Bessere Luft, was ist sie uns wert? Eine Bewertung europäischer Umweltpolitik

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Heinz Welsch, 24. März 2010
Bessere Luft, was ist sie uns wert? Eine Bewertung europäischer Umweltpolitik 3.20 5 10

Unter demselben Obertitel wie dieser Beitrag erschien 1985 eine viel beachtete Studie zur ökonomischen Bewertung der Luftreinhaltung in Deutschland (Schulz 1985). Seitdem hat sich die Luftqualität in Deutschland und anderen europäischen Ländern aufgrund verschärfter umweltpolitischer Regulierung in Teilbereichen deutlich verbessert und anstelle der Luftreinhaltung ist der Klimawandel in das Zentrum der umweltpolitischen Aufmerksamkeit gerückt. Dennoch ist die Belastung mit Luftschadstoffen weiterhin ein ernst zu nehmendes Problem, wie sich unter anderem an der Diskussion um die Einrichtung von „Umweltzonen“ in deutschen Großstädten zeigt.

Wie bei allen Maßnahmen zur Bereitstellung öffentlicher Güter so ist auch hierbei eine gleichermaßen wichtige wie schwierige Frage die nach ihrem ökonomischen Wert. Die Schwierigkeit rührt bekanntlich aus dem Fehlen von Märkten für Umweltgüter her. Alternativen zur Marktbewertung haben jedoch ihre Tücken, wie man jedem Lehrbuch der Umweltökonomie entnehmen kann. Insbesondere stellt die Bewertung hypothetischer oder zukünftiger Umweltsituationen kognitive Anforderungen an die bewertenden Personen, die vielfach als unrealistisch eingestuft werden (Kahneman und Sugden 2005). Dies gilt sicherlich in besonderem Maße im Fall sauberer Luft.

Die Lebenszufriedenheit als Indikator

Statt hypothetische Situationen zur Bewertung heranzuziehen besteht eine Alternative darin, zu untersuchen, welcher Zusammenhang zwischen tatsächlicher Umweltbelastung und dem Wohlergehen der Betroffenen besteht. Dies setzt einen empirischen Indikator für das individuelle Wohlergehen voraus. Als einen solchen Indikator nutzt die Psychologie seit langer Zeit und inzwischen zunehmend die Wirtschaftswissenschaft Daten zur subjektiven Lebenszufriedenheit, die in Deutschland beispielsweise im Sozioökonomischen Panel erhoben werden.

Diese Daten ermöglichen es, Zufriedenheitsfunktionen zu schätzen, die zeigen, wie das so gemessene Wohlergehen mit einer Vielzahl persönlicher und gesellschaftlicher Bedingungen statistisch zusammenhängt. Zu den signifikanten persönlichen Korrelaten des Wohlergehens gehört typischerweise das Einkommen, während zu den gesellschaftlichen Korrelaten potentiell die Umweltqualität gehört. Die Grenzrate der Substitution zwischen Umweltqualität und Einkommen läßt sich anhand geschätzter und validierter Zufriedenheitsfunktionen unmittelbar ermitteln. Sie stellt die marginale Bewertung der Umweltqualität dar. Die Bewertung inframarginaler Änderungen der Umweltqualität läßt sich auf dieser Grundlage ebenfalls unmittelbar ableiten.

Luftreinhaltung und Zufriedenheit im Ländervergleich

Diese einfache Idee ist in den letzten Jahren zunehmend empirisch angewandt worden (Welsch und Kühling 2009). Beispielsweise ist untersucht worden, wie die eingangs erwähnte Verbesserung der Luftqualität in vielen europäischen Ländern seit den 1980er Jahren zu bewerten ist (Welsch 2006). Speziell wurde die Belastung mit Stickoxiden und Blei betrachtet, die durch die europäische Großfeuerungsanlagenverordnung, die Einführung des Abgaskatalysators und die Einführung bleifreien Benzins beeinflußt wurde. Wie Tabelle 1 zeigt, führten diese Maßnahmen im Zeitraum 1990-1997 zu einem Rückgang der Stickoxidbelastung in den meisten betrachteten Ländern, der im Falle Spaniens bis zu 29 Prozent betrug. Im Fall Portugals resultierte hingegen aufgrund der unvollständigen Umsetzung der Maßnahmen im Untersuchungszeitraum in Verbindung mit der wirtschaftlichen Entwicklung (Anstieg der Stromerzeugung und des Kraftfahrzeugverkehrs) ein erheblicher Anstieg der Belastung. Die Belastung mit Blei ging in fast allen Ländern, für die Daten vorliegen, massiv zurück. Eine Ausnahme bildet Luxemburg, da dort bleifreies Benzin schon am Beginn des Untersuchungszeitraums flächendeckend eingeführt war.

Die beschriebene Entwicklung der Luftverschmutzung wurde in der genannten Untersuchung mit Umfragedaten zur subjektiven Lebenszufriedenheit kombiniert, wobei auf eine Vielzahl anderer Einflussfaktoren kontrolliert wurde. Die Zufriedenheitsdaten beziehen sich auf eine Skala von 1 bis 4, wobei 1 „gar nicht zufrieden“ und 4 „sehr zufrieden“ entspricht. Der Tabelle ist zu entnehmen, dass in den Ländern mit abnehmender Stickoxidbelastung die durchschnittliche Zufriedenheit zwischen 0,014 (Großbritannien) und 0,056 (Spanien) Stufen höher lag als ohne den Rückgang der Luftverschmutzung. Letzteres bedeutet, dass bei 5,6 Prozent der Bevölkerung die Zufriedenheit um eine von vier Stufen anstieg, also beispielsweise von „ziemlich zufrieden“ auf „sehr zufrieden“. Im Fall Portugals ging der Anstieg der Stickoxidbelastung mit einem Rückgang der Zufriedenheit um 0,069 Stufen einher. In Hinblick auf Blei sind die Effekte noch ausgeprägter. Sie reichen von 0,019 (Belgien) bis zu 0,101 (Dänemark) Zufriedenheitsstufen. Die kombinierten Effekte der Veränderungen der Stickoxid- und Bleibelastungen betragen zwischen 0,034 (Luxemburg) und 0,121 (Dänemark).

Da die geschätzten Zufriedenheitsgleichungen das Einkommen als einen der Regressoren enthalten, kann der monetäre Gegenwert der Zufriedenheitseffekte berechnet werden. Das verwendete Maß ist die äquivalente Variation, die den Geldbetrag angibt, welcher dieselbe Auswirkung auf die Zufriedenheit hat wie die betrachtete Änderung der Luftqualität. Das monetäre Äquivalent zur Verbesserung der Luftqualität (Stickoxide und Blei) vom Niveau des Jahres 1990 auf das des Jahres 1997 reicht von $1076 pro Kopf und Jahr im Fall Griechenlands bis zu $3859 im Fall Dänemarks.

Wie eingangs erwähnt, ist trotz des Rückgangs bestimmter Formen der Belastung die innerstädtische Luftverschmutzung weiterhin ein Thema der umweltpolitischen Diskussion. Dabei steht im Vordergrund die Belastung mit Feinstaub, deren Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem gut dokumentiert sind. Da hierfür ältere Menschen besonders empfänglich sind (WHO 2005), stellt sich die Frage, ob sich durch die Alterung der Bevölkerung eine Veränderung im durchschnittlichen Wert sauberer Luft ergibt. Die oben beschriebene Methode der Umweltbewertung erlaubt es, durch geeignete Differenzierung der Daten nach dem Alter der Personen eine altersabhängige Bewertung abzuleiten. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Auswirkungen von Feinstaub auf das subjektive Wohlergehen und der implizierte Wert besserer Luft bei älteren Menschen in der Tat höher ist (Menz und Welsch 2008). Daraus würde folgen, dass in Zukunft der Wert sauberer Luft im Zuge der Bevölkerungsalterung steigt.

Literatur

Kahneman, D., Sugden, R. (2005), Experienced Utility as a Standard of Policy Evaluation, Environmental & Resource Economics 32, 161-181.

Menz, T., Welsch, H. (2008), Population Aging and Environmental Preferences in OECD: The Case of Air Pollution“, Volkswirtschaftliche Diskussionsbeiträge V-308-08, Institut für Volkswirtschaftslehre, Universität Oldenburg.

Schulz, W. (1985), Bessere Luft, was ist sie uns wert? Eine gesellschaftliche Bedarfsanalyse auf der Basis individueller Zahlungsbereitschaften, Berlin: Umweltbundesamt,

Welsch, H. (2006), Environment and Happiness: Valuation of Air Pollution Using Life Satisfaction Data, Ecological Economics 58, 801-813.

Welsch, H., Kühling, J. (2009), Using Happiness Data for Environmental Valuation: Issues and Applications, Journal of Economic Surveys 23, 385-406.

World Health Organization (2005), WHO air quality guidelines global update 2005, Report on a Working Group Meeting 18-20 October, Bonn.

©KOF ETH Zürich, 24. Mär. 2010

 
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Heinz Welsch

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Schlagworte

Luft, Umwelt, Umweltpolitik, Umweltökonomie, Zufriedenheit

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