren um herauszufinden welche Bereiche und Services in seinem Hotel von den Kunden besonders geschätzt werden (i.e. diese einen Preis zu zahlen bereit sind) und welche Bereiche in seinem Hotel lediglich Kostentreiber sind. Und sollten sich schließlich selbst die elementarsten Kernleistungen seines Hotels nicht rechnen, wird er das Hotel schließen müssen, mitsamt der Zimmermädchen.

  • @Giovanja

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    Ich würde sagen, gerade in diesem Fall, sollte man so plastisch sein, weil man so gut sieht, wo m. E. das Problem dieser Modellrechnungen liegt. Doch im Grunde schreibst du es ja auf abstrahierter Ebene auch selbst: Arbeitsplätze werden dort wegfallen, wo das Unternehmen dann nicht mehr dauerhaft profitabel arbeiten kann, aber eben nicht dort, wo der Lohn für den einzelnen Arbeitsplatz vermeintlich über der Grenzproduktivität liegt.

    Selbstverständlich werden Unternehmen, deren Kosten auf Dauer die Erträge nicht decken, vom Markt verschwinden. Genau dies dürfte jedoch durch einen Mindestlohn nur bei einem minimalen Bruchteil der Unternehmen der Fall sein, da selbst bei einem Mindestlohn von 8,50 EUR die Gesamtkosten kaum steigen. Und auf die Unternehmen, die nur überleben können - die also nur sehr geringe Löhne zahlen können und dennoch nur einen winzigen Gewinn abwerfen – weil die Löhne vom Steuerzahler subventioniert werden, können wir m. E. verzichten. Nur solche Unternehmen wären von der Pleite durch Mindestlöhne betroffen. Fast alle Unternehmen erwirtschaften Gewinne und zahlen auch Löhne oberhalb des Mindestlohns und von beiden Komponenten könnte der dann höhere Lohn der untersten Einkommensklassen finanziert werden. Zudem steigt auch noch die Nachfrage, da die Konsumquote dieser Einkommensklasse höher liegt.

    Um noch einmal auf das Beispiel zurückzukommen: Der Hotelbetreiber wird auf einen Teil seines Gewinns verzichten, versuchen, den Preis zu erhöhen und/oder den Lohn bei Mitarbeitern oberhalb des Mindestlohns kürzen. Letztlich wird ein Mindestlohn also vor allem zu einer Umverteilung sowohl von den Kapitaleinkommen zu den Lohneinkommen als auch innerhalb der Lohneinkommen zu den unteren Einkommen hin erfolgen. Nur wenn der Mindestlohn so hoch ist, dass dadurch viele Unternehmen Insolvenz gehen, werden wirklich viele Arbeitsplätze abgebaut aber gerade nicht durch Löhne, die tatsächlich oder vermeintlich leicht oberhalb der Grenzproduktivität liegen.

  • Mindestlohn = Arbeitsplatzabbau

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    Der Mindestlohn ist nichts weiter als ein griffiges populistisches Mittel der (linken) Parteien. Jedoch ist es nicht die Aufgabe des Staates, zu bestimmen, wer wie viel verdienen darf! Um so etwas zu entscheiden fehlt Vater Staat schlicht und ergreifend die nötige Kompetenz. Schließlich wurden doch auch die bereits erwähnten HartzIV-Regelsätze mehr oder weniger schon mutwillig festgesetzt, was nicht gerade für unsere Politik spricht.
    Mindestlöhne würden unweigerlich zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führen, da gibt es nicht den geringsten Zweifel. Wenn die Gehälter aller Arbeitnehmer sprunghaft ansteigen, wird sich der Arbeitgeber über kurz oder lang von einem Teil seiner Mitarbeiter trennen müssen, da ansonsten das gesamte Unternehmen dicht gemacht werden muss. Dann wäre es ganz schnell vorbei mit dem "deutschen Jobwunder".. welches sowieso nur auf Stützmaßnahmen der Regierung zurückzuführen ist.
    Abgesehen davon sind Beschäftigte im Niedriglohnsektor nicht dazu verpflichtet ihren Job beizubehalten(!) - niemand muss für 4€/h oder gar weniger arbeiten! Niemand muss sich sein Gehalt vom Staat aufstocken lassen! Jeder kann sich einen besser bezahlten Job suchen, oder sich für mehr Gehalt stark machen! Doch wieso irgendetwas an seiner persönlichen Situation ändern, wenn es doch viel gemütlicher ist, es einfach hinzunehmen, nur zu meckern und den links-populistischen Parolen der Politik zu folgen..

  • Lohn=Grenzprodukt?

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    Die ganze Analyse von Herrn Schoeb basiert auf dem Ansatz, das Arbeitnehmer nach Ihrem Grenzprodukt entlohnt werden wuerden oder prozentual darunter. Das ist doch abwegig, in theoretischen Modellen funktioniert das prima, so wie ich sie auch meinen Studenten lehre, aber in der Realitaet ist das doch vollkommen abwegig. Wird Herr Ackermann nach seinem Grenzprodukt entlohnt? Oder ein Investmentbanker? Ja klar,da gelten dann irgendwelche anderen Gesetze der Oekonomie. Verhandlungsmacht ist das entscheidende Kriterium fuer Loehne, falls ein Mindestlohn eingefuehrt werden wuerde, z.B. fuer Zimmermaedchen. Was wuerde passieren? Entweder ein Teil des Unternehmensgewinn wuerde verloren gehen oder andere Angestellte wuerden finanziell leiden. Wenn dieser Mindestlohn nicht finanziert werden kann, ja dann wuerde das Hotel aufgeben werden muessen. Der Vorteil ist jedoch alle Hotels waeren davon gleichermassen betroffen und da es sich bei Hotelserviceleistungen um nicht international handelbare Gueter handelt, waere der negative Wohlfahrtseffekt sehr begrenzt. Ich habe leider keine Idee wie die Nachfrageelaszitatet auf dem Markt ist. Ich nehme an wie fuer andere Serviceleistungen wie Security services, Hausmeister, Reinigungskraefte etc., alle leider kaum verzichtbar und daher eher unelastisch. Also waere der negative Effekt gering. Man sollte auch nicht vergessen, wenn die Anzahl der Aufstocker verringert wird, haetten die Mitarbeiter der Arbeitsagentur mehr Zeit sich um Einzelfaelle zu kuemmern, wie in den NL und in den NL (Mindestlohn ca 1380 EUR brutto pro Monat, 38h Woche und fast keine Sozialabgaben.) ist die Arbeitslosenquote erheblich niedriger als in DE (5.7% z.Z. lt. CBS, siehe www.cbs.nl ), allerdings sind die Einkommenssteuern hoeher. Aber steht die NL vor der Pleite? Ich denke nicht. Und DE und NL sind von der Industriestruktur vergleichbar.
    Und noch eine Anmerkung zu dem Kommentar von Dejan Micic, nach dem Sozialgesetzbuch darf niemand zunaechst ein Jobangebot ablehnen. Und was soll der Unfug, dann moege man sich einen gutbezahlten Job suchen? Sehr witzig oder auch zynisch bei inoffiziell 5 Millionen Arbeitslosen.

    • AW:Lohn=Grenzprodukt?

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      Ich habe Schwierigkeiten, wenn immer wieder argumentiert wird, international nicht handelbaren Güter oder Dienstleistungen würde ein Mindestlohn nicht bzw. nur wenig schaden. Niemand zwingt mich für einen Wochenendurlaub ein Hotelzimmer zu mieten. Es ist allein meine Entscheidung und wenn dass Zimmer aufgrund einer Anhebung der Lohnkosten teurer wird, dann kann ich mir anstelle des Kurzurlaubes auch etwas anderes kaufen, wenn dieses unter den neuen Preisstrukturen für mich ein besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis ergibt. Und hier stellt sich die Frage, ob es dann nicht doch negative Effekte auch auf nicht international handelbare Güter und Dienstleistungen geben kann. Ich bleibe bei den plastischen Beispielen, um ein weiteren Kritikpunkt in dieser Diskussion von einer anderen Seite zu beleuchten. Sicherlich kennt der Arbeitgeber die individuelle Grenzproduktivität seiner Mitarbeiter nur in den seltesten Fällen. Aber jeder der einen Urlaub in Regionen mit geringen Durchschnittseinkommen verbracht hat, hat sicherlich auch bemerkt, dass die Zahl der Beschäftigten in einem dortigen Hotel deutlich über der in deutschen Häusern liegt. Es ist also ganz und gar nicht abwegig, zu unterstellen, dass eine Entlohnung unterhalb des Grenzproduktes für die Masse der Beschäftigungsverhältnisse Realität ist und die Beschäftigung in einem Sektor umso höher ist, umso größer die Differenz zwischen Grenzprodukt und tatsächlich gezahltem Lohn ist.

      Und dass die aufgezählten Servicedienstleistungen unverzichtbar wären, kann nur gelten, wenn man es absolut betrachtet. Es gibt aber auch hier keine preisunelastische Nachfrage, bei keinem der von Ihnen genannten Dienstleistungen. Denn wenn die Reinigung teurer wird, dann reduziere ich als Unternehmer oder privater Haushalt eben die Intervalle der Reinigung und versuche einige Teile vielleicht selbst zu organisieren. Wenn ein Wachservice deutlich im Preis steigt, kommen elektronische Alternativen zur Diebstahls- und Einbruchssicherung ins Spiel, usw..

  • Kein Titel

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    Also zunächst einmal bin ich nicht sicher, ob in Ländern mit niedrigem Durchschnittseinkommen in Hotels wirklich mehr Personal ist. In solchen Ländern nimmt man sich eher ein Hotel einer höheren Kategorie als bei einem Städtetrip in Europa und so kann der Eindruck entstehen. Grundsätzlich unterstellen Sie damit jedoch, dass es eine Art trade-off zwischen Armut (niedrigem Durchschnittseinkommen) und Beschäftigung gibt. Die Arbeitslosigkeit ist in den ärmeren Ländern jedoch durchschnittlich nicht niedriger. Soweit mir bekannt, unterstellt zudem niemand, dass die Beschäftigung möglichst weit unter dem Grenzprodukt liegen sollte. Vielmehr wird angenommen, sie liegt ungefähr dort, da dies dem theoretischen Marktgleichgewicht entspräche.
    Wie dem auch sei, ein Mindestlohn würde die Gesamtkosten nur minimal erhöhen, die Preisreaktion kann daher auch nicht gross sein. Zudem ist neben einer Weitergabe über einen höheren Preis eben auch eine Umverteilung innerhalb der Gruppe der Lohnbezieher als auch zwischen Löhnen und Gewinnen möglich. Dass es eine gewisse Reaktion gibt, die Arbeitslosigkeit also leicht steigt, mag sein, die errechneten Zahlen setzen aber alle voraus, dass die Arbeitgeber die Grenzproduktivität kennen und entsprechend handeln. Das andere sind nur Nebenreaktionen mit geringen Effekten.

    • Anstieg der Arbeitskosten sowie der Haushaltseinkommen

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      Im von Prof. Schöb gewählten Beispiel erhöhen sich die Arbeitskosten bei einer Mindestlohneinführung um etwa 50 Prozent. Gleichzeitig erhöht sich das Haushaltseinkommen des Betroffenen um lediglich vier Prozent. Da er die Hilfebedürftigkeit nicht überwindet. Dies wird aber in den meisten Fällen die Realität sein, es sei denn, man fordere Mindestlöhne jenseits der 10 Euro-Grenze. Das ist für mich der ausschlaggebende Punkt, der verdeutlicht, dass ein Mindestlohn als Mittel der Armutsbekämpfung nahezu wirkungslos ist, zumindest hinsichtlich möglicher positiver Effekte. Was die negativen betrifft, kann man mitunter unterschiedlicher Auffassung über die Dimension dieser Effekte sein, aber sie in Gänze auszublenden, wäre jenseits jeder Vernunft. Wenn die globale Steigerung der Arbeitskosten im unteren Lohnsegment nur in etwa der im Beispiel gleichen würde, ist es nicht mehr wichtig das individuelle Grenzprodukt zu kennen. Mit Sicherheit kann der ein oder andere an dieser Stelle wieder Beispiele vorbringen, die zeigen, dass es in gewissen Fällen durchaus möglich ist, so eine Kostensteigerung durch Umverteilung zu mildern, aber gesamtwirtschaftlich gesehen, wird dies nicht gelten, da wir es in den allermeisten Fällen schon mit Unternehmen im Wettbewerb zu tun haben und die Produzentenrenten oft deutlich niedriger sind. Gleichzeitig sprechen die Zugewinne bei den Einkommen der im Job verbliebenen Mindestlohnempfänger nicht für einen Kaufkraftsprung, der arbeitsintensive Dienstleistungen, die nunmehr deutlich teurer wären, in wenigstens gleichem Maße nachzufragen hilft.

      Hinsichtlich Ihrer Frage nach einem Trade-off zwischen Armut und Beschäftigung, möchte ich Ihnen so antworten:

      Es gibt zum einen nicht den homogenen Arbeiter. Wenn Sie die Lohnspreizung von unten her verringern wollen, kostet es zuerst denen den Job, denen Sie mit dem Mindestlohn meinen helfen zu müssen – den gering qualifizierten oder mit anderen Hemmnissen behafteten Erwerbspersonen.

      Da Sie aber zum anderen auf das Verhältnis von Durchschnittslöhnen zu Beschäftigung eingehen, muss vorangestellt werden, dass es nicht grundsätzlich so ist, dass die Beschäftigung dort am höchsten ist, wo der Lohn am niedrigsten ist. Ich würde jedoch unterstellen, dass dort wo das Lohnniveau am niedrigsten ist auch die Arbeitsproduktivität bzw. der Industrialisierungsgrad am geringsten ist. Gleichzeitig ist der Faktor Arbeit in vielen Bereichen dem Faktor Kapital überlegen. Ohne es bewerten zu wollen, aber in Indien zupfen auf vielen öffentlichen Grünanlagen noch Menschen den Rasen, weil ein Rasenmäher teurer wäre. Nicht das dies meinem Idealbild vom Einsatz menschlicher Arbeitskraft entspräche, aber es bestätigt das Arbeit und Kapital mitunter perfekte Substitute sein können. Aber auch wenn es sich um Komplementäre handelt, gibt es meist unterschiedliche Faktoreinsatzverhältnisse, zwischen den gewählt werden kann, und zwar in Abhängigkeit der einzelnen Faktorpreise.

  • Kein Titel

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    Beim Anstieg der Arbeitskosten haben wir uns wohl missverstanden. Die Arbeitskosten des einzelnen, vom Mindestlohn betroffenen Mitarbeiters, steigen selbstverständlich deutlich an. Die gesamten Arbeitskosten und erst recht die Gesamtkosten der Arbeitgeber steigen durch einen Mindestlohn jedoch nur minimal an. Es wird daher auch nicht zu signifikanten Preiserhöhungen kommen und der Gewinn der Unternehmen wird nicht drastisch fallen. Dafür ist die Lohnsumme schlicht zu klein, die gesamten Lohnkosten stiegen bei einem Mindestlohn von 8,5 Euro um schätzungsweise maximal 2%. Da die aggregierten Effekte also gering sind, können negative Effekte auf die Beschäftigung fast nur durch die angenommene Entlassung bei Lohn>Grenzproduktivität auftreten und nicht durch ein höheres Preisniveau und/oder geringere Gewinne. Genau diese Grenzproduktivität ist jedoch im Einzelfall nicht bekannt und kann wohl auch theoretisch nicht wirklich berechnet werden.

    Die negativen Effekte sollten sich somit in sehr engen Grenzen halten. Die positiven Effekte ergäben sich nun m.E. nicht aus der Nachfrageerhöhung. Denn diese ist logischerweise sehr gering, da wie gesagt die Lohnsumme der unter 8,5 Euro Beschäftigten im Verhältnis zur gesamten Lohnsumme gering ist. Ein Mindestlohn verhindert jedoch per definitionem Lohnsenkungen unter einen Schwellenwert und wirkt somit einem Negativtrend entgegen. Da der Staat einerseits Löhne unterhalb gewisser Grenzen aufstockt und gleichzeitig die Erwerbslosen verpflichtet, angebotene Stellen anzunehmen, besteht derzeit für Arbeitgeber der Anreiz, die Löhne zu senken. Der Arbeitgeber erhöht so seinen Gewinn, für den Arbeitnehmer ändert sich im besten Falle nichts, da der Lohnrückgang vom Staat aufgefangen wird. Letztlich subventioniert der Steuerzahler damit jedoch Unternehmen, die schlecht bezahlen, die somit auch noch Vorteile haben gegenüber Unternehmen, die eigentlich genauso produktiv sind, aber höhere Löhne bezahlen. Es kommt somit ein Lohnsenkungswettbewerb zustande mit gesamtwirtschaftlich negativen Folgen.

    Ferner kann – wenn überhaupt – nur über einen Mindestlohn der oft geforderte Lohnabstand erzielt werden. Denn ohne Mindestlohn wird eine Senkung von Hartz IV auch immer zu Lohnsenkungen im untersten Bereich führen. Aber das ist ein anderes Thema.

    Und selbstverständlich ist die Arbeitsproduktivität dort am niedrigsten, wo auch der Lohn am niedrigsten ist. Eine niedrige Kapitalausstattung bedingt eine geringe Produktivität und die wiederum ein niedriges Realeinkommen. Entsprechend sind diese Volkswirtschaften auch arm – weisen jedoch dennoch keine niedrige Arbeitslosenquote auf. Es ist doch nicht so, dass in Indien nun alle beschäftigt wären, weil es keine Rasenmäher gibt. So wie Sie es auch selbst schreiben, kann es wohl kaum Ziel der Wirtschaftspolitik sein, die Produktivität zu senken, um so Kapital durch Arbeit zu substituieren. Über die niedrigere Produktivität sinkt das Realeinkommen und somit der Wohlstand, ob netto mehr Arbeitsplätze entstehen, ist dagegen zweifelhaft.

    Natürlich darf der Mindestlohn auch nicht beliebig hoch sein, das ist klar. Daraus folgt jedoch nicht, dass das gesamtwirtschaftliche Optimum bei Null liegt.

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Autor

Ronnie Schöb

Ronnie Schöb

Schlagworte

Arbeitslosigkeit, Deutschland, Hartz-IV, Löhne

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